Anarchos in der Sowjetunion "Ich war ein Champion der Asozialen"

Anarchos in der Sowjetunion: "Ich war ein Champion der Asozialen" Fotos
Misha Buster/www.kompost.ru

Überfälle auf Theatergänger, kreidebleiche Politiker - und die Polizei bog sich vor Lachen: Punks wie Misha Buster mischten in den achtziger Jahren Moskau auf. Auf einestages erzählt der Bürgerschreck von einst über seinen irren Alltag im Untergrund und zeigt Bilder aus seinem einzigartigen Archiv.

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Ein paar Jahre ist es her, dass mir ein Stapel Fotoalben in die Hände fiel. Sie hatten einem Freund gehört, Dima Sabbath. Er war eine der zentralen Figuren der Metal-Szene der achtziger Jahre in Moskau. 2005 ist er gestorben. Die sieben Büchlein sahen aus wie Familienalben - mit Fotostorys und Zeichnungen. Sie zeigten unsere Freunde. Und tatsächlich waren wir so etwas wie eine Familie gewesen. Zusammen haben wir in den letzten Jahren des Sowjet-Regimes auf den Straßen Moskaus gelebt.

Ich war 13 und nahm damals einen neuen Namen an: Misha Buster - wie Buster Keaton, der amerikanische Komiker. Es war eine verrückte Zeit, als in der sowjetischen Realität plötzlich so etwas wie urbane Stämme auftauchten, geformt von den verschiedenen Musikstilen. Es gab Waver und Hippies, Rockabilly-Fans und Breaker. Viele junge Leute gaben sich Spitznamen, entlehnt bei westlichen Musikern oder Filmen. Die meisten Probleme dabei hatten die Metalheads, denn es gab einfach zu viele Heavy-Metal-Fans und die Künstlernamen reichten nicht aus. Also verwendeten sie oft nur Teile davon, und in meinem Freundeskreis gab es einen Lyosha Judas und einen Dima Priest. Ich aber war ein Punkrock-Clown, einer, der wie Buster Keaton niemals lachte.

Sowjetische Punks waren damals sehr speziell, eine anarchische Gesellschaft, die sich allerdings nicht wie anderswo aus der sogenannten Arbeiterklasse rekrutierte. Die meisten von uns waren Kinder des Bürgertums, die gern so etwas wie die Kreative Klasse sein wollten - künstlerisch ambitionierte Jungen und Mädchen mit guter sowjetischer Erziehung, aber ohne Chancen, in der Zukunft je zur offiziellen Kulturszene zu gehören. Unsere Situation brachte uns auf die Straße und von dort zu den Zirkeln im Untergrund: Kunst- und Musikgruppen, Jugendbanden, wie es sie in den meisten sowjetischen Städten gab, und wo sich all das coole, moderne und interessante Zeug konzentrierte. Moskaus Straßen waren in den achtziger Jahren zu einem großen Klub informeller und ehrlicher Beziehungen geworden. Genau das hatte ich gesucht, und so wurde ich Punk, Stil: Hooligan. Ein harter, lustiger Straßenkünstler.

Wir selbst nannten uns "Lebenskünstler". Wir waren Leute, die ihr Leben wie einen Film inszenierten - nur eben ohne Film. Unsere Aktionen richteten sich gegen die Staatsgewalt und das System und sie wurden legendär. Plötzlich waren wir die Nachrichten-Macher, über die man nicht nur in der Schule, sondern der ganzen Stadt sprach. Und wie alle dummen Kinder freuten wir uns, wenn wir als gefährliche Helden in den Zeitungen auftauchten.

Angst und Lachen

Wir griffen Menschen an, etwa Theaterbesucher, indem wir wie ein Indianerstamm oder ein Rudel tollwütiger Hunde über sie herfielen. Der nigerianische Konsul wurde kreidebleich, als unser "Stamm" eines Tages einen Park in der Nähe des Konsulats besetzte, das Alexei-Tolstoi-Denkmal im Papua-Stil dekorierte und schließlich das Konsulat attackierte, indem wir Dissidenten parodierten.

Natürlich waren viele Leute von unseren Performances erst geschockt. Doch als sie merkten, dass wir nur Clowns waren, lachten sie alle wie verrückt, einschließlich der Polizei. Angst und Lachen - das war unser Markenzeichen.

