Antisemitische Propaganda Krieg der Aufkleber

Antisemitische Propaganda: Krieg der Aufkleber Fotos
Sammlung Wolfgang Haney

"Unser Elend, Schuld der Juden." Antisemitische Hetze gab es in Deutschland nicht erst seit dem "Dritten Reich". Mit Millionen von Aufklebern wurde schon zuvor Hass verbreitet. Jüdische Organisationen ließen sich das nicht gefallen. Sie schlugen zurück - mit smarten Slogans auf eigenen Stickern. Von

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Ihre Botschaft ist knallig, die flüchtige Bestimmung ist ihnen anzusehen: Spuckies, hastig an Laternenpfähle oder Hausecken geklebte Handzettel. Papierschnipsel von der Größe einer Postkarte oder auch nur einer Briefmarke, versehen mit einprägsamem Inhalt als billigem Aufdruck.

Aufkleber dieser Art sind heute fester Bestandteil im Stadtbild. Große Verbreitung fanden sie allerdings schon Ende des 19. Jahrhunderts. Massenhaft und beiläufig sollten sie ihr Anliegen in die Öffentlichkeit tragen. In ihrer Alltäglichkeit lag auch ihre Wirkung. Nicht immer ging es dabei um rein kommerzielle Reklame.

Die Botschaft der frühen Spuckies war vor allem Hass. Propagandaaufkleber spiegelten im Kleinen, was sich auf der politischen Bühne im Großen abspielte. Im Deutschen Reich wuchsen die Anfeindungen gegen Juden, die Gegenstimmen aber blieben leise. Der Antisemitismus hatte ein Medium gefunden, sich rasch im Land zu verbreiten, lange bevor es im nationalsozialistischen Deutschland zur Menschenvernichtung im Holocaust kommen sollte.

"Liebesgabe zum Agitationsfond"

Nationalistische Vereine wussten das zu nutzen. Der antisemitische "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund" etwa brachte allein im Jahr 1920 knapp acht Millionen Aufkleber unters Volk. Verlage und Parteien verbreiteten Bögen, von denen sich kleine Marken mit judenfeindlichen Parolen abreißen ließen. Die Grundformeln des Antisemitismus fanden sich in allen Variationen bald auch auf Streichholzetiketten oder Briefverschlussmarken: "Unser Elend, Schuld der Juden" etwa lautete eine Aufschrift, die nach dem Ersten Weltkrieg kursierte.

Spuckies forderten auch zu Boykotten jüdischer Geschäfte auf. Hetzparolen wie "Kauf nicht bei Juden!" pappten an Fenstern und Fassaden. Das Hotel "Kölner Hof" in Frankfurt brüstete sich bereits im Jahr 1895, "judenfrei" zu sein - und warb damit nicht nur in Zeitungsannoncen, sondern auch auf kleinen Klebevignetten. Mit ihnen verzierte Ansichtskarten trugen die zweifelhafte Werbung in alle Welt.

Antisemitische Organisationen gaben gegen Spenden Klebemarken aus, die Rabattmarken ähnelten. "Liebesgabe zum antisemitischen Agitationsfond" stand darauf. Sie quittierten die Beiträge der Spender über "10 Pfennig", "20 Pfennig" oder "50 Pfennig". Mit Groschenbeträgen konnte man so den Hass gegen Juden mitfinanzieren. Briefaufkleber mit markigen Parolen rüsteten selbst die Privatkorrespondenz zur Agitationsschrift auf.

Markige Antwort

Doch die Hassparolen blieben nicht unbeantwortet. Gegner des Antisemitismus schlugen zurück - ebenfalls per Spuckie. Einige wenige vergilbte Sticker gegen den Judenhass sind bis heute erhalten. Darauf zu lesen ist etwa die Frage: "War je irgendwo und irgendwann ein großer Geist Antisemit?"

Aufkleber wie diese Beschwörung der deutschen Hochkultur waren Mittel des Abwehrkampfs, mit denen sich jüdische Organisationen in der Weimarer Republik gegen Anfeindungen zur Wehr setzten. "Judenhass erwächst aus Neid, Dummheit, Unfähigkeit!", warnte ein anderer Klebezettel. Auch die unter den deutschen Juden vorherrschende konservative Haltung brach sich hier Bahn. Mit Blick auf Hitler reimte man: "Lieber einen König von Gottes Gnaden als einen Idioten aus Berchtesgaden."

Urheber solcher Sticker war unter anderem der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (CV). Für die Reichstagswahlen 1928 hatte der CV Zettel zum Überkleben antisemitischer Wahlplakate produziert. Verkündete etwa ein Plakat der NSDAP "Juden haben keinen Zutritt", ließ sich mit den vorbereiteten Zetteln einfach der Nachsatz "denn beim Lügen möchten wir ungestört bleiben" hinzufügen. Allerdings stand den kämpferischen Parolen des CV eine solche Flut antisemitischen Materials gegenüber, dass ihre Wirkung verpuffen musste.

Seltene Beweise

Heute ist die Existenz dieser Agitationsaufkleber fast vergessen. Hergestellt in großer Zahl und mit meist minderer Qualität waren sie für eine kurze Lebenszeit gedacht. Das macht sie zu seltenen Objekten. "Archivscheu", nennt sie Isabel Enzenbach vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Dass die Historikerin jetzt einen großen Bestand dieser schnelllebigen Motive in einem reich bebilderten Sammelband präsentieren kann, ist Wolfgang Haney zu verdanken. Haney, Jahrgang 1924, ist seit seiner Kindheit leidenschaftlicher Sammler. Der ehemalige Charlottenburger Stadtrat und Vorsitzende des Vereins der Berliner Münzfreunde verfügt über einen international bedeutenden Bestand dieser raren Zeugnisse des alltäglichen Antisemitismus in Deutschland.

Viele Stücke seiner Sammlung gehen auf Zufallsfunde zurück. Als Sammler von sogenannten Post-Ganzstücken fand er auf Briefumschlägen immer wieder Propagandaaufkleber. Mehr als 600 Objekte hat er bislang zusammengetragen. Historikerin Enzenbach sieht darin einen unglaublichen Schatz – und einen Beweis dafür, welche alltäglichen Formen der Antisemitismus lange vor 1933 annehmen konnte.

Doch warum sammelt Haney überhaupt diese Relikte des Hasses? Seine Mutter Jüdin, er selbst hatte während der NS-Herrschaft Repressalien zu erleiden. Trotz Begabung wurde ihm als "Mischling 1. Grades" ein höherer Abschluss verweigert. Er arbeitete als Maurer im Bunkerbau und versteckte seine jüdische Mutter in einer Holzbaracke im Wald östlich Berlins. Große Teile der Verwandtschaft wurden ermordet. In dem Sammeln von Antisemitica verbindet sich Haneys Leidenschaft mit seinem Schicksal. "Ich mache das, um die Deutschen aufzuklären, was in unserem und durch unser Vaterland geschah", gab er in einem Gespräch mit der Herausgeberin zu Protokoll. Der Sammler hat kaum etwas weggeworfen. Nur, als das Berliner Finanzamt auf den Lohnsteuerkarten seiner Mutter selbst nach 1945 noch immer den Zwangsvornamen "Sara" vermerkte, mit dem sie während des "Dritten Reichs" als Jüdin stigmatisiert werden sollten, landeten diese im Müll – aus Ärger. Heute bereut er selbst diesen Verlust.

Zum Weiterlesen:

Isabel Enzenbach, Wolfgang Haney (Hrsg.): "Antisemitismus im Kleinformat. Alltagspropaganda seit 1893. Vignetten, Marken, Klebezettel aus der Sammlung Wolfgang Haney", Berlin 2012

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1.
Thomas Schöffel 02.05.2013
Diese üblen, rassistischen Aufkleber und Schilder gab es - darf man darauf hinweisen ? - nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Nein, ich bin kein Rassist, Nationalist, Faschist, Hitlerist, auch kein Rechtsradikaler oder sonstwie radikal veranlagt. Ich möchte nur aller höflichst darauf hinweisen, daß nicht nur in Deutschland Antisemitismus verbreitet war und ist. Dummheit ist leider international.
2.
Matthias Ferrari 02.05.2013
Wenn man weis, wie die menschliche Wahrnehmung funktioniert, dann ist die Veröffentlichung dieses Schundes so, als würde ein Bundestagsabgeordneter, der sich gegen Kinderpornografie einsetzt, selber so etwas auf seinem Handy und PC haben.
3.
Edgard L. Fuß 02.05.2013
"War je irgendwo und irgendwann ein großer Geist Antisemit?" Nein, das schließt sich eigentlich aus. Dennoch wird einem Antisemiten der vielen als "großer Geist" erschient im Land der "Dichter und Denker" sogar ein Feiertag gewidmet: Martin Luther.
4.
Peter Grolig 02.05.2013
Das ist jetzt aber mal ein Hammer. Ich hätte nicht gedacht, dass in SPON ein derart zutreffender Artikel veröffentlicht wird. Kennt man von SPON doch eher die typisch deutsche Einstellung des Vergessens, des Wegsehens und nicht Bemerkens. Zum Lachen finde ich den Artikel auch, da ich selbst in der Schule eine ganz andere Darstellung der Verhältnisse erlebt habe. Geglaubt habe ich es damals weder der Schule noch die Darstellung in den Medien. Sie waren für mich allesamt typisch westdeutsch verlogen und falsch. Der Artikel zeigt uns eine andere-glaubhaftere- Wahrheit.
5.
Gerd Weghorn 02.05.2013
Der Begriff von "Antisemitismus", der auch hier verwendet wird, ist nicht so eindeutig, wie er es uns "nach Auschwitz" zu sein scheint. Der Historiker weiß, dass der Antisemitismus vor 1939, also der landläufige AS, nicht mit der ?Endlösung der Judenfrage? von 1942 http://einestages.spiegel.de/hund-images/2012/01/19/42/291e649bf79f05eddd1d76c5799093cf.pdf konnotiert werden darf, geht dieses Vernichtungs-Programm doch noch nicht einmal aus den Veröffentlichungen des Stürmers bzw. Hitlers hervor, sondern ist das spezifische Resultat eines - nicht zuletzt auch dafür angezettelten - Weltanschauungskriegs. Ich empfehle also, mit ?Antisemitismus? nur noch das zu benennen, was jeder von uns heute damit verbindet, hingegen den von den Marr-Antisemiten 1879 ff. kreierten und propagierten ?AS? jedoch weiterhin als "antijüdisches Ressentiment" bzw. als "Judenhass", als (Ausdruck von) "Judenfeindschaft" zu bezeichnen, so, wie es Moshe Zimmermann in seinem Standardwerk getan hat: Deutsch-jüdische Vergangenheit: Der Judenhass als Herausforderung. Paderborn 2005
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