Ankunft im Westen Nachtschwärmer im Grenzwald

Ankunft im Westen: Nachtschwärmer im Grenzwald Fotos
Rainer Schinzel

Mit seinen Freunden Lothar und Karin hatte der damals 17-jährige Rainer Schinzel die Flucht aus der DDR gewagt. Mitten in der Nacht erreichen sie ein bayerisches Dorf und erleben ihr erstes Zusammentreffen mit Westdeutschen. Von

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"Alles, was man zum Leben braucht, ist Ignoranz und Selbstvertrauen"

(Mark Twain)

Da standen wir nun im westlichen Wald, der genauso aussah wie der östliche. Mitternacht war vorbei und wir begannen, talwärts zu wandern, westwärts. Von Zivilisation weit und breit keine Spur. Irgendwann beschlich uns die Furcht, aus Versehen wieder auf DDR-Gebiet zu gelangen. Der Grenzverlauf war in der Tat sehr gewunden und diese Gefahr bestand durchaus. Wir beruhigten uns damit, dass wir dann wieder auf die Grenzzäune hätten stoßen müssen, aber eine leichte Unsicherheit blieb bestehen.

Irgendwann sahen wir in der Ferne Lichter, auf die wir zusteuerten. Es war ein Dorf, von weitem sah man ihm aber nicht an, ob es von Sozialisten oder Kapitalisten bewohnt war. Wir würden es herausfinden. Als wir die ersten Häuser passierten, rätselten wir noch immer. Ein Ortsschild hatten wir nicht gesehen. Die Bewohner schienen alle in tiefem Schlaf zu liegen. Endlich sahen wir erhellte Fenster. Es war die Dorfkneipe, darin war noch Betrieb. Außen hing ein Zigarettenautomat, der uns offiziell bestätigte, dass wir im gelobten Land waren. Wir wollten die Gastwirtschaft betreten, aber die Tür war verschlossen. Betriebsamkeit war noch zu erkennen, wir klopften an die Tür.

"Geschlossen", rief jemand von drinnen. "Hier ist nur noch geschlossene Gesellschaft." Wir klopften weiter, bis ein verärgerter Mensch erschien, dem wir erzählten, wie und woher wir vor seine Tür gelangt waren. Er glaubte uns nicht. "Da kommt doch mittlerweile keiner mehr rüber", war seine Ansicht, die wir sofort durch Herzeigen eines unserer Personalausweise widerlegen konnten. Daraufhin wurden wir in die Kneipe gebeten. Einige Nachtschwärmer hockten da und betrachteten uns mit Interesse.

Einen Halben vom Bundesgrenzschutz

Einer der Gäste war Angehöriger des Bundesgrenzschutzes, in Zivil und außer Dienst, aber nüchtern genug, um die Situation in die Hand zu nehmen. Er bestellte jedem von uns erstmal einen Halben, zu essen gab's um diese Zeit (etwa 1:30 Uhr) längst nichts mehr. Er telefonierte mit seiner Dienststelle in Ludwigsstadt, und wir erfuhren, dass wir abgeholt werden würden. Bis dahin war Gelegenheit, einen weiteren Halben spendiert zu bekommen - es gefiel uns im Westen.

Es war nach zwei Uhr nachts, als ein VW-Käfer mit einem Uniformierten vorfuhr. Er brachte uns von Lauenstein nach Ludwigsstadt, zum Bahnhof. "Jetzt schlaft euch erst mal aus, morgen früh geht's weiter", mit diesen Worten lieferte er uns bei der Bahnhofsmission ab. Dort nahmen uns zwei ältere, christliche Damen in Empfang, die wohl von ihm schon informiert worden waren, denn sie hatten schon Schlafstätten für uns parat, in getrennten Räumen, Männlein und Weiblein getrennt.

Das war uns nun gar nicht recht. Aufgekratzt wie wir waren, beflügelt durch zwei halbe Liter bayerischen Bieres, wollten wir zusammen in einem Raum bleiben, um uns weiter unterhalten zu können. Da hatten wir die Rechnung ohne die dort herrschende christliche Moral gemacht. Das ging nun wirklich nicht.

Seelenheil und Kaffeeduft

Das sollte der freie Westen sein? Da war man ja in der DDR großzügiger. Murrend fügten wir uns den Gegebenheiten. Es war ja nun auch an der Zeit, tatsächlich schlafen zu gehen.

Besorgt um unser und ihr Seelenheil kontrollierten die ansonsten hilfreichen und freundlichen christlichen Damen alle halbe Stunde, ob auch jeder in seinem Bettchen geblieben war für den Rest der Nacht. Schlimmer als im Internat, konnte ich noch denken, dann fielen mir doch die Augen zu.

Geweckt wurde ich von Kaffeeduft, der nicht im Mindesten an Bohnenkaffee erinnerte. Trink Kathreiner, war die Devise. Sonntagmorgen, der 24. März 1963, brach an. Was würde der erste Tag im Westen für uns bereithalten?

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