Anfänge der Berliner Mauer Mörderisches Flickwerk

Sie konnten einander sehen, hören - und bewerfen: Dort, wo sich DDR-Grenzer und West-Berliner ab August 1961 gegenüberstanden, markierte zunächst nur ein Drahtverhau den Verlauf der späteren Mauer. Lange geheim gehaltene Aufnahmen aus dem Grenztruppenarchiv dokumentieren das provisorische Flickwerk.

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Akribisch notierten die Postenführer alle Vorkommnisse im Dienstbuch: "30.03.68, 1 Uhr: Zwei männliche Zivilpersonen beschießen die Grenzbeleuchtung mit Luftdruckgewehren. - 3.40 Uhr: Eine männliche Person bestieg die Grenzmauer und ging auf ihr circa 15 Meter weit. - 01.04.68, 14.35 Uhr: Ein Bauarbeiter wirft Bretter aus dem 6. Stock über unserer PTA. - 02.04.68, 23 Uhr: Unbekannte hängen ein Reklameschild an die Mauer, die Abbildung einer weiblichen Person in Lebensgröße. - 04.04.68, 08.40 Uhr: Zwei Zöllner bewerfen die Grenzposten mit Steinen. - 11.04.68, 12.40 Uhr: Vier West-Berliner Bauarbeiter forderten zur Fahnenflucht auf und beschimpften die Grenzposten. Danach zogen zwei Personen die Hosen herunter und zeigten unseren Posten ihr entblößtes Gesäßteil."

Skurrile Szenen in den sechziger Jahren mitten in Berlin - Alltag bei den Grenztruppen der Nationalen Volksarmee (NVA). Seitenweise spucken die Fernschreiber der Regimenter Meldungen über Zwischenfälle am Grenzstreifen zu West-Berlin aus. Fast alles wird notiert, denn fast alles scheint verdächtig: Die alte Frau, die einen "Beutel mit Apfelsinen" über die Mauer wirft. Zwei West-Berliner Polizisten, die an der Bernauer Straße "lose Ziegel" auf die Ostseite drücken. Und sogar der Zöllner, der auf das Niesen des Grenzpostens "Gesundheit!" ruft.

Die Wachhabenden sind sensibilisiert. Denn jede versuchte Kontaktaufnahme, so war ihnen in der Ausbildung eingetrichtert worden, könnte Teil der psychologischen Kriegsführung des Gegners sein. Deshalb machte der Postenführer vorsichtshalber auch einen Vermerk, als aus einem Fenster der "zweiten Etage der Wegastraße 36 ein circa 16-jähriges Mädchen" dem Posten zuwinkt. "Die Jugendliche hat ihren Oberkörper entblößt, aus einem Kofferradio kommt laute Musik", notiert der Schreiber und ergänzt: "9.20 Uhr zieht sie einen Pullover über."

Sticheleien aus dem Westen

Die westliche Seite wiederum lässt in der Zeit der beginnenden Studentenbewegung keine Gelegenheit aus, um die zum Schweigen verdonnerten DDR-Grenzsoldaten aus der Ruhe zu bringen: Ein US-Soldat hält von der Checkpoint-Baracke ein Aktfoto hoch; die vorbeirollende Besatzung eines Getränkewagens bietet Bier an, "wenn ihr rüberkommt". Und nach einem gelungenen Grenzdurchbruch feixt ein Westberliner Polizist: "Werft mal die Jacke von dem Flüchtling rüber, da ist noch Geld im Portemonnaie."

Die Soldaten, die in diesen Jahren in der Hauptstadt der DDR ihren Dienst taten, waren nur den sprichwörtlichen Steinwurf von West-Berlin entfernt. Außer Ziegeln und Flaschen flogen gelegentlich auch Zigaretten, Zeitungen und Päckchen mit Erdnüssen und Schokolade in den Osten. Man hörte und beobachtete einander, denn die innerstädtische Grenze in Berlin war zu diesem Zeitpunkt bei weitem noch nicht jenes undurchdringlich versiegelte Band, als das sie nach dem Mauerfall in Erinnerung blieb.

Vielmehr war sie ein zusammengeschustertes Provisorium - aus Friedhofs- und Fabrikmauern, aufeinandergehievten Hohlblocksteinen und Betonstreifen, Zäunen, Stacheldraht und Panzersperren. 50 Jahre nach dem Beginn des Mauerbaus erscheint im Hatje Cantz Verlag ein über 750 Seiten starker Bildband, in dem der Fotograf Arwed Messmer und die Autorin Annett Gröschner die frühe Berliner Mauer zeigen, wie sie kaum jemand kennt, und in dem sie eindrücklich beschreiben, welche Konsequenzen die fragile Konstruktion hatte. Denn die "Schwächen" der Absperrung waren aus Sicht des SED-Regimes von den dort eingesetzten Grenzsoldaten auszugleichen - in einem Dienst zwischen gähnender Langeweile, gelegentlicher Provokation und Konfrontation mit dem Tod.

