Arbeitsdienst hinter Stacheldraht "Die schlimmste Zeit meines Lebens"

Eiseskälte, harte Arbeit und demütigende Rituale: Im Winter 1941/42 leistete Lotte Guse ihren Reichsarbeitsdienst. Auf dem Tiefpunkt ihrer Jugend entdeckte sie ihren Traumberuf.


Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war für mich die schlimmste Zeit meines Lebens. Er war zur Hitlerzeit für alle Deutschen zwischen 18 und 25 Jahren Pflicht und dauerte ein halbes Jahr. Ich bin im Februar 1924 in Küstrin geboren, einer Kleinstadt, die heute im Westen Polens liegt. Ich musste im bitterkalten Winter 1941/42 zum RAD. Es waren Monate der Demütigung.

Schon die Unterkunft war entwürdigend: Wir waren in einem ehemaligen Lager für männliche Straftäter in Charkow untergebracht, das von hohem Stacheldraht umgeben war. 80 Mädchen aus dem gesamten Großdeutschen Reich, wie es damals hieß. Als wir eintrafen, mussten wir unsere Zivilkleidung abgeben. Sogar die Unterwäsche wurde uns abgenommen. Nur die Büstenhalter durften wir behalten. Wir trugen Lagerwäsche und darüber eine Uniform.

Jeweils zwölf "RAD-Maiden" waren in einem Raum mit Doppelstockbetten untergebracht, der nur abends mit einem Kanonenöfchen beheizt wurde. In unseren Holzbaracken froren wir bitterlich. Häuser aus Stein gab es nicht. Abends um halb zehn inspizierte eine Führerin die Unterkünfte. Sie war 24 Jahre alt und kostete ihre Macht über uns voll aus, und war sie noch so gering! Wenn sie an unsere Betten trat, hielten wir die Luft an. Sie kontrollierte, ob wir unter unseren Lager-Schlafanzügen heimlich noch ein Nachthemd oder ein Jäckchen trugen. Das war verboten - trotz der Kälte. Wenn sie ein Mädchen erwischte, musste es das Kleidungsstück ausziehen und abgeben. Wie demütigend!

Wie die Kuh am Trog

Alle vier Wochen wurden wir von einem Arzt aus Charkow untersucht. Dieser Mann verlangte, dass wir mit freiem Oberkörper vor ihm antraten. Wir empfanden das als Zumutung, wagten aber nicht, uns dagegen zu wehren. Jedes Mädchen hatte ein Gesundheitsbuch zu führen, in das eingetragen wurde, wann die Menstruation begann. In diesem Alter kommt sie selten pünktlich, das hatte ich schon im Anatomieseminar gelernt. Trotzdem wurden wir gezwungen, uns bei jeder Unregelmäßigkeit diesem Arzt vorzustellen, der uns gynäkologisch untersuchte. Um dem unsympathischen Arzt zu entgehen, schwindelten wir ein wenig und trugen falsche Daten in das Gesundheitsbuch ein.

Im Lager herrschte ein strenges Reglement. Morgens um sechs wurden wir geweckt und mussten in Schlafanzug, Socken, Schuhen und Mänteln zum Zählappell antreten. Einmal erkrankte ich an Angina. Ich hatte Fieber und konnte kaum sprechen. Aufstehen und mich zum Appell aufstellen musste ich trotzdem. Nach dem Antreten und Abzählen gingen wir in die Dusche. Das war ein riesiger Raum. Wir mussten dort alle gleichzeitig duschen. 80 nackte Mädchen standen bibbernd in der Kälte und seiften sich ein. Wir waren nicht gewohnt, uns unbekleidet vor Fremden zu zeigen. Die Führerin stand an der Tür und kontrollierte, ob alle unter der Dusche blieben.

Manchmal durften wir den Waschraum benutzen. Wenn ich mich dort wusch, kam ich mir vor wie eine Kuh am Trog. Der einzige Unterschied bestand darin, dass ich nicht aus dem Trog fraß, sondern Wasser schöpfte, das durch eine lange Rinne zum Abfluss lief. Frühstück gab es gegen acht. Wir bekamen abwechselnd Haferflocken mit Milch und Brote mit Marmelade. Eine Einheit war stets dafür zuständig, das Essen vorzubereiten. Die Stullen wurden am Abend vorher geschmiert. Wenn sie früh auf den Tisch kamen, waren sie völlig verklebt.

Ungewohntes Landleben

Nach dem Frühstück begann die Arbeit. Die meisten von uns waren bei Bauern eingesetzt. Anfangs lasen wir auf den Feldern der Großbauern die Kartoffeln nach. Wir rutschten auf Knien über den lehmigen, feuchten Boden - eine schreckliche Mühsal! Nach vier Wochen wurden die Mädchen jeweils einer Bauernfamilie zugeteilt. Einige blieben im Lager und halfen in der Küche. Ich landete auf einem Bauernhof, der eine halbe Stunde Fußweg vom Lager entfernt war. Diesen Weg musste ich bei Wind und Wetter morgens und abends allein zurücklegen. Ich zog Stiefel an, um mich vor der eisigen Kälte zu schützen. Es nützte nichts. Die Haut über den Stiefeln erfror.

Auf dem Bauernhof schälte ich Kartoffeln, putzte das Gemüse, stopfte Strümpfe und hielt den Haushalt sauber. Anfangs sollte ich auch die Kühe melken. Ich versuchte es, aber die Familie sah ein, dass das Mädchen aus der Stadt ohne Erfahrung für die Arbeit nicht geeignet war. Von der Bauernfamilie bekam ich ein gutes und reichliches Mittagessen - trotzdem verging mir der Appetit. Mitten auf dem Tisch standen zwei Schüsseln. In der einen dampften Kartoffeln, in der anderen Fleisch und Soße. Dazu gab es lediglich einen Löffel. Der Bauer legte eine Kartoffel auf seinen Löffel, hielt sie mit dem Daumen fest und stippte sie in die Soße. Auf diese Weise füllte er nach und nach seinen Teller. Manchmal steckte er Kartoffeln und Soße gleich in den Mund. Die junge Bäuerin benutzte für die gleiche Prozedur einen Teelöffel. Sie nahm sich nicht nur Essen für sich selbst, sondern kaute Fleisch und Kartoffeln für das Kind vor. Obwohl ich von der harten Arbeit hungrig war, brachte ich kaum einen Bissen herunter. Der Frau fiel schnell auf, dass ich mit dem Löffel nicht zurechtkam. Da legte sie Messer und Gabel für mich bereit.

"Suchet den Herrn, so werdet ihr leben!"

Nach vier Wochen war mein Dienst bei dieser Bauernfamilie zu Ende. Im Dezember wurde ich der Offiziersfrau Malé zugeteilt. Sie war Ende 20 und sympathisch. Diese Frau hatte eine Tochter von knapp zwei Jahren und ein Baby, das gerade ein dreiviertel Jahr alt war. Die Arbeit für Frau Malé war für mich die reinste Wonne. Dass ich andauernd Windeln waschen, Brei kochen und die Kinder füttern musste, störte mich nicht im Geringsten. In dieser Familie ging es wenigstens kultiviert zu! Nach dem Dienst kehrte ich abends ins Lager zurück. Um fünf Uhr hatten wir "Dienstbesprechung", während derer wir aus der Presse Informationen über den Stand der Front erhielten. Anschließend hatten wir eine knappe Stunde Freizeit. Wir besserten unsere Kleidung aus und schrieben Briefe.

Ähnlich wie die Soldaten besaß jede von uns einen Spind für ihre Wäsche. Darin befand sich ein Geheimfach mit einem Schloss davor. Den Schlüssel durften wir behalten. Dieses Fach war selbst für die Führerinnen tabu. Wenn wir von der Arbeit kamen, war manchmal der Spind aufgerissen und die Kleidung aufs Bett verstreut worden. Das war reine Schikane, Strafe dafür, dass die Hemden angeblich nicht ordentlich genug aufgeschichtet waren. Im Geheimfach bewahrte ich Briefe auf, außerdem meine Bibel. An die Außenwand hängte ich die Jahreslosung: "Suchet den Herrn, so werdet ihr leben!" Obwohl das in diesem militärisch organisierten Lager nicht üblich war, blieb der Zettel bis zum Schluss hängen. In die Kirche durfte ich trotzdem nicht gehen.

Weihnachten 1941 durfte ich nach Hause fahren, um die Festtage im Kreis meiner Lieben zu verbringen. Ich genoss den Heiligen Abend mit allen meinen Sinnen. Nach der Plackerei und dem Elend in Charkow war ich für jede harmonische Stunde zu Hause doppelt dankbar. Nach Weihnachten musste ich in das Lager zurückkehren. Bis zum 31. Dezember waren wir damit beschäftigt, die Baracken zu putzen und notwendige Instandhaltungsarbeiten auszuführen.

