Auf Skiern zum Südpol "Ich kann die Stille hören"

Auf Skiern zum Südpol: "Ich kann die Stille hören" Fotos
Kjell Ove Storvik

Gefährliche Rekordjagd bei minus 30 Grad: Ein Norweger und zwei Briten lieferten sich 80 Jahre nach Amundsen und Scott einen Wettlauf zum Südpol - ohne Schlittenhunde oder Schneemobile, nur mit Muskelkraft. Eine Expedition wurde zur Traumreise - die andere zum Horrortrip. Von

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Am Anfang seiner Reise sah alles nur weiß aus. Die Antarktis, ein öder, lebensfeindlicher Kontinent aus Eis. Ein weißes Nichts.

Dann, ganz langsam, entdeckte Erling Kagge Farben in diesem Nichts. Hier ein bisschen Blau. Dort ein wenig Rot und Grün, da hinten etwas Gelb! Und dann auch noch diese unzähligen Varianten von Weiß.

Es kam ihm wie ein Wunder vor. Auch die Formen der Landschaft sah er auf einmal mit anderen Augen. Nach 21 Tagen in der Antarktis schrieb der Norweger am 8. Dezember 1992 in sein Tagebuch:

Zu Beginn meiner Expedition (…) bestand die Schönheit (der Landschaft - d. Red.) in der unendlichen Einförmigkeit. Seitdem haben sich meine Sinne weiterentwickelt und ich erlebe die Nuancen der Natur ausgeprägter als je zuvor. Selbst Ebenen können wirklich schön sein.

Neues Wettrennen zum Südpol

Das war ein erstaunlicher Wandel. Im November 1992 war Erling Kagge aufgebrochen, um als erster Mensch ohne Unterstützung (etwa durch Schlittenhunde oder Schneemobile) zum Südpol zu gelangen. Es ging ihm um einen der letzten möglichen Rekorde in einer längst durcherforschten und kartografierten Welt - und er hatte harte Konkurrenten: Zwei britische Abenteurer wollten zeitgleich ebenfalls nur auf Skiern den Südpol erreichen.

Es war, genau 80 Jahre nach dem welthistorischen Duell zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Briten Robert Falcon Scott, eine Art Neuauflage des Wettrennens zum Südpol.

Am Ende kam alles anders. Heute, 20 Jahre nach seiner Rückkehr vom Südpol, sagt Kagge: "Aus der Expedition zum Pol wurde eher eine Expedition in mein Inneres als zu einem geografischen Punkt. Ich habe mehr über mich gelernt als über die Antarktis."

Einsame 1300 Kilometer

Er wusste schon damals, dass seine Reise ein absurdes, wissenschaftlich wenig nützliches Vorhaben war. Aber er, eigentlich ein nüchtern denkender Jurist, bekam diese Idee einfach nicht mehr aus seinem Kopf. Er konnte an nichts anderes denken als an den Pol. Es war, sagt er heute, wie eine Liebesgeschichte, und die Liebe habe ihn blind gemacht.

Allerdings nicht blind für die Gefahren. Denn ganz unerfahren war der Norweger nicht. Schon 1990 war er mit einem Freund auf Skiern zum Nordpol marschiert. Jetzt plante er Ähnliches am anderen Ende der Welt: 1310 Kilometer in knapp zwei Monaten. Jeden Tag mindestens 22 Kilometer, im Schlepptau einen Proviantschlitten, der 120 Kilogramm wog.

Warum diese Schinderei nicht wenigstens mit Begleitern? Der Norweger lacht. Dann sagt er, dass er es absichtlich noch härter haben wollte als auf seiner Nordpol-Tour. Klimatisch, körperlich, seelisch. Er hoffte, seine Grenzen noch mehr ausreizen zu können. Und er wollte wissen, wie es sich anfühlt, für eine Zeitlang der einsamste Mensch auf Erden zu sein.

"Es fühlt sich so gut an, alleine auf der Welt zu sein"

Rund anderthalb Jahre bereitete er sich auf diesen Traum vor. Am aufwendigsten war es, Geldgeber zu überzeugen. Dass sein berühmter Landsmann Amundsen in seiner Heimat immer noch heiß verehrt wurde, half ihm ebenso wie die Pläne der beiden Briten, ebenfalls den neuen Rekord aufzustellen. Schließlich hatte Kagge 150.000 Dollar an Sponsorengeldern zusammen.

Am 18. November startete er von der komplett von Schelfeis umgebenen Berkner-Insel, etwa 3000 Kilometer von der Südspitze Chiles entfernt. Und es lief besser als gedacht. Nach zwei Wochen schrieb er euphorisch in sein Tagebuch:

Ich kann die Stille hören und genieße sie in vollen Zügen. Es fühlt sich so gut an, alleine auf der Welt zu sein.

Jeden Abend las er in seinem Zelt noch in seinen fünf Büchern, die er extra bis an dieses Ende der Erde mitgeschleppt hatte. Das Neue Testament war darunter, ein Gedichtband und Oscar Wildes Klassiker "Das Bildnis des Dorian Gray". Er wollte etwas haben, worüber er nachdenken konnte, während er marschierte. Wenn Erling Kagge heute vom lebensfeindlichsten Platz der Welt erzählt, klingt es ein wenig nach gemütlichem Campingurlaub.

Weit mühsamer quälten sich nur wenige Kilometer von ihm entfernt die britischen Abenteurer Ranulph Fiennes und Mike Stroud durchs ewige Eis. Der Grund: Sie hatten sich eine viel ambitioniertere Route vorgenommen. Rund 2700 Kilometer, dafür brauchten sie zwei Proviantschlitten, die je 220 Kilogramm wogen. Denn die Briten wollten nicht nur als Erste auf Skiern zum Südpol, sondern gleich die ganze Antarktis durchqueren.

Begonnen hatten sie ihre Expedition am 9. November 1992 von Gould Bay - etwas nördlich von dem Punkt, an dem Kagge neun Tage später starten sollte. Das Duo und der Solist hatten zwar dasselbe Ziel. Ihre Routen lagen aber stets zu weit auseinander, als dass sie sich hätten sehen können.

Zehn Minuten Pause, nicht mehr!

Anders als bei ihrem einsamen Konkurrenten lief es bei den Engländern von Beginn an schlecht. Fiennes' rechter Fuß hatte sich nach wenigen Tagen entzündet, eine Verletzung, die ihn auf der ganzen Reise behinderte. Stroud sollte es später noch schlimmer erwischen: Er fiel in eine Gletscherspalte, verlor beide Skistöcke und überlebte nur mit Glück.

Auch Erling Kagge hatte Angst vor einem kurzen Moment der Unachtsamkeit, der sein Ende bedeuten könnte. Aber es schien ihm alles zu gelingen. Er flog nur so über das Eis. Statt der von ihm selbst eingeplanten 22 Kilometer pro Tag schaffte er durchschnittlich 26 Kilometer. Auch wegen seiner eisernen Disziplin.

Alle zwei Stunden machte er zehn Minuten Pause und aß etwas. Exakt zehn Minuten, keine Sekunde mehr. "Es war sehr wichtig, dass ich meine eigenen Regeln immer strikt eingehalten habe", erinnert sich der 49-Jährige. "Sonst beginnt man schnell, sich selbst zu betrügen."

Festmahl an Weihnachten

Diese Disziplin betraf auch den Kontakt zur Außenwelt. Einer seiner Sponsoren hatte darauf bestanden, dass der Norweger ein Funkgerät mitnimmt. Das tat er auch, warf aber einfach sofort die Batterien weg. Technischer Defekt, so ein Pech! Kagge wollte die Isolation. Und die Isolation veränderte ihn. Am 9. Dezember 1992 notierte er:

Zu Hause schien es so, als ob ich immer nur die großen Dinge mochte. Hier unten zu leben lehrt mich, die kleinen Freuden zu schätzen: Eine Farbvariation im Schnee. Der Wind, der sich langsam zur Ruhe legt. Ein warmes Getränk. Die Muster der Wolkenformationen. Die Stille.

Noch heute kann er sich deshalb detailliert an einen banalen Schokokuchen erinnern. Es war der Höhepunkt eines besonderen Tages, das einzige Mal, dass Kagge die Zügel schleifen ließ und sich selbst belohnte: Weihnachten 1992. Er machte zwei Stunden früher Rast als sonst, und dann gab es diesen cremigen Schokokuchen, den er extra dafür mitgenommen hatte: eine Geschmacksexplosion, wenn man zuvor nur Hafer, Milchpulver mit Wasser, getrocknetes Fleisch und Kartoffelpüree gegessen hat.

Ende der Stille

Zwei Wochen später hat er es geschafft. Und das ziemlich unbeschadet, von kleinen Erfrierungen auf den Wangen abgesehen. Am 6. Januar 1993 schrieb der Norweger in sein Tagebuch:

Kurz nach Mitternacht. Nur noch 25 Kilometer vor dem Südpol. Es ist so schön, dass ich einen Kloß im Hals bekomme. Ich habe mich schon einsamer auf gut besuchten Partys und in großen Städten gefühlt als hier.

Doch am nächsten Tag war es schlagartig vorbei mit der Einsamkeit, die ihn so viel über die Stärke der Psyche und den Wert des Lebens gelehrt hat. Einer seiner Sponsoren hatte Reporter für den historischen Moment zum Südpol geflogen. Denn obwohl Kagge keine Nachrichten empfangen konnte, war er über einen Sender stets zu orten gewesen. Und so wusste ganz Norwegen, dass der Landsmann mehr als eine Woche früher als geplant sein Ziel erreicht hatte.

Überlebenskampf der Zweitplatzierten

Kagges Konkurrenten Fiennes und Stroud brauchten neun Tage länger. Sie nahmen die Niederlage mit britischer Gelassenheit und tranken eine Tasse Tee am Südpol. Für sie war der Pol ja auch nur die Halbzeit ihrer Route. Von dort aus wollten sie noch bis zur Scott-Base auf der anderen Seite des Eiskontinents, über den gefährlichen Beardmore-Gletscher.

Fast hätten sie es geschafft. Doch dann schrumpften ihre Vorräte bedenklich zusammen. Nach Strouds Unfall in der Geltscherspalte hatten sie nur noch einen Schlitten und insgesamt zwei Skistöcke. Sie litten unter Geschwüren, schweren Erfrierungen an Füßen und Händen und verloren beide ein Drittel ihres Körpergewichts.

Den Kontinent hatten sie schon durchquert, nur noch das riesige Ross-Schelfeis lag vor ihnen, als es nicht mehr weiterging. Nach 95 Tagen und lediglich 540 Kilometer vor der Scott-Base mussten sie sich evakuieren lassen - "mehr tot als lebendig", wie es von der Tour-Leitung hieß.

Noch kälter!

Trotzdem stellten auch sie zwei Rekorde auf. Sie hatten als Erste die Antarktis nur auf Skiern durchwandert und mit insgesamt 2152 Kilometern den längsten Polarmarsch ohne Unterstützung zurückgelegt; die alte Bestmarke von 1909 war damit um fast 200 Kilometer überboten worden.

Das reichte offenbar nicht. Derzeit bereiten die beiden schon ihren nächsten Gewaltmarsch in der Antarktis vor. Diesmal wollen sie den Kontinent im polaren Winter durchqueren - sechs Monate lang, bei Temperaturen von möglicherweise bis zu minus 80 Grad.

Ein Grund für das Projekt: Die Briten hatten gehört, ein norwegisches Team habe über denselben Rekordversuch nachgedacht. Noch einmal wollen sich Fiennes und Stroud nicht besiegen lassen.

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1.
Alexander Dittrich 09.01.2013
Sehr schöner Artikel. Man kann sich hineinträumen in diese weiße Weite. Leider hapert's mal wieder bei den Bildunterschriften: Bild 6: Natürlich ist er von der Nordküste gestartet. Antarktika hat ja auch keine andere! An welcher Seite (bei welchem Meridian) er gestartet ist, bleibt unklar. (Ok, der Artikel verrät es.) Bild 9: Er hat eben nicht "die Antarktis durchquert". Erstens ist die Antarktis mehr als nur der Kontinent Antarktika, und zweitens ist er bis zum Pol marschiert, nicht weiter zur nächsten Küste. Übrigens: Die beiden Briten haben den Kontinent zwar "durchquert", allerdings ist die Strecke vom Pol bis zum Ross-Schelfeis vergleichsweise kurz. Alle diese "Verrückten" haben aber meine Hochachtung, wenngleich die beiden Briten auch ein gehöriges Maß an britischer Überheblichkeit mitgenommen hatten, die sie beinahe das Leben gekostet hätte.
2.
redaktion einestages 10.01.2013
Lieber Herr Dittrich, der Fehler in der Bildunterschrift 9 wurde geändert, vielen Dank für Ihren Hinweis. Herzliche Grüße, die Redaktion
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