Animals-Sänger Eric Burdon "Wir kamen plötzlich an Frauen ran - das war das Wichtigste"

Dank der Bordell-Hymne "House of the Rising Sun" gilt Eric Burdon als schwärzeste weiße Stimme Großbritanniens. Hier spricht er über Udo Lindenberg, die Folgen des Ruhms und den Pop-Klassenkampf.

Musiker Eric Burdon in Hamburg (um 1970)
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Musiker Eric Burdon in Hamburg (um 1970)

Ein Interview von


Zur Person
  • David Weimann
    Eric Burdon, Jahrgang 1941, gilt seit den Sechzigerjahren als Pionier des britischen Rhythm & Blues. Der Song "House of the Rising Sun" mit The Animals machte ihn 1964 schlagartig berühmt; danach sang er in der Band War und in anderen Gruppen. Insgesamt hat Burdon gut 50 Alben veröffentlicht und feierte am 11. Mai seinen 75. Geburtstag - mit Ehefrau und Band auf Tour.

einestages: Herr Burdon, gerade sind Sie wieder auf Tournee. Der erste große Hit "House of the Rising Sun" gelang Ihnen bereits 1964 mit The Animals. Neben den Beatles, den Stones und The Who führten Sie die "British Invasion" in den USA an. Wie kamen Sie darauf, so kurz nach Bob Dylan eine Coverversion dieses Folk-Titels zu machen?

Burdon: Wir wählten diesen wunderbaren Song, der ja von einem alten Bordell in New Orleans handelt, weil wir mal etwas ganz anderes machen wollten. Ich hatte die Nummer in Folkklubs und auf Dylans Debütalbum gehört, mir war sofort klar, dass sie zu uns passen würde. Als wir "House of the Rising Sun" erstmals live spielten, war die Reaktion unglaublich.

einestages: Stimmt es, dass Sie den Song in nur einem Durchgang aufnahmen?

Burdon: So war's. Wir waren damals mit Chuck Berry, unserem Vorbild, in England auf Tour und hatten einen Tag frei. Also packten wir unser Equipment zusammen, das wir uns irgendwo, ähm, ausgeliehen hatten (grinst), und fuhren mit dem Zug nach London. Im Studio spielten wir "House of the Rising Sun" in exakt einem Take ein. Alles passte.

einestages: Und schon stürmten Sie in den USA auf Platz eins der Charts.

Burdon: Unfassbar! Bevor wir es wussten, hatten wir die Beatles von der Spitze verdrängt und gingen in der Heimat des Blues auf Tour. Ein Traum. Den Riesenerfolg hätte keiner vorhersehen können. Noch heute ist "House of the Rising Sun" eines der ersten Stücke, die man als Gitarrenschüler lernt.

einestages: Sie wurden ja bestürmt wie die Beatles. Wie wurden Sie mit dem Ruhm und der Fan-Hysterie fertig?

Burdon: Manchmal hat das richtig genervt. Wir waren gekommen, um Musik zu machen. Aber sobald wir die Bühne betraten, ging so ein Gekreische los, dass wir uns selbst nicht gehört haben. Gott sei Dank hielt der Hype nur ein Jahr an. Einen Vorteil hatte der Ruhm: Wir kamen plötzlich an Frauen ran - und das war damals das Wichtigste.

einestages: Aufgewachsen sind Sie in Newcastle-upon-Tyne im rauen Nordosten Englands. Wie sind Ihre Kindheitserinnerungen an die Nachkriegsjahre?

Burdon: Ich kann mich nicht beschweren, obwohl unsere Gegend durch die Luftangriffe der Nazis ziemlich zerbombt war. Newcastle kam mir vor wie ein riesiger Abenteuerspielplatz. Oft sind wir in den verlassenen Ruinen herumgekraxelt und haben Abfallprodukte des Krieges gesammelt, etwa leere Patronenhülsen.

einestages: Was hielten Ihre Eltern von Ihrem Wunsch, Sänger zu werden?

Burdon: Sie haben mich unterstützt. Mein Vater wollte auf keinen Fall, dass sein Sohn wie er in den Kohleminen schuften muss. Er war es, der mich zur Musik brachte. Als ich Teenager war, schenkte er mir einen Plattenspieler. Immer wenn ich Platten abspielte, sang ich dazu. Da wurde mir bewusst, dass meine Stimme ein Instrument ist.

