Angriff der Killertomaten Gemüse ist doch nicht gesund

Angriff der Killertomaten: Gemüse ist doch nicht gesund Fotos
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Bissiger als der weiße Hai, bösartiger als Hitchcocks Vögel und gefräßiger als sämtliche Killer-Ameisen: Vor 30 Jahren startete der "Angriff der Killertomaten" auf den guten Geschmack des Kinopublikums. Der Streifen war sofort Kult - gerade weil er als "schlechtester Film aller Zeiten" berüchtigt ist. Von

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Das Debüt geriet gleich zum großen Wurf: 1978 drehte der US-Regisseur John de Bello "Der Angriff der Killertomaten", einen C-Movie, der praktisch vom Start weg als einer der "schlechtesten Filme aller Zeiten" galt. Dieses Prädikat war jedoch keineswegs der Untergang für De Bellos Streifen, im Gegenteil. Es war die beste Reklame, die sich der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Cutter in Personalunion nur wünschen konnte - bereits nach kürzester Zeit war sein Machwerk zum Kultfilm avanciert.

De Bello, der sich schon als College-Student mit einer Super-8-Kamera an der Urfassung des Themas versucht hatte, ließ sich nicht lange bitten und drehte 1988 die "Rückkehr der Killertomaten" und 1990 "Die Killertomaten schlagen zurück". "Killer Tomatoes Eat France" kam 1991 heraus, wurde aber nicht in deutscher Sprache synchronisiert.

Was kaum jemand weiß: Einer der Darsteller von "Die Rückkehr der Killertomaten" brachte es später zu Weltruhm und füllte ganze Kinosäle. Es war Georg Clooney ("From Dusk Till Dawn", "Ocean's 11"). Und für den ersten Killertomaten-Film sang ein gewisser Matt Cameron, gerade mal 15 Jahre alt, die Schnulze "Puberty Love". Cameron sollte später Karriere als Schlagzeuger der Band Soundgarden machen.

Inflationäre Rache der Natur

Dabei war John de Bellos Killertomaten-Reihe mit ihrer Thematik nicht allein: Ähnlich wie in Deutschland kamen Umweltschutz und ökologisches Bewusstsein in den siebziger Jahren auch in den USA erstmals auf die Agenda - die Rache einer durch die Menschen ausgebeuteten Natur wurde zum Filmstoff, es gab eine regelrechte Häufung von Filmen zum Thema. Allerdings vor allem im B-Movie-Segment: "In der Gewalt der Riesenameisen" ("Empire of the Ants", 1977), "Piranha" (1978) und "Mörderspinnen" ("Kingdom of the Spiders", 1977). In diesem Film, der als einer der Besten des Genres gilt, lässt ein Schädlingsbekämpfungsmittel die Spinnen ausrasten.

Die Story vom "Angriff der Killertomaten" ist schnell erzählt: In einem geheimen Forschungslabor der Regierung mutieren völlig normale Tomaten zu riesigen, intelligenten Killertomaten. Sie drehen durch und attackieren zuerst die Bewohner einer Kleinstadt, dann das ganze Land. Ausgerechnet der stümperhafte Special Agent Mason Dixon (David Miller) und sein ebenso unfähiger Kollege Wilbur Finletter (Steve Peace) sollen das Problem lösen. Die Regierung beauftragt außerdem eine PR-Firma mit dem Namen "Meinungsmache", die Öffentlichkeit von der Gutartigkeit der Tomaten zu überzeugen. Doch am Ende hilft es alles nichts, es kommt zum obligatorischen, massiven Gegenschlag gegen das renitente Gemüse.

Wie bei vielen anderen Filmen des Genres nährt sich auch die Faszination von "Angriff der Killertomaten" aus der eher unfreiwilligen Komik. Vollkommen sinnfreie Dialoge wie: "Guck mal, eine Riesentomate... Sie hat sich den kleinen Jimmy geschnappt... wusste gar nicht, dass Tomaten so groß werden... armer Jimmy...", oder: "Ich konnte diese flüchtende Tomate aufhalten" und "Die Tomaten planen die letzte große Schlacht! Wir sind im Krieg" kann man einfach nur mit Humor nehmen.

Unfähigkeit als Konzept

Ein Trash-Film entsteht dann, wenn verwackelte Kamera, schlechter Ton, unmögliche Kostüme, unpassende Drehorte, mangelhafte Requisiten zusammenfügt - und um eine schlechte Story, schlechte Schauspieler und schlechte Dialoge ergänzt werden. Dabei gibt es keine feste Regel, ob diese Konstellation vorsätzlich oder unbeabsichtigt herbeigeführt werden muss - die Filmgeschichte ist voll von erfolgreichen Beispielen für beide Herangehensweisen.

Als Meister des Trash-Films gilt bis heute Ed Wood. Sein "Plan 9 from Outer Space" aus dem Jahre 1959 wurde 1980 als "schlechtester Film aller Zeiten" mit dem "Golden Turkey" ausgezeichnet. Trashig ist ganz zweifelsfrei die Vorgeschichte zu "Plan 9 from Outer Space": Der Legende nach suchte Ed Wood Geldgeber für sein Filmprojekt und fand sie in einer Baptistengemeinde. Allerdings hatte der warme Regen zwei Bedingungen: Ed Wood sollte später einen Film über die Bibel drehen - und alle an "Plan 9 from Outer Space" Mitwirkenden mussten sich gemäß des Rituals der Gemeinde taufen lassen. Bis heute ist übrigens nicht abschließend geklärt, welcher von beiden Trash-Film-Philosophien Wood angehörte. Die einen halten alle seine immerhin 16 produzierten Machwerke für die größten Unfähigkeitsunfälle der Filmgeschichte, andere erkennen darin geniale Kunstwerke.

Ganz so weit würden selbst die eingefleischtesten Fans des gefräßigen Gemüses bei "Angriff der Killer-Tomaten" nicht gehen. Zwar soll es Anhänger geben, die den Film als eine Anspielung auf die Paranoia vieler Amerikaner zur Zeit des Kalten Krieges interpretieren - die roten Rächer als Sinnbild für die Russen. Andere wiederum meinen, in dem Machwerk die erste Anklageschrift gegen genmanipuliertes Gemüse zu erkennen.

Dabei fasst doch schon der Titelsong die ganze Botschaft zusammen: "Attack of the Killer Tomatoes. Attack of the Killer Tomatoes. They'll beat you, bash you, squish you, mash you, chew you up for brunch! And finish you off for dinner or lunch." Damit ist eigentlich alles gesagt. Fast alles. Denn angeblich feilen Kent Nichols und Douglas Sarine ("Ask a Ninja") an einem Script für eine Neuauflage. Und wenn es nach ihnen ginge, wäre auch George Clooney wieder dabei.


