Anfänge der Gentechnik Klon-Fabrik auf der Südseeinsel

Menschheitstraum Unsterblichkeit: Die Nachricht von der Geburt des ersten Klon-Babys elektrisierte Anfang März 1978 die Welt - eine 17-Jährige hatte angeblich die genetische Kopie eines US-Millionärs zur Welt gebracht. Dann entwickelte sich die Geschichte zum Medienskandal.

Von Ralf Bülow

DER SPIEGEL

Es war eine Sensation sondergleichen, mit der das US-Boulevardblatt "New York Post" am 3. März 1978 die Welt aufschreckte: "Baby ohne Mutter geboren". In Kalifornien, so der Inhalt der Meldung, sei bereits Ende 1976 in aller Heimlichkeit ein künstlich erzeugtes Kind zur Welt gekommen, das mit einem lebenden Menschen genetisch identisch sei - der "erste menschliche Klon".

Schnell lief die Nachricht um den Globus. "So entstand das erste Labor-Baby", vermeldete in Deutschland die "Bild"-Zeitung. "Genetik: ,Tausendmal schlimmer als Hitler'", überschrieb das Hamburger Nachrichtenmagazin seinen Artikel in Heft 12/13 1978 und widmete der vermeldeten medizintechnologischen Revolution wenig später eine eigene Titelgeschichte: "Kinder aus der Retorte: Fortschritt oder Frevel?" hieß es im Juli 1978 auf dem Cover von SPIEGEL 31/1978.

Was war wirklich geschehen? Ausgelöst hatte den Mediensturm ein Buch des amerikanischen Journalisten David M. Rorvik. Sein Bericht mit dem Titel "In His Image: The Cloning of a Man", das Ende März 1978 im New Yorker Verlag J. B. Lippincott erscheinen sollte, war in Teilen vorab bekannt geworden und hatte schon vor der Veröffentlichung weltweit Wellen geschlagen. In Deutschland erschien das Buch unter dem Titel "Nach seinem Ebenbild - Der Genetik-Mensch: Fortpflanzung durch Zellkern-Transplantation".

Geheimlabor auf der Südseeinsel

Rorvik war ein schnauzbärtiger, in San Francisco lebender Medizinjournalist, der zeitweise als Reporter für das US-Nachrichtenmagazin TIME gearbeitet hatte. 1946 - manche Quellen nennen auch 1944 oder 1943 - in der 600-Seelen-Gemeinde Circle im US-Bundesstaat Montana geboren, hatte Rorvik in Montana und in New York studiert. 1970 hatte er sich als Autor selbständig gemacht und gleich einen Treffer gelandet: Sein Ratgeber "How to Choose the Sex of Your Baby" (gemeinsam verfasst mit dem Arzt Landrum B. Shettles) wurde zum Millionenseller. In der Bundesrepublik erschien der Leitfaden als "Junge oder Mädchen". Es folgten Titel über futuristische Biologie, über Cyborgs, Geburtshilfe und Frauenkrankheiten sowie (unter dem Pseudonym Michael Davidson) der erotische Arztroman "The Sex Surrogates".

Dann erhielt Rorvik 1976 ein Stipendium, um über die Fortschritte der Krebsforschung zu recherchieren. In kleinem Kreis sprach er davon, einen weiteren Roman mit dem Titel "The Clone" schreiben zu wollen. Daraus wurde nichts, dafür veröffentlichte Rorvik "In His Image", einen - so schien es zumindest - auf eigenen Erlebnissen basierenden, dokumentarischen Bericht über ein geheimes Klon-Projekt, der rasch die Bestsellerlisten erklomm.

In dem Buch schildert Rorvik, wie ihn im September 1973 ein älterer Millionär kontaktierte, der vom Wunsch beseelt gewesen sei, eine genetisch identische Kopie seiner selbst erzeugen zu lassen. Nach längerer Bedenkzeit tritt der Erzähler in die Dienste des reichen "Max" (der volle Namen bleibt bis zum Schluss geheim). Er vermittelt ihm "Darwin", einen Experten für Zellbiologie und Reproduktionsmedizin. 1974 nimmt auf einer Südseeinsel ein bestens ausgestattetes Labor die Arbeit auf.

Ein schwangerer "Spatz"

Das Forscherteam, verstärkt um die Ärztin "Mary" und den Pharmakologe "Paul" wählt vier junge Frauen aus, denen mehrfach Eizellen herausoperiert werden. Aus den Eizellen werden die Kerne mit der genetischen Information entfernt und Kerne von Körperzellen des Millionärs eingesetzt. Die fusionierten Zellen werden, sobald sie mit der Teilung beginnen, in die Gebärmutter der Spenderin implantiert - mit dem Ziel, den Millionär neu zu gebären.

