Anti-Suffragetten-Kampagne "Echte Männlichkeit für den Mann, echte Weiblichkeit für die Frau"

Heulende Babys, verzweifelte Ehemänner, soziales Chaos: Sobald Frauen wählen dürfen, bricht die Welt zusammen. Das befürchtete die Anti-Suffragetten-Bewegung - die in England von Frauen losgetreten wurde.

Corbis

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Knallrote Nase, verhärmte Gesichtszüge, ein einziger Zahn im Mund: Sympathisch sieht sie nicht aus, die Frau mit der gigantischen "Votes-For-Women"-Plakette auf der Brust. Ihr schwarzer Stiefel schwebt noch in der Luft, per Fußtritt hat sie soeben einen Herrn im Frack aus dem Haus katapultiert. Warum? Weil er es gewagt hat, sich ihr zu nähern. Ihr und all den anderen hässlichen Eulen, die um sie versammelt sind und sich mit geballten Fäusten an dem Schmerz des armen Kerls weiden.

"Keine Männer erlaubt" steht an der Hauswand des Suffragetten-Heims. Unter dem Cartoon prangt in roter Schrift die Aussage: "Mädchen, die ich nicht geheiratet habe." Die englische Karikatur stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die Botschaft ist deutlich: Wahlrechts-Aktivistinnen sind nicht nur eine Beleidigung fürs Auge, sondern auch noch brandgefährlich! Eine typisch männliche Sichtweise britischer Machos? Nein!

Zwar kämpften auch viele Männer vor gut 100 Jahren gegen das Frauenwahlrecht. Noch zahlreicher jedoch wehrten sich die Frauen selbst gegen politische Partizipation. In England, wo Frauen seit 1869 das eingeschränkte Gemeindewahlrecht besaßen, organisierten sich die Wahlrechtsgegnerinnen sogar noch vor den Männern in einem eigenen Verein, der "Women's National Anti-Suffrage League". Zu den Protagonistinnen der "Antis" gehörte ausgerechnet eine der emanzipiertesten und klügsten Engländerinnen ihrer Zeit: die Forschungsreisende und Orientalistin Gertrude Bell.

Für Familie, Gesellschaft, Vaterland

"Lady Jerseys ist unsere Vorsitzende und mich hat man zur ehrenamtlichen Schriftführerin gemacht. Ich finde das ganz schrecklich", schrieb Bell 1908, im Gründungsjahr der "Women's National Anti-Suffrage League", ihrer Mutter. Gestört hat die Alpinistin, Diplomatin und spätere Spionin allenfalls der enorme Zeitaufwand, den der Verein ihr abverlangte - nicht jedoch die inhaltliche Ausrichtung.

Wie zahlreiche gebildete Britinnen, etwa die Sozialreformerin Violet Markham, die Autorin Elisabeth Wordsworth oder die Schriftstellerin und spätere Kriegsreporterin Mary Ward war Bell der Meinung: Die meisten Frauen seien schlicht noch nicht reif für das Wahlrecht.

Die natürliche Bestimmung der Frau bestehe nicht etwa darin, das Land zu regieren und Kolonien zu beherrschen, sondern all ihre Mütterlichkeit zum Wohl der Familie, der Gesellschaft, des Vaterlands einzusetzen. Bei einem großen Anti-Frauenwahlrechts-Meeting im Februar 1912 in der Londoner Albert Hall sagte Markham:

"Wir sind der Meinung, dass Frauen und Männer nicht gleich, sondern unterschiedlich sind und Gaben besitzen, die nicht identisch sind, sondern sich ergänzen. Deshalb sollten sie bei der Organisation des Staates auch unterschiedliche Aufgaben übernehmen."

"Echte Männlichkeit für den Mann, echte Weiblichkeit für die Frau"

Diese Haltung teilten die britischen "Antis" mit den amerikanischen Antifeministinnen der "New York State Association Opposed to Woman Suffrage" ebenso wie mit dem "Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation": einem national-völkisch ausgerichteten Verein, der Anfang Juni 1912 mit dem markigen Slogan "Echte Männlichkeit für den Mann, echte Weiblichkeit für die Frau" an die Öffentlichkeit trat.

Je radikaler die britischen Suffragetten auftraten, Briefkästen anzündeten, Fensterscheiben einwarfen, Bomben legten, desto größeren Zulauf erfuhren ihre Gegenspielerinnen: Besaß die "Women's National Anti-Suffrage League" 1908 noch 24 Ableger, waren dies ein Jahr später bereits knapp 80. Im Sommer 1910 zählte der Anti-Verein bereits mehr 16.000 zahlende Mitglieder und hatte bereits rund 400.000 Unterschriften gegen das Frauenwahlrecht gesammelt.

Mit dem Ziel, die Suffragetten zu stoppen, fusionierten die vor allem im Südosten Englands sowie in London populären Wahlrechtsgegnerinnen Ende 1910 mit ihrem männlich dominierten Pendant, der "Men's National League for Opposing Woman Suffrage".

"Infernalische Weiber"

Doch statt sich gegenseitig zu stärken, stritten männliche und weibliche Frauenwahlrechts-Gegner erbittert um Führungsposten, inhaltliche Ausrichtung und Namen ihrer neuen Organisation. Entnervt warf der konservative Politiker Lord Cromer 1912 sein Präsidentenamt hin: Er besitze "weder die Gesundheit noch die nötige Strenge und Jugend", um sich weiter "mit diesen infernalischen Weibern herumzuzanken", klagte der 72-Jährige gegenüber seinem Nachfolger.

1914 besaß das "Nationale Anti-Frauenwahlrechts-Bündnis" bereits 42.000 Mitglieder, von denen 85 Prozent weiblich waren, wie Historikerin Ute Planert schreibt. Dennoch verpuffte der geschlechterübergreifende Kreuzzug gegen die Suffragetten, liefen all die Parlamentseingaben, Zeitungsartikel und antifeministischen Kampagnen ins Leere: Für ihr Engagement an der Heimatfront während des Ersten Weltkriegs belohnte der britische Staat seine Bürgerinnen 1918 mit dem parlamentarischen Wahlrecht - das zunächst wohlgemerkt nur für jene Frauen über 30 Jahren galt, die auch Grundbesitz vorweisen konnten.

"Wir gehen dem Untergang mit wehender Fahne entgegen", tönte der Chef der Frauenwahlrechtsgegner, Lord Weardale auf der letzten Sitzung des Anti-Vereins am 12. April 1918. Resigniert warf Amtsvorgänger Lord Curzon seine gesamte Korrespondenz rund um den Anti-Suffragetten-Kampf in den Müll.

Und Wüstenkönigin Gertrude Bell? Zog längst für den britischen Geheimdienst durch den Nahen Osten, anstatt sich weiter gegen das Frauenwahlrecht aufzulehnen. Auf ihre Vergangenheit als "Anti" blickte sie später mit gemischten Gefühlen zurück, wie sich ihre Freundin und einstige Mitstreiterin Janet Hogarth erinnerte: "Sie hat sich über ihre eigene Haltung amüsiert."



insgesamt 13 Beiträge
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Joachim Vedder, 17.04.2016
1. Kein Verständnis
Eins habe ich mich als Mann schon immer gefragt: Wie kann es Männer (und auch Frauen) geben, die Frauen nicht als gleichberechtigt ansehen? Meine Frau und ich erziehen unsere Kinder gemeinsam, treffen gemeinsam Entscheidungen (von der Geldanlage über die Schulauswahl und den Autokauf bis zur Farbe der Tapeten) und sind uns unserer jeweiligen Stärken und Schwächen bewusst. Wie könnte ich da auf die Idee kommen, meine Frau sei ungeeignet für eine eigene freie Meinung, für eine Entscheidung welche Partei sie wählt? Wie gesagt, ich verstehe diese ganze Diskussion nicht. Wenn meine Frau die gleichen Rechte (und Pflichten) hat wie ich, dann werde weder ich "entmannt" noch sie "entfraut". Wie kann man also gegen Gleichberechtigung sein?
Rudolf Hege, 17.04.2016
2. Fremd...
Leider neigen viele Menschen dazu "anders" mit "weniger wert" gleichzusetzen. Das zieht sich durch die ganze Menschheitsgeschichte. So hatten sich schon die Stämme der diversen Naturvölker in den Haaren, wie auch die Nationen in Europa und das gleiche Argument (die sind anders, also weniger wert) nutzte man als Rechtfertigung für die Kolonialisierung. (Und heute ist Demokratie besser als Islam usw....) Und das waren keineswegs nur immer Männer. Heute gibt es Frauen, die aus dem Unterschied zwischen Männern und Frauen versuchen, eine Überlegenheit des weiblichen Geschlechtes abzuleiten. Verbunden mit entsprechenden Forderungen natürlich (z.B. Trennung von Jungen und Mädchen, weil die Mädchen von den "langsameren Jungen" behindert würden) Gleichberechtigung erfordert Kompromisse und auch Verzicht auf potentielle eigene Vorteile. Wenn ich anderen das gleiche Recht einräume, das ich für mich in Anspruch nehme, dann kann ich meine Bedürfnisse nicht immer durchsetzen. Und genau das fällt eben vielen schwer. Also wird weiter an der eigenen "Überlegenheitsphilosophie" gebastelt...
Das Boot , 17.04.2016
3.
@Joachim Vedder: Für eine freie und vor allem sinnvolle Entscheidungsfindung, besonders in eher komplexen Bereichen wie der Politik, wird eine gewisse Bildung benötigt. Demokratie als einfachste Form der Schwarmintelligenz ist sehr davon abhängig, das alle Wahlberechtigten ein Mindestmaß an Bildung und Politikverständnis aufweisen, damit die Entscheidung der Gemeinschaft(aller Wahlberechtigten) nicht durch Personen verfälscht wird, die im Grunde gar nicht wirklich begreifen, um was es geht, wofür sie abstimmen und was für Konsequenzen dies haben kann. Es ist von daher gut verständlich, dass es vor gut 100 Jahren ernsthafte Bedenken gab, einer damals durchschnittlich eher schlechter gebildeten Gruppe, den Frauen, das Wahlrecht zu geben, da dies die Qualität der Entscheidung zunächst verringern könnte. Diese Bedenken sind ebenfalls im Artikel erwähnt: "Die meisten Frauen seien schlicht noch nicht bereit für das Wahlrecht." Ich bitte Sie, sich in Zukunft kritischer mit den vorliegenden Informationen zu befassen und nicht vorschnell gängige Wertvorstellungen zu zitieren und ihr Unverständnis zu bekunden. Guten Tag.
Wilfried Bergmann, 17.04.2016
4. Die Entwicklung des Allgemeinen Gleichen Wahlrechts in Deutschland ab Januar 1919
Januar 1919: Allgemeines Gleiches Wahlrecht - Frauenwahlrecht für alle Januar 1933: Adolf Hitler September 1939: Zweiter Weltkrieg Mai 1945: Ende Zweiter Weltkrieg Alles in einer Linie: das Frauenwahlrecht hat in Deutschland direkt zu Hitler geführt. Was es also wirklich so gut?
Zeki Özdemir, 17.04.2016
5. Wahlrecht sollte an einen Politiktest gebunden sein
"Heulende Babys, verzweifelte Ehemänner, soziales Chaos" wurden befürchtet, wenn Frauen das Wahlrecht bekommen. Und genauso ist es ja auch gekommen... ;-)
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