Architektur Die Luftschlösser des Frank Lloyd Wright

Architektur: Die Luftschlösser des Frank Lloyd Wright Fotos
The Frank Lloyd Wright Foundation, Scottsdale, Arizona

Er baute das Guggenheim Museum und das legendäre "Fallingwater", ein Haus auf einem Wasserfall. Doch Frank Lloyd Wright hatte noch ganz andere Visionen. 1,6 Kilometer hohe Wolkenkratzer - oder die Sprengung New Yorks. Ein neuer Bildband zeigt bisher unveröffentlichte Entwürfe des Stararchitekten. Von

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Frank Lloyd Wright hasste Großstädte. Als er als junger Mann nach Chicago kam, schrieb er in sein Tagebuch: "Es war so kalt, so schwarz, so blau-weiß und so nass! Ich fröstelte. Ich hatte Hunger." Später als Stararchitekt wurde er nicht müde gegen Metropolen zu wettern. Das bevorzugte Objekt seiner Verachtung war New York. Den Lieblingsspielplatz aller großen Architekten seiner Zeit hielt er, das wurde der 1867 im US-Bundesstaat Wisconsin geborene Querdenker nicht müde zu betonen, für "eine bösartige Wucherung".

Erst 1943, bereits 76 Jahre alt, baute Wright erstmals in New York - und schenkte der Stadt mit dem Guggenheim-Museum eines ihrer bedeutendsten Wahrzeichen. Dennoch prophezeite er weiter unaufhörlich die Auflösung städtischer Strukturen. Und er war durchaus bereit, diese Entwicklung mit eigenen Ideen zu befeuern. Seiner Ansicht nach würde das Konzept "Großstadt" ohnehin bald überholt sein - warum dieser Entwicklung also nicht nachhelfen und sie zugleich lenken?

Für den Big Apple hatte er eine radikale Vision. Wolkenkratzer waren für den Architekten eigentlich "sittliche, wirtschaftliche, ästhetische und ethische Ungeheuer". Doch um New York loszuwerden hätte er da eine Ausnahme gemacht: In Wrights Schubladen schlummerten Pläne für "The Mile High 'Illinois'", einem Gebäude doppelt so hoch wie der 2008 fertiggestellte Wahnsinnsturm Burj Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. 1,6 Kilometer hoch sollte die Nadel aus Stahl, Glas und Beton in den Himmel ragen.

Ein gigantisches Ego

Mit diesem Bau wollte Wright "aufwischen, was vom Urbanismus übrig ist" und die Bevölkerung New Yorks samt Infrastruktur einfach in seine Wolkenkratzer umsiedeln - drei von den Monstertürmen hätten nach Wrights Berechnungen gereicht. Und er wäre kein echter Visionär gewesen, wenn er nicht auch schon eine Lösung für den Transport der Versuchskaninchen in seinem absurden Vertikal-Wohnprojekt gehabt hätte: durch Atomkraft angetriebene Aufzüge. Für das entvölkerte New York selbst hatte er auch eine Lösung parat: Sprengen, empfahl der Architekt selbstbewusst.

Frank Lloyd Wright war der "All American Architect", ein großer Geist mit einem gigantischen Ego. "Das größte Kunstwerk der Gegenwart", so Wright in seiner Biografie, "ist ein schöner Raum, um darin zu leben." Und der größte Künstler? Natürlich er. Schon zu Lebzeiten blaffte er jeden an, der ihn als bedeutendsten lebenden Architekten bezeichnete, er sei der bedeutendste Architekt aller Zeiten.

Zum 50. Todestag hat der Taschen-Verlag dem berüchtigten Baumeister nun eine eigene Werkausgabe gewidmet. Kein leichtes Unterfangen - denn in seiner sieben Jahrzehnte währenden Berufslaufbahn hat das Arbeitstier Wright ein beachtliches ?uvre hinterlassen. Mehr als 1000 Entwürfe hat er skizziert, etwa die Hälfte davon wurde umgesetzt. Dementsprechend umfangreich gestaltet sich das Projekt "Werkausgabe". Das Ergebnis hätte Wright wohl gefallen. In drei Bänden, von denen jeder einzelne in Größe und Gewicht in etwa einer Waschbetonplatte gleicht, finden sich Ideenskizzen, Entwurfszeichnungen und Fotos aller je von Wright ersonnenen Gebäude. Der erste Band ist nun erschienen; er enthält die Arbeiten seiner letzten Schaffensphase von 1943 bis 1959.

Ganz Amerika neu bauen

Die üppige Bebilderung für das Buch trug Bruce Brooks Pfeiffer in den Frank-Lloyd-Wright-Archiven zusammen. Der ehemalige Schüler des Stararchitekten ist Direktor des Archivs und Vizepräsident der Frank Lloyd Wright Foundation. So finden sich unter den Dokumenten viele unveröffentlichte Zeichnungen. Und so manche von Wrights nie umgesetzten Skizzen zeigen, dass der Architekt nicht nur New York, sondern eigentlich ganz Amerika gern neu erbaut hätte.