Nahezu einhundert Kernübertragungen bei Eizellen und sieben Implantationen hätten "Darwin" und "Paul" laut Rorviks Bericht im Winter 1975/76 durchgeführt. Dann sei eine der vier Frauen, die siebzehnjährigen "Spatz", tatsächlich schwanger geworden. Zwei Wochen vor Weihnachten 1976 habe sie in Kalifornien einen gesunden Jungen zur Welt gebracht: das erste Klonbaby der Medizingeschichte

Konnte das alles wahr sein? "In einigen Fällen", verriet schon das Vorwort von "In His Image", "weichen Namen, Daten und Einzelheiten der Handlung von den wirklichen Personen und Handlungsorten ab." Aber die schonende Unwahrheit würde mit dem entscheidenden Ablauf der Dinge stets übereinstimmen.

Der Sensationserfolg - ein Schwindel

Die Fachwelt allerdings betrachtete das Buch unisono als Schwindel. Zwei Monate nach seinem Erscheinen hielt der Unterausschuss für Umwelt und Gesundheit des US-Repräsentantenhauses eine Anhörung über Zellbiologie ab, auf dem "In His Image" als Gefahr für die seriöse Forschung kritisiert wurde. David Rorvik, obwohl eingeladen, zog es vor, dem Hearing fernzubleiben.

Der britische Biologe Derek Bromhall - heute ein bekannter Dokumentarfilmer - verklagte Rorvik und seinen Verlag sogar wegen Verleumdung auf 7 Millionen Dollar Schadenersatz: "In His Image" hatte Experimente Bromhalls, bei denen er Zellkerne von Kaninchen verpflanzt hatte, mit dem Klon-Projekt in Verbindung gebracht. Man einigte sich schließlich außergerichtlich; der Brite erhielt 100.000 Dollar und einen unterwürfigen Brief des Verlagschefs mit der Aussage, dass die ganze Geschichte unwahr sei.

Sein Sensationserfolg wurde für Rorvik so zum Bumerang - als Wissenschaftsautor war er für immer erledigt. Das allwissende Internet registriert für die Zeit ab 1978 acht "Penthouse"-Artikel unter seinem Namen sowie drei Sachbücher, an denen er als Co-Autor mitwirkte. Überliefert ist außerdem ein Gruselroman, den er wiederum unter Pseudonym verfasste. Im Online-Magazin "Omni" verteidigte er 1997 noch einmal seine Genetik-Story von damals - räumte aber ein, dass er in viele Details nicht eingeweiht gewesen sei und seine weitreichenden Schlüsse auf Indizien beruht hätten.

Schnellkurs in Medizingeschichte

Etwa zur Zeit von Rorviks später Selbstrechtfertigung ging im Februar 1997 die Nachricht von einer weiteren Klon-Sensation um die Welt: Im schottischen Edinburgh war es Forschern mit der Herstellung des Klonschafs "Dolly" erstmals gelungen, ein Säugetier gentechnisch zu reproduzieren. Auch Skeptiker mussten nun eingestehen, dass sich ein Säugetier mit dem Kern einer voll entwickelten Körperzellen tatsächlich gentechnisch duplizieren lässt.

Hätte also 1976 das Klonen eines Menschen doch gelingen können, selbst wenn nicht alles so ablief wie von David Rorvik beschrieben? Die Antwort lautet Nein, denn Mitte der siebziger Jahre vermochten die Forscher erst die Kerne von unspezifizierten embryonalen Zellen zu verpflanzen, aber noch keine von adulten Zellen - ein Unterschied, den Rorvik in seinem Buch geschickt übergeht. Auch war die Gemeinde der Klonforscher damals so klein und überschaubar, dass sich ein wagemutiges Experiment wie das des angeblichen "Darwin" unweigerlich herumgesprochen hätte.

Dennoch: Gut die Hälfte von Rorviks Sensationsschrift war nicht erfunden, sondern bestand aus Schilderungen realer Forscher und ihrer Erlebnisse sowie dem Auswalzen von Fachliteratur - wobei Rorvik auch eigenen Arbeiten einschmuggelte. Diesen Passagen hatte er dann die dürre Handlung mit "Max" und "Spatz", "Darwin" und "Mary" aufgepfropft. Der umfangreichen Anmerkungs- und Quellenteil macht sein Buch immerhin zu einem Schnellkurs für die Medizingeschichte der frühen siebziger Jahre.

Heute lebt David Rorvik als freier Autor im Nordwesten der USA. Das Werk, das ihm kurzen Ruhm verschaffte, ist trotz aller Debatten um Bioethik und Stammzellen so gut wie vergessen. Eines seiner Kernelement erfuhr jedoch eine tatsächlich erfolgreiche Transplantation: Zwanzig Jahre nach Rorvik gab der US-Autor James BeauSeigneur seinem Genetik-Schmöker ebenfalls den Titel "In His Image". Darin wird - Halleluja! - Jesus Christus geklont.

Dieses Mal handelt es sich definitiv um einen Roman.

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