Antisemitismus in Polen Jahrelanges Versteckspiel

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen 1939 kann Familie Malinowski zunächst erfolgreich ihre jüdischen Wurzeln geheim halten. Doch dann wird der Tochter bei einer Razzia ein falsches Gepäckstück zugeordnet. Darin: ein Davidstern.

AP

Die Malinowskis, unsere Nachbarn in Kattowitz, waren allgemein beliebt und angesehen. Der Vater war ein höherer Beamter im Versicherungswesen, seine hübsche, brünette Tochter Zosia meine Freundin und Spielgefährtin, später meine erste Jugendliebe. Ich erinnere mich, dass wir zweimal zusammen im Kino waren; ein Film mit Shirley Temple in der Hauptrolle berührte sie offenbar so sehr, dass sie ganz nah an mich heran rückte und sogar meine Hand umklammerte. Wie viele andere Beamtenfamilien zog auch die Familie Malinowski nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus Sicherheitsgründen von der deutsch-polnischen Grenzstadt weiter östlich nach Warschau. Jahrelang hörte ich nichts mehr von ihnen. Doch niemals hätte ich angenommen, dass diese unauffällige christliche Familie in den Jahren der deutschen Besatzung gefährdet sein könnte.

In den fünfziger Jahren wurde ich vom Breslauer Rundfunk nach Warschau versetzt. Als ich erfuhr, dass in meiner Abteilung eine Frau Malinowska arbeitete, dachte ich sofort an Zosia. Doch dieser Name war weit verbreitet und ich wagte gar nicht zu hoffen, dass ich meine Freundin aus den glücklichen Kindertagen hier wieder treffen würde. Umso freudiger war die Überraschung, als sich herausstellte, dass es sich wirklich um meine ehemaligen Nachbarin handelte.

Erinnerung an die Vergangenheit

Aus dem kleinen Mädchen war eine attraktive junge Frau geworden, sie war verheiratet und hatte einen aufgeweckten vierjährigen Sohn, Marek. Sie lud mich zu sich nach Hause ein, um unser Wiedersehen zu feiern. Beim gemeinsamen Abendbrot, bei dem nach polnischer Sitte der Wodka natürlich nicht fehlen durfte, erzählten wir uns gegenseitige unsere Lebensgeschichten. Zosia wusste, dass ich Jude bin, und bald kamen auch die Kriegsjahre zur Sprache.

"Du hast in den letzten Jahren sicher viel mitgemacht, mein Lieber", sagte sie. "Ja, Zosia", antwortete ich, "ich war fünf Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern, aber das Schicksal hat es trotz allen Leids noch gut mit mir gemeint. Ich lebe und bin gesund." Eine Weile war es ganz still am Tisch, dann schaute Zosia mir fest in die Augen und sagte: "Ich musste als Polin und obwohl ich Christin bin, auch einiges mitmachen. Ich bin sogar nach Auschwitz verschleppt worden." Ich war erschüttert. "Nach Auschwitz? Wie ist es dazu gekommen?" Zosia holte tief Luft. Man merkte, dass die Geschehnisse von damals ihr immer noch sehr zu schaffen machten.

Die Tragödie begann Anfang Januar 1943. An einem schönen sonnigen Tag machte sich Zosia mit der Straßenbahn auf den Weg zur Kirche, um die 12-Uhr-Messe zu besuchen. Dort wollte sie für ihren Vater beten, der in der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa, kämpfte. Neben einem älteren, äußerst unsympathisch wirkenden Mann und einer elegant gekleideten Frau war noch ein freier Sitzplatz. Dort lag jedoch ein alter und an einigen Stellen schon gerissener Rucksack. Die Dame munterte sie freundlich auf, den Rucksack auf den Boden zu legen und neben ihr Platz zu nehmen. Kaum hatte sie sich gesetzt, bremste die Straßenbahn scharf und kam mit einem Ruck zum Halten. Der Schaffner öffnete die Tür und ließ einen polnischen Polizisten in Begleitung von drei Zivilisten ein.

Razzia in der Bahn

Mit lauter Stimme wurden die Fahrgäste informiert, dass es sich um eine Routinekontrolle handle, man solle bitte sitzenbleiben und die Ausweise bereithalten. Die drei Zivilisten waren von der Gestapo und begannen Reihe für Reihe die Identitäten der Fahrgäste zu kontrollieren. Als Zosia ebenfalls ihren Ausweis hervorholen wollte, fuhr ihr der Schreck wie ein Blitz durch die Glieder. Sie hatte ihre Tasche, in der sich die Kennkarte befand, in der Eile zu Hause vergessen!