Wrights liebste Utopie, die ihn über Jahrzehnte bis zu seinem Tod nicht losließ, hieß "The Living City". Nur durch "The Living City", war sich Wright sicher, könne der Mensch zur Natur zurückfinden. Schon 1932 gab er seiner Idee von einer flächendeckenden Besiedlung der USA als Gegenentwurf zum Leben in der Stadt in Entwürfen erste Gestalt und sogar einen Namen: "Broadacre City", die "Vision einer freien Stadt, die eine Nation ist - eine Stadt, die nirgends ist und überall."

Kraft Geburt sollte jedem US-Amerikaner in Wrights Städtebau-Utopia ein Grundstück zustehen. Für eine fünfköpfige Familie hielt der Architekt eine Fläche von 4000 Quadratmetern für angemessen. Dort sollte sie inmitten idyllischer Natur in einem - natürlich von Wright entworfenen - Haus leben. Als Nabelschnur zur Zivilisation wollte der begeisterte Autofan ein Netz aus Straßen schaffen, das die Häuser mit Zentren verbinden sollte, in denen sich Supermärkte, Arbeitsplätze, Schulen, Industrie und Freizeitvergnügen konzentrierten. Zur Fortbewegung sollte jedem "Usonian", wie Visionär Wright die Bürger seiner neugeordneten USA nannte, ein Automobil zustehen. Zudem entwarf er mit kindlicher Begeisterung weitere Fortbewegungsmittel wie Raketenfahrzeuge oder "Aerotors", fliegende Untertassen mit Drehflügeln zur Personenbeförderung.

Wohnen auf dem Wasserfall

Schon seine "Prärie Häuser", mit denen er zur Jahrhundertwende die Idee des Familienhauses revolutionierte, zeigten die ausgeprägte Liebe des Architekten zur Natur. Statt Wohnbunker zu errichten, die den Menschen von der umliegenden Landschaft abschotteten, versuchte Wright, das Haus harmonisch in die Umgebung einzufügen. Bescheiden ducken sich diese eingeschossigen Bauten in die Landschaft, farblich eins mit dem Umland, da ein Großteil der zum Bau verwendeten Steine und Hölzer aus der Gegend stammt. Im Mittelpunkt jedes Hauses befindet sich ein Kamin, ein familiärer Treffpunkt, um den herum sich alle Räume gruppieren. Durch großzügige Fensterflächen, weite Sichtachsen und direkt an das Haus anschließende Terrassen schuf der Architekt einen fließenden Übergang vom Drinnen zum Draußen, vom Wohnbereich zur Natur.

Seiner Bauphilosophie, in einen Ort regelrecht einzutauchen und mit ihm zu leben, setzte Wright mit dem legendären Ferienhaus "Fallingwater" das eindrücklichste Denkmal. Der Bau in den Allegheny Mountains, etwa 80 Kilometer südöstlich von Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania, ist heute eine Kultstätte. Alle sieben Minuten beginnt eine Führung, bis zu 150.000 Besucher pilgern jährlich zu dem ehemaligen Feriendomizil des Warenhausbesitzers Edgar J. Kaufmann. Der war freilich geschockt, als er 1935 das erste Mal die Entwürfe für sein Refugium sah. Der Geschäftsmann hatte bei Wright ein Ferienhaus mit Blick auf den malerischen Wasserfall auf seinem Grundstück in Auftrag gegeben. Doch der Architekt bestand darauf, das Haus direkt auf dem herabstützenden Gewässer zu plazieren. Nach langen Diskussionen beugte sich der Bauherr seinem Architekten - und konnte im fertigen Haus das Rauschen des Wasserfalls hören, anstatt ihn zu sehen.

Des Öfteren fanden sich die Auftraggeber auf solche Art den eigenwilligen Vorstellungen des Architekten unterworfen. Einmal soll ein Bauherr bei Wright angerufen und sich beschwert haben, dass es durch das Dach und auf das Abendessen regne. Der Legende nach empfahl Wright, doch einfach den Esstisch zu verschieben. "Wright hat nie an die Menschen gedacht, die in seinen Häusern wohnen würden", resümierte der Schriftsteller T.C. Boyle vor kurzem in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung": "Es waren seine Entwürfe, seine Häuser, er entwarf die Lampen, die Fenster, das Dekor. Er hasste es, wenn Bauherrn ihre eigenen Möbel mitbringen wollten. Er entwarf die Möbel und sogar die Kleider der Hausfrauen." Sein Resümee: "Wright war ein Kontrollfreak."

