Amphibienfahrzeuge Als die Autos baden gingen

Spritztour mit der Schwimmzigarre: Kaum erfunden, landete das Auto zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleich im kalten Wasser. Lange galten Schwimmwagen, mit denen Tüftler den Ärmelkanal durchquerten oder die Themse hinabtuckerten, als Spinnerei - dann brachten die Nazis sie groß raus.

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Und das Ding sollte über den Atlantik? Im Juli 1950 zog der Australier Ben Carlin in der kanadischen Hafenstadt Halifax mit einem seltsamen Gefährt neugierige Blicke auf sich. Was war das? Ein Auto? Ein Boot? Form und Mast des Gefährts sprachen dafür, dass es sich um ein Boot handelte, Karosserie und Räder fürs Auto. Tatsächlich war die Konstruktion ein Zwitter. Denn Carlin hegte seit Jahren einen Traum: Er wollte in einem einzigen Gefährt die Welt umrunden.

Der Erfinder wusste, worauf er sich einließ. Seinen Schwimmwagen taufte er ironisch Half-Safe - halbsicher. Schon mehrmals hatte Carlin versucht, mit seinem Schwimmwagen in See zu stechen. Eine Testfahrt war sogar gleichzeitig die Hochzeitsreise mit seiner Frau. Doch jedes Mal endeten die Ausflüge in mittleren Katastrophen: Kohlenmonoxidvergiftung, Lecks, Manövierunfähigkeit. Jetzt, am 19. Juli 1950, versuchte es Carlin nach penibler Tüftelarbeit erneut. Diesmal wollte er wirklich den Atlantik bezwingen.

Bequemlichkeit, Spinnerei oder archaischer Wunsch nach perfekter Mobilität? Carlins Traum, sich mit einem Wagen in die Fluten zu stürzen, um andernorts wieder unbeschadet an Land zu kriechen, ist jedenfalls fast so alt wie das Automobil selbst. Anfang des 20. Jahrhunderts versuchten Dutzende Hobby-Tüftler und Ingenieure weltweit, ihren Wagen das Schwimmen beizubringen. Die meisten hatten einen rüstigen Allrounder für Freizeit, Urlaub oder Tourismus im Sinn - ein hedonistischer Traum, den ein deutscher Despot ad absurdum führen würde: Adolf Hitler.

Schaufelautos und Schwimmzigarren

Dass Schwimmwagen einmal militärisch genutzt werden würden, konnte der Däne Magrelen nicht ahnen, als er 1899 sein Amphibienfahrzeug plante. Ob Magrelen vor 110 Jahren wirklich den ersten Schwimmwagen mit Benzinmotor entwickelte oder ob seine Pläne nie mehr als ein verrücktes Gedankenspiel waren, ist nicht sicher - und so gibt es heute gleich mehrere Anwärter auf die Krone für den Bau des ersten Schwimmautos. Wer immer es auch gewesen sein mag: Die frühen Erfindungen sahen aus, als seien sie direkt einem Jules-Vernes-Roman entsprungen: Da gab es riesige Räder mit kleinen Schaufeln zwischen den Speichen oder zigarrenförmige Karosserien mit Bootsschrauben am Heck.

Etliche dieser unglaublichen Konstruktionen schwammen wirklich - wenn auch oft im Ententempo: Im Juni 1907 fuhr der französische Ingenieur Ravailler vor einem staunenden Publikum mit seinem Canot-Voiture-Touriste einfach in die Seine. Doch die Presse blieb skeptisch. "Dieses seltsame Fahrzeug erscheint kaum geeignet, den großen Tourismus in den rückständigen Gebieten zu fördern", bemängelte eine französische Zeitschrift und sprach von einer "belustigenden Erfindung".

Danach ging es Schlag auf Schlag. Ein Autoboot nach dem anderen entstand. Im Ersten Weltkrieg boten findige Ingenieure ihre Prototypen dem Militär an, das aber noch kein Interesse zeigte. 1935 durchfuhr der Deutsche Jakob Baulig als Erster mit seinem "Land-Wasser-Auto" den Ärmelkanal - in acht Stunden und 20 Minuten. Triumphierend kehrte er nach Deutschland zurück - und wurde kühl empfangen: Denn Baulig war jüdischer Abstammung. Die Nationalsozialisten teilten ihm mit, seine Erfindung werde gegen eine Abfindung von 5000 Reichsmark zwangsweise eingezogen. Aus Wut versenkte Baulig den Wagen lieber im Koblenzer Hafen - und musste sich dafür fortan regelmäßig bei der Gestapo melden.

