Apple-Kult "Mein erster Mac kommt niemals weg"

Apple-Kult: "Mein erster Mac kommt niemals weg" Fotos
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Ganz schön günstig: Anfang der Neunziger brachte Apple mit dem Macintosh Classic endlich einen Rechner auf den Markt, der nicht nur gut aussah, sondern auch für Studenten bezahlbar war. Matthias Kremp erinnert sich, wie Apples Geniestreich seinen Weg kreuzte - und dann sogar sein Leben veränderte. Von

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Mein erster Mac gehörte meiner Freundin. Ich war damals noch Atari-Nutzer, war mit meinem 1040STF glücklich und fand, dass Macs viel zu teuer und außerdem nur etwas für Computer-Dummies waren. Meinen Atari dagegen konnte ich - wichtig, wichtig - über ein Terminalprogramm mit Textbefehlen füttern. Das verströmte den diskreten Charme von Linux und ließ mich ein bisschen wie ein Hacker aussehen. Aber davon wollte meine Freundin nichts wissen. Sie wollte bloß einen Computer für die Uni, auf dem sie Hausarbeiten und später ihre Diplomarbeit schreiben konnte, ohne viel vom Computer verstehen zu müssen. Aber ein Macintosh war auch ihr zu teuer - eigentlich.

Denn 1990 entdeckte ich in einer Zeitungsanzeige ein Angebot eines Hamburger Apple-Händlers für den Macintosh Classic. 999 Mark sollte der Rechner kosten. Immer noch viel Geld für eine Studentin, die weitgehend von Bafög lebte, aber irgendwie doch bezahlbar. Sie zu überreden, bei diesem Angebot zuzuschlagen, kostete mich wenig Mühe. Ich musste nur die Worte "einfach", "schick" und "transportabel" oft genug wiederholen. Dass diese Attribute auf einen Mac zutreffen, hatte ich von einem Freund gelernt, der schon einen hatte - aus der Agentur, in der seine Mutter arbeitete. Agenturen hatten damals so was.

Aber Studenten eben nicht. Studenten hatten Ataris, Amigas - und wenn sie wohlhabende Eltern hatten, einen PC. Der Mac Classic meiner Freundin war deshalb eine kleine Sensation. Er war ja schließlich der Vorläufer des iMac, hatte vom Prozessor bis zum Bildschirm alles in einem Gehäuse. Und er hatte einen Griff, damit man ihn schnell mal eben durchs Haus tragen konnte. In einer Studenten-WG ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Pieep klingt lieb

Vor allem aber hatte er diesen niedlichen Startton. Eigentlich war es nur ein schwächliches "Piiiep". Aber eben etwas ganz anderes als die Geräuschkulisse, mit der sich der PC beim Einschalten meldete. Der dürre Ton kam bei unseren Freunden so gut an, dass wir den Classic immer wieder ein- und ausschalten mussten. Und er sorgte dafür, dass viele sagten: "Ohh, so einen Computer will ich auch haben." Es waren damals schon die Details, die Macs zu etwas Besonderem machten.

Und so etwas Besonderes wollte ich dann eben auch haben. Der kleine Classic hatte mich angefixt. Sein Bildschirm war viel kleiner (neun Zoll) und schlechter als der Schwarzweiß-Monitor meines Atari, der Prozessor war derselbe - und doch fühlte es sich anders an, an dem kleinen Mac zu arbeiten. Und zu spielen.


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Bis ich das Geld dafür zusammenhatte, ging ein Jahr ins Land. Doch dann gönnte ich mir gleich etwas richtig Gutes: einen Macintosh LC II. Der war mehr als doppelt so schnell wie der Classic meiner Freundin, man konnte einen großen 14-Zoll-Monitor anschließen, seine 40-Megabyte-Festplatte war mehr als doppelt so groß wie das externe Laufwerk meines Atari - und er sah einfach umwerfend gut aus. Ein bisschen wie die Sun Workstations (Sparcstation), mit denen ich an der Uni arbeitete, nur nicht so teuer.

Aber auch nicht billig. Die Rechnung habe ich heute nicht mehr, aber es waren wohl fast 2000 Mark, die ich für meinen ersten Mac hinblätterte. Davon hätte ich auch einen schönen Urlaub machen können, wochenlang. Ob der allerdings so nachhaltige Auswirkungen gehabt hätte wie mein LC II, wage ich zu bezweifeln.

