Ampelmännchen aus aller Welt Auf mein Zeichen - los!

Der Ost-Ampelmann wurde 1961 erfunden, heute ist er legendär. Doch nicht nur in Deutschland leuchten Verkehrswächter Fußgängern heim. einestages erzählt die Geschichte des Mannes hinter dem DDR-Männchen - und zeigt ausgefallene Lichtgestalten aus aller Welt.

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Der Hut könnte ein Problem sein. Der Hut gilt als Inbegriff des Kapitalismus, und deshalb ist Karl Peglau auch etwas bange, als er am 13. Oktober 1961 seinen Entwurf bei der Verkehrskommission in Ost-Berlin vorstellt. Peglau, 34, leitender Verkehrspsychologe der DDR, hat neue Ampelsymbole für die Fußgänger im Gepäck - zwei Männchen in Rot und Grün. Beide tragen einen Hut.

Doch überraschend passieren die Hutträger die kritischen Augen von Forschungsräten und Verkehrsbeamten ohne Beanstandung, nur die Laufrichtung des grünen Männchens wird geändert: Von rechts nach links. Seine Sorge, dass die Ampelmänner wegen ihrer Kopfbedeckung als kleinbürgerlich abgelehnt werden könnten, habe sich "glücklicherweise als unnötig" herausgestellt, erinnert sich Peglau später.

Der Hut wird zum Markenzeichen der Ost-Ampelmänner, er macht sie einzigartig. Nirgendwo sonst auf dem Globus tragen Ampelfiguren Kopfbedeckungen - die DDR hat wenigstens in dieser Hinsicht weltweit den Hut auf. Dabei stammt ausgerechnet das prägende Accessoire der leuchtenden Männchen nicht von Peglau, sondern von seiner zeichenbegabten Sekretärin Anneliese Wegner.

Als der Psychologe seine Entwürfe abgibt, ahnt er noch nicht, dass er gerade zwei Superstars geschaffen hat. Die Ampelmännchen werden zum Kult in der DDR und schaffen es als eine der wenigen Ost-Erfindungen, auch nach der Wende zu überleben. Dabei hätte gar nicht viel gefehlt, und Peglaus Männer würde es heute, 50 Jahre nach ihrer Geburt, nur noch als Lampen oder auf den T-Shirts von Hollywood-Stars wie Dennis Quaid geben.

"Prägnant unterschiedliche Leitsymbole"

Als Karl Peglau im Herbst 1961 seine Ampelmännchen entwirft, hat er bereits Jahre der Forschung hinter sich. In mehreren Studien stellt er fest, dass viele der 10.000 Verkehrstoten zwischen 1955 und 1960 vor allem auf einen Grund zurückzuführen waren: Die Fußgänger mussten sich an den gleichen Ampeln orientieren wie Autos. Bei Nebel biete die rot-gelb-grüne Ampel "farbsinngestörten Verkehrsteilnehmern" keine ausreichende Orientierung, so Peglau - im Gegenteil: Sie wird zum Sicherheitsrisiko. Auf "155 Millionen DM" beziffert er den volkswirtschaftlichen Schaden für die DDR im Jahr 1959.

"Prägnant unterschiedliche Leitsymbole" sollen die Lösung für das Problem sein: Ein gemütlicher roter Mann mit ausgebreiteten, dicken Armen fürs Stehen, ein dynamisch schreitender Herr in Grün fürs Gehen. Peglau versieht die "Fußgängersignalgeber", wie die Ampelmännchen im Verkehrsbehördensprech genannt werden, zusätzlich mit persönlichen Merkmalen, um "das erwünschte Fußgängerverhalten emotional und zweckmäßig zu provozieren". Er gibt ihnen Knollennasen, Finger, Ohren und Mund.

Doch die Einführung verzögert sich. Weil die von dem Psychologen vorgeschlagenen extragroßen Ampelkästen für Fußgänger zu teuer sind, weicht man auf die gleichen Modelle wie bei den Autoampeln aus. Das hat auch für Peglaus Entwürfe Konsequenzen: Die Männchen müssen 1963 verkleinert und vereinfacht werden. Peglau amputiert, er entfernt Finger, Ohren und Mund. Die Ampelmänner schrumpfen auf 16 Zentimeter.

"Rettet die Ampelmännchen!"

Bis zur ersten Erprobung vergehen fünf Jahre, erst 1969 steht endlich die erste Peglau-Ampel an der Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße. Die Vorzüge werden schnell offenbar: Farbenblinde, Kinder und sehschwache Menschen können sich dank der klaren und großen Signale besser orientieren. Die Männchen schaffen es schließlich sogar ins Fernsehen: In 80 Folgen erklären sie Kindern während des Sandmännchens das richtige Verhalten im Straßenverkehr.

Nach dem Ende der DDR droht dem Kult jedoch der Kollaps. Die Ost-Männeken sollen Mitte der Neunziger buchstäblich aus dem Verkehr gezogen und verschrottet werden. Die DDR-Ampel gilt als nicht mehr zeitgemäß und technisch veraltet, bundesweit soll sie durch sogenannte Euro-Ampeln ersetzt werden.