Allerdings war es nicht immer lustig, und die Chance, ins Gefängnis oder Irrenhaus gesteckt zu werden, war ziemlich groß. 1983 hatte die Regierung begonnen, "nichtsowjetische Lebensstile" zu verfolgen - mit dramatischen Auswirkungen nicht nur auf die Punks. Denn auch vielen anderen aktiven Untergrund-Zirkeln war das Label "Punk" angeheftet worden - was die eigentlichen Punks nicht nur für den Staat, sondern für sämtliche Gruppierungen wie Hippies, Waver oder Breakdancer zum Feind Nummer eins machte.

Wir bekamen das zu spüren, als wir "Provokation" gründeten, eine Straßenband nach Art der Sex Pistols - die mehr Provokation als richtige Musik war. Wir spielten ein paar schreckliche Konzerte. Auf einem großen Musikfestival in Swerdlowsk, wohin wir 1989 als Gäste eingeladen worden waren, machten wir so viel Lärm, dass die Hälfte der Leute uns verprügeln wollte. Die armen Polizisten vor Ort waren drei Festivaltage lang unsere persönlichen Bodyguards und durften nicht von unserer Seite weichen. Ich war damals 16 und der Manager der Gruppe.

Strafarbeit für den Parasiten

In nur wenigen Jahren auf der Straße war ich von einem gut erzogenen Kind, dem sich als Absolvent einer Kunst- und Diplomatenschule viele Perspektiven boten, zu einem Champion der Asozialen geworden. In allen Organisationen war ich als unerwünscht abgestempelt, ein tätowierter sowjetischer Mohikaner, aus der Schule vertrieben und für den Armeedienst nicht tauglich.

Als es darum ging, einen Ausweis zu erhalten, sagten sie mir, dass ich keinen sowjetischen Pass bekäme, weil ich ein Gesetzloser und ein Parasit sei, der keiner Tätigkeit nachginge - was in der Sowjetunion strafbar war. Der einzige Weg für mich, der Strafe zu entgehen, so teilte man mir mit, sei es, in einer Fabrik zu arbeiten.

Da ich unbedingt einen Pass brauchte, weil ich ohne weder ein Bahn- noch ein Flugticket kaufen konnte, versprach ich, von nun an auf dem rechten Weg zu bleiben - und wurde in eine Molkerei entsandt. Dort aber konnte ich nicht arbeiten. Ich rannte weg, wurde wieder eingefangen, arbeitete ein paar Wochen und lief wieder weg. Ich fand, es hatte etwas sehr Komisches, die Geschichte von dem Punk-Milchmann, der zur Arbeit in eine sowjetische Fabrik geschickt wurde. Zum Glück für mich wurde das Gesetz zur Bestrafung arbeitsscheuer Parasiten bald darauf abgeschafft. Ich bekam alle nötigen Papiere und vergaß das System. Kurz danach brach es zusammenbrach.

"The Singing Lysergines"

An meinen Aufführungen änderte sich dadurch nicht viel. Im Jahr 1992 veranstaltete ich mit Freunden ein seltsames Ereignis im Moskauer Zirkus: eine Ode an die Playback-Bands. Es war ein großes Grollen von etwa 20 Rockgruppen - mit uns als Headliner, einer Fake-Gruppe, die mit murmelnden Kassetten alle Stile mixte und sich einen sehr sowjetischen Namen gegeben hatten. In der Tradition der siebziger Jahre, in der viele Gruppen das Attribut "singend" im Namen trugen, wie etwa "Die singenden Herzen" oder "Die singenden Gitarren" nannten wir uns "The Singing Lysergines" - abgeleitet von der Bezeichnung für Lysergsäurediethylamid (LSD).

Es war ein Witz, den im offiziellen Russland niemand verstand, weil kaum jemand LSD kannte. Wir pflasterten die Stadt mit Plakaten zu, auf denen dieser Name stand. Es war wie ein großes Omen für die Zukunft dieses Landes. Doch als einige Hippies das Plakat sahen, fragten sie uns nur: "Kennt ihr diese Band?" Und unsere Antwort lautete: "Natürlich kennen wir die. Die ist großartig!"

Es war ein unglaubliches Ereignis - und unser erster Schritt auf unserem Do-it-yourself-Weg. Mit dem Geld, das wir mit der Show verdienten, produzierten wir eine Platte mit Songs zur Erinnerung an Mike Naumenko, der gerade gestorben war, ein Rock'n'Roll-Held der ersten Stunde in den Achtzigern. Es war eine Genugtuung: Die Vinyl-Scheibe erschien bei "Melodia", dem zuvor einzigen offiziellen Plattenlabel der UdSSR.

Der Sowjet-Punk-Weg

Als ich nun die Fotoalben von Metalhead Dima Sabbath in den Händen hielt, glaubte ich, ich müsste auch damit etwas machen. Innerhalb eines Jahres sammelte ich mehr als 20 solcher Alben und stellte eine kleine Ausstellung und eine Website für die Veteranen der Bewegung zusammen. Eine Art virtuelle Gedenkstätte für unsere toten Freunde. Doch dann verwandelte sich mein Leben in eine Hölle: Ich wurde unter den Bergen solcher Sachen begraben. Meist waren es nur lustige Bilder - noch ohne Geschichten. Inzwischen waren ja 30 Jahre vergangen und vieles war in Vergessenheit geraten.

Was am Ende entstand, war ein drei Kilo schweres Buch mit Bildern und Geschichten von der Straße, und es gab eine Ausstellung, die ich mit der befreundeten Kuratorin Irina Meglinskaya in Moskau veranstaltete - und zu der mehr als 65.000 Menschen kamen. Wir waren zufrieden, und ich hoffte, meine Arbeit wäre damit beendet. Doch dann baten mich Freunde, einen zweiten Teil zu machen über alternative Mode, und befreundete Fotografen begruben mich für weitere zwei Jahre unter ihren Arbeiten.

Dass unser Projekt nostalgisch und doch so populär ist, hat, glaube ich, einen Grund: Nichts hat sich wirklich geändert seit den Achtzigern, trotz aller Hoffnungen. Nicht nur in Russland, sondern auch in Europa mit seiner Occupy-Bewegung und den anarchischen Ausschreitungen.

Von meinen Wegbegleitern damals sind viele gestorben oder verschwunden. Es ist schade, dass nur ein kleiner Teil dieser Punks wirklich seinen eigenen Weg gegangen ist. Ich selbst habe vor kurzem das zweite Fotobuch vollendet. Es kostete mich fünf Jahre Arbeit. Und nun drehe ich mich wie ein Akrobat zwischen den großen Ausstellungen und baue nebenbei an einer monstergroßen Website mit Galerien, alten Zeitungsartikeln und neuen Texten. Ich hoffe, dass die englische Fassung bis zum Ende des Sommers fertig wird.

Und das ist dann wirklich ein Sowjet-Punk-Ding: Aus dem Nichts ein kleines Wunder zu machen - nur mit Ideen und Müll.

Zum Weiterlesen:

Misha Buster: "Hooligans 80". Verlag ANOK T.C.I., 2009, 512 Seiten.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe

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1.
Holger JASS, 15.06.2012
"Frauenleiden" Moskau 1988 http://www.myspace.com/video/vid/29012305
2.
Siegfried Wittenburg, 18.06.2012
Ich kann mich an etwa 1987/88 erinnern, als ein Lehrling von mir von seiner Reise in die Partnerstadt Riga berichtete, die im Rahmen eines sportlichen Wettkampfes stattfand. Er erzählte, dass die Stimmung in der Hauptstadt der Lettischen Sowjetrepublik außer Rand und Band war und Konflikte zwischen Letten und Russen ausbrachen. Zu Hause liefen in den Kinos zwei sowjetische Filme zu brennenden aktuellen Themen wie z. B. über die Nachwirkungen von Tschernobyl und über einen Atomkrieg. Kaum jemand hat sich vorher freiwillig Filme aus dem Mosfilmstudio angesehen, doch diesmal war das Kino wochenlang ausverkauft und besonders von jungen Leuten besetzt. Allerdings liefen diese Filme nur in sehr kleinen Kinos. Somit verbreitete sich eine Atmosphäre des Untergrunds, die ab 1989 im gesamten "Ostblock" zum Tragen kam. In Russland dagegen hat sich bis heute wenig geändert. Es ist, von Mitteleuropa aus gesehen, eine andere Welt.
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