Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Anti-AKW-Bewegung "No Atomstrom in my Wohnhome!"

Anti-AKW-Bewegung: "No Atomstrom in my Wohnhome!" Fotos
DPA

Wyhl und Wackersdorf, Grohnde und Gorleben: Die Angst vor der Atomkraft trieb ab 1975 eine ganze Generation auf die Barrikaden. Das Lebensgefühl der Anti-AKW-Bewegung prägte die späte Bonner Republik. Jetzt steht Atomstrom vor einem Comeback - kommt damit auch die Protestbewegung zurück? Von Reinhard Mohr

Es war irgendwann abends im Herbst 1976. Der berühmte Hörsaal VI der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, in dem Theodor W. Adorno einst die Welt erklärt hatte, war völlig überfüllt. Vorne auf dem Podium trugen ein paar langhaarige Physikstudenten - einer hieß Alois Loidl und ist heute Professor für Experimentalphysik - ihre Thesen über die Gefahr von Atomkraftwerken vor. Gebannt hörten wir alle zu.

"Wir", das war die versammelte Spontiszene, die nach der Straßenschlacht wegen des Todes von Ulrike Meinhof am 8. Mai 1976 in eine echte Krise geraten war. Da kam die neue Offenbarung gerade recht. Es war der Beginn des ökologischen Schwenks der radikalen Linken. Ein Paradigmenwechsel, wie die historischen Beobachter später notierten. Da die bundesdeutsche Bevölkerung kein massenhaftes Interesse an der Revolution gezeigt hatte, suchte man nun die Natur als neuen Verbündeten. Die drohende Apokalypse des Super-Gau wurde zu einer Art negativen Utopie - und der Wälzer "Friedlich in die Katastrophe" zum Standardwerk der neuen linken Selbstaufklärung.

Der wahre Ursprung der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung lag allerdings am südbadischen Kaiserstuhl, im kleinen Winzerörtchen Wyhl. Dort verhinderten aufgebrachte Weinbauern und Unterstützer aus Freiburg 1975 durch eine monatelange Platzbesetzung den Bau des dort geplanten Atomkraftwerks. Dieser außergewöhnliche Triumph einer spontanen Basisbewegung wirkte elektrisierend auf die schon im Zerfallsprozess befindlichen Teile der zunehmend ratlos umherschweifenden radikalen Linken.

Aufklärung von unten

Viele legten nun Marx und Marcuse aus der Hand und beschäftigten sich mit den komplizierten Abläufen der Kernspaltung, mit redundanten Kühlsystemen und radioaktiver Alpha-, Beta- und Gammastrahlung, mit Risikoberechnungen und der Halbwertzeit von Plutonium. Blitzschnell eigneten sich Tausende ein physikalisches Grundwissen an, obwohl es damals weder Google noch Wikipedia gab - schon gar nicht "SPIEGEL Wissen". Damals musste man noch selbst die wichtigen Bücher lesen.

Apropos: Ebenso hurtig legten die traditionell links orientierten Verlage, allen voran Rowohlt, einschlägige Sachbücher auf und schufen so in kurzer Zeit eine kleine Bibliothek der entstehenden Anti-Atomkraft-Bewegung. Auch die Medien stiegen auf das neue Thema ein, und ehe sich Regierung und Atomindustrie versahen, waren sie schon in der Defensive.

Überall in Deutschland schossen Anti-AKW-Gruppen aus dem Boden, und noch einmal bewährte sich das Prinzip öffentlicher Aufklärung auf den Straßen und Plätzen der Republik. Mit den frisch angelesenen Informationen über Risiken und Gefahren der Atomenergie bestürmte man die Passanten in den gerade angelegten Fußgängerzonen. Unzählige Flugblätter und Infos wurden verteilt - und wie stets, wenn die Machthaber auf dem falschen Fuß erwischt werden, lieferten sie selbst immer neue Anlässe für den Protest.

Weckruf und Gewaltfrage

Der Baubeginn des Atomkraftwerks Brokdorf im November 1976 markierte den großen Weckruf. Nun hieß es, am Ort des Geschehens zu demonstrieren und, wenn möglich, den Bauplatz zu besetzen wie im Jahr zuvor in Wyhl am Kaiserstuhl. Brokdorf in den Elbmarschen wurde, neben Gorleben, dem geplanten Atommüllendlager in Ostniedersachsen, zu dem symbolischen Ort der politischen Auseinandersetzung um die Zukunft der Atomenergie in Deutschland.