Schwimmautos für den Polenfeldzug

Weit weniger Probleme mit den Nationalsozialisten hatte ein anderer genialer Tüftler, der dem Bau von Schwimmwagen sein ganzes Leben widmete: Hanns Trippel. Seine Konstruktionen zogen Mitte der dreißiger Jahre das Interesse des Waffenheeresamtes auf sich. Hitler inspizierte 1935 einen der Prototypen und war so begeistert, dass er offenbar persönlich eine Förderung der Wagen mit 10.000 Reichsmark anordnete. Das war Startkapital für die weltweit erste Serienproduktion eines Schwimmwagens. Unermüdlich verbesserte Trippel die Geländeeigenschaften seines SG 6 und machte ihn damit für das Militär interessant. Gleichzeitig befeuerte er geschickt das Interesse an seiner Konstruktion: 1938 fuhr er werbewirksam mit seinem Wagen einfach mal kurz von Neapel auf die Insel Capri.

Die bis heute größte Serienproduktion der Welt geht jedoch auf Ferdinand Porsche und Volkswagen zurück - und wieder war es das deutsche Militär, das die hohe Stückzahl überhaupt erst möglich machte. Nach den Erfahrungen im Polenfeldzug forderte die deutsche Heeresführung im Juni 1940 den Bau eines schwimmfähigen Allrounders - und der VW-Konzern reagierte schnell: Schon im Januar 1941 begann die Serienproduktion. Bis Ende des Kriegs sollten allein vom häufigsten Typ 166 mehr als 15.000 Fahrzeuge gebaut werden.

Mit dem Zweiten Weltkrieges endete die Hochzeit der fahrenden Boote. Die meisten Schwimmwagen waren zerstört, Hanns Trippel saß wegen der Wagen sogar im Gefängnis, das zerstörte Nachkriegsdeutschland hatte essentiellere Probleme. Erst in den Sechzigern gelang Trippel mit der Serienproduktion des Amphicar ein spektakuläres Comeback, das ihn vollends zur Konstrukteurslegende werden ließ - obwohl das Amphicar wirtschaftlich floppte: Von geplanten 25.000 Autos, die überwiegend auf dem US-Markt verkauft werden sollten, wurden gerade einmal 3878 Stück gebaut.

Spritztour im Baggersee

Den Amerikanern, an große Straßenkreuzer gewöhnt, erschien das Amphicar zu eng, die deutsche Presse belächelte es als "Spielzeug für Wohlstandsbürger". Stolze 11.800 Mark kostete ein Wagen in der BRD, weil die Karosserie in aufwendiger Handarbeit wasserdicht verschweißt werden musste. Weit schlimmer für Trippel war jedoch, dass in den USA Fahrzeuge bei Probefahrten absoffen. Das lag weniger am Auto, sondern an der falschen Bedienung. Das PR-Desaster setzte sich fort, als ein Amphicar sogar ein Wasserflugzeug rammte - der Fahrer hatte im Wasser versucht, zu bremsen.

Trotz des Scheiterns des Amphicars kehrte der Schwimmwagen mit der zivilen Herstellung wieder zur friedlichen Ursprungsidee zurück. Tüftler feilten, schraubten und dichteten nun an ausgefallenen Eigenkonstruktionen. In den vergangenen Jahren planten kleine Firmen die Produktion von Mini-Serien, extrovertierte Geschäftsmänner zeigten Interesse, inzwischen ist der Deutsche Hans Georg Näder in einer Stunde und vierzehn Minuten über den Ärmelkanal gerast - mehr als sieben Stunden schneller als einst Jakob Baulig. Sammler motzen noch heute ausrangierte Schwimmwagen auf und beeindruckten ihre Liebsten in einer lauen Sommernacht mit einer Spritztour mitten über den nächsten Baggersee.

"Das ist eine ganz emotionale Geschichte, eine Faszination, die man erlebt haben muss", schwärmt René Pohl von seinen Badeausflügen mit dem Auto. Der 40-Jährige besitzt selbst vier Schwimmautos und hat ein Standardwerk zu dem Thema verfasst. Als er mit 16 Jahren das erste Mal als Beifahrer mit einem Auto langsam auf das Wasser zurollte, "fürchtete ich mich schon ein wenig, das kostet einiges an Überwindung." Doch nach der ersten Tour "war ich verloren", erzählt er. Fortan legte er jede Mark zur Seite. "Da war nichts mit Rauchen, Mopeds, Mädchen." Er sparte für seinen Traum und kaufte mit 19 Jahren zum Entsetzen seiner Eltern für 6000 Mark ein ziemlich mitgenommenes Amphicar. Ein paar Monate später waren sie aber stolz auf den Sohnemann, als der alte Wagen seine Wassertaufe bestand.

Vergessene Pioniere

Noch heute ärgert es René Pohl, wenn die Idee der Schwimmwagen bespöttelt wird. "Das sind Kunstwerke auf Rädern, das waren geniale Pioniere des Automobilbaus. So etwas darf nicht in Vergessenheit geraten", findet er. "Der Schwimmwagen bedeutet ein Stückchen Freiheit."

Das war auch die Motivation, die den Australier Ben Carlin und seine Frau Elinore immer wieder antrieb, mit ihrem schwimmenden Jeep Half-Safe den Atlantik zu überqueren - trotz aller Entbehrungen: "Ich lerne, Schmutz als permanten Schmuck zu tragen", schrieb Elinore Carlin 1950 schon nach zehn Tagen auf hoher See in ihr Tagebuch. Bei stürmischem Wetter trieben die Abenteurer manchmal tagelang hilflos auf dem Atlantik. "Ich fühle mich widerlich", notierte Elinore am 30. Juli 1950. "Oh Jesus, es wäre wunderbar, wenn ich über diese Seekrankheit hinwegkäme - habe seit 2-3 Tagen nichts gegessen."

Ans Aufgeben dachten die Carlins dennoch nicht. Sobald sich ein Dampfer näherte, hofften sie inständig, nicht gesehen zu werden: "Half-Safe sah so lächerlich, hilflos und unbootmäßig aus", schrieb Ben Carlin, "dass Boote darauf bestehen würden, uns zu retten." Das Durchhaltevermögen zahlte sich aus. Diesmal überquerten die Carlins den Atlantik und erreichten im Februar 1951 - nach Aufenthalten auf den Azoren und Madeira - das afrikanische Festland. Es sollte nur ein Auftakt sein: Half-Safe kämpfte sich durch die Sahara, durchquerte die Meerenge von Gibraltar, fuhr quer durch Europa, bestaunt in Madrid, Paris oder London.

Erst 1958, acht Jahre nach dem Start und einer Reise quer über den Erdball und einer Fahrt von Japan nach Alaska, kehrte Half-Safe wieder nach Kanada zurück. Es ist wohl bezeichnend für die Geschichte des Schwimmwagens, dass die Welt dieses kühne Abenteuer schon bald vergessen sollte.



insgesamt 7 Beiträge
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Adrian Dunskus, 02.06.2009
1.
Auf Bild 13 ist kein Amphicar zu sehen, sondern ein Wehrmachtskübelwagen, also die amphibische Version der geländegängigen Version des Volkswagens (Käfer).
Jürgen Schiffmann, 03.06.2009
2.
@ Adrian Dunskus Ja, ein VW Schwimmwagen. Aber die nennen hier alles "Amphicar", selbst den BMP-2 im nächsten Bild. Vielleicht kommt noch ein Artikel mit dem U-Bootcar Leo 2... ;)
Marion Friedrich, 04.06.2009
3.
Die Geschichte von Hanns Trippel und seine Ambition, seinen Amphibienfahrzeugen zum Durchbruch zu verhelfen, gibt es als Film auf DVD beim Historischen Filmservice: http://www.historischer-filmservice.de/hanns-trippel-vater-des-schwimmwagens.html
Jörg-Thomas Lauterbach, 21.07.2014
4. Falsche Begriffe
Einmal abgesehen davon, dass etliche Amphibienfahrzeuge als Amphicar bezeichnet werden, die gänzlich andere Namen hatten, sind mir die fehlerhaften Begriffe "Waffenheeresamt" und "Sturmhauptführer" aufgestoßen. Es hieß Heereswaffenamt (abgek. HWA) und Hauptsturmführer. Sollte einem Journalisten, der auf "Einestages" veröffentlicht, eigentlich geläufig sein. Wenn es dabei schon hapert; was ist dann bloß noch am Gesamtbild über die Amphibien alles falsch?!
Stefan Crede, 07.10.2014
5. Mr.Carlins Schwimmwagen...
...war keineswegs von ihm selbst entwickelt oder gebaut. Er hatte sich lediglich einen ausgedienten US-Army-Schwimm-LKW vom Typ DUKW besorgt und diesen weltreisetauglich umgerüstet. Wenn man bedenkt, das dieses Fahrzeug entworfen worden war um Flüsse oder mal eine kleinere Meeresbucht zu überqueren war seine Atlantiküberquerung tatsächlich weniger als Half-safe, und er hatte großes Glück, nicht unterwegs verschütt zu gehen. Ich habe noch irgendwo ein altes Hobby-Heft, in dem darüber berichtet wurde.
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