Voller Angst versuchte sie, dies den Kontrolleuren zu erklären. "Und was haben Sie in Ihrem Rucksack?", fragte der Polizist. "Der Rucksack gehört mir nicht. Ich nehme an, dass ihn hier jemand liegen gelassen hat. Jedenfalls befand er sich schon auf dieser Bank, als ich einstieg." Der Polizist hob die Tasche vom Boden auf und öffnete sie. "Was haben wir denn hier? Eine Davidstern-Binde!" Für den Polizisten war die Sache klar. Hier hatte sich eine Jüdin trotz des Verbots, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, dreist unter die anderen Fahrgäste gemischt und versuchte jetzt aus Angst vor Entdeckung, ihren Davidstern im Rucksack zu verstecken.

Zosia wurde aus der Straßenbahn gezerrt, dann brachten sie sie zu einer Sammelstelle, wo bereits hunderte Juden warteten, die man aufgegriffen hatte. Weinend und voller Verzweiflung versuchte sie zu beweisen, dass sie keine Jüdin sei. Sie zeigte ihnen ihr an einer goldenen Kette hängendes Kreuz und beteuerte, auf dem Weg in die Kirche gewesen zu sein. Doch niemand glaubte ihr. Zusammen mit den anderen wurde sie in einen Zug gepfercht, die Türen wurden geschlossen und eine tagelange, qualvolle Reise begann.

Ankunft in Auschwitz

Meine arme Freundin erzählte, dass sie kaum Luft bekam, so eng gedrängt standen die Menschen in diesen Waggons. Bald roch es nach Urin und den Exkrementen der Eingeschlossenen, es war das reinste Martyrium. Viele weinten und schrien, andere beteten. Als der Zug irgendwann zum Stehen kam, wurden die Türen aufgerissen und Zosia und die anderen verzweifelten und erschöpften Menschen - darunter alte Männer, Frauen und kleine Kinder - mit Hieben auf die Rampe getrieben.

Über einen Lautsprecher erhielten sie den Befehl, alle persönlichen Gegenstände abzulegen und sich in Reih und Glied aufzustellen. So standen sie lange Zeit, zitternd vor Kälte und Angst. Einige alte Leute waren den Anstrengungen nicht gewachsen und sanken ohnmächtig nieder. SS-Aufseher zerrten sie von der Rampe, schleppten sie wie lästigen Kadaver weg. Es dauerte eine Ewigkeit, bis plötzlich eine schwarze Limousine an der Schlange der verzweifelten Menschen vorbeifuhr.

Sie hielt, die Autotüren öffneten sich und vier SS-Offiziere in schweren Ledermänteln stiegen aus. Nach kurzer Unterhaltung mit dem Kommandanten des Lagers liefen sie die Reihen entlang, um ihre Gefangenen zu inspizieren. Einer von ihnen - ein Offizier höheren Ranges - kam auf Zosia zu. "Bist du nicht die kleine Zosia Malinowska? Was tust du in aller Welt hier? Ich kenne deinen Vater sehr gut. Wir waren Nachbarn, als ich in Warschau stationiert war und haben den einen oder anderen Herrenabend miteinander verbracht." Der SS-Mann rief einen seiner Untergebenen: "Hier muss ein Irrtum vorliegen. Ich kenne das Mädchen. Sie ist keine Jüdin. Bringen Sie sie ins Auto, wo sie auf mich warten soll. Ich nehme sie gleich mit und werde sie bei ihren Eltern abliefern."

Halbe Wahrheit

Zosia konnte ihr Glück kaum fassen - ein Wunder war geschehen! Erleichtert ließ sie sich zur Limousine bringen und war heilfroh, als ihr Retter nach einiger Zeit ins Auto stieg und sie von diesem Ort des Schreckens weggebracht wurde. Völlig erschöpft schlief sie ein. Sie mussten schon eine Weile unterwegs gewesen sein, als eine gewaltige Explosion sie aus dem Schlaf riss. Plötzlich war alles voller Rauch, auf den vorderen Sitzen, wo der SS-Mann mit seinem Fahrer saß, züngelten Flammen. Ihr gelang es, aus dem Wagen zu steigen, sie fiel auf die Straße und rannte hustend und keuchend davon.

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"Und so bin ich nicht nur dem Todeslager Auschwitz entkommen, sondern habe auch einen Anschlag polnischer Aufständischer wie durch ein Wunder überlebt", erzählte Zosia an diesem Abend. Das war das letzte Mal, dass ich meine Freundin sah. Später erfuhr ich, dass diese Geschichte noch nicht die ganze Wahrheit war. Ihr Vater war Halbjude, ihm gelang es aber, dies sowohl vor uns Nachbarn als auch vor den Nazis geheim zu halten. Auch seine Arbeit für den polnischen Widerstand blieb unentdeckt. Erst nach dem Krieg bekannte er sich zu seinen jüdischen Wurzeln. Als in den sechziger Jahren die Juden in Polen erneut heftigen Diskriminierungen aufgrund einer staatlich geförderten "anti-zionistischen" Kampagne ausgesetzt waren, entschied sich Herr Malinowski, das Land mit tausenden anderen Juden zu verlassen. Er soll nach Amerika ausgewandert sein.

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