Anfänge von MTV in Europa Fernsehpioniere auf Koks

Anfänge von MTV in Europa: Fernsehpioniere auf Koks Fotos
Steve Blame

Er hatte kaum Ahnung von Musik - und moderieren konnte er schon gar nicht. Dennoch war Steve Blame einer der ersten Ansager von MTV in Europa. Auf einestages erinnert sich der Brite an einen Chef im Drogenrausch, Tausend-Euro-T-Shirts - und seinen Beinahe-Rauswurf wegen Homosexualität. Von Steve Blame

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Ein Freund rief mich Anfang 1987 an, um mir zu erzählen, dass MTV nach Europa kommen würde. Ich hatte damals gar keine Ahnung, was MTV überhaupt ist. Aber der Freund sagte, der Sender suche Leute und ich brauchte dringend einen Job. Ich wollte schließlich nicht für immer als Tellerwäscher in einem vegetarischen Restaurant arbeiten. Mir war überhaupt nicht klar, wie einflussreich der Sender in Amerika war und ich hatte keine Ahnung, nach was sie suchten. Ich notierte mir einfach die Adresse und schickte ihnen eine Bewerbungsmappe. So wurde ich zu Probeaufnahmen eingeladen. Erst später fand ich heraus, dass sie grundsätzlich jeden Kandidaten einluden, um zu sehen, wie er auf die Kamera reagierte.

Der Tag der Probeaufnahme kam. Ich kombinierte eine weite Latzhose mit einem trendigen T-Shirt. Ich sah aus wie ein Mitglied von Bananarama. Brian Diamond kümmerte sich um die Probeaufnahmen. Er war einer der leitenden Angestellten, die aus den Staaten rübergeschickt worden waren, um den Sender aufzubauen. Er interviewte mich, ich interviewte ihn, dann forderte er mich auf, einen Witz zu erzählen, einen Videoclip anzusagen, ihn zum Lachen zu bringen. Ich versuchte, witzig und seriös zugleich zu sein. Ich erzählte ihm, wie ich einmal beim Fallschirmspringen nach unten sah, als sich der erste Schirm nicht öffnen wollte, dort einen Kirchturm entdeckte und auf der Stelle die Beine zusammenkniff. Am Ende ging ich wieder nach Hause, ohne die geringste Ahnung, ob ich den Job bekommen würde.

Nach drei Monaten hatte MTV sich immer noch nicht gemeldet. Von Tag zu Tag wurde ich frustrierter und verlor sogar meinen Tellerwäscher-Job. Jetzt stand ich also ohne Geld, ohne Arbeit und, wie ich damals einsehen musste, ohne Zukunftsperspektive da.

Als der Anruf endlich kam, verschlug es mir die Sprache. Sie wollten, dass ich die Nachrichten des Senders präsentiere. Ich war zu aufgewühlt, um ein Wort herauszubringen. Der Assistent der Geschäftsführung am anderen Ende der Leitung dachte wohl schon, ich wäre nicht interessiert. Mehrfach fragte er: "Wollen Sie den Job?" Gleich danach rief ich die Bank an und besorgte mir eine Kreditkarte und einen Dispokredit.

Chaoschef mit Koksvorliebe

Als ich bei MTV anfing, wollte ich Eindruck schinden, indem ich um sieben Uhr früh zur Arbeit erschien. Die anderen begannen etwa ab neun einzutrudeln. Liz Nealon, die leitende Produzentin, war immer die Erste nach mir. Ich setzte mich hin und studierte Künstlerbiografien. Ich war beunruhigt: Jeder andere wusste so viel über Musik. Klar, ich war leidenschaftlicher Musikfan, aber meine Vorliebe für Clubmusik und die Mainstreamcharts wurde von der Mehrheit der Leute hier nicht geteilt. Nachdem ich ein paar Tage im Job war, fragte mich Liz, warum ich immer so früh zur Arbeit komme. Ich beichtete ihr, dass ich verunsichert war, weil die anderen so viel wussten und ich nur so wenig.

"Die tun doch bloß so", sagte sie.

"Wie, die tun nur so?", erwiderte ich.

"Jeder weiß ein kleines bisschen und stellt das dann so dar, als wüsste er alles", sagte sie.

Am nächsten Tag erschien ich um neun im Büro - die Bücher nahm ich mit nach Hause und verlegte meine weiteren Studien in die Nacht.

Das erste Büro der "MTV News" war ein einziges Chaos. Mein direkter Vorgesetzter hatte eine Vorliebe für Koks - er war dynamisch und neugierig, hatte aber keinerlei organisatorische Fähigkeiten. Wir hatten keinen Schimmer von dem, was wir eigentlich taten. Ich konnte nichtmal moderieren. Inzwischen bin ich überzeugt, dass nur die wenigsten der damaligen MTV-Moderatoren wirklich Talent hatten. Die meisten von ihnen sprangen einfach ins kalte Wasser und wurden dadurch mit der Zeit besser. Nicht alle.

MTV arrangierte ein Training, das aus einer Stunde Studiozeit bestand, in der man vom Teleprompter ablas. Eine wirklich große Hilfe war das für uns nicht. Das Training wurde bald um eine Lektion ergänzt, in der wir lernen sollten, uns selbst zu schminken. Der Sender war klein, und es stand nur ein äußerst begrenztes Budget zur Verfügung. Anfangs versuchte ich tatsächlich, mir das Make-up selbst aufzutragen, gab aber bald auf. Schließlich ging ich dazu über, mein Gesicht einfach abzupudern, wofür ich weniger als fünf Sekunden brauchte. Genauso sah es dann auch aus.

"Im europäischen Fernsehen ist jeder schwul"

Schlimmer aber war, dass wir einfach keine Nachrichten hatten, die wir verlesen konnten. Uns fehlten die Kontakte. Nicht einmal die Plattenfirmen waren daran interessiert, uns zu helfen. Wir durchsuchten die Zeitschriften und kopierten deren Storys. Wir hatten überhaupt keinen Zugang zu Popstars. MTV Europe war für sie damals einfach nicht attraktiv. Dass wir für die Party zum Sendestart dennoch einige große Stars verpflichten konnten, hatten wir maßgeblich dem Mutterkonzern in den Staaten zu verdanken. Also setzten mein Co-Moderator Chris Salewicz und ich uns für die ersten paar Sendungen Perücken auf, taten so, als wären wir Popstars und interviewten uns einfach gegenseitig.

Als der Sendestart näherrückte, erreichte der Kokainkonsum unseres News-Produzenten "Scarface"-Ausmaße. Wir versanken förmlich im Chaos. Eines Tages lud er mich zum Mittagessen ein. Während wir gemeinsam über die Camden High Street schlenderten, ging eine junge Frau an uns vorbei. "Die würde ich auf der Stelle ficken", sagte er, und als ein weiteres Mädchen an uns vorbei kam, fügte er hinzu: "Scheiße, guck dir die Alte an, die würde ich auch ficken." Dann näherten sich uns zwei Mädchen Arm in Arm. "Und die würde ich alle beide ficken." So ziemlich jedes weibliche Wesen erfuhr die gleiche Aufmerksamkeit.

Als uns schließlich ein Pärchen entgegenkam, sagte ich zu ihm: "Ich würde den ficken." Es dauerte ein paar Sekunden, bis der Groschen bei ihm gefallen war. "Du bist schwul?", fragte er. "Offensichtlich", erwiderte ich, "ist das ein Problem für dich?" "Nein, nein, das ist prima", versuchte er schnell, mich zu beruhigen. Dann legte er mir kumpelhaft den Arm um die Schulter und zog mich zu sich heran. Mir war gleich klar, dass wir ein Problem hatten. Wieder im Büro, wurde ich sofort in ein Meeting berufen, in dem diskutiert wurde, ob MTV einen Schwulen beschäftigen könne.

"Sollten wir zu diesem Meeting nicht auch Gott einladen?", fragte ich. "Immerhin war er es, der entschieden hat, dass ich schwul bin." Ich habe meine Homosexualität nie so empfunden, als hätte ich eine Wahl gehabt: Ich stand von Anfang an vor vollendeten Tatsachen. "Ja, das wissen wir. Aber hier geht es darum, ob man bei MTV schwul sein kann", sagte einer der Chefs. Ich fühlte ich mich gedemütigt. Ich fürchtete um meinen Job. Ich versuchte, mich zu verteidigen. "Ich würde nie vor laufender Kamera sagen 'Hallo, ich bin Steve Blame, und ich bin schwul'", sagte ich. Die Amerikaner sahen sich an. Das Ende meiner Karriere schien vorprogrammiert. Dann meldete sich Christine Gorham zu Wort, die österreichische Pressechefin von MTV.

"Im europäischen Fernsehen ist jeder schwul", sagte sie.

"Jeder?", kam es zurück.

"Jeder!", bekräftigte Christine.

Ihre Worte retteten mich. Ich wurde zurück an die Arbeit geschickt. Als ich den Raum verließ, zwinkerte Christine mir zu. Sie wusste genau, wie lächerlich das alles war. Rückblickend bin ich erschüttert, wie schwach ich damals war. Besonders, weil ich mir von MTV hatte vorschreiben lassen, ich dürfte nicht offen schwul sein.

Sendestart in Europas Drogenhauptstadt

Schließlich stand die Party zum Sendestart kurz bevor. An diesem Abend wollte ich so gut wie möglich aussehen. Ich hatte gerade meinen Monatslohn ausgezahlt bekommen und haute ihn komplett für ein Shirt auf den Kopf, das ein handgemaltes Bild der Mona Lisa zierte. Man konnte es nur einmal tragen. Die Farbe würde beim Waschen verlaufen. Außerdem trug ich hautenge schwarze Shorts und eine schwarze Wildlederjacke mit Fransen.

Aufgedonnert wie ein Weihnachtsbaum stand ich mit der Filmcrew an einem Bahnsteig in der Charing Cross Station und wartete auf die Ankunft der Stars. Von hier sollte ein extra gemieteter Zug alle zum Flughafen bringen, wo zwei Maschinen darauf warteten, die Gäste nach Amsterdam zu fliegen. Dort würde uns dann ein Shuttlebus zum Roxy Club bringen, der exklusiv für MTV noch vor der offiziellen Eröffnung erstmalig seine Türen öffnete. Es war derselbe Bahnsteig, auf dem ich Jahre zuvor im Fotoautomaten mein erstes Speed gezogen hatte. Diesmal war ich nervös.

Mein Auftrag war es, auf dem Weg zur Party jeden zu interviewen, den ich in die Finger bekam. Chris Salewicz, der von uns beiden der erfahrenere Musikjournalist war, hatte man tags zuvor nach Amsterdam geflogen, um dort die größten Stars zu interviewen, unter anderem Elton John, Def Leppard und Terence Trent D’Arby. Ich war erleichtert, den einfacheren Job zu haben. Denn auch wenn ich später Musiklegenden wie Madonna und Tina Turner interviewte und sogar den Papst und Gorbatschow traf - damals hatte ich erst ein einziges Interview gemacht: mit einer erst vor kurzem gegründeten Band namens Wonderstuff. Die Kombination aus cooler Indieband und panischem, unerfahrenem Interviewer hatte zum vermutlich schlimmsten Interview aller Zeiten geführt.

Während ich auf dem Bahnsteig stand, kamen Boy George und andere Koryphäen der Londoner Clubszene vorbei. Nachdem ich meine Aufgabe auf dem Bahnsteig erfüllt hatte, ging auch ich an Bord des Zugs, der sich auf den Weg nach Gatwick machte. Am Flughafen bemühte sich eine Heavy-Metal-Band, die auch eingeladen war, gerade verzweifelt, durch den Zoll zu kommen. Jedes Mal, wenn der Metalldetektor Alarm gab, legten sie ein weiteres nietengeschmücktes Kleidungsstück ab und versuchten es von Neuem. Schließlich gaben die Zollbeamten auf. Einer aus der Band fragte mich, was er mit seinen Drogen machen solle. Ich riet ihm, sie entweder zu nehmen oder wegzuwerfen. Wir waren ja gerade auf dem Weg zu Europas Drogenhauptstadt.

Kaum im Roxy angekommen, begann die Party mit einem Auftritt von Terence Trent D’Arby. Er verbrachte den größten Teil der Show mit dem Rücken zum Publikum, was uns egal war. Meine Kollegen und ich waren gleichermaßen aufgeregt und begeistert. Es war schließlich gewissermaßen unsere Nacht. Und als Elton John die Bühne betrat, um den Countdown einzuläuten, zählten wir lauthals mit. Bei null explodierte der Club in einem Feuerwerk aus Licht, und die Fernsehschirme, die überall positioniert waren, erwachten zum Leben. Die ersten MTV-Trailer flimmerten über die Bildschirme - wir waren auf Sendung. Den Kurzfilmen mit ihren innovativen Animationen folgte der Clip zu "Money For Nothing" von den Dire Straits. Sting, der gerade neben mir stand und den Song mitgeschrieben hatte, trällerte die Worte "I want my MTV".

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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Levon Melikian, 24.01.2011
Mir gefällt das Buch sehr gut, es sind witzige, wilde, skurrile Anekdoten, angereichert mit unterhaltsamem Zynismus und einer unerwarteten Portion Selbstkritik, wie man Sie wohl erst nach Jahren aus der Retrospektive hervorbringen kann. Das Buch liefert trotz seiner Kurzweiligkeit existenzielle Anstöße - umso mehr, wenn man selbst nicht weiß wie man damit umgehen soll, dass die jetzige TV Popkultur im Wesentlichen darin besteht, durch abgründige und beschämende Unterhaltungsformate einem Großteil jetziger und angehender HartzIV Empfänger vermeintlichen Halt zu geben. Ein sehr lesenswertes, unerwartetes und gut geschriebenes Erstlingswerk der Pop Literatur. Den Einstieg, den der Author hier bei Spiegel formuliert und auch den Titel finde ich sehr boulevardesk; Traurig, dass auch Spiegel meint, so reißerisch formulieren zu müssen. Es geht in dem Buch nicht um "Fernsehpioniere auf Koks" und wie kommt der Autor darauf, dass S.Blame "kaum Ahnung" von Musik hätte? Genau das Gegenteil war der Fall - als Zuschauer hat man ihm am meißten Fachkompetenz zugeschrieben. Vermutlich steht es einem Journalisten nicht gut zu Gesichte, anerkennend zu formulieren.
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