Amateurfotografie Lächeln ist erste Bürgerpflicht

Amateurfotografie: Lächeln ist erste Bürgerpflicht Fotos
Nadine Olonetzky

An Weihnachten, Ostern und Geburtstagen sind Foto-Schnappschüsse unvermeidlich. Aber warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, Bilder von der eigenen Scheidung, dem Familienstreit oder dem Skiunfall der Freundin zu machen? Nadine Olonetzky sucht nach einer Antwort. Von

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Mein Vater fotografierte alles. Als er 1943 aus Deutschland in die Schweiz kam, trug er nicht viel mehr auf sich als sein Hemd. "Dann gab es plötzlich Bananen und Schokolade", erzählte er. Zuerst allerdings brachten sie ihn ins Flüchtlingslager bei Serneus. In die Ferien fuhren wir dann immer nach Klosters und spazierten nach Serneus-Bad. Und Vater fotografierte das alles: Mein Bruder und ich in Wanderhosen, unsere Mutter mit Kopftuch und Sonnenbrille, mein Bruder mit Teddybär im Rucksack, ich beim Löwenzahn Wegpusten, meine Mutter beim Lippenschminken. Und manchmal ist auch mein Vater mit im Bild, das entstand dann per Selbstauslöser.

Die Kamera war die Begleiterin aller Ausflüge, aller Geburtstage, Weihnachtsessen, aller Ferienreisen und Schulbesuche. Mein Vater fotografierte uns, er fotografierte das Haus, das Auto, den Strand, die Stadt, die wir besuchten, das Schiff, auf dem wir fuhren. Er fotografierte den Kuchen, die Vase mit den Blumen. Er fotografierte den Sandkasten und wie wir spielten, den Lehrer und wie wir lernten. Er fotografierte das Picknick und die Aussicht. Und er fotografierte die Verwandtschaft, die schweizerische und diejenige, die aus Israel angereist kam, meinen Onkel zum Beispiel, der Fotograf war und auch alles fotografierte.

Die Kamera war Teil der Familie, der Sonntage und Feierabende. Sie schaute zu - und damit auch er. Mein Vater nahm nicht nur teil, er beobachtete zugleich. Durch das Objektiv sah er, was er sich erworben hatte, was jetzt leibhaftig und gegenständlich um ihn herum vorhanden war. Und nicht nur das: Über die Fotografie konnte er allem ein zweites Mal habhaft werden, indem er die Szene in ein Bild verwandelte, einen Gegenstand aus Papier und chemischer Emulsion.

Knipsen

Beobachtet man einen mit einem Fotoapparat ausgerüsteten Menschen, dann sieht man nach Vilém Flusser dieselben pirschenden Bewegungen wie diejenigen der paläolithischen Jäger. Die Gesten des Anschleichens, Stillhaltens, Abwartens, Beobachtens und im richtigen Moment Zuschlagens, also Abdrückens, sind dieselben. Heute allerdings gehen Fotografinnen und Fotografen nicht nur in der Natur auf die Pirsch, sondern vor allem im "Dickicht der Kulturgegenstände", sie erlegen kein Wild, sie schießen dafür ein Bild (oder beides). Täglich konsumieren wir in den Medien die Fotos der Profifotografen, parallel dazu entstehen jedoch Abermillionen von privaten Bildern.

Als 1888 die erste Kodak-Kamera, die Kodak Nr.1., auf den Markt kam, wurde zumindest im Prinzip die Fotografie für jedermann Wirklichkeit. Der geniale und geschäftstüchtige George Eastman erfand die 8x9x16cm große Kamera, zu der ein Rollfilm mit 100 kreisförmigen Negativen passte, und gleich den Slogan dazu: "You Press the Button. We Do the Rest."

Mit dem Kauf der Kamera erhielt man einen Film, den man in der Kamera zum Entwickeln in die Eastman Company nach Rochester schickte, und bekam die vergrößerten Fotos und die Kamera zurück, die mit einem neuen Film geladen war. Die Entwicklung von einfachen bedienbaren Kameras und Filmen wie Kodachrome oder Agfacolor dynamisierten dann ab 1925 die Massenfotografie. Alle bewunderten die farbigen Bilder und die Farbfotografie wurde zur Domäne der Amateure.

Mein Vater fotografierte lange ausschließlich schwarzweiß - ein Entscheid mit gestalterischer Ambition - und ließ die selbst gemachten Vergrößerungen zu Fotoalben binden, die nun das Dokument einer Familie von den 50er bis Mitte der 70er Jahre sind. Für die Abgebildeten sind Fotoalben voller Bedeutungen, sie fördern vergessene Stimmungslagen und Erlebnisse zutage. Für fremde Betrachter sind sie bedeutungslos, es sei denn, man sieht sie als volkskundliche oder soziologische Quelle: Wie stellt sich ein Familienleben dar? Wer fotografiert da was und warum?

Schöne Erinnerungen

Amateurfotografen sind "Saisonkonformisten", sagte Pierre Bourdieu. Sie nehmen den Apparat hervor, wenn es in die Ferien geht, wenn etwas gefeiert wird, wenn man einen Sonntagsausflug unternimmt, wobei die Fotos gemacht werden, um in der Zukunft die Vergangenheit besser erinnern zu können. Es sind jedoch die Höhepunkte im Leben, die als das wirklich gelebte Leben dargestellt werden wollen, die Freizeit, die Geburtstage, die Hochzeiten.