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Monika von Ramin 05.09.2008
Angriff der Killertomaten - wie der Film erstmals nach Deutschland kam und auf Anhieb Kultstatus erhielt 1982 fahren zwei junge Berliner Unternehmer nach Los Angeles zum American Film Market: Lutz Albrecht "Gregor" Gregorzitza, Geschäftsführer der kleinen Berliner Werbeagentur GKM und Dr. Rolf Giesen, damals bekannt als Dr. Horror. Die beiden haben zusammen einen Filmverleih gegründet und nun sind sie auf der Suche nach ihrem ersten Film. Das Machwerk "Attack Of The Killertomatoes" wird ihnen angeboten und passt super in ihr winziges Budget: 2000 $ legen sie für die deutschen Rechte an dem Streifen auf den Tisch. Blind, denn das Werk ist weder zu besichtigen noch gibt es so etwas wie eine Filmausstattung, also keine Plakate, Poster, Filmaushänge, Trailer etc. Es gibt eine Rolle und Ende. Dafür aber gibt es Klatsch und Tratsch: Der schlechteste Film aller Zeiten, heißt es. Das turnt die beiden natürlich an, sind sie doch absolute Fans von Horror und schräger Fantasy. Daheim in Berlin wird das Machwerk erstmal auf Video umgeschnitten und einem langsam zusammenbrechenden Publikum vorgespielt. Der Film übertrifft alle miesen Befürchtungen bei weitem. Es gibt nur eine Chance, die 2000 $ irgendwie wieder einzuspielen: aus dem Dingen muss ein Kultfilm gemacht werden. Also musste die Werbeagentur und Gregors Partner Gerhard Krumm ran. Sponsorengelder mussten her, die Parole lautete: Wir schalten Werbung. Zunächst erhielt die PR-Frau des Unternehmens den Auftrag, den Film "kreativ" ins Deutsche zu übersetzen und die Untertitel zu texten. Währenddessen verkaufte Gerhard Krumm "innovative" Werbung. Die wurde dann als Obertitel über die Szenen gesetzt und es ist unstrittig, dass es genau diese Obertitel waren, die dem Film zum Kultstatus in Deutschland verhalfen. Beispiel einer Filmszene: Der Präsident der Vereinigten Staaten übt seine Unterschrift, dabei brechen ihm reihenweise Bleistifte ab. Ein Mitarbeiter hat die unangenehme Aufgabe, ihm zu verklickern, dass er nirgendwohin mehr fahren kann, weil alle seine Transportmöglichkeiten kaputt sind. Original Dialog: Though, I take Air Force One. Sorry Mr. President, Air Force One is broken. Deutscher Untertitel: Dann nehme ich Air Force One. Sorry, Mr. President, Air Force One ist im Arsch. Und nun kommt die geschaltete Werbung als Obertitel ins Bild. Nimm Transalpino, das billige Bahnticket für alle unter 25. Nachdem die ein oder andere Werbeeinblendung noch ein paar Kröten in die Kriegskasse gespült hatte, war nunmehr die Werbeagentur mit ihrer ureigensten Aufgabe betraut: Werbung zu machen. Werbung ohne Kohle, geht das? Es ging. Eine der vielen bildhübschen Auszubildenden der Agentur wurde in einem Berliner Supermarkt in der Gemüseabteilung auf der Erde als Leiche drapiert und mit Tomaten zugeschmissen. So kriegt man bildhübsche Aushangfotos. Und dann kam die BZ, Berlins größte Boulevardzeitung zu Hilfe. Auf der Stadtautobahn war ein Gemüsetransporter verunglückt. Die BZ titelte: Tomaten blockieren Autobahn. Verkehrschaos. Was die Produzenten des Films konnten, konnten die Berliner schon lange. (Die Szene mit dem abgestürzten Hubschrauber war nicht im Drehbuch vorgesehen, der Hubschrauber stürzte wirklich ab.) Es wurden also BZs ohne Ende aufgekauft, was für wunderbare, billige Aushänge für die Kinokästen. Und endlich kriegte auch mal der Cartoonzeichner der Agentur, Milli, wieder einen Auftrag, der Spaß machte. Der Film wurde also kopiert und die Master-Kopie unter- und besser: übertitelt. Mehr als eine Kopie zum Filmstart konnten sich die Jungunternehmer nicht leisten. Preview im Kino Hollywood. Ein extrem heißer Sommertag. Das Interesse an den Jungspunden war eher mäßig. Der Tip war da. Zitty. Und dpa. Alle, die an dem Filmstart mitgewirkt hatten, starben fast bei der Preview. Himmel, wie peinlich. Es war totenstill in dem Kino, niemand lachte, kein Popcorn raschelte, nur die Klimaanlage säuselte leise. Na und? Die Herren Filmkritiker (wobei es sich bei den Herren Filmkritikern um Jungs kurz nach der Allgemeinen Hochschulreife handelte), machten ernste Gesichter. Aber sie schrieben tolle Kritiken. Innerhalb von ein paar Wochen war "Angriff der Killertomaten" der Geheimtipp in Berlin. Der Film war Kult.
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