Boyle muss es wissen. Der amerikanische Schriftsteller hat nicht nur gerade ein Buch über das Leben des Stararchitekten veröffentlicht. Er lebt mit seiner Familie in einem von Wrights Prärie-Häusern.


Zum Weiterlesen:

Bruce Brooks Pfeiffer: "Frank Lloyd Wright, Complete Works: 1943-1959". Taschen Verlag, Köln 2009, 596 Seiten.

Erhältlich bei amazon.

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1.
Hans-Peter Dr. Kirsch 28.05.2009
Der bedeutendste Architekt aller Zeiten war Leonardo da Vinci. Wenngleich wir mit dem Begriff "aller Zeiten" im astronomischen wie religiösen Sinne sehr vorsichtig sein sollten.
2.
Reto Baer 29.05.2009
>Der bedeutendste Architekt aller Zeiten war Leonardo da Vinci. >Wenngleich wir mit dem Begriff "aller Zeiten" im astronomischen wie religiösen Sinne sehr vorsichtig sein sollten. Allerdings, wir sollten äusserst vorsichtig sein! Zitat: «Der bedeutendste Architekt aller Zeiten war Leonardo da Vinci.» Welche Bauten und stadtplanerische Arbeiten sind damit gemeint? Als Architekt bleibt er allenfalls als theorisierender "Bau-Eunnuch" in Erinnerung.
3.
Hans-Peter Dr. Kirsch 29.05.2009
zB Leonardo Da Vinci: The Royal Palace at Romorantin zB Doppelwendeltreppe in Chambord, mit nach meiner Auffassung unerreichter Aesthetik. zB Stadtplanung für Mailand zB nicht versandender Hafen in Cesenatico zB Bosporusbrücke Das viele Projekte unrealisiert blieben lag nicht an ihm sondern daran, daß es in seiner Epoche weit und breit niemanden gab der diese Projekte technisch umsetzen konnte. Ganz zu schweigen davon, daß ihm diese Entwürfe und Arbeiten scheinbar zwanglos inmitten hunderter anderer künstlerischer und technischer Arbeiten entsprangen.
4.
Reto Baer 21.08.2012
@Hans-Peter Dr. Kirsch Alle zitierten Bauten wurden nicht ausgeführt oder beruhen auf unbewiesenen Behauptungen.(zB Doppelwendeltreppe in Chambord) Ihr Zitat: "Dass viele Projekte unrealisiert blieben lag nicht an ihm sondern daran, daß es in seiner Epoche weit und breit niemanden gab der diese Projekte technisch umsetzen konnte.". Natürlich lag es an Ihm! Wer Bauten entwirft die nicht ausgeführt werden können, (mit den damaligen Mitteln) ist ein Traumtänzer. Fantasiegebilde zu entwerfen, die jeder Möglichkeit widersprechen, umgesetzt zu werden.. na ja. Ein zeichnerisch begabter Jules Verne. Unbestritten: Der wissenschaftliche Verdienst "Da Vincis" liegt eher in der Rolle des "Unbedingt Wissen Wollens". Sein erarbeitetes Verständnis der Natur, der Technik, der Wissenschaft und der Anatomie ist und bleibt für seine Zeit unübertroffen. Vielleicht ein Beispiel seines eigenartigen Technikverständnisses: Man beobachte einen Falken. man interpretiere diesen Flug des Falken in eine Art Gleitsegler, man zeichne. Und dann? Bereits eine kleine Gewichtsmessung (Des Falken und seiner gezeichneten Konstruktion) hätte ihm gezeigt, dass es unmöglich ist. Dass dies heute technisch möglich ist, hat absolut nichts mit Leonardo zu tun. Diese Interpretation wäre in etwa so, als würde man heute behaupten der Mondflug ginge auf Jules Verne und seine "Kanonenkugel" zurück.
5. Zuspitzungen
Arne Müller 06.07.2014
Die Superlative "aller Zeiten" ist eben eine Zuspitzung der Journallie und des ihrem Geschäft inhärenten Sensationsdrangs. An sich ist das unnötig. Genauso unnötig im Übrigen, wie das celebrity death match zwischen Da Vinci und Wright. Die Frage, wer größer und besser war, stellt sich nicht und ist im Grunde dumm. Ähnliche Debatte kenne ich auch von der ewigen Diskussion, ob "Apple" denn von "Braun" kopiert hätte. Schon allein die Formulierung ist falsch. Der einflussreichste Indurstriedesigner unserer Zeit Jonathan Ive (Apple) ist ein großer Verehrer von Dieter Rahms (Braun). Beide sind sich begegnet und schätzen die Arbeit des Gegenübers sehr. Beide haben größten Respekt voreinander und würden sich nicht über den anderen stellen.
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