Keiner käme auf die Idee, ein Scheidungsfoto zu machen, das Begräbnis des Onkels, den Familienstreit oder den Skiunfall der Freundin aufzunehmen; Trauriges und Kritisches wird vollkommen ausgeblendet - mit Ausnahme der Amateure, die beim Flugzeugabsturz oder Großbrand sofort zur Stelle sind. Ansonsten gilt es als unmoralisch, in solchen Momenten Fotos zu machen. Und so ist das, was fotografiert werden darf, häufig gleichzeitig das, was fotografiert werden muss: keine Hochzeit, kein richtiges Geburtstagsessen ohne Blitzlicht und vor allem keine Ferienreise ohne Kamera.

Schief und verwackelt

Dient das Foto jedoch nicht der schönen Erinnerung, wird es vernichtet. Die ästhetischen Kriterien, nach denen Fotografien beurteilt werden, sind davon geprägt, ob das Bild der eigenen Erinnerung entspricht, und widerspiegeln soziale Normen: die Braut darf nicht größer erscheinen als der Bräutigam, schön soll man sein (was immer das heißt), Lachen und Lächeln sind erlaubt, Tränen oder Zorn verboten, eine blöde Grimasse nur als eine von allen sanktionierte Übertretung der geltenden Schönheitsnormen akzeptiert. Das schöne Foto ist das Foto eines schönen Menschen oder Gegenstands. Wollte man früher ein würdevolles Bild von sich geben, ist der heutige Imperativ die gute Laune.

Wie man fotografieren soll, wird allerdings vor allem über Verbote formuliert: nicht unscharf, nicht schief, nicht anschneiden, nicht ins Gegenlicht fotografieren. Es sind dies Kriterien, die in der professionellen Pressefotografie auf diese simple Weise nicht gelten und in der Kunstfotografie geradezu obsessiv angewendet werden. Nur die russische Billigkamera Lomo etablierte solche Fehler als neue Ästhetik der Amateurfotografie.

Kein Haushalt ohne Fotoapparat: Technisch und ökonomisch ist die Fotografie heute für alle zugänglich, sie gehört zu den Ritualen des Familienlebens. Die Bilder sind ebenso unvermeidlich wie die Weihnachtsessen, an denen sie entstehen. So wollte auch mein Vater bestätigt sehen, dass wir eine zusammengehörende Gruppe mit einer schönen Tätigkeit sind: Alle laufen Ski, alle schwimmen im Meer, alle essen Kuchen.

Die Kinder zu fotografieren ist denn auch - neben Ferienorten - das unbestrittenste Motiv, wobei es in der Generation meiner Eltern fast ausschließlich Männersache war. Das sogenannte Familienoberhaupt war der neue Hofporträtist - eine hierarchische Struktur, die sich heute aufgelöst hat: Die Kinder fotografieren ihre Eltern, die Frau ihren Mann - nur der Hund kann sich noch nicht rächen für die Bilder, die man von ihm gemacht hat.

Zeit festhalten

Mein Vater hatte im Krieg alles verloren. Ein Teil der Familie kam um, der andere flüchtete. Es gab kein Elternhaus mehr, keine Möbel, der Schmuck der Mutter und das Vermögen des Vaters waren konfisziert. Auf welche Gegenstände hätte sich also seine Erinnerung stützen können? Mit Familienalben lässt sich ja die Geschichte zurückverfolgen in eine Zeit, in der man selbst noch nicht lebte. Und wenn, wie im Falle meines Vaters, die Fotos nicht mehr existieren - er besass drei oder vier -, dann ist dies ein Verlust, der die Person existenziell trifft, weil die eigene Geschichte und Herkunft abgeschnitten ist.

Also machte sich mein Vater daran, seine Gegenwart in Bilder zu bannen und sich so eine neue Geschichte und Heimat zu konstruieren. Es war eine magische Tätigkeit, sie diente dem Schutz vor verfließender Zeit, zur Verwandlung der Fremdheitsgefühle. Mit der Fotografie konstruierte er eine Familiengeschichte. Das Fotoalbum bewahrt nun die Geschichte auf wie ein Schrein und dient als Denkmal, um nicht zu sagen Grabmal, das von allen besucht werden kann.

Haben auch Sie Ihre persönliche Geschichte in Bilder aufbewahrt? Welches Foto dokumentiert für Sie am besten Familienidylle? Zeigen Sie es einestages!

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1.
Klaus Dieter Bätz, 30.12.2007
Ich fürchte, diese Art Beiträge ist das, wovor sich Dr. rer. schwurb. Bernd Graff von der Müddeutschen Zeitelung am meisten fürchtet. Und ich muß ihm zustimmen, so schwer mir das auch fällt.
2.
hj tilly, 02.01.2008
Anscheinend bestimmt 'fürchten' weitgehend ihr und anderer Leute Leben... Wie wärs, wenn sie alle mal einen Blick für Anderes und Schöneres - wie z.B. die ungewöhnlich anmutigen und zeitlosen Familienphotos dieses Beitrags - entwickelten, vielleicht täte das unserer traurigen, armseligen und furchtsamen Gesellschaft insgesamt gut! Armselig auch deshalb, weil ein Satz wie "Und ich muß ihm zustimmen, so schwer mir das auch fällt." an Heuchelei und Feigheit doch kaum zu überbieten ist, geschweige denn von einer Fähigkeit zur Weltoffenheit und einem erweiterten Geschichtsbewußtsein Zeugnis ablegt, dem diese 'einetages' Rubrik und ihre Leser sich doch eigentlich verpflichtet fühlen müßten.
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