Ansichtskarten Irrsinn per Post

Ansichtskarten: Irrsinn per Post Fotos
Sammlung Peter Weiss

Männer mit Pferdeköpfen und Frauen, die aus Krawatten wachsen: Das blühende Geschäft mit der Ansichtskarte verleitete Verlage zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu absurden Motiven - und erschütterte den Glauben an die Wahrhaftigkeit der Fotografie. Von Alice Kohli

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Otto Busse machte sich um die berufliche Zukunft seines Sohnes Sorgen. Fotografie? Damit würde er es nicht weit bringen, dessen war sich der angesehene Berliner Immobilienunternehmer sicher. Also baute er seinem Sohn kurzerhand ein Hotel auf Sylt, damit er aus seinem Leben etwas Anständiges machen konnte.

Gehorsam übernahm Georg Busse das für ihn errichtete Hotel "Miramar" in Westerland und ließ dafür seine Arbeit in Berlin sausen. Das Hotelgeschäft war tatsächlich lohnender als die Maloche in den Postkartenverlagen. Für sie hatte Georg Busse Fotomontagen für Ansichtskarten gefertigt - und war damit einer der ersten Fotomonteure der Welt.

Eigentlich eine Sensation. Aber die Wertschätzung für Georg Busses Innovationen blieb Anfang des vergangenen Jahrhunderts komplett aus. Postkartenfotografie war zu jener Zeit Fließbandarbeit: Mehr als 30.000 Menschen arbeiteten in der Herstellung. Hinzu kamen unzählige Postkartenhändler und eine Vielzahl Frauen und Kinder, die in schlechtbezahlter Heimarbeit Applikationen auf die Karten klebten.

Postangestellte überfordert

Postkarten waren der Verkaufshit schlechthin. Zu ihrer Einführung stürmte die Berliner Bevölkerung die Postämter und verschickte allein am ersten Verkaufstag rund 45.000 Karten. Dabei waren diese damals, im Jahre 1870, noch schmucklose Pappstücke. Erst rund zwanzig Jahre später begannen Verlage, Bilder auf die Karten zu drucken - und lösten damit einen Hype aus, der manchen Postbeamten zur Verzweiflung trieb.

Die ersten Motive waren Stadtansichten - bald schon ließ jede Ortschaft solche Karten drucken. Besonders an Urlaubszielen wurden sie gleich stapelweise gekauft. In die vollgestopften Briefkästen an Stränden und Seebädern passte zeitweise kein einziges Stückchen Karton mehr. Hartnäckige Absender reihten sich in langen Schlangen vor den Postschaltern, um den überforderten Postangestellten ihre Karten persönlich zu übergeben. Die Dienststellen der Postverwaltung waren überlastet, die Briefmarken gingen aus.

Die Postkarte war damals das schnellste und zuverlässigste Kommunikationsmittel, billiger als ein Brief oder ein Telegramm - und weiter verbreitet als eine Zeitung. Als am 26. September 1908 in Berlin eine Hochbahn auf einem Viadukt entgleiste, wusste das spätestens am darauffolgenden Tag ganz Deutschland - dank einer Postkarte. Das Bild des Unglücks wurde sofort in großer Auflage gedruckt, an die Verkaufsstellen verteilt und dann von der Bevölkerung Berlins zehntausendfach in alle Ecken des Landes verschickt.

Schöne Frauen für jedermann

Unfall-Berichterstattung, laszive Frauen, kuriose Szenen - die Postkarte wurde mit allem bedruckt, was man heute in einer Boulevardzeitung findet. Eingefleischte Postkartenfans begannen, die Bilder in Alben einzuordnen und sie untereinander zu tauschen. Postkarten wurden zum ersten Sammelfetisch kleiner Leute - ähnlich wie die Sammelbildchen von Schokoladenverpackungen.

Mit ihren Postkartenalben konnten sich Arbeiterfamilien die große Welt in die gute Stube holen. Ansichten ferner Städte wurden genauso eifrig gesammelt wie Porträts von Generälen und Adligen. Es gab Karten mit wilden Tieren und schönen Frauen, Karten mit Veilchenduft und solche, an denen man drehen und ziehen konnte, bis ein anderes Bild erschien.

Die Möglichkeit, Bilder zu besitzen, zu sammeln und sie gegen noch schönere Bilder einzutauschen, war ursprünglich ein unerhörter Luxus. Nur Wohlhabende konnten sich Bilderbücher leisten. Nun aber gab es Postkarten - mit einem Stückpreis von rund zehn Pfennigen waren sie das billigste Druckprodukt überhaupt. Wer also geduldig sammelte, konnte sich sein eigenes Bilderbuch basteln - und es noch dazu ausschließlich mit seinen Lieblingsbildern bestücken.

Absurde Abbildungen

Doch so gut sich ein Motiv auch verkaufte: Kaum eine Postkarte hielt sich längere Zeit auf dem Markt. Die Sammler, die sich auch "Kartophile" nannten, lechzten nach neuen Bildern und ungewohnten Motiven. Grafiker und Fotografen mussten im Tagesrhythmus neue Ideen entwickeln, um die Kundschaft bei Kauflaune zu halten. Manches Sammleralbum wurde damit zum Panoptikum der Skurrilitäten: Männer mit Pferdeköpfen, Pferde mit Hundeköpfen und Hunde in Männerkostümen - alles Erdenkliche wurde auf den Karten verewigt.

Diese absurden Abbildungen, die eigentlich keinen Zweck erfüllten, außer absolut hanebüchen zu sein, nannten die Kartophilen später etwas hilflos "Phantasiepostkarten". Historisch gesehen sollte ihnen aber eine viel monumentalere Bezeichnung zustehen. Sie waren die Wegbereiter der Bildbearbeitung, gewissermaßen die Urahnen heutiger Science-Fiction-Filme. Kartoffeln von der Größe eines Wildschweins und aus Krawatten wachsende Frauenkörper - sie erschütterten den Glauben an die Wahrhaftigkeit der Fotografie ein für allemal.

Die skurrile Bildwelt, die Tagelöhnern und Handwerksgesellen gefiel, zog auch etablierte Künstler magisch an. Als hätten sie in der Gosse einen Goldschatz entdeckt, stürzten sich Salvador Dalí, André Breton und Louis Aragon auf die Phantasiepostkarten. Wie gewöhnliche Sammler tauschten sie die Motive untereinander aus und stritten sich um die besten Objekte. Mancher soll sogar ein teures Gemälde geopfert haben, um an eine schöne Postkartensammlung zu kommen. Das Arme-Leute-Hobby hatte sich zum Inspirationsquell für die Kunst-Avantgarde gemausert.

Dada pur

Wenn Künstler Postkarten verschickten, dann machten sie auch daraus große Kunst: Sie klebten Karten zu Collagen zusammen, verzierten sie mit Zeitungsschnipseln und privaten Fotos. Der deutsche Fotograf Erwin Blumenfeld etwa verschickte eine Karte mit seinem eigenen Gesicht - das er auf einen nackten Frauenkörper geklebt hatte. Sie war an Tristan Tzara adressiert, den Urvater der Dada-Bewegung, die dafür berühmt war, herkömmliche Kunstformen zu parodieren.

Für Hannah Höch waren die Phantasiepostkarten ohnehin die Vorreiter des Dadaismus. Die Collagenkünstlerin entdeckte Dada in einer völlig sinnfreien Postkarte: Zwei Strichmännchen mit Schuh, Schirm und Melone, darüber die etwas verfehlte Überschrift "Man geht mit" - Dada pur.

Hannah Höch war von Postkarten so angetan, dass sie Schnipsel davon in ihren eigenen Kunstwerken verwertete. Aus harmlosen Bildern von hübschen Damen schnitt sie unbequeme Porträts: Chimären aus Tier und Mensch oder Schädel, aus denen Blumen wuchsen. In ihrer Postkartensammlung wurde zudem eine kleine, handgeschriebene Notiz gefunden: "Vorgänger der Photomontage u. der Collage" stand da in krakeliger Schrift geschrieben. Damit hatte die Künstlerin die Bedeutung der Postkarten treffend zusammengefasst.

Das Kleingeld der Kunst

Bald begannen Künstler, selbst Postkartenserien zu entwerfen. Die industriell gefertigten Karten nach den Vorlagen von Salvador Dalí, Joan Miró oder Marcel Duchamp erreichen heute in Sammlerkreisen exorbitante Preise. Das "Kleingeld der Kunst", wie Paul Eluard die Karten nannte, wurde in "Banknoten der Kunst" gewechselt. Die Urväter der Fotomontage aber, die wie Georg Busse im Niedriglohn für die Postkartenverlage arbeiteten, erreichten ihr Leben lang keine Huldigungen der Kunstgilde.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ebbte die Sammelwut der Kartophilen ab, und das Telefon übernahm die Rolle des schnellsten Kommunikationsmittels. Auf Sylt begann Georg Busse - der Pionier der Fotomontage - zu malen und Theater zu spielen. Die Fotografie ließ ihn aber nie ganz los: Auf einem Werbeplakat pries er neben einem Lese- und Musikzimmer für die Hotelgäste auch eine "Photographische Dunkelkammer für Amateure" an.

Das Museum Folkwang Essen zeigt bis zum 21. September 2008 in einer Ausstellung "Frankierte Fantastereien. Das Spielerische der Fotografie im Medium der Postkarte".


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