Arbeitslosigkeit in Deutschland Verschenkte Jahre

Erst half er im Osten, Betriebe abzuwickeln, dann erwischte es ihn selbst: Vier Jahre lebte Karl Wilhelm Meier ohne Arbeit am Rande der Gesellschaft.

DPA

1990, im Jahr der Wiedervereinigung, fing ich an, im Osten zu arbeiten. Ich sollte Grundstücke und Gebäude für Firmen sichern. Aber dann machte mein Arbeitgeber Pleite. Natürlich freute ich mich, dass mir eine Firma das Angebot machte, direkt für sie zu arbeiten. Denn im Westen waren die Perspektiven auch nicht gerade rosig. Doch nun wuchs die Zahl der Entlassungen stetig. Klagte jemand dagegen, hatte ich die Interessen des Unternehmens vor Gericht zu vertreten. Ich war deshalb nicht gerade beliebt in der Firma. Und mein Job wurde mit jeder Entlassung unsicherer. Ich verschloss eine Weile davor die Augen, aber eines Tages war es dann so weit: Der Personalvorstand überreichte mir die Kündigung, und schon stand ich vor der Tür.

Mit dem Tage der Kündigung gehörte ich nicht mehr zur Belegschaft, erfuhr nicht einmal ein Stückchen Solidarität. Die Verabschiedung: kein nettes Wort von den Kollegen. Nur ein genuscheltes "Tschüs" des Vorstandsvorsitzenden. Mit der Arbeitslosigkeit kam das Gefühl, versagt zu haben. Ich versteckte mich im Haus, ging nur nach 17 Uhr auf die Straße. Vielleicht wollte ich damit die Nachbarn Glauben machen, ich stünde noch in Lohn und Brot. Besonders schwer war der erste Besuch beim Arbeitsamt. Anstellen, Nummer empfangen und dann dritter Stock, Zimmer soundso. Ein Haufen Formulare, um Arbeitslosengeld zu beantragen. Im Stelleninformationssystem (SIS) des Arbeitsamts zeigte sich Norddeutschland als Beschäftigungswüste.

Postbote mit großen Umschlägen

Ich überlegte, was ich alles mit der gewonnenen Freiheit anfangen könnte. Eine Doktorarbeit schreiben zum Beispiel. Ach was, ich würde schon wieder Arbeit finden, und dann wäre die ganze Mühe umsonst gewesen, dachte ich. Also putzte ich das Haus, wenn meine Frau arbeiten ging. Ein Erfolgserlebnis brachte mir das nicht. Meine Frau mochte nicht den starken Chemiegeruch im Haus. Auf diese Weise verschenkte ich vier Jahre meines Lebens.

Jeden Samstag las ich als erstes die Stellenanzeigen in der örtlichen Tageszeitung. Dann kaufte ich mir die überregionalen Zeitungen. Ich verschickte Zeugniskopien, Lebenslauf, Anschreiben. Ich entwickelte ein feines Gehör. Hörte die Post kommen, bevor ich den Postboten sah. Jeden großen Umschlag, jede Rücksendung einer Bewerbung empfand ich als persönliche Beleidigung, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Verzweiflung machte sich breit. Und wenn der Postbote dann auch noch sagte: "Ich habe da wieder einen großen Umschlag für Sie", dann hatte ich das Gefühl, der wusste Bescheid.

Vorstellungsgespräche hatte ich wenige. Ich war unkonzentriert und sagte - indirekt, wie ich gelernt hatte - auch, dass mein letzter Arbeitgeber mir Unrecht angetan hätte. Vor solcher Kritik schützten sich die Arbeitgeber, indem sie meine Bewerbung einfach zurückschickten. Ich schien immer weniger zur Gesellschaft der anderen zu gehören. Ich erwog, einen Lehrgang zum Steuerberater zu absolvieren. Aber das würde Geld kosten, das ich nicht hatte. Also fragte ich im Arbeitsamt. Fortbildung von Akademikern fördern wir nicht, war die Antwort Da stand ich also über den Dingen und konnte alles, außer einen Arbeitsplatz finden.

Krumme Geschäfte

Ich gab kleine Fließsatzanzeigen auf und erhielt Zuschriften: Jobs als Versicherungsvertreter oder Handyverkäufer wurden mir angeboten. Soviel zu der vom Arbeitsamt behaupteten Überqualifikation. Schließlich zeigte sich ein schwaches Licht am Horizont. Ein Schlüsseldienst suchte einen arbeitslosen Rechtsanwalt. Ich wusste, dass die Firma reichlich unseriös war. Darauf konnte ich aber keine Rücksicht nehmen. Ich wollte wieder selbst Geld verdienen. Ich bekam den Job, der darin bestand, die bösen Briefe der Betrogenen zu beantworten, wenn sie nicht bezahlt hatten. Aber am Monatsende kam mein Geld nicht. Irgendwann nutzte ich mein gestutztes Selbstbewusstsein und kündigte.

So war ich wieder draußen. Endlich las ich im SIS von einem Feld-, Wald- und Wiesenanwalt, der eine wissenschaftliche Hilfskraft suchte. Ich bekam einen Vollzeitjob. Nun hoffte ich, mit 49 hätte ich es geschafft. Aber auch hier kam das Gehalt manchmal und manchmal auch nicht. Mein Chef flüchtete sich vor den harten Wahrheiten des Alltags in Depressionen und ins Internet. Mit all dem hätte ich leben können, wenn da nicht auch noch die Unterschlagungen von Mandantengeldern gewesen wären. Der Gerichtsvollzieher wurde einer der häufigsten Besucher der Kanzlei. Die Urteile und Beschlüsse gegen ihn versteckte mein Chef in seinem Aktenkoffer. Ich wollte nicht tatenlos auf das Ende warten und begab mich wieder auf Jobsuche. Ein großer Betrieb suchte einen Sachbearbeiter - nicht gerade mein Traumjob. Aber ich bewarb mich und bekam ihn mit etwas Glück.

Seit zehn Jahren habe ich diesen Job und hoffe, dort bis zur Rente zu bleiben. Aber neue Schwierigkeiten tun sich auf. Mein Arbeitgeber hat festgestellt, dass er eigentlich zu viel Personal hat und versucht, die Alten in die Altersteilzeit abzuschieben. Ob sich die Gedrängten das leisten können, ob ihre Rente ausreicht, spielt dabei keine Rolle. Wichtig sind nur die Zahlen. Was soll ich tun? Ich reagiere auf die mangelnde Sozialkompetenz mit beredtem Schweigen. Meine Kollegen verstehen auch ohne Worte, was mein Schweigen bedeutet. Und das ist das Wichtigste.



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