Wir wollen niemals auseinandergehen

Der LC II nämlich ließ mich über den Tellerrand meiner Atari-Welt hinausblicken. Bis ich meinen Mac hatte, bestand meine Online-Welt aus ein paar Mailboxen und dem Mailboxverbund Mausnetz. Mit dem Mac konnte ich plötzlich per Modem Ausflüge in ganz andere, viel buntere Online-Welten wie das Magic Village machen. Dort lernte ich auch den Chefredakteur einer Redaktion kennen, die damals in Hamburg ein neues Mac-Magazin entwickelte, mich zuerst als freien Autor beschäftigte und mir ein Jahr später meinen ersten Job als Redakteur anbot.

Dabei hatte ich nie auch nur entfernt daran gedacht, mein Geld eines Tages mit dem Schreiben von Artikeln zu verdienen. Aber das Angebot war einfach zu verlockend, verhieß die Chance, mein Hobby zum Beruf zu machen. Wer kann das schon von sich behaupten? Wäre ich damals bei meinem Atari geblieben, hätte sich diese Tür wohl kaum geöffnet.

Den Job freilich brauchte ich auch dringend, denn der Mac entpuppte sich für mich nicht als Groschen-, sondern als Scheine-Grab. Allein 1000 Mark ließ ich mir die Musiksoftware Cubase kosten. Weitere 1000 Mark gingen nach nicht einmal zwei Jahren für ein Rechner-Upgrade drauf. Apple bot damals noch Aufrüstungen an, mit denen man seinen alten Mac auf die Technik des Nachfolgemodells aufrüsten konnte. Billig waren die nicht, aber billiger, als einen neuen Mac zu kaufen.

Auf meinen ersten Mac folgten in den folgenden zwei Jahrzehnten etliche weitere. Die meisten davon haben ich längst verkauft, verschenkt oder entsorgt. Nur den einen, den werde ich wohl nie mehr hergeben: den Macintosh Classic meiner Freundin. Heute steht er bei mir im Keller, und wenn ich ihn einschalte, spielt er immer noch den vertrauten Piepton ab. Bezahlen musste ich für diesen einen Mac allerdings nichts. Denn seine Besitzerin, meine damalige Freundin, habe ich geheiratet. Jetzt ist der Mac Familienbesitz.

Matthias Kremp ist Reporter im Netzwelt-Ressort von SPIEGEL ONLINE.