Und wie oft, wenn es um viel geht, tauchte die "Gewaltfrage" auf: Wie "militant" sollte, durfte man vorgehen? "Nur" mit Helmen, Handschuhen und Bolzenschneidern, um den Absperrzaun zu knacken? Oder auch mit Knüppeln, Zwillen, Steinen, gar Molotow-Cocktails? Und wenn das nicht reicht gegen die Phalanx von Polizei und Bundesgrenzschutz, gegen Wasserwerfer, Panzerwagen und Hubschrauber?

Der 19. Februar 1977 war furchtbar kalt, und die Anreise mit dem VW Bulli vom Kfz-Referat des Frankfurter AStA war elend lange. In schier endlosen Kolonnen zogen die Demonstranten über Siele und Priele der Marsch bei Brokdorf Richtung Bauplatz, eine unübersehbare Menge, die nach Zehntausenden zählte. Oft ging es nicht recht vorwärts, und schlimmer als jede Polizeikette am Deich war der eisige Wind, der durchs anarchistisch schwarze Mundtuch pfiff.

Scharmützel am Bauzaun

Nachdem wir die massiven Kontrollen der Polizei schon im Raum Wewelsfleth bemerkt hatten, legten wir unsere mitgebrachten Holzknüppel unauffällig unter einer kleinen Brücke ab. Auch die Hamburger Genossen, die noch einen Tick härter drauf waren, hatten auf taktische Ballastreduzierung plädiert. Wir wollten ja unbedingt bis zum Ort des Geschehens vordringen und nicht als "Gewalttäter" in flagranti ertappt und vor der Zeit festgenommen werden.

Am Ende war es wie immer: Nach Stunden und mit großer Mühe erreichte man die Nähe des Bauzauns, es gab Scharmützel hier und da, der eine oder andere fiel bei der Flucht ins eisige Prielwasser, die Klamotten waren versaut, und alle mussten dringend mal aufs Klo. Entscheidend aber waren die Bilder des Fernsehens. Sie zeigten eine riesige Menschenmasse, die Widerstand leisten wollte - Menschen aus beinah allen Schichten der Bevölkerung.

Jenseits der ewigen Frage nach den Zwecken und Mitteln, nach links und rechts war dieser Samstag im Februar 1977 zu einem praktischen Plebiszit gegen die Atomenergie geworden. Es gab noch viele Demonstrationen in und um Brokdorf. Alle zusammen bewirkten, dass es eine vierjährige Baupause gab. Erst 1986, zehn Jahre nach Baubeginn, ging der Meiler ans Netz.

"No Atomstrom in my Wohnhome!"

Zwischen 1977 und 1979 schwoll die Anti-Atomkraft-Bewegung weiter an. Ob Kalkar oder Grohnde, Gorleben oder Wackersdorf - gegen alle neuen Atomprojekte erhob sich massiver Widerstand. Bis heute gibt es deshalb keine nukleare Wiederaufarbeitungsanlage, und der anfallende Atommüll wird überwiegend provisorisch gelagert, Ende offen.

Das Ganze war auch eine sehr deutsche Affäre. Unaufhörlich wurde debattiert und geplant, vorbereitet und nachbereitet. Taktisch und strategisch. Ganze Hüttendörfer wurden errichtet, Sanitätstrupps zusammengestellt, Ratgeber geschrieben und Zeitungen gegründet. Es war zugleich die hohe Zeit der Landkommune und der Müslikultur. Man wollte mit den Herrschenden nichts mehr zu tun haben und sich selbständig machen. Voll autonom eben. Am Horizont leuchtete immer noch das ganz andere, das glückliche Leben. Darum ging es. "No Atomstrom in my Wohnhome!" lautete die Parole, und noch einmal schienen politischer Widerstand und romantische Sehnsucht eine tiefe Verbindung einzugehen.

Unvergesslich bis heute ist mir unsere Reise zur internationalen Großdemonstration gegen den "Schnellen Brüter", ein plutoniumbetriebenes Atomkraftwerk im ostfranzösischen Malville. In meinen "Roten Kalender gegen den grauen Alltag" von 1977 notierte ich für Ende Juli: "Präriecamp Montalieu. Proviant, Geschirr, Wasserfl., Mütze, Tuch, Zitrone, Brille, Pflaster, Salbe, Tabletten, Handschuhe, Fahne, Jacke, 1 Paar feste Schuhe."

Abgerissene Hände und Füße

Das alles half freilich nichts, als uns im "deutschen Camp" auf der grünen Wiese im Morgengrauen die französische Spezialpolizei CRS überfiel. Sie trieb uns aus unseren Zelten in den Regen. Dort standen wir, in Gruppen eingepfercht, stundenlang, während die Ordnungshüter unsere Sachen filzten. Natürlich ließen wir uns davon so wenig abschrecken wie von der Propaganda einiger französischer Zeitungen, deutsche Anarchisten wollten nun dort weitermachen, wo Hitlers Besatzungstruppen 1944 aufhören mussten. Wir formierten uns zur großen Demonstration, die Regenbogenfahne stets voran, und stapften tapfer durch den Matsch.

Doch es wurde zur Katastrophe. Bevor wir an den Ort der Auseinandersetzung kamen, stürzten uns schon panisch französische Demonstranten entgegen. Sie waren auf der Flucht vor den französischen Polizeikräften, die mit Plastikgranaten schossen. Erst am Tag darauf lasen wir in den Zeitungen, was geschehen war: Abgerissene Hände und Füße, einer der Demonstranten, der Lehrer Vital Michalon, kam dabei ums Leben.

So flohen auch wir, packten in Windeseile unsere Sachen und fuhren in der anbrechenden Dunkelheit über alle möglichen kleinen Straßen und Feldwege Richtung Westen. Überall hatte die CRS Kontrollposten eingerichtet.

Ein äußerst mulmiges Gefühl

Wir entkamen. Aber noch tagelang verfolgte uns ein äußerst mulmiges Gefühl. Dem einen oder anderen schwante, dass die Bundesrepublik Deutschland vielleicht doch kein "faschistoider" Staat war. Was wir in Frankreich erlebt hatten, brachte mich jedenfalls schwer ins Grübeln.

Gut 30 Jahre später glaube ich, sonst ein Renegat meiner alten revolutionären Träume, immer noch, dass es gut war, Widerstand zu leisten gegen das Prinzip, durch Spalten von Atomkernen Wasser heiß zu machen.

Artikel bewerten
2.9 (511 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ralf Bülow, 10.07.2008
Kleine historische Korrektur: In Wyhl begann der Widerstand schon zwei Jahre früher, nämlich als Mitte Juli 1973 der Plan bekannt wurde, dort ein AKW zu bauen. Bitte auch die friedlichen Protestphasen berücksichtigen!
2.
Peter Hackenbusch Peter Hackenbusch, 11.07.2008
Als Angehöriger einer um 1970 geborenen Generation, durfte ich während meiner Schulzeit die teils hysterischen 68er Lehrer dabei bewundern, wie sie mit Parkas und Gummistiefeln ihren Gang durch die Institutionen machten. In jeder unpassenden Unterrichtsstunde, von Sachunterricht bis Deutsch, wurden Themen wie Atomstrom in den Unterricht eingebaut (Indianer und böse Amerikaner waren auch sehr beliebte Themen, später dann das angebliche Waldsterben). Dabei immer in Opposition gegen die "alten Lehrer", die teils noch vor 1945 ihre Lehrbefugnis erworben hatten, und bei denen man bspw. das Horst-Wessel Lied im Geschichtsunterricht lernen konnte (auch so ein selbst erlebter negativer Höhepunkt). Gelernt (fürs Leben) haben wir dabei nichts. Ausser vielleicht, dass sich mir heute der Magen umdreht wenn ich diese "Spinner" von damals wieder auf alten Fotos aus Brokdorf oder Wackersdorf sehe. Natürlich waren und sind sie keine "Spinner", aber die Hysterie ihres damaligen Einsatzes gegen Atomstrom. lässt sie aus heutiger Sicht in diese Ecke rutschen. Und eine echte Antwort darauf, wie wir ohne AKWs (aber auch ohne Kohleverstromung) unseren Lebensstandard halten können, gab und gibt es noch immer nicht. Heute haben unsere Jung-Lehrer von damals fette Beamtenpensionen, ein Haus im Grünen und oft auch einen Zweitwagen vor der Tür stehen... Mein Gott was habt ihr damals genervt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH