Architektur Die perfekte Stadt

Leben im rechten Winkel: In Nordindien baute Stararchitekt Le Corbusier ab 1951 die Metropole Chandigarh. Die betongewordene Vision streng geometrischer Ordnung allerdings scheiterte an den Tücken des Alltags - und an den indischen Kühen.

Von Ariane Stürmer

Ernst Scheidegger © Neue Zürcher Zeitung

Die Kühe sind schuld. Statt auf den Wiesen vor der Stadt zu bleiben, streunen sie wie wilde Hunde zwischen den Häuserzeilen herum, bleiben mitten im Kreisverkehr stehen und verursachen einen Verkehrsinfarkt. Mit ihren lilafarbenen Zungen gieren sie nach dem Obst und dem Gemüse der fahrenden Händler am Straßenrand. Doch noch bevor das dürre weiße Tier einen der Granatäpfel erwischen kann, peitscht ein Rohrstock durch die Luft. Der Obsthändler flucht und schimpft und prügelt. Die dürre Weiße trabt davon, und ihre Tritte wirbeln den feinen Staub auf, der die Straßen Chandigarhs überzieht.

Chandigarh, das ist eine Millionenstadt nördlich von Neu-Delhi, wenige Kilometer vor den südlichen Ausläufern des Himalaya gelegen. Chandigarh, das ist das Ergebnis einer fast 60-jährigen Baugeschichte, begonnen 1951 auf einem Schweizer Reißbrett. Die Metropole ist systematisch in Sektoren unterteilt. Sie besteht aus hellen Sichtbetonbauten, staubigen Grünflächen und avantgardistischen Regierungsgebäuden. Es gibt Straßen in acht Kategorien - beispielsweise solche, auf denen der Fernverkehr donnert, andere, auf denen die Autos der Pendler rauschen und wieder andere für Fahrräder und Rikschas. Nur für Kühe gibt es keine eigenen Straßen.

Die hatte der Schweizer Bauhaus-Architekt Charles-Edouart Jeanneret-Gris, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Le Corbusier, nicht mit eingeplant. Zu dem Zeitpunkt, als Le Corbusier von der indischen Regierung den Auftrag erhielt, eine neue Stadt für 500.000 Menschen aus dem Boden zu stampfen, war er bereits weltweit für seine avantgardistischen Wohnideen bekannt. Mit Chandigarh sollte sich sein Lebenstraum erfüllen: Eine Metropole gegliedert nach den Funktionen Wohnen, Arbeiten und Erholen. Chandigarh sollte zudem Symbol werden für ein neues, modernes, chaosfreies Indien. 1952 war Grundsteinlegung. Doch der Schweizer Plan scheiterte am indischen Alltag.

Eine neue Stadt für ein neues Land

Dass er überhaupt diesen prestigeträchtigen Auftrag erhielt, hatte Le Corbusier den Engländern zu verdanken. Das Königreich hatte Britisch-Indien 1947 in die Unabhängigkeit entlassen, Indien und Pakistan entstanden. Die neue Grenze verlief mitten durch eine historisch gewachsene Region - und knapp 90 Millionen Menschen blieb nur eine Frist von zweieinhalb Monaten, um sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden. Chaos und Flüchtlinge bahnten sich ihren Weg.

Die Teilung verursachte noch ein weiteres Problem: Die bis dato zu Nordindien gehörende Provinzhauptstadt Lahore lag nun in Pakistan. Indiens erster Premier Jawaharlal Nehru musste eine neue Provinzhauptstadt bestimmen. Seine Wahl fiel auf eine Ebene an den Ausläufern des Himalaya, und er verpflichtete zunächst den amerikanischen Städteplaner Albert Mayer und dessen Architekten Matthew Nowitzki, an seiner Stelle die neue Verwaltungshauptstadt für den neuen Bundesstaat Punjab zu erbauen. Doch Nowitzki verunglückte 1950 tödlich, auf dem Rückweg von Indien in die USA stürzte er mit einem Flugzeug ab. Mayer übergab das Projekt daraufhin auf Wunsch der indischen Regierung an Le Corbusier und dessen Team. Der Schweizer Architekt war zu diesem Zeitpunkt bereits 64 Jahre alt und weltberühmt.

Noch von Albert Meyer stammte die Idee, Chandigarh nach Sektoren zu gliedern. Le Corbusier griff sie auf, weil sie auch seiner Theorie einer modernen Planstadt entsprach. Die hatte er bereits 1923 in dem Manifest "Vers une Architecture" formuliert, jetzt endlich sollte er seine Visionen von einer perfekten Stadt in Stein, Beton und Stahl umsetzen können.

Profan Praktisches vor Schönheit

Die Theorie funktionierte im Prinzip auch in der Praxis. Chandigarh besteht heute laut Stadtplan aus etwa 60 Rechtecken, jedes 1200 Meter lang und 800 Meter breit. In jedem dieser Sektoren gibt es Schulen, Arztpraxen, Wohngebäude, Grünflächen und einen zentralen Marktplatz. Als Stadt in der Stadt ist jede Einheit weitgehend autark, wenn es um die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens geht.

Für einiges aber müssen die Bewohner ihren Sektor verlassen und über die weitläufigen Straßen in einen anderen Stadtteil pendeln: In Sektor 14 beispielsweise steht die Universität, in Sektor 1 befinden sich die Regierungsbauten, und Sektor 17 ist bekannt als Shopping-Paradies. Dort gibt es alles zu kaufen, was man auch in einer europäischen Fußgängerpassage vermuten würde - vom Kitsch für Kinder bis Marc O'Polo für den Mann.

Nur fürs Auge gibt es nichts. Denn mit der Schönheit der Architektur ist es nicht weit her. Zwar stehen auf dem betonierten Marktplatz immerhin ein paar Bäume mit weit ausladenden Ästen, doch das sind auch schon die einzigen Farbkleckse, die Le Corbusier dem Marktplatz zugestanden hat. Die Bauten sind im schönsten Fünfziger-Jahre-Bauhausstil konstruiert, mit betongrauen Fassaden und geometrischer Profanität. Le Corbusier hatte dem jahrhundertelang in Europa geltenden griechischen Schönheitsideal den Rücken zu gewandt: In seiner Architektur stand das Praktische ganz weit über dem Schönen.

Eine Stadt wie ein Mensch

Bei den griechischen Philosophen nahm Le Corbusier dennoch Anleihen. Denn die Stadt Chandigarh sollte nach dem Willen ihres Erfinders wie ein Mensch funktionieren. Mit einem Kopf, einem Herz, Lungen, Kreislauf, Eingeweiden und sogar ein wenig Intellekt.

Der Kopf ist auch der Grund, warum jedes Jahr Architekturstudenten aus der ganzen Welt mit dem Flugzeug in Neu-Delhi landen, eine halsbrecherische Taxifahrt zum Hauptbahnhof unternehmen und dank Klimaanlage eisgekühlt in Chandigarh aus dem Zug steigen. Der Kopf von Chandigarh sitzt, natürlich, in Sektor 1, im Volksmund Kapitol genannt. Dort stehen die Bauten der Administration, des obersten Gerichtshofs und des Regionalparlaments.

Zwischen den Gebäuden weiden keine Kühe, keine Busse rumpeln hupend über die breiten Straßen, keine Händler bieten ihre Waren feil. Es ist still an diesem Ende der Stadt, als dürften die Stadtobersten nicht beim Denken gestört werden. Zwischen den Bauten ist nichts, sofern Wiese und Asphalt in der Architektur als ein Nichts gelten dürfen. Auf dem Gras spielen ein paar Jugendliche Cricket, das Nationalspiel Indiens. Es ist aufgeräumt, beinahe gespenstisch verlassen wirken die gewaltigen Betonklötze, die sich da gegen die Silhouette des Himalaya erheben. Doch obwohl der Beton der Bauten Le Corbusiers brüchig ist, regieren in ihrem Innern noch immer Politiker und sprechen Richter Recht.

Das Herz schlägt in Sektor 17, dort, wo die grünen Bäume in der Betonwüste über Marc O'Polo und Co. wachen. Die Lungen sind die vergleichsweise vielen Grünflächen der Stadt, die bei Trockenheit staubig sind und hart wie der Beton Chandigarhs und bei Monsun matschig wie die Sümpfe bei Udaipur. Der Kreislauf rattert, knattert, hupt und muht auf den Straßen, die kleinen industriellen Eingeweide liegen am östlichen Rand der Stadt, und für den Intellekt sind die Sektoren im Nordwesten der Stadt mit dem Universitätsviertel zuständig.

Das Ende eines Traums

Le Corbusier hat Ordnung schaffen wollen mit seinem geometrischen Plan. Ein wenig ist ihm das auch gelungen. Zumindest Indern gilt Chandigarh als "city beautiful", als schöne Stadt verglichen mit dem Moloch Neu-Delhi. Chandigarh fühlt sich nach einem Besuch der indischen Hauptstadt an wie ein Kurort. Und das, obwohl heute mehr als doppelt so viele Menschen dort leben als ursprünglich geplant - 1,2 Millionen statt 500.000. Die Geschichte hat der Stadt ein anderes Schicksal beschert, als Regierung und Architekt es geplant hatten.

Während Chandigarh 1951 die alleinige Provinzhauptstadt des Nordens werden sollte, beherbergt sie heute gleich drei Verwaltungen: Als der Bundesstaat Punjab 1966 in zwei Staaten geteilt wurde, entstand Haryana. Weil Chandigarh auf der Grenze zwischen dem neuen Punjab und Haryana liegt, bezogen die Verwaltungen beider Staaten Quartier in der Stadt. Chandigarh selbst wurde als "Unionsterritorium" unter die direkte Verwaltung Neu-Delhis gestellt.

Die schweizerische Ordnung Le Corbusiers hat die wechselvolle Geschichte der Stadt nicht auffangen können. Zwar hat Le Corbusier eine Art Gebrauchsanweisung für den weiteren Ausbau der Stadt hinterlassen, nach der neue Häuser und Straßen errichtet werden sollen. Doch Chandigarh wuchs schneller als geplant. Die Bedürfnisse des Alltags überlagern das Konzept, nach dem gerade noch in einer dritten Bauphase neue Stadtteile entstehen.

Selbst einheimische indische Rikschafahrer finden sich heute nicht mehr in dem System aus Sektoren und Hausnummern zurecht. Besser also, der Gast kennt den Weg. Dass Hausnummer 501 neben 4322 liegt, ist weder dem Rikschafahrer einleuchtend, noch dürfte sich diese Logik Le Corbusier erschließen, würde der 1965 beim sommerlichen Bad im Mittelmeer ertrunkene Architekt heute durch seinen bröckelnden Betontraum wandern.

Ein Teil der Fotos ist mit freundlicher Genehmigung des Verlages Scheidegger & Spiess der folgenden Publikation entnommen: Ernst Scheidegger / Stanislaus von Moos: Chandigarh 1956.

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  • Ernst Scheidegger, Stanislaus von Moos:
    Chandigarh 1956

    Le Corbusier and the Promotion of Architectural Modernity.

    Scheidegger & Spiess; 272 Seiten.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
nandita schwalbe, 07.12.2008
1.
ich bin selbst in chandigarh geboren und habe es dieses jahr nach 34 jahren zum erstenmal erleben dürfen! ich war nicht überwältigt aber dennoch erstaunt - wie sehr sich der einfluss le corbusiers bis heute gehalten hat. chandigarh ist so gänzlich anders als jede indische stadt die ich bisher gesehen habe - sie ist einzigartig. hier leben vor allem wohlhabende, interlektuelle - solche, die es nach ihrer karriere in den USA/im ausland wieder nach hause gezogen hat. die gründstückspreis steigen ins unerschwingliche - für westliche verhältnisse unvorstellbar. chandigarh ist irgendwie nicht indien - aber eine reizvolle facette dieses gewaltigen landes.
Solnzevo Wolkow, 07.12.2008
2.
Sollte man mal in real besuchen...
jörg bacherle, 07.12.2008
3.
ich glaube, le corbusier wäre nicht einverstanden, wenn mann seine gebäude als bauhaus-architektur bezeichnen würde. hatte er irgendwas mit dem bauhaus zu tun? dass le corburier der griechischen antike den rücken zugewandt hat, halte ich für eine gewagte these. hat er nicht die klassischen vorbilder genau studiert? waren nicht die klassischen proportionen grundlage seiner entwürfe? in diesem sinne: die architektur le corbusiers als geometrisch schlicht zu bezeichnen ist nicht zutreffend. sehe man sich die proportionsstudien und -analysen an. darüber gibt es wie bei keinem anderen architekten zahllose veröffentlichungen. dass chandigarh auf einem schweizer reißbrett entstanden sein soll ist neu. le corbusier hat die meiste zeit seines lebens wohl in frankreich gelebt und gearbeitet. es ist nicht anzunehmen, dass er sein altes reißbrett aus der schweiz dahin mitgenommen hat.
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