DDR-Volksaufstand Vom Schulhof ins Mündungsfeuer

DDR-Volksaufstand: Vom Schulhof ins Mündungsfeuer Fotos
AP

Eigentlich hatte sich Bodo Jung nur kurz vom Schulhof gestohlen, um die Demonstration zu bestaunen, plötzlich fand er sich zwischen Panzern und Maschinengewehrschüssen wieder. Am 17. Juni 1953 stolperte der 16-Jährige in einen Aufruhr, der Geschichte schrieb - und ihn in Lebensgefahr brachte. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.0 (1 Bewertung)

Als ich mich am Morgen des 17. Juni 1953 auf den Schulweg machte, ahnte ich nicht, wie dieser Tag sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen werden würde. Ich war 16 Jahre alt und in der 10. Klasse der Käthe-Kollwitz-Oberschule in Magdeburg. Nicht, dass ich völlig ahnungslos gewesen wäre: Von Demonstrationen in Ostberlin hatte ich schon über den Nordwestdeutschen Rundfunk, den wir regelmäßig zuhause hörten, erfahren. Aber hier in Magdeburg schien es ein Tag wie jeder andere.

Wir hatten gerade Sportunterricht auf dem Schulhof, als plötzlich ein Schulkamerad rief: "Auf dem Breiten Weg wird demonstriert!" Der Breite Weg, eine Hauptstraße, verläuft in der Nähe der Schule. Ich wunderte mich: Sonst mussten wir doch stets von der Schule aus zu jeder Demonstration. Was war heute anders?

Aufgeregt verließ ich den Schulhof und lief zum Breiten Weg. Ich staunte nicht schlecht: Überall drängten sich dort Demonstranten, es war gar kein Ende der Menschenmassen zu erkennen. Noch mehr wunderte mich allerdings, dass in der ganzen Menge kein einziges Transparent mit einer sozialistischen Losung zu sehen war. Erst jetzt begriff ich, dass dies kein linientreuer Auflauf war. Die Demonstranten protestierten gegen die bestehende Regierung. Fast alle waren Arbeiter aus dem Ernst-Thälmann-Werk und dem Karl-Liebknecht-Werk, die meisten noch in Arbeitskleidung. Ich überlegte nicht lange. Schnell zog ich mich um - schließlich hatte ich noch immer die Sportkleidung an - und schloss mich ihnen an.

Von der Polizei entdeckt

Es ging zum Gewerkschaftshaus am Ratswaageplatz. Vor dem Gebäude lagen jede Menge Akten, die einfach aus den Fenstern geworfen worden waren, und es flogen immer noch mehr. Das Haus war gestürmt worden. Ein Mann kam heraus, wahrscheinlich ein Funktionär der Gewerkschaft, und bekam Tritte und Schläge ab. Ein Passant ging dazwischen und mahnte: "Keine Gewalt!" Die Angreifer beruhigten sich wieder.

In meiner Nähe saßen Leute auf der Ladefläche eines Lastwagens. Sie riefen andere auf, sich dem Aufstand gegen die Regierung anzuschließen. Ich sprang fasziniert mit auf den Wagen, und ab ging es Richtung des Vororts Rothensee, wo große Betriebe standen. Hier wollten wir noch mehr Arbeiter für unsere Sache gewinnen.

Unterwegs legten wir einen Zwischenhalt ein: In der Neuen Neustadt ging es zur SED-Schule. Dort rissen wir, wie andere es inzwischen überall taten, alle sozialistischen Plakate herunter. Mir wurde ganz mulmig, als ein Polizist mich dabei beobachtete, der ganz in meiner Nähe wohnte. Doch der Polizist hat mich nie denunziert. Ich bin ihm noch heute dankbar

Anschließend ging es weiter nach Rothensee, in einen größeren Betrieb. Die Arbeiter dort standen bereits alle auf dem Hof. Keiner von ihnen wusste richtig, was in der Stadt los war. Wir erklärten ihnen, was geschah, und forderten sie auf, uns zu folgen. Ich riss inzwischen alle Plakate ab, die ich so sah, auch, wenn ich dafür manchmal gefährlich hoch klettern musste.

Mittag bei Mutti statt Knastrevolte

Wir fuhren zurück in die Neue Neustadt, zum Gefängnis in der Umfassungsstraße, wo Politische inhaftiert waren. Beim Schlachter wurde eine große Fleischeraxt geholt und damit die Tür aufgehackt, um die Gefangenen zu befreien. Das wurde mir zu heiß. Ich setzte mich von der Gruppe ab und ging - ich wohnte ganz in der Nähe - erst einmal zum Mittagessen zu meiner Mutter.

Frisch gestärkt überlegte ich wenig später, was ich nun mit dem Rest des Tages anfangen sollte. Ich hatte noch Tatendrang, also machte ich mich auf den Weg zurück zum Gefängnis. Es schien, als hätte ich mit meiner Vorsicht Recht behalten: Vor der aufgebrochenen Eingangstür stand nun ein Russenpanzer. Der Platz vor dem Gebäude war wie leergefegt. Da hörte ich, in der Stadt sei noch was los - vor dem Polizeipräsidium, das zugleich ein Gefängnis war. Ich machte mich sofort auf den Weg, durch menschenleere Straßen.

Am Präsidium waren etwa 200 Leute, die offenbar daran gescheitert waren, das Gefängnis zu erstürmen. Und vor ihnen standen Panzer und russische Soldaten. Ich mischte mich unter die Leute. Immer wieder fuhren die schweren Kettenfahrzeuge mitten durch die Menge, die sofort zur Seite stob. Zum Glück wurde niemand überfahren, doch die schweren Panzer rissen Pflastersteine aus dem Boden los. Aus Frust hoben wir sie auf - und warfen damit nach ihnen.

