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Anschlag in Mekka 1979 Die Blutspur des Terrors

Attentat in Mekka 1979: Wie der Terror radikaler Islamisten begann Fotos

Bei einem Angriff auf die Große Moschee in Mekka starben 1979 fast tausend Menschen. Um die Terroristen zu besiegen, ging Saudi-Arabiens Regierung einen faustischen Pakt ein - mit Folgen bis heute: Es war die Geburtsstunde islamistischen Terrors. Von

"La ilaha ila Allah" - mit dem Ruf "Es gibt keinen Gott außer Gott" beginnt das Morgengebet aus den Lautsprechern der sieben Minarette der Moschee von Mekka. Es ist 5.18 Uhr am 20. November 1979. Tausende arglose Gläubige haben sich im Innenhof versammelt, denn es ist ein besonderer Morgen: Ein neues Jahrhundert nach islamischer Zeitrechnung hat begonnen, der 1. Muharram des Jahres 1400.

Noch ahnt die Welt nichts davon, dass hier, an der heiligsten Stätte des Islam, der islamistische Terror seinen Anfang nimmt. An diesem Novembermorgen stürmt eine bewaffnete Horde sunnitischer Fundamentalisten die Moschee, unter Führung von Dschuhaiman Ibn Seif al-Uteibi, ehemaliger Korporal der saudischen Nationalgarde. Pilger sind tagelang Geiseln, bevor das saudische Militär eingreift und die Aktion nach zwei Wochen endet - in einem Blutbad mit etwa tausend Toten.

In Saudi-Arabien ist der Anschlag bis heute ein Tabu und gilt dort offiziell als Werk einer kleinen, isolierten Gruppe religiöser Fanatiker, ohne Verbindung zum Terror der Gegenwart. Die Verdrängung hatte selbst im Westen Erfolg. Dabei ist Dschuhaiman, Anführer der Rebellen von Mekka, längst ein Idol der Dschihad-Fürsten. So bekannten sich Osama Bin Laden und Abu Musab al-Sarkawi, Qaida-Anführer im Irak, offen zum Kampf des Fanatikers gegen die Ungläubigen und für einen reinen Islam. Auch Ideologie und Propaganda der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) basieren auf den Schriften Dschuhaimans, die heute in weiten Teilen der muslimischen Welt ein Verkaufsschlager sind.

Frohe Botschaft vom Ende der Welt

Der aus der Ukraine stammende Journalist Yaroslav Trofimov hat 2008 ein Buch über die Hintergründe und Folgen des Überfalls auf die Große Moschee veröffentlicht. Spätestens seitdem sehen Islamexperten und Historiker die Attacke als Geburtsstunde des islamistischen Terrors. In Mekka beginnt die Blutspur durch die islamische Welt in den Westen bis nach New York, Madrid, London und Paris.

Am warmen, sonnigen Morgen des 20. November 1979 lauschen im Moschee-Innenhof Tausende Männer knieend dem Gebet des Imam, als die ersten Schüsse fallen. Ein Sakrileg - an dieser heiligen Stätte ein Gewehr abzufeuern, ist eine schwere Sünde. Flucht ist unmöglich, die vielen Tore der Moschee sind mit schweren Ketten verschlossen. Vor dem Steinbau hat ein Mann mit schulterlangem lockigen Haar dem Imam das Mikrofon entrissen und ruft militärische Befehle.

TV-Doku: Der Heilige Krieg - Die schnelle Ausbreitung des Islam
Schwer bewaffnete junge Männer laufen auf den Steinbau der Kabaa zu, das Zentralheiligtum des Islam. Sie schleppen Maschinengewehre auf die Minarette und teilen die Pilger nach Nationalitäten auf; Dolmetscher übersetzen. Denn alle sollen die Botschaft verstehen, die der Anführer über die Lautsprecher der Moschee an die Welt sendet: Endlich erfülle sich eine uralte Prophezeiung - das Weltende und der finale Sieg des Islam über den Unglauben stünden unmittelbar bevor.

Wer ist der Mann mit dem schwarzen Lockenkopf, dieser Dschuhaiman (übersetzt: "der Finstere"), der Tausende Gläubige als Geiseln nimmt? Zu dieser Zeit ist der strenggläubige Wahhabit, 1936 in einer Beduinenfamilie geboren, bereits ein prominenter Gegner des saudischen Königshauses und der rasenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung, die das Land mit dem Ölboom erlebt. Kinos, Klubs, Kunstausstellungen sind in seinen Augen so wenig mit dem Islam vereinbar wie Fußballspiele, Fernsehen oder materieller Luxus generell.

Der Auserwählte ist erschienen

Dschuhaiman attackiert auch das Königshaus, dessen Mitglieder auf Auslandsreisen im Westen allen erdenklichen Lastern frönen. Begeisterte Anhänger gefunden hat er unter jungen Arabern, die an den Universitäten von Medina, Mekka und Riad wahhabitischen Islam studieren. Im saudischen Studenten Mohammed Abdullah al-Kahtani glaubt Dschuhaiman den Mahdi zu erkennen: jenen von Gott gesandten Auserwählten, der in einem apokalyptischen Krieg gegen Christen und Juden siegen, eine ideale Gesellschaft gründen und die fürderhin islamische Welt regieren werde. Der Überlieferung zufolge soll der Mahdi zu Beginn eines neuen muslimischen Jahrhunderts an der Kaaba in Mekka erscheinen.

Bereits im Herbst 1978 beschließt Dschuhaiman den Sturm auf Mekka. Am 20. November 1979 verkündet er dort das Weltende und präsentiert seinen Freund als Mahdi. Im Schatten der Kaaba stellt sich Mohammed Abdullah mit der Maschinenpistole in der Hand neben ihn. Die Inszenierung verfehlt ihre Wirkung nicht. Die Pilger im weiten Rund des Innenhofs leisten den Eid der Bai'a, mit dem schon die frühen Muslime dem Propheten Mohammed die Treue schworen. Danach lassen die Rebellen die meisten Gläubigen frei. Sie sollen die gute Nachricht über das Erscheinen des Mahdi verbreiten.

Der saudische König Chalid will derweil das Militär gegen die Terroristen in Gang setzen - aber der Prophet hat ausdrücklich das Kämpfen in der heiligen Stadt Mekka untersagt. Helfen kann da nur eine Fatwa, ein religiöses Gutachten. Die von Chalid angerufenen Religionsgelehrten in Riad stehen allerdings vor einem Dilemma: Den ausgerufenen Mahdi erkennen sie nicht an. Aber sie teilen durchaus die fundamentalistischen Ideale der Rebellen und die Kritik an der Modernisierung in Saudi-Arabien.

Eine Fatwa mit Folgen

Und so handeln die Gelehrten mit König Chalid einen folgenreichen Deal ab: Ihre Fatwa soll dem Regime ein gewaltsames Ende des Geiseldramas ermöglichen. Im Gegenzug verpflichten sich die saudischen Herrscher, die gesellschaftliche Liberalisierung zurückzudrängen. Zudem soll das Königshaus einen Großteil der Milliardenerlöse aus dem Ölhandel zur weltweiten Verbreitung des wahhabitischen Islam einsetzen. Faktisch zwingen die Religionsgelehrten das Königshaus, sich Dschuhaimans Programm zu eigen zu machen, um ihn loszuwerden. So verändert sich Saudi-Arabien wieder zurück in einen islamisch-konservativen Staat.

Unterdessen verbreiten sich im ganzen Land Gerüchte über die Ereignisse von Mekka. Auch US-Diplomaten haben nur Informationstrümmer. In Washington nimmt man irrtümlich an, hinter dem Terror stecke das schiitische Ajatollah-Regime in Iran, kurz zuvor an die Macht gekommen. Iran reagiert empört und beschuldigt seinerseits die USA und Israel. Die Spekulation über die angebliche Attacke der Ungläubigen auf das Heiligtum ergreift rasend schnell die gesamte muslimische Welt. In Pakistan geht die US-Botschaft in Flammen auf, auch in Indien und Bangladesch werden US-Konsulate attackiert.

In Mekka beginnt nach zwei Tagen der militärische Kampf um die Große Moschee. Später gibt die saudische Regierung die Zahl der Toten mit etwa 300 an. Unabhängige Beobachter und Zeugen indes schätzen sie auf etwa tausend auf beiden Seiten; das nimmt Yaroslav Trofimov in seinem Buch als realistisch an. Das Bauwerk wird erheblich beschädigt. Die Besetzer ziehen sich in den Kabu zurück, das unterirdische Labyrinth der Moschee, und halten sich fast zehn Tage lang verschanzt. Dann gelingt es dem saudischen Militär, die Gegenwehr zu überwinden - eine französische Anti-Terror-Einheit hilft dabei, die Rebellen durch Tränengasgranaten auszuräuchern. Als die Soldaten die Stahltür des letzten besetzten Raums aufsprengen, kauert Dschuhaiman al-Uteibi mit einem Dutzend Männer erschöpft am Boden.

Der Unsterbliche ist tot

Erst am 4. Dezember 1979 ist die Besetzung der Moschee beendet. Tags darauf zeigt das saudische Fernsehen die Leiche des bei den Kämpfen getöteten Mohammed Abdullah, des angeblichen Mahdi, der doch unsterblich sein soll. Dschuhaiman wird am Morgen des 9. Januar 1980 in Mekka vor Tausenden Zuschauern geköpft. Auch 63 Mitverschwörer werden hingerichtet; es überleben nur jene, die jünger als 16 Jahre sind.

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Afghanistan-Invasion 1979: Das sowjetische Waterloo
Dass Dschuhaiman zu einem Idol kommender Terrorfürsten werden könnte, hält man nicht für möglich. Washington legt den Anschlag von Mekka schnell zu den Akten und schließt sich Riads Darstellung eines Angriffs durch religiös verwirrte Einzeltäter an. Dahinter steckt Pragmatismus. Denn am 12. Dezember 1979 hat die Sowjetunion den Einmarsch in Afghanistan beschlossen; die USA wollen nun die islamische Wut umlenken.

Mit Geld, Waffen sowie Hilfe des saudischen Königshauses formieren die Amerikaner eine Front fundamentalistischer Islamisten gegen die sowjetischen Invasoren. Zugleich bauen sie mit Zustimmung der Saudis einen gewaltigen Armeestützpunkt im Sultanat Oman und verpflichten sich zum militärischen Beistand aller Staaten in der Golfregion, die von außenpolitischem Interesse für die USA sind. Diese von der Carter-Regierung beschlossene Doktrin gilt bis heute.

Damit ist die massive US-Präsenz am Golf auch eine Folge des Anschlags auf Mekka. Diese Militärpräsenz aber, so schreibt der Journalist Yaroslav Trofimov, hat Scharen von Heiligen Kriegern motiviert, sich Organisationen wie al-Qaida und IS anzuschließen.

Zum Autor
  • einestages-Autor Andreas Förster (Jahrgang 1958) ist freier Journalist in Berlin und beschäftigt sich vor allem mit Zeitgeschichte, der Arbeit von Geheimdiensten und dem Thema politischer Extremismus. Eine längere Fassung seines Beitrags über den Anschlag von Mekka erschien im Magazin "Dummy".
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