Den Kranken helfen

Ab Januar 1942 wurde keine von uns mehr in den Außendienst beordert. Mittlerweile hatte es sich herumgesprochen, dass ich Krankenschwester werden wollte. Wegen der üblen Zustände und des frostigen Wetters waren im Lager stets 10 bis 15 Mädchen erkrankt. Einige waren erkältet, manche litten an Nierenschäden und Infektionskrankheiten. Mir wurde die Verantwortung für das Krankenrevier übertragen. Doch dann erkrankte ich selbst.

An einem freien Wochenende, das ich bei einer Bekannten in Stettin verbrachte, bekam ich Halsschmerzen. Pflichtbewusst wie ich war, reiste ich trotzdem zurück nach Charkow. Vom Bahnhof aus schleppte ich mich fast eine Stunde zu Fuß bis ins Lager. Am nächsten Morgen hatte ich Fieber und konnte vor Heiserkeit überhaupt nicht mehr sprechen. Ich wurde ins Krankenzimmer verlegt. Der Arzt aus Charkow untersuchte mich und stellte Scharlach fest. Unter den schlimmen Bedingungen erholte ich mich nur langsam. Die Krankheit hatte immerhin etwas Gutes: Ich durfte für drei Wochen zu meiner Mutter fahren.

Als ich nach Charkow zurückkehrte, begannen dort die Vorbereitungen auf den Kriegshilfsdienst, der für alle Mädchen Pflicht war. "Darf ich diesen Dienst im Krankenhaus von Stettin ableisten?" fragte ich die Führerinnen. Da ich die einzige war, die sich für die Krankenpflege meldete, kamen die Führerinnen meiner Bitte nach. Die schreckliche Zeit des Arbeitsdienstes war zuende.

Zum Weiterlesen:

Diese und weitere Episoden aus dem Leben von Lotte Guse lesen Sie auch im Blog der Autorin.

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Seite 1
Melviro Rohn, 24.06.2011
1.
Lesetipp: Ein ähnliches Schicksal erlebte auch Vera Vogel-Lamprecht. 1942 wurde sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, erhielt sich jedoch positivere Erinnerungen an diese Zeit als Lotte Guse. Bei ihrem Einsatz als Bauernmagd hatte sie das Glück, an eine wohlwollende Familie zu geraten und viele ihr späteres Leben prägende Erfahrungen zu machen. Auch für sie stellt der Reichsarbeitsdienst dennoch einen drastischen Einschnitt in die eigene Biografie dar. Das Gefühl der Entwurzelung und Fremdheit beschreibt sie detailliert in ihrem Buch "Die Rose und das Feuer". Leseprobe: Am Freitag vor Pfingsten traten wir unseren Dienst an. Die Neusiedler staunten nicht schlecht, als die ihnen versprochenen Arbeitsmaiden vor der Tür standen und sich als höhere Töchter aus Berlin entpuppten, mit denen sie ab sofort ihre Lebensmittelvorräte teilen sollten. Hatte es bislang geheißen, wir würden den armen Neusiedlern die deutsche Kultur nachebringen, sahen wir uns nun mit einer gänzlich andersartigen Situation konfrontiert. Was uns tatsächlich erwartete, war die Arbeit einer gewöhnlichen Bauernmagd. [?] In den folgenden Monaten wuchs ich bei harter körperlicher Landarbeit und für Kriegszeiten märchenhaft guter Ernährung in meine Kraft hinein, die ich bis dahin nicht einmal geahnt hatte. Nur die Holzpantinen, die ich zu allen Arbeiten trug, verdarben mir die Füße. [?] Untergebracht waren wir Mädchen in einem Schulhaus, in dessen Klassenräumen Doppelstockbetten aufgestellt worden waren. Bildung war Luxus. Die Schule, die wir jetzt durchliefen, war die des Krieges. Eine goldige Mitschülerin organisierte farbiges Papier und verzierte die Wände unseres Schlafsaals mit Tiersilhouetten. Ich verstand mich gut mit den Schulkameradinnen. Wie ahnungslos wir waren! Besonders genossen wir die freien Sonntage. Dennoch ließen mich die Gedanken an zu Hause nicht los. Herausgegeben von Rohnstock Biografien Berlin, http://www.rohnstock-biografien.de/index.php/buecher/buch/36
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