Angriff auf Algerier Das verschwiegene Blutbad von Paris

Wie viele Menschen starben oder verletzt wurden, weiß bis heute keiner genau: Am 17. Oktober 1961 demonstrierten in Paris Zehntausende Algerier für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Die Polizei knüppelte sie nieder, warf Tote in die Seine - und vertuschte die Gewaltorgie jahrzehntelang.

ELIE KAGAN/MHC-BDIC

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Gleich wird er sterben, da ist sich Ahmed Djoughal sicher. Wenige Meter hinter ihm fließt die eiskalte Seine träge durch Paris. Vor ihm stehen hasserfüllte französische Polizisten mit Schlagstöcken und Maschinenpistolen. Polizisten von der Sorte, die Algerier wie ihn für dreckigen Abschaum halten, als "Ratten" beschimpfen. Und an diesem 17. Oktober 1961 sind sie auf "Rattenjagd".

Schon kurz zuvor war Ahmed Djoughal zusammen mit Dutzenden anderen Algerien an der Metrostation Porte de la Chapelle im 18. Pariser Arrondissement von Hundertschaften der Polizei abgefangen worden. Die Nordafrikaner aus den Vororten waren an diesem Abend auf dem Weg zu einer nicht genehmigten Demonstration. Für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Gegen das harte Vorgehen der französischen Armee im Algerienkrieg. Gegen eine nächtliche Ausgangssperre für "algerische Arbeiter" und "muslimische Franzosen", die sie als puren Rassismus empfinden.

Die Polizei ist angewiesen, die Massenkundgebung, zu der die algerische Unabhängigkeitsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) aufgerufen hatte, im Keim zu ersticken. Unerbittlich, so berichten später Augenzeugen, knüppeln sie bereits an Busbahnhöfen und Metrostationen auf die friedlichen Demonstranten ein, bis viele schwerverletzt und blutend am Boden liegen. Danach werden sie in Polizeibussen abtransportiert. Auch Ahmed Djoughal wird brutal zusammengeprügelt. Doch für ihn und einen Landsmann hat sich die Polizei etwas Besonderes ausgedacht.

"Sie sind tot, wirf sie rein!"

Man verspricht, sie zum Arzt zu bringen. Doch einmal im Wagen, schlägt ein Polizist erneut wie entfesselt auf sie ein, bis Djoughals Begleiter bewusstlos zusammensinkt. Irgendwann hält der Wagen an einer einsamen Stelle, keine zwei Meter von der Seine entfernt. Die Verschleppten müssen aussteigen. Sie ahnen, was nun kommt.

In ihrer Todesangst schließen sich die beiden Algerier fest in die Arme, zwei wildfremde Menschen, die nicht einmal den Namen des anderen kennen. Die Solidarität reizt den Polizisten. "Verrückt vor Hass schlug er mit seinem Knüppel mit solcher Wucht zu, dass mir Gehirnmasse meines armen Begleiters ins Gesicht spritzte", berichtete Ahmed Djoughal später. "Dann hat er mir einen Schlag in den Nacken verpasst. Bevor ich bewusstlos wurde, hörte ich ihn sagen: 'Sie sind tot, wirf sie rein!'"

Doch Ahmed Djoughal ist nicht tot. Er treibt in der Seine, wird rechtzeitig wach, schafft es irgendwie ans Ufer. Schon fünf Tage später macht er seine Aussage über den Übergriff. Wie Dutzende andere Algerier, die am 17. Oktober 1961 niedergeschlagen, verschleppt, misshandelt wurden - und das Glück hatten, diese Nacht überhaupt zu überleben.

Die angebliche Schuld der Opfer

Nur: Kaum jemand wollte ihre Geschichten hören. Die Pariser Polizei verteidigte ihr hartes Vorgehen als angemessen, Politiker vertuschten für Jahrzehnte das Blutbad. Ein kritisches Buch eines Journalisten wurde verboten, Vorführungen des Dokumentarfilms "Oktober in Paris" aus dem Jahr 1962 gestürmt und das Filmmaterial beschlagnahmt. Selbst ein Großteil der Hauptstadtpresse bagatellisierte die Gewaltexzesse oder schob die Schuld dafür allein den Algeriern zu.

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Polizeigewalt: Die vergessenen Toten von Paris

So druckte keine der renommierten Zeitungen die schockierenden Fotos von Elie Kagan, dem es als einzigen Journalisten gelungen war, unbemerkt Aufnahmen von blutüberströmten, schwerverletzten und toten Algeriern zu machen. Stattdessen schrieb etwa der konservative "Le Figaro" von der "gewalttätigen Demonstration der Algerier" und fügte im offiziösen Tonfall hinzu: "Dank der Wachsamkeit und des schnellen Einsatzes der Polizei konnte das Schlimmste verhindert werden."

Dabei belegten Fotos und Augenzeugenberichte schon damals, dass die allermeisten der rund 30.000 Demonstranten friedlich blieben. Die Algerier hoben sogar im vorauseilendenden Gehorsam ihre Hände, sobald sie in die Nähe der Polizisten kamen, um zu zeigen: wir sind unbewaffnet. Die überwältigende Mehrheit hatte sich an die Aufforderung der FLN-Organisatoren gehalten, "nicht einmal eine Stecknadel" auf die Kundgebung mitzunehmen.

Die verschwiegenen Toten

So ergab sich nach dem 17. Oktober 1961 eine groteske Situation: Das demokratische Europa hatte soeben eine der schlimmsten Gewaltorgien der Nachkriegszeit erlebt, doch in Frankreich schienen sich alle wichtigen Akteure darauf geeinigt zu haben, den Opfern keine Stimme zu geben. Und das staatlich verordnete Schweigen war erfolgreich - besonders, als ein Jahr nach dem Blutbad der Krieg in Algerien endete und Charles de Gaulle die einstige Kolonie in die Unabhängigkeit entließ. Hunderttausende Franzosen hatten in Algerien gekämpft, sie waren dem Terror der FLN ausgesetzt gewesen, hatten aber auch die Folter und Kriegsverbrechen der eigenen Truppen erlebt. Jetzt wollten sie von all dem nichts mehr wissen.

Und so ignorierten sie die Entgleisungen der Polizei, die nicht nur in den von vielen Algeriern bewohnten Vororten und Elendsvierteln stattfanden, sondern mitten in Paris, am Place de la Concorde, in der Nähe der Kirche Saint-Michel und des Triumphbogens. "Was machen diese Ratten auch hier?", riefen manche Franzosen laut Augenzeugen sogar aus. "Sie sollen bei sich bleiben!".

Denn Tausende Pariser hatten die Toten auf der Straße liegen gesehen. Sie hatten erlebt, wie sich etwa einige Algerier in Panik in das Verlagsgebäude der kommunistischen Zeitung "L’Humanité" retten wollten - die den Flüchtenden kurzerhand die Rollgitter vor der Nase herunterließ. Sie wussten, dass bis November 1961 noch 150 Leichen aus der Seine gefischt wurden, sie kannten die Klagen der algerischen Frauen, die nach ihren vermissten Männern suchten. Und doch hinterfragte und kritisierte, von wenigen Journalisten und Intellektuellen abgesehen, kaum jemand die amtliche Bilanz: Drei Tote, darunter ein Franzose, der an Herzversagen verstorben sei. 77 Verletzte, davon 13 Polizisten.

Schlachtfeld Paris

Das wahre Ausmaß der Gewalt, das Historiker erst seit Anfang der neunziger Jahre erforschten, dürfte weit verheerender gewesen sein. Jean-Luc Einaudi, der die Ereignisse anhand von Zeitzeugenberichten minutiös rekonstruierte und mit seinem Buch "Die Schlacht um Paris" 1991 als erster Wissenschaftler das kollektive Schweigen zu durchbrechen versuchte, geht von 200, möglicherweise sogar 300 Toten aus. Zurückhaltendere Schätzungen belaufen sich zumindest auf 50 Opfer. Zudem wurden noch 11.000 Algerier tagelang in Pariser Sportstadien kaserniert; auch hier soll misshandelt und getötet worden sein.

Doch nicht einmal Einaudis bewegendes Buch konnte die Franzosen aufrütteln; es fand zunächst kaum Beachtung. Und das, obwohl der Historiker auch Augenzeugen zitierte, die unverdächtig waren, die Ereignisse übertrieben zu schildern - etwa Polizisten und Ärzte, die von "Blutlachen", "Schlachtfeldern" und "Leichenbergen" berichteten.

Es mussten erst die Verbrechen eines Nazi-Kollaborateurs an die Öffentlichkeit gelangen, um die Mauer des Schweigens zu durchbrechen: 1998 wurde der ehemalige Finanzminister Maurice Papon in einem spektakulären Prozess schuldig gesprochen, im Zweiten Weltkrieg die Deportation von mehr als 1500 Juden angeordnet zu haben. Damit wurde jener Mann für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, der am 17. Oktober 1961 als Polizeipräfekt in Paris für die Niederschlagung der Demonstration zuständig war.

