Stalingrad aus Sowjet-Sicht "Wir wollten den Deutschen an die Kehle"

Stalingrad aus Sowjet-Sicht: "Wir wollten den Deutschen an die Kehle" Fotos
Anatolij Mereschko

Am Anfang war nur Hass: Als junger Leutnant in Stalingrad erfüllte Anatolij Mereschko das skrupellose Vorgehen der Wehrmacht mit unbändiger Wut. Erst nach der Schlacht sah er den Feind mit anderen Augen. Dennoch schrieb er 1961 ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte mit. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
    4.1 (43 Bewertungen)

Der 23. August 1942 war der Tag, an dem die Verzweiflung des Leutnants Anatolij Grigorjewitsch Mereschko in Hass umschlug. Mereschkos Einheit hatte sich in der südrussischen Steppe eingegraben. Er war damals 21 Jahre alt, seine Frau schwanger.

Die Militärakademie in Wladikawkas hatte er im Eiltempo absolviert. Weil die Deutschen schnell vorstießen, Richtung Wolga und Kaukasus, mussten die Offiziersschüler direkt an die Front. Mereschkos Einheit war schlecht ausgerüstet. Sie hatten lediglich ein Maschinengewehr, einen Flammenwerfer sowie Gewehre, für nur jeden zweiten Soldaten. Der Rest zog mit Molotow-Cocktail, Handgranate und Klappspaten in eine Schlacht, die für viele die letzte sein würde.

Für Mereschko aber war sie der Anfang eines langen Marschs, der ihn weit nach Westen führen würde, bis nach Berlin. Das erste Mal 1945, zum Sturm auf Hitlers Reichshauptstadt. Das zweite Mal 1961, um einen Geheimauftrag zu erledigen, der die Geschichte Deutschlands entscheidend beeinflussen würde.

Am 23. August 1942 aber hockte Leutnant Mereschko in der Steppe im Schützengraben, vor sich die Deutschen, im Rücken Stalingrad. Die Stadt an der Wolga war ein Knotenpunkt für den Nachschub aus den USA, der die Sowjetunion über Iran und das Kaspische Meer erreichte. Zugleich aber wollte Hitler die Ölquellen im sowjetisch beherrschten Kaukasus erobern. Deshalb teilte er seine Streitmacht in den Weiten der russischen Steppe. "Er hat versucht, zwei Hasen auf einmal zu jagen", sagt der heute 92-jährige Anatolij Mereschko.

Wir fühlten keine Verzweiflung mehr, nur noch unbändigen Hass

Im Morgengrauen entdeckte er damals vier sowjetische Bomber am Horizont. Sie kehrten von einem Einsatz im Westen zurück. "Nackt waren die", sagt Mereschko und meint damit: "ohne Begleitschutz". Plötzlich brachen zwei deutsche Messerschmidt-Maschinen aus den Wolken hervor. Zwei Bomber schossen sie in einer ersten Angriffsbewegung ab, die beiden anderen in der zweiten. Die dritte galt den fünf Besatzungsmitgliedern, die sich aus den Maschinen gerettet hatten, am Fallschirm hängend aber ein leichtes Ziel boten.

Die Bodenoffensive der Wehrmacht traf das benachbarte Bataillon, Mereschkos Kameraden von der Militärakademie. Noch heute erinnert er sich genau an den Angriff:

"Das 14. Panzerkorps brach in den nördlichen Teil von Stalingrad durch. Der Schlag traf die Offiziersschüler. Die deutschen Panzer erreichten die Schützengräben. Sie drehten sich mit den Raupenketten auf der Stelle und begruben so die unter ihnen liegenden Offiziersschüler. Wir konnten nichts tun, wir schauten nur zu.

Wir haben nicht viel gewusst über die Deutschen vor dem Krieg. An der Akademie haben wir noch nicht einmal ihre Technik studiert, als kämen sie als Gegner nicht in Frage. In unseren Zeitungen wurde in recht freundlichem Ton über Hitler geschrieben, vielleicht, um den Krieg hinauszuzögern. Aber nach diesem 23. August war alles anders. Wir fühlten keine Verzweiflung mehr, nur noch unbändigen Hass. Wir strebten nicht einmal nach dem Sieg. Es ging nur noch um Rache, darum, an die Kehlen dieser Leute zu kommen."

Gegen Mittag dann zogen die Bomber der deutschen Luftwaffe über die Einheit hinweg, eine Armada von 600 Flugzeugen. Auf Befehl von Diktator Josef Stalin durfte die Stadt, die seinen Namen trägt, nicht evakuiert werden. So besessen Hitler nach der Eroberung Stalingrads strebte, so fanatisch war Stalins Wille, sie zu halten. Als die deutschen Bomben fielen, waren noch immer rund 600.000 Zivilisten dort. Den Feuerschein der brennenden Stadt sahen Mereschkos Männer trotz 40 Kilometer Entfernung. Bei den Luftangriffen kamen 40.000 Menschen ums Leben.