Die normierten Euro-Männchen verstärken im Osten auch das Gefühl, dass da wieder ein Stück Heimat sterben soll. Ein Komitee "Rettet die Ampelmännchen!" schafft schließlich in Berlin, was keiner mehr für möglich gehalten hatte: Der Verkehrssenator lenkt ein und erlässt eine Verfügung zugunsten des Ost-Ampelmanns.

Ein Wessi macht das Ossi-Symbol groß

Hier könnte die Geschichte der kleinen Kerlchen enden - wenn da nicht Markus Heckhausen gewesen wäre. Der findige Geschäftsmann und Produktdesigner kam 1995 nach Berlin und dort auf die Idee, aus den Ampelmännchen Lampen zu bauen. Die Produktpalette wuchs schnell und mit ihr die Firma, Heckhausen verkaufte in seinem Ampelmann-Laden wenige Jahre später schon Schlüsselanhänger, T-Shirts und Fahrradklingeln. Er schrieb sogar ein Buch über die Geschichte des Ampelmännchens - zusammen mit Karl Peglau, dem Erfinder.

Dass der Wessi Heckhausen das Ost-Symbol zum Verkaufshit machte, ist eine Ironie der Geschichte. Er schaffte es sogar, dass sich Karl Peglaus anfängliche Skepsis darüber legte, dass da einer aus seinen Ampelmännchen ein Designprodukt machte, eine Marke. "Als er merkte, dass ich sein Männchen nicht verramschen wollte, war er überzeugt", sagte Heckhausen der "Sächsischen Zeitung", die nach Peglaus Tod 2009 einen Nachruf veröffentlichte.

Heckhausens Kinder hatten da längst auch den Mann hinter den Männchen in ihr Herz geschlossen. Sie nannten Peglau den "Ampel-Opa".



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Ulla Müller, 04.10.2011
1.
Schade, dass Sie nicht erwähnt haben, dass Herr Peglau von den Millionen, die durch die Vermarktung des (seines) Ampelmännchens verdient wurden, nichts hatte. Die Rechte hatte er sich nicht sichern lassen und so haben sich die goldene Nase andere verdient. Peglau blieb mit leeeren Händen zurück.
Ralf Bülow, 04.10.2011
2.
Nichts gegen Herrn Peglau und seine Geschöpfe, aber das westliche Ampelmännchen leuchtete schon in den späten 1950er Jahren, wie hier zu erkennen (Signalbau Huber): http://www.ampelplanet.de/geschichte.htm Und manche Westler trugen auch einen Hut, siehe (zur Mitte der Seite scrollen) http://www.jochen-schoenfelder.de/123701.html
Lukas Hupe, 05.10.2011
3.
In Kassel/Nordhessen wurden an mehreren neuen Kreuzungen Ampeln mit Ost-Ampelmännchen installiert. Durch ihre im Artikel beschriebene Körperfülle sind sie deutlicher zu erkennnen als die "dürren" West-Ampelmännchen.
Florian Heckhausen, 05.10.2011
4.
Guten Tag Frau Müller, ich weiß nicht, woher Sie Ihre guten Fachkenntnisse beziehen, was Hern Peglau und seine Einnahmen betreffen... Ich weiß aber etwas anderes: Karl Peglau, der Urheber der Ampelmännchen, war seit 1996 bis zu seinem Tode im November 2009 eng mit der Firma AMPELMANN GmbH verbunden und zwar persönlich, inhaltlich wie auch finanziell. Herr Peglau war bei vielen Produktentwicklungen beteiligt und auch häufig bei Presse- und PR-Aktionen der Firma involviert. Und selbstverständlich bekam er von jedem verkauften Ampelmann-Produkt auch einen Teil ab. Seit seinem Tod erhält seine Frau Hildegard, die der Firma und den Mitarbeitern ebenfalls freundschaftlich verbunden ist, die Bezüge. Vielleicht wundern Sie sich, Frau Müller, über MEINE Fachkenntnisse, aber es ist ganz einfach: Ich arbeite seit 10 Jahren für die AMPELMANN GmbH.
Merk Merlo, 05.10.2011
5.
Da war noch etwas: Die Künstler Elonore Straub und Günter Haring verarbeiteten die ausrangierten Ost-Ampeln in ihrer Installation "Die Geher" und brachten die Ampelmännchen erstmals zurück an die Öffentlichkeit. Zu sehen war das 1995 an der Volksbühne in Berlin sowie in TV-Berichten und Zeitungen, noch bevor sich ein Unternehmen die Patente sicherte. Auch wenn die kommerziellen Gewinner nun die Geschichte schreiben, es war der 2011 verstorbene Exil-Österreicher Günter Haring, der die Ampeln zur Kunst erklärte, das weiß man auf den Straßen von Berlin.
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