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Musiker Eric Burdon: Mit 75 Jahren weiter auf Tournee

einestages: Wie halten Sie Ihre Stimme in Form?

Burdon: Ich trainiere sie nie. Ich betrachte meine Stimme als Geschenk und hatte das Glück, damit geboren zu sein. Sie hat sich über Jahrzehnte nicht verändert, schon als Kleiner klang ich wie ein Oldtimer (lacht).

einestages: The Animals coverten auch den Song "We Gotta Get out of This Place", der vom Vietnamkrieg handelt. War es eine politische Band?

Burdon: Wir hatten ein Bewusstsein für Rassismus und Krieg und haben Klassenkampf am eigenen Leib gespürt, da wir aus der Arbeiterklasse stammten. In gewissem Sinn waren wir also politisch. "We Gotta Get out of This Place" ist mein wichtigster Song, auch wenn ich ihn nicht komponiert habe. Kriegsveteranen verschiedener Generationen - Vietnam, Irak, Afghanistan - berichten mir noch heute, dass er ihnen geholfen habe, ihr Trauma zu verarbeiten.

einestages: Sie sagten einmal, die Animals hätten Ihnen viel Kummer und Schmerz bereitet. Wieso?

Burdon: Wir wurden von Beginn an von unseren Managern abgezockt. Dazu kam Stress mit der Plattenfirma, immer öfter gab es Streitereien. Wir wurden zu einem Haufen starrsinniger Egoisten. Trotzdem schafften wir es, zu den Anführern der "British Invasion" in den USA zu gehören und einen weltweiten Nummer-eins-Hit zu landen. Sobald aber Erfolg da ist, folgt die Gier. Unser Keyboarder Alan Price war ein Paradebeispiel. Er reklamierte die Rechte am Hit "House of the Rising Sun" unberechtigterweise für sich und verließ die Band, nachdem er sich den Löwenanteil an den Tantiemen gesichert hatte. Bis heute läuft ein Kleinkrieg, wer nun die Rechte am Bandnamen The Animals hält. Schmerz und Ärger sind also noch präsent - aber daraus wird der Blues gemacht.

einestages: Als Kreativer hat Sie die geschäftliche Seite wohl nie wirklich interessiert?

Burdon: Nie. Ich war ein leichtes Opfer für Business-Haie. Aber dieses Problem habe ich gelöst. Ich werde jetzt von jemandem gemanagt, der einen soliden juristischen Background hat und nur in meinem Interesse handelt: von meiner Frau.

einestages: Neben Größen wie John Lee Hooker, Otis Redding oder Chuck Berry standen Sie auch mit Jimi Hendrix auf der Bühne.

Burdon: Da kann ich mich glücklich schätzen. Ich war der Letzte, der mit Hendrix sang, in der Nacht vor seinem Tod. In dem Buch, das ich gerade schreibe, erinnere ich mich an die Zeit mit ihm.

einestages: Hätten Sie sich mit den Animals eine ähnlich lange Karriere gewünscht wie die Rolling Stones?

Burdon: Der große Unterschied war, dass die Stones immer ein gutes Management hatten. Eine Kontinuität hätte ich schon gut gefunden, aber dann hätte es die Gruppe WAR nie gegeben, die psychedelischen New Animals nicht und auch keine Zusammenarbeit mit Jimmy Witherspoon. Ich halte es mit Edith Piaf: "Non, je ne regrette rien" - ich bedaure nichts.

einestages: Der Bluesmusiker Bo Diddley hatte großen Einfluss auf Sie. Wie kam es dazu, dass Sie 2008 auf seiner Beerdigung in New Orleans spielten?

Burdon: Eine unserer ersten Animals-Nummern hieß "The Story of Bo Diddley". Darin stelle ich mir vor, ihn zu treffen. Ein echtes Treffen hat in all den Jahren aber nie geklappt. Seine Familie lud mich zur Trauerfeier ein, eine große Ehre. Und dort sah ich ihn dann, kurz bevor sie ihn beisetzten. Ein bewegender Moment, den ich im Song "Bo Diddley Special" verewigt habe.

einestages: Der New-Orleans-Sound spielt bei Ihnen eine große Rolle. Warum haben Sie dort nie dauerhaft gelebt?