"Erst haben sie gefrühstückt, dann angegriffen"

Rund 300.000 Mann waren auf Seiten der Deutschen und ihrer Verbündeten an der Schlacht um Stalingrad beteiligt - Ungarn, Italiener, Rumänen, eine enorme Streitmacht. Die Armee der Sowjets war dennoch zahlenmäßig weit überlegen. Um Stalingrad zu halten, sandten Moskau ein multinationales Heer mit mehr als einer Millionen Mann in den Kampf. Unter den Verbänden waren viele aus Sibirien, Zentralasien und dem Kaukasus. In der Einheit von Leutnant Mereschko kämpften Georgier, Armenier und sogar ein Kurde.

"Vielleicht hatten die leichten Erfolge im Westen die Wehrmacht übermütig gemacht. Morgens haben wir sie im Fernglas beobachtet. Erst haben sie gefrühstückt, sich gewaschen und rasiert und dann angegriffen. Und wir armen Teufel, wir hatten nicht genug Wasser zum Trinken, oder um das Maschinengewehr zu kühlen. Unsere Uniformhemden waren hart wie Karton vom Salz unseres Schweißes."

Während die Deutschen unter dem Kommando von General Friedrich Paulus Richtung Stadtzentrum vorstießen, leisteten die Verteidiger erbitterten Widerstand, vor allem rings um die beiden strategisch wichtigen Rüstungsfabriken "Roter Oktober" und "Barrikaden" sowie ein Werk, in dem Traktoren und Panzer hergestellt wurden.

"Ich hatte nicht nur jede Minute Angst vor dem Tod, sondern in jeder Sekunde. Wir konnten nicht funken, die Deutschen bombardierten unsere Sender. Also bin ich los, nachts, mit zwei Mann mit Maschinenpistolen. Wir wollten die Lage auf dem Gelände des "Barrikaden"-Werks untersuchen. Wir orientierten uns an Gleisen, haben uns dann aber doch verlaufen, als plötzlich Silhouetten aus der Dunkelheit vor uns auftauchten. Dann auf Deutsch der Ruf: "Russe, ergib dich!". Ich war in der Kommunistischen Partei und Offizier. Ich wusste, sie würden mich erschießen. Sie kamen auf mich zu, ich hatte schon eine Handgranate in der Hand da kam ein Trupp russischer Matrosen und überwältigte die Deutschen. Wäre ich dort gestorben, wahrscheinlich hätte niemand je erfahren, wo ich gefallen bin."

Anfang November waren 90 Prozent des Stadtgebiets in deutscher Hand. Die sowjetischen Truppen unter Generalleutnant Wassilij Tschuikow hielten nur noch einen schmalen Uferstreifen an der Wolga. Am 8. November trat Hitler in München vor alten Parteikameraden auf. Im Löwenbräukeller brüstete er sich mit dem Sieg in Stalingrad. Doch die Schlacht war keineswegs der Durchbruch im Krieg, sondern der Anfang vom Ende.

Rückkehr nach Berlin - als Architekt der Mauer

General Tschuikow führte seine Männer im Häuserkampf so nah an den Gegner heran, dass Luftwaffe und Artillerie der Deutschen nicht eingesetzt werden konnten. Zu groß war das Risiko, die eigenen Einheiten zu treffen. Die Russen setzten zudem verstärkt Scharfschützen ein, einer von ihnen soll in Stalingrad sogar 242 Deutsche erschossen haben.

Am 22. November kesselten sowjetische Truppen Paulus 6. Armee in Stalingrad ein. Am 31. Januar wurde General Paulus gefangen genommen. Am 2. Februar kapitulierten die eingekesselten Truppen. Die Schlacht von Stalingrad war beendet. Von den 260.000 deutschen Soldaten, die am Sturm der Stadt an der Wolga beteiligt waren, kehrten nach Kämpfen und Kriegsgefangenschaft nur 5000 nach Deutschland zurück. Auf Seiten der Roten Armee starben rund 500.000 Soldaten. Grauenhafte Verluste auf beiden Seiten - die Sowjets begannen dennoch mit dem Vormarsch gen Westen.

Zwei Jahre später stand Tschuikows 62. Armee - inzwischen umbenannt in 8. Gardearmee - vor Berlin. In ihren Reihen: Leutnant Anatolij Grigorjewitsch Mereschko. Noch heute erinnert er sich daran, dass es ihm damals eine besondere Genugtuung war, dass die Deutschen nun mit Tschuikow über die Kapitulation verhandeln mussten.

Mereschko blieb nach dem Krieg der Armee treu, ging zurück an die Militärakademie, wurde Oberst, später General und zuletzt stellvertretender Chef des Generalstabs des Warschauer Pakts. Wenn sein ehemaliger Kommandeur Wassilij Tschuikow ihn sah, nahm er ihn beiseite, umarmte und küsste ihn. "Mein Stalingrader", sagte der General dann.

