Polaroid-Sammlung Warhol - schnell und schmutzig

Ganz nah an Rockstars, Präsidenten, Pornodarstellern: Besessen von der Polaroid-Technik machte Andy Warhol Tausende schräger Privataufnahmen - auch von sich selbst. Jetzt zeigt ein Bildband viele der unveröffentlichten Bilder.

Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

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Plötzlich verspürt Andy Warhol diesen heftigen, unerträglichen Schmerz. Als ob ein Knallkörper in ihm explodiert wäre. Er wälzt sich schreiend auf dem Boden. Wünscht sich, so wird er später sagen, dass er sofort tot wäre.

Es ist der 3. Juni 1968 und soeben hat die radikale Feministin Valerie Solanas dem Pop-Künstler aus nächster Nähe in die Brust geschossen. Aus Zorn auf dessen Filme, die sie als zutiefst frauenfeindlich und herabwürdigend empfindet. Warhol stirbt fast an dem Attentat; er ist bereits klinisch tot, muss reanimiert und fünf Stunden notoperiert werden.

Und was macht der exzentrische Künstler, der erst Monate später wieder aus der Klinik entlassen werden soll, nach dem Erwachen? Er stellt sich mit nacktem Oberkörper vor seinen Badezimmerspiegel und schießt mit einer Polaroid-Kamera Bilder von seinem ausgemergelten, geschundenen Körper und dem medizinischen Korsett, das er nun tragen muss.

Hätte es damals schon Facebook gegeben, Warhol hätte diese Selfies wohl sofort gepostet: Schaut her, meine Wunden! "Ich sah aus wie ein Dior-Kleid", sagt er nach dem Anschlag, "nein, wie ein Yves-Saint-Laurent-Kleid - lauter Nähte." Das wollte er dokumentieren und der Welt mitteilen.

Mick Jagger und Charlie Watts, 1977
Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

Mick Jagger und Charlie Watts, 1977

Der König der Pop-Art, 1987 verstorben, hätte wohl seine wahre Freude an der Reichweite und Geschwindigkeit der sozialen Medien gehabt. Warhols Medium damals war jedoch die Polaroid-Kamera. Sie war es, die in der vordigitalen Zeit schnelle, authentische, unmittelbare Bilder lieferte. Mit ihr fotografierte er jahrzehntelang mit der Besessenheit eines Paparazzi: Rockstars, Pornodarsteller, Schriftsteller, Politiker. Menschen, die er bewunderte, Man Ray etwa oder Salvador Dalí. Wahre Freunde wie den Surrealisten Charles Henri Ford. Und all jene, die unbedingt seine Freunde sein wollten und Warhol umschwärmten wie Motten das Licht.

Jetzt zeigt ein opulenter Bildband ("Andy Warhol. Polaroids 1958 - 1987", Taschen-Verlag) Hunderte dieser privaten, oft spontanen und rohen Aufnahmen, von denen viele bisher unveröffentlicht waren. Er ist eine Art analoges Facebook, ein privates Freundesbuch von Warhol mit vielen handsignierten, bekritzelten, unscharfen, intimen, lustigen und manchmal auch voyeuristischen Aufnahmen.

Denn Warhol fotografierte auch Zungenküsse, halbnackte Liebespaare in Umarmung und Geschlechtsteile in Nahaufnahme. Dann wieder knipste er Jimmy Carter, Marc Chagall, Caroline von Monaco, John Lennon - oder einfach seine eigenen Schuhe, einen Gartenzwerg und die braune Lache einer verschütteten Cola. Mit einem "visuellen Tagebuch" verglich er das einmal. "Ein Foto bedeutet, dass ich von jeder Minute weiß, wo ich war."

Am liebsten aber, so scheint es, fotografierte Andy Warhol für dieses Tagebuch - Andy Warhol. Es gibt etliche Selbstporträts von ihm, mal knipste er plump in einen Spiegel, mal stellte er sich als einsamer Wolf vor eine nackte, weiße Wand, dann wieder verfremdete er die Aufnahme durch eine Doppelbelichtung. Der Sohn slowakischer Einwanderer, der zur Ikone des Pop wurde und fast alle Stars seiner Zeit fotografieren konnte - er empfand sich womöglich als den größten Star unter ihnen.

Andy Warhol, 1969
Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

Andy Warhol, 1969

Mit hoher Kunst haben viele der Schnappschüsse nichts zu tun. Doch genau das macht ihren Charme aus. Die Ungezwungenheit der Bilder suggeriert eine intime Nähe zu einer Szene, die einst für den Normalbürger ziemlich unerreichbar war: Warhols elitärer Freundesklub aus skandalumwitterten Künstlern, Schauspielern, Außenseitern und schrägen New Yorker Promis, die sich in seinen Studios, der Factory, trafen.

Wer sich durch die Seiten des Bildbands blättert, begibt sich auch auf eine Zeitreise in das New York der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre. Man entdeckt Weltstars in ihren jungen Jahren mit schrillen Outfits oder peinlichen Grimassen. Heute konserviert das Web jedes Partyfoto. Damals war es Warhol.

Es ist eine Zeitreise mit Aha-Effekt: So also sah der junge Karl Lagerfeld aus! Ohne Brille, mit durchdringendem Blick und dichtem, dunklen Haar. Tina Turner ohne Dauerwelle, faltenlos, noch nicht die ewige Rockröhre. Der bubihafte Schwarzenegger, durchtrainiert, aber noch keine seelenlose Muskelmaschine.

Erst die Polaroid-Technik hatte Warhol zu diesem verschwenderischen Ansatz verleitet: Zwei Sekunden, ein leichtes Rattern, fertig war das Bild. Besonders gerne fotografierte er mit der Porträtkamera Polaroid Big Shot, ein Modell, so exzentrisch wie der Künstler selbst. Die Big Shot war ein unhandlicher, klobiger Kasten mit einer fest eingestellten Brennweite von einem Meter; der Fotograf musste sich umständlich vor- oder zurückbewegen, bis sich zwei Bilder im Sucher deckten. Schon nach zwei Jahren stellte Kodak die Produktion wieder ein, reparierte Warhols zahlreiche Kameras aber noch lange danach.

John Kennedy Jr., Montauk, 1972
Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

John Kennedy Jr., Montauk, 1972

Für Warhol waren die Polaroids allerdings kein rein privates Vergnügen: Sie vereinfachten seine Arbeit am Filmset und lieferten ihm schnell visuelle Ergebnisse. Sie halfen ihm als Vorlage beim Malen von Porträts und der Gestaltung seiner Siebdrucke. So gibt es eine ganze Serie von Fotos, die die Rolling Stones zeigen, wie sie provokativ ihre Zungen herausstrecken, sich küssen und in die Ohren beißen - Vorarbeiten für Warhols Entwurf zum Plattencover des "Love You Live"- Albums von 1977.

Dennoch versuchte Warhol, die Polaroids über ihren Nutzwert hinaus zu einer Kunstform zu erheben. Neben spontanen Schnappschüssen zeigt der Bildband auch viele erkennbar durchkomponierte Studioporträts. Und auch sich selbst hielt er nach dem Mordversuch nicht nur in flüchtigen Polaroids fest - sondern ließ seine Narben sicherheitshalber auch noch von einem Modefotografen ablichten.

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Eine kluge Entscheidung. Denn erst das überlebte Attentat machte Warhol endgültig zum Superstar. Plötzlich konnte er Gemälde, die er zuvor für nur ein paar Hundert Dollar losgeworden war, für mehr als 15.000 Dollar verkaufen. Die Party ging für ihn jetzt erst richtig los - und er dokumentierte sie mit seiner Polaroid-Kamera.



insgesamt 7 Beiträge
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Franz Nagel, 06.08.2015
1. Mehrzahl: Paparazzi ...
... Einzahl: Paparazzo
Ralf Ludorf, 06.08.2015
2. Grammatik
Andy W. ist ein Pop-Paperazzo! Also bitte im Singular.
Gerd Diederichs, 06.08.2015
3. A. W. - Der Erfinder des Selfies
In der Tat - nicht abzusehen, was er aus dieser Epoche hätte machen können!
petra blick, 08.08.2015
4. ... facebook 1.0
hätt er es nicht gemacht, hätts ein anderer.
Peter Braczko, 08.08.2015
5. Nein danke
Was für entsetzliche Warhol-Schrottfotos!
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