Freischein zur Selbstjustiz

Jetzt witterten die Medien ein weiteres dunkles Kapitel in der Vergangenheit des Maurice Papon. Und plötzlich fragte sich ganz Frankreich, was genau an jenem 17. Oktober passiert war – und wie der Hass so explodieren konnte, in einer Nation, die so stolz ist auf Meinungsfreiheit und Bürgerrechte.

Es war ein Gewaltausbruch mit Ansage. In den Monaten vor der Demonstration war es immer wieder zu Angriffen der FLN auf die französische Polizei gekommen; von 1958 bis 1961 starben 54 Polizisten bei Attentaten, so dass in Paris schließlich eine nächtliche Ausgangssperre für die Algerier verhängt wurde. Der gnadenlose Krieg, der seit sieben Jahren in Algerien tobte, griff langsam auf Frankreich über.

In dieser hitzigen, aufgeladenen Stimmung mahnte der Gewerkschaftsfunktionär Paul Rousseau die Pariser Polizisten mit fast prophetischen Worten kurz vor dem Massaker zur Zurückhaltung. "Ja, die Nerven liegen blank", schrieb er in einem offenen Brief, aber dennoch seien Polizisten auch Familienväter mit einer moralischen Verantwortung. "Kameraden, lasst euch nicht zu unbesonnenen Taten hinreißen, handelt wie Vertreter der Justiz, und nicht wie Richter." Abschließend forderte Rousseau die Regierung auf, diesen "mörderischen Krieg" endlich zu beenden.

Doch es war nicht die Zeit für moderate Stimmen, sondern die Stunde der Scharfmacher. Polizeipräfekt Maurice Papon hatte schon am 2. Oktober einigen Polizeieinheiten nahezu einen Freischein zur Selbstjustiz ausgestellt. "Ich werde Sie decken", hieß es darin, "wenn ein Nordafrikaner erschossen wird, werden wir es so einrichten, dass er bewaffnet war."

Er habe die "Schlacht um Paris gewonnen", verkündete Papon vier Wochen nach dem blutigen 17. Oktober martialisch im Stadtrat. Und die Geschichte strafte den stolzen Sieger nicht: Zwar verlor er einen Rechtsstreit gegen den Historiker Einaudi, dem er verbieten lassen wollte, von einem "Massaker" zu sprechen. Doch wegen einer Generalamnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg begangene Verbrechen konnte Papon niemals für das Blutbad in Paris zur Verantwortung gezogen werden.

Zum Weiterlesen:

Jean-Luc Einaudi: La bataille de Paris, 17 octobre 1961, Editions du Seuil 1991.

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Manfred Leile, 17.10.2011
1.
Fehlt noch der Hinweis auf den Thriller "Cache", der auf diesen Geschenissen basiert: http://de.wikipedia.org/wiki/Cach%C3%A9_(Film) http://de.wikipedia.org/wiki/Caché_(Film)
Georg Scheffczyk, 17.10.2011
2.
Morden mit Ansage. Mich erinnert das an das Morden in Ruanda. Daß dies auch in dem einigermaßen zivilisierten Frankreich geschah, ist erschütternd. Noch erschütternder, daß sich bis heute keine Justiz hierum kümmerte, wie bei uns die Tatenlosigkeit gegenüber den Nazis. Barbarei kann also überall und jederzeit passieren, auch im "aufgeklärten" Europa. Da die Menschen nicht besser geworden sind, schützen uns nur die demokratischen Strukturen vor einer Barbarei.
Ralf Bülow, 18.10.2011
3.
2005 drehte der Franzose Alain Tasma für den Pay-TV-Sender Canal+ den Film "Nuit noire 17 octobre 1961", der später im Kino und auf DVD herauskam - siehe amazon.fr. Wie es scheint, ist er auch komplett auf YouTube einsehbar.
Wilhelm Herdering, 18.10.2011
4.
Gut, dass wir Deutsche nicht sind wie die Franzosen. Generalamnestie für die Kriegsverbrechen des Kolonialkrieges in Algerien, der Jahre nach den Nürnberger Prozessen stattgefunden hat. Igitt.
Peter Knittel, 18.10.2011
5.
Die eine Nation reklamiert die Erfindung der Demokratie für sich, die Andere die Erfindung der Menschenrechte. Zu sehen ist: Hier gilt kein Erbrecht, den Anspruch kann wohl nur die jeweilig zum Zeitpunkt lebende Generation beanspruchen - und Wissen, bzw. Verständnis ist ein schwer zu transportierendes Gut.
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