Burdon: Ich liebe New Orleans, die Menschen, ihre Musik und die kreolische Küche - aber ich würde dort nicht lange überleben, in der feuchten Hitze. Zeitlebens bin ich Asthmatiker und in Kalifornien deutlich besser aufgehoben. In diesem trockenen Klima war es mir erstmals möglich, richtig frei zu atmen.

einestages: Als Sie Ende der Sechzigerjahre aus England nach Los Angeles zogen - war das ein Kulturschock?

Burdon: Und ob! L.A. war das genaue Gegenteil vom tristen Newcastle, ein Unterschied wie Schwarz-Weiß- und Farbfernsehen. Auf der Suche nach einem neuen Sound war mein Ziel, eine Band zu gründen, die sich anhörte wie L.A. und die Multikulti-Vielfalt der Stadt musikalisch aufnimmt. So entstand unsere Funkband WAR. In der Künstlerkolonie Laurel Canyon wohnten viele Musiker - nur fünf Minuten entfernt vom Sunset Strip mit den Klubs, in denen wir auftraten. Ein Paradies mit Eukalyptusbäumen, meterhohen Nachtjasminsträuchern und einem ganz eigenen Duft. Außerdem patrouillierte die Polizei nicht im Canyon, weil ihre Funkgeräte dort keine Verbindung hatten. Man war also relativ ungestört und frei.

einestages: Ab 1977 lebten Sie auch einige Zeit in Deutschland.

Burdon: Nachdem die Animals-Reunion gescheitert war, verließ ich Kalifornien und landete in Deutschland. Hamburg kannte ich noch aus meiner früheren Reeperbahn-Zeit mit den Animals. Dort wurde ich von Udo Lindenberg und seiner Panik-Familie aufgenommen. Ich erinnere mich an viele herzliche Menschen mit einer großen Liebe für Musik.

einestages: Das ist bald 40 Jahre her. Haben Sie heute noch Kontakt?

Burdon: Ja, Udo und ich blieben gute Freunde. Kürzlich begleitete ich ihn auf einigen seiner Konzerte. Er ist ein fantastischer Musiker und Showman. Es ist immer spannend zu sehen, mit welcher verrückten Idee er als Nächstes um die Ecke kommt. Ich freue mich, dass ihm so ein großartiges Comeback gelungen ist.

einestages: Und Ihre eigene Karriere? Wie bewerten Sie Ihr Schaffen und Ihre Zukunft heute?

Burdon: In mehr als fünf Jahrzehnten als Musiker durchlebt man viele Höhen und Tiefen. Aber dieses Jahr ist eines der erfolgreichsten und glücklichsten, die ich je hatte. Ich trat in der Carnegie Hall und der Royal Albert Hall auf und bekam Standing Ovations, meine Tournee durch Australien war ausverkauft, nun bin ich mit meiner Band unterwegs und schreibe an einem Buch. Ich plane auch, bald wieder ins Studio zu gehen. Jetzt will ich einfach meine Zeit nutzen und das Leben genießen.

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Volker franz, 11.08.2016
1. Einer der Groessten
Habe Ihn live erlebt; sein bestes Album war War! Besser kann man erlebtes Leben nicht in Sprache und Musik raushauen!
Kurt Diedrich, 12.08.2016
2. Großartig
Ich freue mich, dass Eric Burdon immer noch auf Tour geht. Möge er noch lange dazu fähig sein. "The House of the rising sun" war das erste Stück, das ich, als es erschien, auf Gitarre spielen und singen konnte und das auch mir dadurch ungeahnte Wege zum anderen Geschlecht ebnete. Ich kenne die meisten seiner LPs und habe immer versucht, seine Stimme zu kopieren, was meinen Stimmbändern allerdings nicht so gut getan hat. Live habe ich ihn vor 20 Jahren zum letzten Mal in Deutschland gesehen - mit dem großartigen Brian Auger am Keyboard. Leider stand ich direkt vor der Gitarrenbox, so dass ich danach drei Tage lang taub war. Aber großartig war's trotzdem. Bei dem Auftritt hat er übrigens, als nach "the House..." gefragt wurde, zum Publikum gesagt: "I never sing that f...ing song again".
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