Anfang vom Ende des Kommunismus Als Jelzin auf Deutsch pöbelte

Anfang vom Ende des Kommunismus: Als Jelzin auf Deutsch pöbelte Fotos
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Störmanöver des Klassenfeindes oder Versagen des Kommunismus? 1986 sorgte der GAU in Tschernobyl bei westdeutschen Kommunisten für Unruhe - und Streit auf internationaler Ebene. Adrian Geiges wurde Zeuge, als Boris Jelzin einen hochrangigen SED-Kader anschrie: "Halt's Maul!"

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1985 wurde Michail Gorbatschow Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Schon in den ersten Monaten seiner Amtszeit pflegte er einen populäreren Stil als seine vergreisten Vorgänger und warb mit Friedensvorschlägen auch im Westen um Sympathie. Die westdeutschen Kommunisten, zu denen ich damals gehörte, erschütterte das nicht, im Gegenteil: Der Sozialismus schien in der Offensive zu sein. Erste Misstöne gab es beim Hamburger Parteitag der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) Ende April 1986, wenn auch leise.

Vier Tage zuvor war ein Teil des Atomkraftwerks im sowjetischen Tschernobyl explodiert. Tausenden drohten Strahlenschäden, es war der größte Unfall, der sich je in einem Atomkraftwerk ereignet hatte. Die DKP berührte dies peinlich. Sie kämpfte gegen Atomkraftwerke in der Bundesrepublik, behauptete aber: Im Sozialismus seien die Atomkraftwerke ungefährlich, denn dort spare keiner aus Profitgründen an der Sicherheit, der Sozialismus strebe Wohl und Gesundheit des Menschen an. Und nun das! Nur ein einziger Redner kritisierte auf dem Parteitag vorsichtig die sowjetische Atompolitik. Viele klatschten. Auch ich. Der Redner sprach uns aus dem Herzen.

Aufstand gegen die Partei

Das war etwas Neues: Bisher hatten sich die Kommunisten daran gewöhnt, Konflikte nur intern zu diskutieren, nicht öffentlich auf einem Parteitag, bei dem auch die Presse mitschrieb. Bei der DKP hieß es: "Wir dürfen innere Probleme nicht nach außen tragen. Das können die bürgerlichen Massenmedien gegen uns ausschlachten." Als wir in der Mittagspause anstanden für Erbsensuppe auf Plastiktellern, traf ich einen der Genossen, die wir damals wegen ihres Dogmatismus als "Hundertfünfzigprozentige" bezeichneten. Er äußerte sich geheimnisvoll: "Das ist nicht nur ein einzelner Abweichler, da haben viele geklatscht. Mein Arbeiterinstinkt spürt das: Da bahnt sich etwas an, gegen die Partei."

Ich zuckte innerlich zusammen. Wenn der wüsste, dass ich auch geklatscht hatte?! Ich sprach es nicht aus. Schließlich war ich selbst ein "Berufsrevolutionär", wie wir uns sahen, ein hauptamtlicher Funktionär des DKP-Jugendverbands Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ). Wie konnte ich mich da auf die Seite der Parteifeinde stellen? Oder einen solchen Verdacht über mich aufkommen lassen?

Grobe Worte von Boris Jelzin

Die Delegation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion auf dem DKP-Parteitag führte der spätere russische Präsident Boris Jelzin, damals Mitglied des Politbüros der sowjetischen KP und Parteichef der Stadt Moskau. Die Delegation der SED leitete Politbüromitglied Hermann Axen. Sie kamen an diesem Abend zusammen in der Hamburger Ernst-Thälmann-Gedenkstätte, die an den Führer der deutschen Kommunisten während der Weimarer Republik erinnert. Jelzin interessierte sich nicht für die bronzenen Heldenbüsten Thälmanns und beriet mit seinen sowjetischen Genossen, als Funktionäre der DKP von den guten Taten Teddys predigten. Jelzin dachte an Tschernobyl. SED-Führer Axen hingegen meinte, bei den Berichten über die Atomkatastrophe handele es sich um ein "Störmanöver des imperialistischen Klassenfeinds". Die Kommunisten sollten die Kritik ignorieren und "zur revolutionären Tagesordnung übergehen".

Jelzin und Axen stritten sich. Den Dolmetschern war es peinlich zu übersetzen. Axen versuchte es mit Russisch. Jelzin wurde immer lauter, schrie auf Deutsch "Halt's Maul" und "Scheiße". Er riss das Gästebuch der Thälmann-Gedenkstätte an sich und schlug damit mehrfach auf die Glasvitrinen. Mir schien, der russische Bär Jelzin würde gleich über den Zwerg Axen herfallen. Doch er schob ihn mit seiner Pranke einfach weg und verließ die Kultstätte - um der "Tagesschau" ein Interview über Tschernobyl zu geben.

So einen Konflikt zwischen zwei Kommunisten hatte ich noch nie gesehen. Und dazu noch zwischen einem der höchsten Führer der Sowjetunion und einem der höchsten Führer der DDR. Bisher hatten beide Länder an einer Front gekämpft! Ich dachte an die Worte des Hardliners: "Da bahnt sich etwas an."

Dieser Text ist ein Auszug aus Adrian Geiges Buch: "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann", erhältlich bei Amazon.

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