Anthropologie und Apartheid Die Entdeckung des ersten Menschen

Anthropologie und Apartheid: Die Entdeckung des ersten Menschen Fotos
Kurt-Jürgen Voigt

"Dies ist der Teil der Welt, der Humanität von Anfang an gehütet hat." Als junger Mann hatte sich Phillip Tobias vorgenommen, das große Geheimnis der Menschwerdung zu lüften. Jahrzehnte grub der Professor in uralten Kalksteinhöhlen - und wurde fündig. Ausgerechnet in Südafrika! Von Jürgen Voigt

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Herbst 2000: Freunde haben mich gewarnt. Die Apartheid sei ja nun, dank Nelson Mandela, vorbei - das neue Bandenunwesen der schwarzen Afrikaner, ihr Hass auf die ehemaligen weißen Herren aber sei dabei, das Land und das Leben darin lahmzulegen. Überall sehe ich Wohnanlagen, die mit massiven Stahlkonstruktionen und elektronischen Anlagen vor Einbrüchen gesichert sind. Man muss sehr vorsichtig sein, meint mein Kameramann, niemand hält bei Rot an der Kreuzung.

Als wir über die Landstraßen in Richtung Süden fahren, erkennen wir die Wirkungen der neuen Apartheid, am Wegrand stehen die Schilder: Zu verkaufen! Viele weiße Farmer sind schon ausgewandert, haben verkauft, andere werden folgen. Am Tag nach Pfingsten sehe ich die Kalkstein-Höhle von Sterkfontein in Transvaal, die inzwischen weltbekannte Schatzkammer fossiler Knochen. Sterkfontein, das nationale Monument, das Erbe der Menschheit auf der Unesco-Liste. Am dunklen Eingang zur Höhle ist mir seltsam zumute, ich denke an einen ehrwürdigen Friedhof der Urahnen.

Ich begegne Philip Tobias zum zweiten Mal im Abstand von Jahrzehnten und mag ihn - seine zartgliedrige Gestalt, den braungebrannten Gelehrtenkopf mit den weißen Haaren, die tiefen Lachfalten um die Augen, die empfindsamen Hände. Der nun 75-jährige Anatomieprofessor gebietet über eine der weltgrößten Sammlungen fossiler Knochen und kennt sie alle in- und auswendig. Sorgsam vor Staub geschützt, ruhen sie hinter dicken Glasscheiben, kostbarer als das Gold Südafrikas. Tobias führt mich auf den langen Weg in die Morgendämmerung des Menschengeschlechts. Er will mir deutlich machen, was er und seine Kollegen gefunden haben: Mosaiksteinchen, die irgendwann ein Bild ergeben können - von den frühesten unserer gemeinsamen Vorfahren.

"Als grinsten sie uns zu"

Begonnen hatte Tobias' Suche nach dem ersten Menschen mit dem Schädel eines Kindes, der in der Ortschaft Taung gefunden worden war. Der Professor erzählte mir davon im Sommer 1978, als in Südafrika noch die Apartheid herrschte. Ich lief in der Großstadt Johannesburg umher, sah die getrennten Eingänge für Schwarz und Weiß an den Banken, an der Post, die schwarzen und weißen Bänke im Park. Die Menschen gingen aneinander vorbei, aber sie sahen sich nicht an, redeten nicht miteinander, höchstens an der Tankstelle, im Laden, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Sie war erschreckend, diese strikte Trennung der Rassen.

Professor Phillip Tobias saß damals im großen Labor der Witwatersrand-Universität von Johannesburg. Um ihn herum die braungrauen Schädel von Frühmenschen. Sie sahen aus, als grinsten sie uns Lebenden zu.

"Alles begann mit einem vierjährigen Kind, mit dem drei Millionen Jahre alten Kinderschädel von Taung, dem ersten aller Geschenke Afrikas zur menschlichen Vergangenheit", erzählt Phillip Tobias. Gefunden worden sei er im November 1924, knapp ein Jahr, bevor er, Tobias, geboren wurde. "Der Schädel zeigte uns zum ersten Mal, dass Afrika sich mit Recht die 'Wiege der Menschheit' nennt." Bis zum Fund dieses Schädels hatten Wissenschaftler die Ursprünge der Menschheit in Asien vermutet. "So ließ man den kleinen Kerl links liegen, er kam ja vom 'falschen' Kontinent. Das Taung-Kind war ein Schock, und die Welt weigerte sich 25 Jahre lang, es zu akzeptieren."

Ein Mensch sei das Taung-Kind nicht gewesen, erklärte Tobias. Aber es gehörte zu seinen Vorfahren, den kleinen Horden der Australopithecinen, afrikanischen Südaffen. "Als ich mit 18 Jahren von diesem Taung-Schädel hörte, war ich sofort gefangen in den vielen Fragen nach unseren Vorfahren und habe seitdem nie aufgehört, nach Antworten zu suchen."

"Etwas unendlich Großartiges"

Im Jahr 2000 hält Tobias den rührend winzigen Schädel des Kindes von Taung in den Händen, ehrfürchtig, wie ein Heiligtum. Er hat ihm seine Lebensaufgabe gegeben: die Grabungen in Sterkfontein, bei denen er mit seinen Kollegen den ersten Menschen entdeckte, Homo habilis. "Viele Jahre grub ich zusammen mit meinem Kollegen Alan Hughes, nach dessen Tod mit Ron Clarke. Unsere Sammlung umfasst heute einen Zeitraum von etwa 3,5 Millionen Jahren bis vor circa hunderttausend Jahren. Wir gruben uns durch alle Schichten von Sterkfontein. In Schichten unter zwei Millionen Jahren erschienen die Zeugnisse eines Hominiden: Homo habilis, an dem mein Herz hängt."

Phillip Tobias hat eine Kollektion alter Knochen mitgebracht, die er auf einem Tisch sortiert. "Das früheste Lebewesen, das uns Hinweise auf eine spektakuläre Hirnvergrößerung gibt, ist Homo habilis, der geschickte Mensch, auch 'Werkzeugmacher' genannt. Dies Wesen wurde zuerst in Olduvai Gorge von der Forscher-Familie Leakey gefunden, das Fossil nannten wir 'Twiggy', denn es war sehr platt, als man es fand. Ein anderes Fossil hieß 'Cinderella'. Sie zeigt eine Hirngröße, die 1,5-mal so groß ist, wie die des Australopithecinen." 25 Jahre seines Lebens hat Tobias mit dem Studium und der Bewertung von Fossilien des Homo habilis verbracht. "Louis Leakey und ich behaupteten damals, es handele sich um das erste Erscheinen des Genus 'Homo' auf dieser Erde", sagt Tobias.

"Hier, schauen Sie sich die Innenausgüsse der Schädelknochen von Homo habilis an. Es gibt Merkmale am Habilis-Gehirn, die menschenähnlich sind. Mich haute es um, als ich 1973 die Habilis-Gehirne der Urmenschen mit Namen 'Twiggy' und 'Cinderella' und die anderen von Olduvai Gorge studierte. Da fand ich das Gebiet gleich über und hinter dem linken Auge, man nennt es das Broca-Zentrum nach dem großen französischen Wissenschaftler Pierre Paul Broca, der es 1861 benannte. Und das andere, ebenso gut entwickelte Gebiet hier über und hinter dem Ohr auf derselben Seite ist seit 1874 benannt nach dem deutschen Wissenschaftler Carl Wernicke. Beide Areale sind auch im modernen Menschen gut entwickelt und werden assoziiert mit der gesprochenen Sprache. Und das traf mich als etwas unendlich Großartiges - jedes Gehirn von da an, Habilis, Erectus, Sapiens besitzt diese zwei Merkmale, die Zeichen für sprechende Menschlichkeit."

"Südafrika - Ein Privileg"

Es sei doch großartig, was man alles mit der Sprache anstellen könne, doziert Tobias. "Natürlich können Sie Kindern etwas beibringen durch Nachahmung, durch Zeigen, durch Bestrafung, wenn sie was falsch machen. Schimpansen können das alles auch. Wenn Sie aber mitteilen wollen: 'Kind, das Material, das Du für dies Werkzeug brauchst, ist ein spezielles Material, das findest du nur im nächsten Tal, und du musst herumlaufen und in tiefe Löcher schauen', ist das schon viel komplexer. Und wenn Sie Ihrem Kind bedeuten: 'Dies ist die Art, wie Blätter miteinander verknüpft werden müssen', dann braucht ein so kompliziertes Verhaltensmuster wirksamere Methoden für eine Überlieferung an die nächste Generation. Das ist das Wesentliche im Menschsein: Etwas an die nächste Generation weitergeben. Und die wirksamste Methode, die wir bislang auf dem Planeten entwickelt haben, etwas an die nächste Generation weiterzugeben, ist eben Sprache!"

"Für den Homo habilis wurde das Sprachverhalten obligat, es lieferte die Basis für eine Strategie des Überlebens. Hier war der erste kulturgebundene, sprachabhängige Primat. Diese Dualität markiert die Anfänge der Humanität, wie wir sie heute kennen. Die Entwicklung von Sprache war der Schlüssel für das erstaunliche Wachstum des Gehirns in den vergangenen zwei Millionen Jahren. Artikulierte Sprache wurde das Vehikel für Konzepte, Stammeskenntnisse, für den Sinn für die Vergangenheit und die Zukunft. Für Verhaltensstandards, Gesetze, für das Wissen, den Glauben, die Kunst. Sprache machte die Hominiden zu Menschen."

Ist er, Tobias, mit seinem Leben zufrieden? Der Professor lächelt: "Ich konnte mein ganzes Leben in Südafrika zubringen, wo ich ja auch geboren wurde. Ich lebte in jenem Teil der Welt, der am reichsten ist an fossilen Hominiden. Und dies ist der Teil der Welt, der Humanität vom allerersten Anfang an gehütet hat. Südafrika - die Wiege der Menschheit. Das war ein Privileg!"

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