Jeder wusste Bescheid

Die Wehrpflicht in der DDR war erst Anfang 1962 eingeführt worden. Davor hatte die DDR-Führung fürchten müssen, dass sie für junge Leute noch ein Grund mehr sein könnte, nach West-Berlin abzuwandern, wo es - anders als in der Bundesrepublik - keinen Militärdienst gab. Mit dem Bau der Mauer hatte sich diese Sorge erübrigt, und der Osten konnte genügend Personal rekrutieren, um zu verhindern, dass noch mehr Bürger das Land verließen.

Offiziell diente der "antifaschistische Schutzwall", wie die Funktionäre das Bauwerk nannten, der Abwehr äußerer Feinde. Doch selbst der "bescheuertste Soldat konnte sehen, dass die Anlagen dazu da waren, die eigenen Bürger die Grenze nicht überwinden zu lassen", berichtete ein ehemaliger Grenzer. 18 Monate dauerte der Grundwehrdienst, den jeder männliche DDR-Bürger abzuleisten hatte. An der Berliner Mauer waren es bevorzugt junge Leute aus ländlichen Gebieten, die oft zum ersten Mal in eine so große Stadt wie Berlin kamen.

Der Wachdienst selbst war die meiste Zeit vor allem langweilig: Acht-Stunden-Schichten im Früh-, Spät- und Nachtdienst, und wer nicht zum Auf-und-Ab-Laufen bestimmt war, harrte auf dem Postenturm aus und vertrieb sich die Zeit mit Radiohören, Kartenspielen oder Kreuzworträtseln. Viele Soldaten hatten Taschentauchsieder dabei, mit denen sie heimlich Kaffee kochten, oder sie zapften die Stromleitungen an, um Eier oder Buletten zu brutzeln.

Gelegentlich aber wurde es ernst: Wenn es ein Flüchtling geschafft hatte, die Kontrollen und Absperrungen im Hinterland zu überwinden und vor dem Posten stand, musste der entscheiden, ob und wohin er schoss. Versuche von West-Berliner Seite, mit Lautsprechern oder Plakaten auf die Soldaten einzuwirken, damit sie desertierten oder bei Flüchtenden wegschauten, verfehlten ihre Wirkung trotz der massiven Indoktrination der NVA nicht gänzlich. Die Staatsführung entschloss sich deshalb, die Grenze lückenlos abzudichten.

Ein Pappkarton mit Negativen

Indizien für die akribische Vorbereitung des Plans fanden Annett Gröschner und Arwed Messmer Mitte der neunziger Jahre bei Recherchen im Militärischen Archiv in Potsdam. Sie entdeckten einen Pappkarton mit unzähligen zusammengerollten Kleinbild-Negativen: eine Hinterlassenschaft aus dem Archiv der Grenztruppen. Die Filmstreifen zeigten Abschnitte der Berliner Mauer, fotografiert von der Ostseite. An verschiedenen Standorten hatte jemand offenbar unter Zuhilfenahme eines Stativs die Kamera entlang des Grenzstreifens geschwenkt und bei jeder neuen Einstellung abgedrückt, so dass die Aufnahmen aneinandergereiht ein Panorama ergeben.

Die mehr als tausend Fotos waren offenbar im Winter 1965 und Frühjahr 1966 und von verschiedenen Personen gemacht worden, wie die unterschiedliche Qualität vermuten ließ. In der Summe bildeten sie den gesamten Streifen der innerstädtischen Grenze ab - von Schönefeld im Süden bis zum Pankower Nordgraben, insgesamt rund 43 Kilometer.

Ein Großteil der Negativfilme war entwickelt, aber offenbar nie abgezogen worden. Gleichwohl fanden sich in den Akten der Grenztruppen Abzüge weiterer Panoramaaufnahmen aus anderen Jahren sowie eine umfangreiche Dokumentation von Wachtürmen und Postenhäusern aus den sechziger Jahren: Formblätter mit Abbildungen unterschiedlichster Bauten, die zum Teil an Jägerhochsitze, zum Teil an Gartenlauben oder auch DDR-Plattenbauten erinnerten.

Die Berliner NVA-Stadtkommandantur hatte ihre Grenzregimenter 1964 damit beauftragt, den Zustand der "Pioniertechnischen Anlagen" (PTA), wie die Mauer im offiziellen Sprachgebrauch hieß, zu dokumentieren. Die Maßnahme sollte der Vorbereitung des weiteren Ausbaus dienen.

Soldaten als Test-Flüchtlinge

Als die DDR-Führung den Befehl gab, die Sektorengrenze nach West-Berlin in der Nacht auf den 13. August 1961 abzuriegeln, war sie zunächst davon ausgegangen, dass es genügen würde, Drahtzäune zu errichten und Betonplatten auf die Durchgangsstraßen zu legen. Erst am 20. September 1961 fiel die Entscheidung zum Bau einer Mauer. Zwei Meter hoch sollte sie sein, und wo es ging, versuchte man vorhandene Sperrelemente wie etwa zugemauerte Hausfassaden zu nutzen. Im Juni 1962 begann die Errichtung der sogenannten Hinterlandmauer, die zusammen mit der ersten Absperrung den hell ausgeleuchteten Todesstreifen formte.

Ab 1965, verstärkt ab 1968 ersetzten industriell gefertigte Großelemente das zusammengeflickte Provisorium: schmale Stahlbetonstreifen, die quer in ein Gerippe aus Stahlpfeilern eingesetzt wurden. Doch auch diese Lösung stellte die SED-Führung auf Dauer nicht zufrieden: Die Errichtung war technisch und personell aufwendig, die Verankerung hielt nicht im Boden, wenn schwere Fahrzeuge auf die Mauer zusteuerten - und nicht zuletzt konnten Flüchtlinge die Ränder der querliegenden Betonstreifen als Tritthilfe nutzen.

So entstand schließlich die sogenannte Grenzmauer 75, das glatte Band aus 3,60 Meter hohen Betonformteilen, namentlich "Stützwandelement UL 12.41", hergestellt im VEB Baustoffkombinat Neubrandenburg mit Sitz in Malchin. Dass man diese Mauer nicht erklettern konnte, hatte die SED ab Mitte der siebziger Jahre sogar von Soldaten auf Truppenübungsplätzen testen lassen. Bis 1989 blieb sie erhalten.

Die maroden Vorgängerbauten hingegen gerieten in Vergessenheit, zumal das Fotografieren der Grenzanlagen auf östlicher Seite Privatpersonen streng verboten war. Die Aufnahmen der Grenzer, die Gröschner und Messmer im Archiv entdeckten, galten lange als geheim. Erst jetzt werden sie sichtbar.

Zum Weiterlesen:

Annett Gröschner, Arwed Messmer: "Aus anderer Sicht - Die frühe Berliner Mauer". Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, 752 Seiten.



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Seite 1
Kai Parthy, 02.08.2011
1.
Manche Bilduntertitel in diesem Artikel sind einfach nur geschmacklos. Dieser ganz besonders: "Zweiraumwohnung: Hierbei handelt es sich nicht etwa um einen Landsitz in der Toskana" Ich finde Bilduntertitel müssen nicht immer witzig sein! Wenigstens nicht zur Berliner Mauer.
Siegfried Wittenburg, 02.08.2011
2.
Der jüngere Bruder meines Freundes absolvierte seinen Grundwehrdienst bei den Grenztruppen. Er war ein hübscher Kerl und ein lebenslustiger Mensch. Er wurde vorzeitig entlassen. Über die Gründe war er zum Schweigen verpflichtet. Und er schwieg tatsächlich. Redete mit keinem Menschen. Blickte nur noch stur geradeaus. Verzog keine Miene, war nicht ansprechbar. Zweimal hat er versucht, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Beim dritten Mal hat es geklappt. Das Geheimnis hat er mit ins Grab genommen.
Hans Betz, 03.08.2011
3.
Einige dieser Bilder erinnern mich an Dachau und Mauthausen.
Siegfried Wittenburg, 03.08.2011
4.
"Einige dieser Bilder erinnern mich an Dachau und Mauthausen." Ich habe einmal in einer Ausstellung, es war 1994, Fotos aus der DDR und Theresienstadt in einem gemeinsamen Block präsentiert. Die Besucher haben es lange nicht gemerkt, so ähnlich waren sie. Bis es einem aufgefallen war. Dann wurden sie mir sehr böse. "Mann kann die DDR nicht mit Theresienstadt vergleichen." Nein, kann man nicht, aber die Fotos davon. Doch die Menschen in der DDR konnten diese Wachtürme nicht sehen, weil sie nicht so nah an die Grenze gelangen konnten. Mittels Propaganda wurde ein ganz anderes Bewusstsein erzeugt.
Olaf Nyksund, 17.01.2014
5.
>Doch die Menschen in der DDR konnten diese Wachtürme nicht sehen, weil sie nicht so nah an die Grenze gelangen konnten. Wenn ich mich recht erinnere, führte doch eine der S-Bahn-Linien in Berlin (Ost) sehr nah an ? oder sogar kurz über ? dem Todesstreifen. Da hatte der geneigte (Fahr-)Gast der "Hauptstadt der DDR" sehr wohl den freien, ungehinderten Blick auf die Wachtürme, Kolonnenwege mit herumfahrenden "Trabi Cabrio", Stacheldraht und ähnlichen Annehmlichkeiten. Ich kann mich aber täuschen, vielleicht habe ich es nur geträumt. Lange ist es her.
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