Die Soldaten waren jung, vielleicht erst 18. Ihre Gewehre hatten Bajonette, aber ohne ihre Stahlhelme, nur in Käppis, machten sie irgendwie einen betretenen Eindruck. Ich kletterte zu einer Gruppe von Schaulustigen auf das flache Dach einer Baracke und sah mir die Sache von oben an. Unter meinem Arm hervor machte eine Frau Fotos. Mir war nicht ganz wohl dabei, weil nicht weit von uns die Soldaten standen. Wer wusste, wie die reagieren würden, wenn das alles fotografiert wurde? Später erfuhr ich, dass die Aufnahmen der Frau in Westberliner Zeitungen erschienen sein sollen.

Plötzlich lag er reglos da

Dann änderte die Situation sich dramatisch. Neue Soldaten kamen, Mongolen mit Stahlhelmen und vollständiger Gefechtsausrüstung. Noch nie hatte man diese Kämpfer bei uns in der Öffentlichkeit gesehen. Und nun standen sie vor uns - und stellten Panzerabwehrkanonen in unsere Richtung auf.

Augenblicklich kam Panik auf. Bloß weg von der Straße! Gemeinsam mit sechs anderen Jugendlichen kletterte ich zu den höher gelegenen Bahngleisen. Unter mir dröhnte ein Panzer. Der Turm drehte sich und das Maschinengewehr ratterte. Ich sah das Mündungsfeuer, dann ein Ehepaar auf der Straße. Plötzlich lag der Mann reglos neben seiner Frau, mit einem roten Fleck auf der Stirn.

Da rannten wir los, quer über die vielen Gleise der Hauptzuglinie nach Halle. Auf der anderen Seite sprangen wir auf niedrige Gebäude, die Garagen zu sein schienen. Zwischen den Dächern ein kleiner Zwischenraum, ich sprang darüber - und erstarrte vor Schreck. Unter mir kläfften und knurrten Schäferhunde. Das waren keine Garagen, sondern Hundezwinger! Und dazwischen standen Russen mit Gewehren in den Händen, die etwas in unsere Richtung riefen. Ich rannte wieder zurück auf die Gleise und rüber zu einer Gruppe von Häusern, die anderen hinter mir her. Wir kletterten unter das Dach des nächsten Hauses. Doch hier konnten wir nicht bleiben, wahrscheinlich wurden ja bereits nach uns gesucht.

Unerwartete Hilfe

Unsere Rettung kam unerwartet: Vor einem Haltesignal blieb ein Zug Richtung Hauptbahnhof stehen. Nichts wie hin und rein. Banges Warten, bis er endlich wieder losfuhr. Wenige Augenblicke waren wir endlich an der nächsten Haltestelle - allerdings ohne Fahrkarten. Damals gab es Sperren auf jedem Bahnhof, die man nur mit gültigem Fahrausweis passieren konnte. Was nun? Bei einer Kontrolle wären wir dran gewesen, man hätte sofort gewusst wo wir herkämen, und der Bahnhof war an allen Seiten abgesperrt. Wieder hatte ich Glück: Ein Zug Richtung Stendal fuhr ein, der über die Haltestelle Neustadt weiterfahren sollte - wo ich wohnte. Ich kletterte sofort hinein. Doch die anderen wollten nicht mit. Sie kamen aus anderen Gegenden von Magdeburg.

Die Reisenden ahnten zum Glück nicht, was hier vor sich gegangen war. Zufällig war mein Tanzlehrer im Abteil. Ihm fiel auf, dass ich mächtig aufgeregt war, und er erkundigte sich, was los sei. Ich erzählte alles. Ohne lange zu überlegen, gab er mir seine Fahrkarte. Dankbar stieg ich am Bahnhof Neustadt aus, den ich nun ohne Probleme verlassen konnte.

"Woher kommst Du?"

Endlich auf dem Weg nach Hause! Aber eine letzte Hürde wartete noch: In meiner Straße lag ja das gestürmte Gefängnis, und davor standen noch immer Panzer und Sowjet-Soldaten. Als ich passieren wollte, wurde ich natürlich angehalten. "Wo willst Du hin? Woher kommst du?" Ich erklärte, ich sei auf dem Weg von der Schule nach Hause und wohnte... tja... "in der Mitte der Straße" - wie hieß das noch auf Russisch? Verdammt, ich hatte doch fast eine Vier in Russisch bekommen. Also stammelte ich "ja jiwu na uglu" - "ich wohne an der Ecke". Sie ließen mich gehen. An der Ecke wurden meine Knie weich, ich musste weiter, aber ich dachte unentwegt an den Toten mit Kopfschuss. Ich versuchte, den Gedanken zu verdrängen und ging und ging - bis ich schließlich an meiner Haustür war. Nicht nur meine Mutter war heilfroh, dass ich noch am Leben war.

Am nächsten Tag kam ich zu spät zur Schule. Ich war eigentlich ohnehin nur gegangen, um meine Kumpels zu sehen, schließlich war ja klar, dass die Schule geschlossen sein würde nach allem, was passiert war. Doch sie war es nicht. Als ich den Klassenraum betrat, traf es mich wie der Schlag: Bis auf mich und noch einen, der das Gefängnis mit erstürmt hatte, saßen alle schon auf ihren Plätzen und schrieben... die schriftliche Russischarbeit!

Artikel bewerten
3.0 (1 Bewertung)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH