Architekt Max Bill "Er konnte vernichtend sein"

Max Bill war ein genialer Künstler, aber ein schwieriger Mensch: Zeitlebens musste der Designer um seine Anerkennung als Architekt kämpfen. Er selbst ging aber auch nicht zimperlich mit seinen Kollegen um, wie sich Fred Hochstrasser anlässlich Bills 100. Geburtstag erinnert.

E. Hahn

Max Bill konnte mit einem Satz vernichten. Das musste ich ein ums andere Mal am eigenen Leib erfahren, als ich in den fünfziger Jahren unter Führung des Schweizer Architekten, Künstlers und Designers meine Arbeit als dessen Bauleiter bei der Erschaffung der legendäre Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm aufnahm.

"Das ist ein Eisenbahnunglück", rief Max Bill beim Anblick der Rohbauten der Hochschule auf dem Ulmer Kuhberg aus. Das war im Herbst 1953. Damals war noch nicht zu erahnen, dass jener Gebäudekomplex der HfG Ulm später einmal als kunsthistorisches Juwel der Nachkriegsarchitektur gelten würde. Bill (1908-1994) setzte darin auf einzigartige Weise sein funktionales, kubisches Konzept um, das ihn als Künstler schließlich weltberühmt machte.

Wir waren in jenen Tagen, als der Rohbau fast fertig war und die Anlage erste Gestalt annahm, zu Zweit an die Donau auf Höhe der Brücke nach Wiblingen gefahren und schauten uns das Werdende an. Max Bill stieg aus dem Bentley, schaute zum Kuhberg - und wurde bleich. Dann sagte er jenen vernichtend-lakonischen Satz. Es war einer jener Momente, in denen ihm die Selbstzweifel kamen: Würde seine Idee auf dem Berg überhaupt darstellbar sein?

Einladung zum Vorstellungsgespräch

Ich war damals 24 Jahre alt und arbeitete zunächst als sein Assistent, dann als sein Bauleiter. Als Max Bill mich für die Ausführungsplanung und die örtliche Bauausführung bestimmte, war unverkennbar, dass dies nicht seinen Intentionen entsprach. Er fasste aber sehr schnell Vertrauen zu mir, indem er mich mit Kompetenzen ausrüstete, die mich anfangs richtig einschüchterten.

Max Bills ganzer Ehrgeiz war es, Architekt zu sein. Gegenüber diesem Ziel stellte er seine großen Erfolge als Künstler und universaler Gestalter eigenartigerweise immer zurück. Für Viele blieb Bill ein Künstler, der einmal ein Gebäude entwerfen durfte. Leute wie Mies van der Rohe, Walter Peterhans oder Konrad Wachsmann akzeptierten ihn als Architekten nur am Rande. In ihrer Kritik am Schulgebäude ließen sie ihn das spüren - deshalb wurde er so durch sie verletzt.

Aber auch er konnte eben sehr bestimmt, sehr abkanzelnd sein, wie ich gleich bei meiner ersten Begegnung mit ihm am 15. Mai 1953 in Ulm erfahren musste: In einer Manöverwoche in der Innenschweiz erreichte mich seine Nachricht auf meine Bewerbung, ich solle ihn im Langmühle-Bau, in der Nähe des Bahnhofs, treffen. Ich sei in die durch Inge Scholl und Otl Aicher neu gegründete Hochschule für Gestaltung aufgenommen worden. Unterschrift: Max Bill, Zürich.

"Was wollen Sie hier?"

Ich saß gerade die letzten Militärstunden in der Schweiz ab, um einen Auslandsurlaub genehmigt zu bekommen. Ich hatte allerdings andere Pläne, als nach Ulm zu gehen. Neugierig aber war ich schon und beschloss über Ulm nach Paris zu fahren, um den Bill'schen Termin wahrzunehmen. Pünktlich in Ulm wurde ich sehr freundlich von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Walter Zeischegg empfangen. "Herr Bill kommt gleich", sagte man mir.

Bill betrat den Raum, ich trat ihm mit ausgestreckter Hand entgegen - er schaute mich nur kurz an und fragte: "Was wollen Sie hier? Ich will Sie hier nicht, ich wollte einen anderen." Eine Verwechslung also, ein Irrtum. Punkt. Alle staunten.

In der allgemeinen Verblüffung hörte ich mich antworten: "Herr Bill, das trifft sich ausgezeichnet - ich bin eh auf der Durchreise nach Paris." Und dann verließ ich den Raum in Richtung eines alten, überbreiten, vom Krieg zerzausten Treppenhauses. Auf halber Höhe hatte ich das angenehme Gefühl, ein für mich plötzlich bedeutendes Problem grundsätzlich und endgültig erledigt zu haben.

Bill, der Funktionalist

Unten angekommen stellten sich mir Otl Aicher und Walter Zeischegg in den Weg, sie forderten mich auf, unbedingt zu bleiben. Als ich meinte, sie abgeschüttelt zu haben, stand mir plötzlich frontal Frau Aicher-Scholl gegenüber, die mir direkt in die Augen sah und sagte: "Ich bitte Sie ..." Wer das mit dieser Frau erlebt hatte, wusste: Du hast keine Chance.

Später erzählte man mir, dass Bill diese Begrüßungs-Zeremonie von Le Corbusier abgeguckt hätte, um sie gelegentlich selber einzusetzen. Max Bill war eben ein engagierter Funktionalist, für den gestaltete Funktionen - also das menschlich betriebliche Zusammenwirken - einen hohen Stellenwert besaß. Dieser Zusammenhang war für Bill einer der dominierenden Aspekte und eben auch Grundlage bei der Suche nach der richtigen Gestalt und deren Ästhetik.

Die unbestrittene Leistung am Bill'schen HfG-Gebäude in Ulm kann man nicht nur mit der Ästhetik, also der Leichtigkeit der städtebaulichen Anordnung, und auch nicht nur mit den innenräumlichen Qualitäten beschreiben. Sie besteht ihm komplexen Zusammenwirken aller dieser Aspekte, macht die besonderen Fähigkeiten des Architekten deutlich.

Bill, ein Architekt?

Der Entwurf des HfG-Projektes wurde in Zürich entwickelt und war zunächst nicht auf eine bestimmte Materialausführung festgelegt. Dann stand für das Vorhaben eine große Stahlspende in Aussicht, und die Pläne wurden entsprechend überdacht. Politische Gründe verhinderten jedoch die Realisierung: Nachdem Presseberichte erschienen waren, die die Initiatoren der Hochschule Inge Aicher-Scholl und Otto Aicher und mit ihnen das ganze Hochschulunternehmen als kommunistische Zelle darstellten, zog die Stahlindustrie ihre Zusage zurück.

Dann geschah ein Wunder: Die regionale Zementindustrie sprang mit einer großzügigen Zementspende in die Lücke. So waren wir gezwungen, einen Betonbau zu entwickeln. Dies geschah von Grund auf in Ulm. Bill muss in jener Phase unter enormem Druck gestanden haben. Im Bereich der Ideen war er autoritär, in Bezug auf die Entwicklung der Dinge aber nie diktatorisch.

Wenn ich heute, an Max Bills 100. Geburtstag an ihn denke, bin ich durchdrungen von großem Respekt und tiefer Dankbarkeit. Max Bill hat lange um seinen Status als Architekt kämpfen müssen. Für viele Kritiker seiner Architektur war er ein Künstler, der einmal ein Gebäude entwerfen durfte. Und so dauerte es lange, bis ihn die Elite in den Bund Schweizer Architekten (BSA) aufnahmen und er damit von ihnen die verdiente Anerkennung erfuhr. Weil er als Designer und Künstler von "außen" kam, wurde er im Bereich der Baukunst nicht ernst genug genommen. Wenn ich mir heute die Frage stelle: Gibt es eine reine, makellose Architektur? Dann fällt mir immer Bill ein.

Ich erinnere mich dabei besonders an zwei seiner Projekte, die immer zu wenig gewürdigt worden sind: Den Wettbewerbsentwurf für die Freudenbergschule in Zürich und vor allem den Entwurf für den unbekannten politischen Gefangenen. Für mich wird spätestens an diesen Beispielen klar: Siehe da, Max Bill - der Architekt!

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Stefan Maas, 30.12.2008
1.
Eine Anmerkung zu Abbildung 11 (Schneewittchensarg). Die Rollen der genannten Personen scheinen nicht zur einschlägigen Fachliteratur zu passen; erinnere mich an ein Studienprojekt zu diesem Thema: Gugelot war demnach nicht Student, sondern Dozent dieser Hochschule; Dieter Rams war nie Student der HfG, sondern Designer bei Braun.
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