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1.
Ludwig Tegelbeckers 06.10.2011
Dieser Beitrag ist mir sympathisch und absolut nachvollziehbar, weil alles irgendwie bekannt! Auch mein erster Mac (3.800 Mark, als Taxi fahrender Student. Dasselbe Geld hätte damals locker für zwei gepflegte Strich-Achter gereicht...) kommt niemals weg - Familienbesitz!
2.
Chris Kogler 06.10.2011
Endlich ein Artikel, der meine Meinung zu Apple zumindest in einem Detail wiedergibt. Die Kisten waren in den 80er Jahren wirklich ein Nischenprodukt, extrem teuer und mit dem Ruf, das auch ein Depp diese Computer bedienen kann. Also Computer für dumme, reiche Bonzen. Der intelligente Normalbürger hatte damals einen Amiga oder Atari, je nachdem ob der Computer mehr zum Zocken oder mehr als Büromaschine gedacht war. Selbst IBM PC und Kompatible waren damals noch selten in Privathaushalten, weil sie im Multimediabereich chancenlos waren und in Sachen Sound und Grafik von jedem Amiga 500 locker geschlagen wurden. Aber die IBM Maschinen waren wenigstens in den Büros zuhause. Daran hat sich in den 90er Jahren nicht viel geändert. Aus den Ataris und Amigas wurden PC, den mit Windows 3.1 hatten auch die endlich eine ordentliche Benutzeroberfläche und Grafik und Soundkarten wurden immer besser. Apple hinkte immer noch hinterher und auch heute ist Apple im PC Bereich ein Nischenprodukt geblieben, allerdings mit steigendem Marktanteil. Das verdankt der Mac aber dem iPod und iPad und iPhone, diese Geräte haben Apple groß gemacht und so auch den Macs die Türen in die Läden geöffnet.
3.
Michael Quade 06.10.2011
Mein aller erste Mac (Powermac 8100AV) steht, noch immer voll funktionsfähig, komplett mit Monitor, Tatstatur & Maus, bei mir zu Hause !
4.
Eike Rojahn 06.10.2011
Mein erster Mac war ein LC II von 1992. Er hat mich damals beim Start in einen kreativen Beruf sehr unterstützt und inspiriert. Nachdem schon kurz darauf die nächste Mac-Generation in den Agenturen angekommen war, vermachte ich ihn einem Freund? Nun, vor zwei Wochen ist er zu mir zurückgekehrt! Mein alter Freund rief mich an, nachdem er die »Pizzaschachtel« beim Ausmisten im Keller gefunden hatte und wir trafen uns zur Übergabe ? aus Zeitmangel an einer Autobahnraststätte auf halber Strecke. Jetzt steht er hier, fast 20 Jahre später, wieder in meinem Büro. Gerade heute sieht er sehr hungrig aus. Und besonders tollkühn.
5.
Olaf Nyksund 06.10.2011
Die Story kommt mir sehr bekannt vor - auch deren Auswirkungen! Bei mir war es in Folge nicht das MacMAGAZIN (dessen treuer Leser ich Zeit seines Lebens war), sondern ein ganz neuer Berufsweg. Anfang 1990er wollte ich nämlich gar nichts von Computern wissen. Das waren hässliche Kisten mit schwarzem Loch, und wenn man darauf einen Satz tippte, erschien in diesem Loch prompt (pun intended) eine Antwort, die da hieß z.B. "'KLEI MI AM MORS' IS NOT A VALID COMMAND". Was ich mit so etwas hätte anfangen können, und vor allem wozu, passte mir nicht ganz in den Kopf. Irgendwann hatte ich vom Arbeitsamt ;) einen EDV-Kursus gesponsert bekommen. Schön und gut, WORD für MS DOS, hu ha, sogar ein Laserdrucker war an "meinen" Rechner angeschlossen, oh herrje, die Bodoni kann man auch wählen? dumm nur, dass sie weder auf dem Bildschirm erschien noch aus dem Drucker kam. Ich habe beschlossen, dass Computer nichts für mich sind. Dann im Jahr 1993 wollte ich mir für eine größere Übersetzungsarbeit eine dieser universellen Schreibmaschinen zulegen. So mit Display, mehreren Sprachen, Zentrierung, Blocksatz, Speicher und so weiter. Auf Ratschläge von Bekannten und Verkäufern, ich soll mir doch lieber einen Computer zulegen, reagierte ich ablehnend: ich will mich nicht mit Computern beschäftigen, kenne mich damit eh nicht aus, will mich auch nicht auskennen. Und dann kam's, wie es kommen musste: eines Frühlingsmittags stand ich nach früher-Feierabend in der Computerabteilung eines norddeutsches Elektrohändlers (des mit dem Geist?). Der Verkäufer versuchte mich für die herumstehenden DOS-Rechenr zu begeistern, gleichzeitig erklärte wohlmeinend, Atari sei auf dem absteigenden Ast. Okay? Als er mich alleine ließ, fiel mir zwischen den ganzen DOSen ein unscheinbarer Monitor - ja wo ist der Computer? Aha, diese kleine Pizzaschachtel drunter - auf. Und was ist das denn hier? Hm, eine Maus. Auf dem 14" SW-Bildschirm lief ein sympathisches Lernprogramm: halten Sie die Maus so und so. Gut, und jetzt klicken Sie - das macht man wie folgt... Eine vielleicht halbe Stunde später - für mich wie eine Ewigkeit -hörte ich plötzlich wie aus dem Off den Verkäufer: "Wie ich sehe, haben Sie sich schon recht gut in den Macintosh eingearbeitet?". Der Rechner war ein damaliges Auslaufmodell Macintosh LC 4/40. Ich habe mir noch einen Style Writer II mit einpacken lassen, der Verkäufer bestellte mir einen Taxi und ich fuhr den ganzen Krempel nach Hause. Da angekommen, stellte ich alles im Zimmer auf dem Boden herum, setzte mich hin und sagte laut und deutlich: "Nun, Chrome, hast du deine zwei ersten Monatsgehälter für etwas ausgegeben, von dem du keine Ahnung hast und das du mit Sicherheit nicht bedienen kannst". Dann nahm ich das Handbuch in die Hand, steckte alles zusammen und dann war die Nacht um :) Unnötig zu sagen, dass im Bekanntenkreis die Reaktion auf den Kauf war Stirnklöppen: Warum Macintosh, nicht dein Ernst, woher nimmst du Software, da laufen keine Spiele (war nicht wahr), und überhaupt? Der Rest ist Geschichte, die ich vielleicht irgendwann erzähle.
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