Die Rolle des Soldaten im Zweiten Weltkrieg aber blieb nicht die einzige, die Mereschko in der deutsch-russischen Geschichte spielte. 1961 kam er ein zweites Mal nach Berlin. Damals flüchteten Monat für Monat Zehntausende Ostdeutsche Richtung Westen. Mereschko sollte helfen, diese Massenflucht zu stoppen. So saß er im Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte vor einer Karte Berlins und zog mit Buntstiften - Marke Faber - eine Grenze durch die Stadt. Mereschko plante im Auftrag des Kremls die Berliner Mauer.

Im Januar 2013 sitzt Anatolij Mereschko, General a.D., in einem Moskauer Café. Er ist gertenschlank, der Rücken kerzengerade, die Haare zackig nach hinten gekämmt, wie zu Offizierszeiten. Im Sommer wird er 92.

Der Hass, der ihn an jenem Augusttag packte, ist "schon seit 70 Jahren verflogen", sagt er. "Befriedigung haben wir bekommen, als wir die 6. Armee einkreisten. Dann sahen wir die Trecks der Gefangenen an den Wolgahängen und in der Steppe, Soldaten in dünnen Mänteln, kaum vorbereitet auf den Winter. Da habe ich verstanden: Ihr seid nicht schuld, sondern jene, die euch hierher gejagt haben."

Artikel bewerten
4.1 (43 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Michael Elstermann 01.02.2013
"Da habe ich verstanden: Ihr seid nicht Schuld, sondern jene, die euch hierher gejagt haben." Mit der Erkenntnis ist er weiter, als viele Deutsche, vor allem die Medien, die mittlerweile in Wehrmachtssoldaten Verbrecher sehen.
2.
Ulrich Stock 01.02.2013
Das ist überhaupt nicht zu verstehen, warum die deutschen Soldaten im 2. Kriegswinter in Russland keine Wattemäntel oder Pelzmäntel trugen, so wie die Soldaten der Roten Armee: "Obwohl die deutschen Truppen bereits den vorangegangenen Winter in Russland erlebt haben, ist die 6. Armee in Stalingrad auch diesmal nicht auf die Kälte vorbereitet. Die eingekesselten Soldaten haben keine Winterausrüstung. Tausende erfrieren." Die Führung der deutschen Wehrmacht bestand offenbar weitgehend aus Dilettanten oder wie ist das zu erklären ? Es ist auch nicht zu verstehen, warum die deutschen Generäle nicht die geniale Strategie der Briten beim Britischen Empire übernahmen und Verbündete aus dem Kolonialreich für die eigenen Interessen einsetzten. Ganz fatal und dümmlich war die Auffassung der deutschen Propaganda, bei den Russen handele es sich um Untermenschen. Diese Überheblichkeit wurde bestraft. Leiden mussten jedoch die armen deutschen Landser.
3.
Jan Borck 01.02.2013
Wenn wir alle nun noch erkennen, dass wir auch Menschen wie ihm unsere Freiheit verdanken, sind wir auf dem richtigen Weg! Die Teilung Berlins hätte es ohne den Angriffskrieg der Deutschen Wehrmacht nie gegeben.
4.
Manfred vom Hoevel 01.02.2013
> "Da habe ich verstanden: Ihr seid nicht Schuld, sondern jene, die euch hierher gejagt haben." > >Mit der Erkenntnis ist er weiter, als viele Deutsche, vor allem die Medien, die mittlerweile in Wehrmachtssoldaten Verbrecher sehen. > Nun, es gilt wohl zu differenzieren zwischen dem befehlsgehorsamen Soldaten und den Verantwortlichen in den Führungsschichten der Wehrmacht. Und dort sind Verbrechen geplant und befohlen worden. So ist zum Beispiel die Belagerung von St. Petersburg und die Inkaufnahme hunderttausender ziviler Opfer ? erfroren und elendiglich verhungert ?einzig und allein ein himmelschreiendes Verbrechen! Die Wehrmacht war schliesslich die einzige «Macht» welche den Machthabern hätte Paroli bieten können. Aber nein! So lange gesiegt wurde, es Orden regnete und Karrieren in Aussicht standen, befolgte man willig und blind der menschenverachtenden Strategie des «Grössten Feldherrn aller Zeiten». Nein! Die Wehrmacht verdient keine Generalabsolution!
5.
Jens Habermann 01.02.2013
> "Da habe ich verstanden: Ihr seid nicht Schuld, sondern jene, die euch hierher gejagt haben." > >Mit der Erkenntnis ist er weiter, als viele Deutsche, vor allem die Medien, die mittlerweile in Wehrmachtssoldaten Verbrecher sehen. > > In einem anderen Forum schrieb ich einmal: Wer Säuglinge, Frauen, Kinder, Greise und Männer, die weder an Kriegshandlungen teilnahmen noch sonstwie am Krieg beteiligt waren "industriell" tötet, einfach nur, weil sie nicht in die kranke Ideologie passten, verliert den Anspruch auf das Wort "Kultur". - Für mich waren die Kriegsteilnehmer einfach nur kulturlose Schlächter!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH