Anti-Alkoholplakate in der Sowjetunion Hammer und Pichel

In Afghanistan bekämpften die Sowjets die Mudschahidin, im eigenen Land den Alkohol. Weil ihre Bürger ständig besoffen waren, wurden die Kommunisten Mitte der Achtziger vom Klassenfeind abgehängt. Mit drastischen Plakaten führte Michail Gorbatschow einen verzweifelten Feldzug gegen die Trunksucht.

Von


Pawel Jakowlewitsch Golodriga, 66, bot als Soldat der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg Hitlers Truppen die Stirn, aber am 19. Dezember 1986 weiß er keinen Ausweg mehr: Dieses Mal rückt der Feind nicht von Westen vor, dieses Mal kommt der Feind von Osten.

Golodriga, ein Mann mit krausem Haar, hat sein Leben nach dem Abschied von der Armee dem Wein gewidmet. Der Experte für Zuchtwahl arbeitet am "Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für Winzerei und Weinbau Maragatsch" in Jalta auf der Krim. 20 neue Rebsorten hat er entwickelt, er ist Träger des Ordens "Rotes Banner der Arbeit".

Doch die Verdienste zählen nicht mehr, seinem Lebenswerk droht die Vernichtung: Weil er seinen Untertanen das Trinken austreiben will, lässt Sowjetführer Michail Gorbatschow im roten Riesenreich Weinberge und Winzereien vernichten. Zwischen 1985 und 1987 werden allein in den Sowjetrepubliken Moldau und Ukraine Rebstöcke auf 140.000 Hektar zerstört, eine Fläche, anderthalbmal so groß wie alle Weinbaugebiete Deutschlands zusammen. Golodriga, Doktor der Biologie, greift zum Strick und erhängt sich.

Feldzug gegen das eigene Volk

Mitte der achtziger Jahre führt der Kreml zwei verzweifelte Feldzüge: Den einen in Afghanistan, gegen die Mudschahidin, einen äußeren Feind. Den zweiten im eigenen Land, gegen die eigene Bevölkerung und deren Neigung zur Trunksucht. Die Vorliebe für Hochprozentiges lässt die UdSSR immer weiter hinter dem Klassenfeind zurückfallen. Seit den sechziger Jahren sinkt die Lebenserwartung in der Sowjetunion. Während Männer in den USA Mitte der achtziger Jahre fast 75 werden, leben ihre Geschlechtsgenossen im roten Riesenreich im Schnitt rund zwölf Jahre kürzer.

Überall zwischen Minsk und Wladiwostok versuchen Kolchosarbeiter der Tristesse des real existierenden Sozialismus im Wodkarausch zu entfliehen. 1985 verlieren die Sowjets auch deshalb fast ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Produktion. Zehntausende Trinker werden unter dem Kommando des Innenministeriums in "Heil- und Arbeitsprophylakterien" kaserniert.

Die Besserungsanstalten ähneln mehr Gefängnissen als Kliniken: Ärzte tragen Uniformen, die Süchtigen dagegen Häftlingskleidung. Manch ein Patient diktiert Reportern, wenn er freikomme, wolle er sich erstmal "besaufen, um das hier alles zu vergessen." Zwar warnen die Sowjetführer ihr Volk bereits seit Jahrzehnten mit Propaganda-Plakaten vor der "sozial gefährlichen" Abhängigkeit und den "Gefangenen des Selbstgebrannten", doch Moskau zaudert, Pläne zur Rettung der Volksgesundheit ins Werk zu setzen.

Verbrechen Trunkenheit

Der Mann, der den Kampf mit dem Volksleiden Alkoholismus aufnimmt, wird im März 1985 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt, im für die Verhältnisse des Zentralkomitees jugendlichen Alter von 54 Jahren. Michail Sergejewitsch Gorbatschow sieht die rote Supermacht von "Apathie und Verantwortungslosigkeit zugewuchert". Zwei Monate nach seinem Amtsantritt eröffnet der neue Mann im Kreml den Kampf gegen "Trunksucht" und "Schwarzbrennerei".

Fotostrecke

22  Bilder
Gorbatschows Feldzug gegen die Trunksucht: Keinen Schluck weiter

Im Kampf gegen das Volksleiden Alkoholismus geht Gorbatschow rigoros vor: Ein knappes Dutzend Bierbrauereien im ganzen Land muss schließen. Die Moskauer Schnapsbrennerei "Kristall" wird angewiesen, gerade erst aus dem Ausland importierte Kübel aus rostfreiem Stahl zu verschrotten. Wie Verbrecher urteilen Schnellgerichte in der Hauptstadt alle Trunkenbolde ab, die Milizionäre angeheitert auf der Straße aufgreifen: Den Genossen droht ein halber Monatslohn Strafe oder 15 Tage Haft.

In Russlands Süden, auf der Krim und in der Sowjetrepublik Moldau, vernichten die Mitarbeiter von Weinbaubetriebe auf Order von oben ihre eigenen Reben. "An den Wochenenden mussten wir mit Äxten Weinstöcke fällen", erinnert sich Walentin Bodjul, damals Chefingenieur eines Weingutes. "Wer sich weigerte, dem drohte Gefängnis."

Entzug in allen Lebensbereichen

Der Feldzug gegen den Alkohol erfasst bald alle Lebensbereiche: Theaterstücke werden abgesetzt, sofern sie "Trinkgelage propagieren", wie es in einem Beschluss der Führung heißt. Moskaus Bolschoi-Theater streicht die Oper "Boris Godunow", aus Kinostreifen werden Szenen mit Weinverköstigung herausgeschnitten. Im Zuge der Anti-Alkohol-Kampagne erfährt auch die sowjetische Retuschierkunst eine neue Blüte. Wurden früher in Ungnade gefallene Sowjetführer wie Leo Trotzki nachträglich von Fotos entfernt, gilt es jetzt, die Spuren des Alkohols aus der Geschichte zu tilgen. Als sich 1986 der erste Weltraumflug eines Menschen zum 25. Mal jährt, druckt die Parteizeitung "Prawda" eine Archivaufnahme von Jurij Gagarin. Das Foto zeigt den Kosmonauten bei einem fröhlichen Trinkspruch im Kreml, die gehobene Hand jedoch ist leer: Das Glas mussten die "Prawda"-Redakteure wegretuschieren.

Kurzfristig ist Gorbatschows Bilanz positiv. Zum ersten Mal seit 20 Jahren steigt die Lebenserwartung in der Sowjetunion wieder, die von Männern gar um durchschnittlich 2,8 Jahre, gleichzeitig wächst die Zahl der Geburten. Bis 1987 gehen die Fehlzeiten am Arbeitsplatz um ein Drittel zurück, die Zahl der Verkehrsunfälle sinkt um 20 Prozent. Es gibt weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle. Russische Wissenschaftler rechnen später vor, die Anti-Alkohol-Kampagne habe rund einer Million Menschen das Leben gerettet.

Am Ende scheitert Gorbatschow trotzdem. "Der Russe kann nicht ohne Alkohol", wusste schon Leonid Breschnew, sein Vorgänger im Amt des Parteichefs. Bereits in den Morgenstunden harren Kunden vor den knapp 800 Wodkaläden in der Hauptstadt aus. Die dürfen - auch eine Maßnahme Gorbatschows - erst ab 14 Uhr und dann auch nur für ein paar Stunden öffnen. Die Zeitung "Sowjetskaja Kultura" nennt die Schlangen eine "Schande der Nation". Der Volksmund tauft sie "Schlinge um Gorbatschows Hals".

Wodka als Währung

Zudem werden die Anstrengungen der Behörden konsequent unterlaufen - vor allem durch die florierende Schwarzbrennerei. Taxifahrer verkaufen illegal Wodka aus dem Kofferraum heraus. 1986 explodiert ein Destilliergerät, das sich ausgerechnet ein Sowjet-Apparatschik in den Keller hatte bauen lassen, um "Samogon" zu produzieren, den Selbstgebrannten.

Es ist ein aussichtsloser Kampf, der immer bizarrere Blüten treibt. Jeden Tag setzen die Behörden Schwarzbrenner fest, die Zahl der Verhaftungen steigt sprunghaft an, allein 1987 werden fast 400.000 verhaftet. Weil die privaten Schnapsbrenner den süßen Rohstoff horten, wird Zucker rationiert. Doch es hilft nicht - Karamell wird zur Mangelware, genau wie Hefe. Auch Zahnpasta wird knapp, sie ist ein beliebtes Mittel gegen die strenge Fahne des selbstgebrannten Fusels.

Das geächtete "Wässerchen" (Wodka) steigt immer weiter im Wert. Bald heißt es in der Sowjetunion, es gebe zwei Währungen, "eine feste und eine flüssige". Für die Moskauer Zentralgewalt gerät die Kampagne zu einem Kampf mit dem eigenen Schatten. Die staatliche Alkoholproduktion sinkt zwar um 43 Prozent, gleichzeitig brechen der klammen Regierung aber auch die Steuereinnahmen in Milliardenhöhe aus dem Wodkaverkauf weg. 1988 lockert Moskau die strikten Beschränkungen. 1991 geht die Sowjetunion unter, Gorbatschows vergeblicher Kampf gegen Alkoholismus und Trunkenheit bleibt nur eine Fußnote der Geschichte.

Die Russen sprechen dem Alkohol auch weiterhin unvermindert zu. Mitte Februar 2011 meldet die Weltgesundheitsorganisation WHO, jeder fünfte Russe sterbe an den Folgen von Alkoholmissbrauch. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von umgerechnet 15,7 Litern reinen Alkohols liegt Russland weltweit auf Platz vier, hinter Spitzenreiter Moldau, Tschechien und Ungarn.

Michail Gorbatschow, der am 2. März 2011 seinen 80. Geburtstag feierte, wirbt unverdrossen weiter für eine neue Anti-Alkohol-Kampagne. Ein Land, das so viel Alkohol pro Kopf trinke wie Russland, "bringt sich selbst um", sagte er jüngst in einem Interview.

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gregor Fischer, 04.03.2011
1.
Die Plakate sind großartig. Zum Glück wissen wir ja, dass die ?Tristesse der Planwirtschaft? der Grund der zügellosen Sauferei gewesen ist. Und dass der Alkoholkonsum heutzutage auch nicht weniger ist, liegt natürlich auch an der kommu? ach, ich lasse Sie mal selbst darauf kommen.
Stefan Albrecht, 04.03.2011
2.
Alkoholiker haben Probleme mit sich selber, die sie mit Alkohol vergessen wollen, der Alkohol bringt ihnen aber ein schlechtes Gewissen und sie fühlen sich noch mieser. Da sie schon schwach sind und durch ihren Suff noch schwächer werden, laden sie oft ihre Schuldgefühle auf noch Schwächeren ab. Dazu bieten sich dann oft die eigenen Kinder an, die komplett wehrlos und ausgeliefert sind. Wenn man es selber nicht erlebt hat, kann man sich in keinster Weise vorstellen, wie zerstörerisch Alkoholmissbrauch in Familien wirkt: Er zerfrisst das Selbstvertrauen der kleinen Kinder, die von ihren saufenden Eltern für Dinge beschuldigt werden, von denen sie nicht einmal wissen, was diese Dinge sein sollen. Das Gorbatschow den Kampf wenigstens aufnehmen wollte gegen den Alkohol zeugt davon, dass er eine wichtige Ursache für die Probleme Russlands erkannt hat, vielleicht sogar die Hauptursache.
B K, 06.03.2011
3.
>Die Plakate sind großartig. >Zum Glück wissen wir ja, dass die ?Tristesse der >Planwirtschaft? der Grund der zügellosen Sauferei >gewesen ist. Und dass der Alkoholkonsum heutzutage >auch nicht weniger ist, liegt natürlich auch an der >kommu? ach, ich lasse Sie mal selbst darauf kommen. Trostlosigkeit und Tristesse mögen sicherlich ein bedeutender Grund für Alkoholismus sein. Was nicht außer acht gelassen werden sollte ist, dass sich diese beiden Faktoren nicht nur auf kommunistische Gesellschaften beschränken, sondern auf die menschliche Existenz im Allgemeinen. Zu glauben derartige Probleme seien durch die bloße Existenz einer Gesellschaftsform bedingt, wirkt doch etwas ideologisch und verblendet. Vielleicht würde es helfen, wenn man an der Erbämlichkeit des menschlischen Umgangs miteinander, den armseligen Bildungschancen breiter Teile der Bevölkerung und dem zügellosen Machtstreben Einzelner abhilfe schaffen würde. Probleme, die sicherlich so ziemlich jede Gesellschaft mehr oder weniger ausgeprägt hat.
Florian Geier, 06.03.2011
4.
Bild 15: "Während des regiden Vorgehens gegen den Alkohol..."? Ist das das Adjektiv zu rex, also königlich?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.