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Architektur-Geschichte Heimatgefühl in Buntmetall

Architektur-Geschichte: Heimatgefühl in Buntmetall Fotos
Annette Kelm/Suhrkamp Verlag

Fertighäuser - aus Kupfer? Mit rostfreien Plattenbauten aus Buntmetall wollte Bauhaus-Chef Walter Gropius Anfang der dreißiger Jahre günstigen Wohnraum schaffen. Die Nazis beendeten das Experiment, doch deutsche Juden nahmen Kupferhäuser mit ins Exil. So stehen vier von ihnen bis heute in Israel. Von

Sie schmiegen sich an die steilen Hänge von Haifa, geduckt zwischen steinernen Villen, Oleanderbüschen und Pinien. Der Regen hat dünne, hellgrüne Schlieren auf ihre Fassaden gemalt. Dunkel, trutzig und morbide wirken sie, wie Fremdkörper in der freundlichen, mediterranen Umgebung.

Es sind Fertighäuser aus einem ganz und gar ungewöhnlichen Material - Kupfer. Und ihre Geschichte ist nicht minder außergewöhnlich. Im fernen Deutschland ließ man sie einst in Kisten packen und Tausende Kilometer weiter weg wieder aufbauen: Jüdische Flüchtlinge waren es, die nach Hitlers Machtergreifung 1933 Deutschland verließen und die Kupferhäuser mit ins Gelobte Land brachten, um den Exilanten die heimischen vier Wände ersetzen.

Doch die ebenso geniale wie bizarre Idee der transportablen Heimatcontainer war zum Scheitern verurteilt. Zum einen, weil sich ein Gefühl nicht einfach in Kisten verpacken und wegtragen lässt. Zum anderen, weil Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialisten dem zugrundeliegenden Geschäftsmodell den Garaus machten - wie der Architekt Friedrich von Borries und der Historiker Jens-Uwe Fischer, die sich in Israel auf die Suche nach den letzten erhaltenen Kupferhäusern, ihren Erfindern und Bewohnern gemacht haben, in einem Buch "Heimatcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel" und eine Ausstellung dokumentieren.

Leben im "Frühlingstraum"

Dabei hatte das Projekt vor 80 Jahren vielversprechend begonnen. Erdacht wurde das innovative Fertighaussystem bei den Hirsch Kupfer- und Messingwerken (HMK) im brandenburgischen Eberswalde: Deutschlands wichtigster Kupfer- und Messinghersteller wagte im Jahr 1929 das Experiment, Plattenbauten aus Metall anzubieten. Dabei ging es der jüdischen Unternehmerfamilie Hirsch nicht nur um die Auslastung der eigenen Fabriken, sondern auch um die Verwirklichung des zionistischen Traums vom friedlichen Zusammenleben der Juden in Erez Israel, dem Gelobten Land. Seit Ende des Ersten Weltkrieges unterstützten die gläubigen Hirschs den Zionismus tatkräftig - und entwarfen die Kupferhäuser auch als praktischen Versuch, alte Heimat dorthin zu transportieren, wo Juden sicher sein konnten vor Anfeindung und Verfolgung. Blühende Siedlungen in Palästina, gebaut aus Kupferblech - so sah der Traum der Hirschs aus.

Zunächst jedoch galt es, mit der Idee den deutschen Markt zu erobern. "Wie einfach - wie schön!" Mit diesem Slogan trommelte die HMK ab 1930 für ihr Konzept des wetterbeständigen, da rostfreien Fertighauses aus Kupferblechplatten. Binnen 24 Stunden, so die Werbung, ließen sich die transportfähigen Platten an fast jedem Ort der Welt zu einem bezugsfertigen Haus montieren; Türen und Fenster sowie Wasser-, Strom- und Gasleitungen, waren bereits in die Wandelemente eingebaut - sogar an ein vorinstalliertes Bügelbrett hatten die Erfinder gedacht. Dass der Blitz einschlagen und die Bewohner Probleme mit dem Radioempfang bekommen könnten, nahm man in Kauf.

Mit klingenden Namen wie "Kupfermärchen", "Frühlingstraum", "Lebenssonne", "Eigenscholle" oder "Maienmorgen" warben die Hirsch-Werke um Käufer - und sorgten gleichzeitig für Furore innerhalb der Architektenzunft: Für ihr perfekt isoliertes und wetterbeständiges, daher auch tropisch-feuchten Klimazonen gewachsenes Kupferhaus erhielt die HMK im Jahr 1931 nicht nur den "Grand Prix" auf der Pariser Kolonialausstellung, sondern gewann auch ihren bis heute prominentesten Mitarbeiter - den berühmten Architekten Walter Gropius.

"Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina!"

Beeindruckt von dem pragmatischen Konzept der HMK nahm der Bauhaus-Begründer Kontakt zur Familie Hirsch auf, übernahm die Leitung der Kupferhausabteilung und brachte die Metallbauten optisch und ästhetisch auf Vordermann. Endlich sah Gropius die Chance gekommen, seine Idee vom "Baukasten im Großen", also der industriellen Massenanfertigung von Haus-Systemen, zu verwirklichen. Gigantische Kupferhaus-Siedlungen, so Gropius' Vision, würden in der ganzen Welt entstehen.

So schien dem Kupferhaus eine glänzende Zukunft zu leuchten. Schon verhandelte Gropius mit Interessenten in der UdSSR und im Kongo, in den Vereinigten Staaten und in Argentinien - da gerieten die Hirsch Kupfer- und Messingwerke in Folge der Weltwirtschaftkrise in finanzielle Not. 1932 musste die unprofitable Kupferhausabteilung geschlossen werden. Nur rund 50 Häuser hatte die HMK bis dahin in Deutschland verkauft - der Stern der Buntmetallbauten sank, bevor er jemals hell geleuchtet hätte.

Doch René Schwartz, der Schwiegersohn des einstigen HMK-Chefs Aron Hirsch, gab die Idee der in Kisten verpackten, verschiffbaren Heimat noch nicht auf. Im Herbst 1932 gründete er die Deutsche Kupferhausgesellschaft (DKH) - allerdings ohne Gropius weiter zu beschäftigen, der ihm zu avantgardistisch dachte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gewann das Ursprungsmotiv der Hirsch-Familie, Häuser für die Juden in Palästina zu liefern, an aktueller Brisanz. Ausdrücklich wandte sich die DHK daher an die jüdische Bevölkerung: "Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina", annoncierte das Unternehmen, "Sie wohnen bei größter Hitze in kühlen Räumen!"

Eigenheim in 34 Paketen

Die laut Eigenwerbung "abwaschbaren" und "unbegrenzt haltbaren" Fertighäuser hießen nun "Scharon", "Libanon" oder "Jerusalem"; der Typ "Haifa" etwa ließ sich in 34 Pakete verschnüren - und wie alle anderen Kupferhäuser problemlos als "Umzugsgut" ausführen. Denn René Schwartz hatte bei der Regierung erwirkt, dass der Wert der Häuser nicht auf die limitierte Menge an Geld angerechnet wurde, das die Juden mitnehmen durften. Potentielle Kunden gab es genug: Allein von März bis September 1933 emigrierten 6000 jüdische Deutsche nach Palästina; bis 1938 schwoll der Flüchtlingsstrom auf 200.000 Menschen an.

Tag für Tag verließen mehr Juden das Land - doch nur die allerwenigsten von ihnen nahmen tatsächlich ein Kupferhaus mit nach Palästina. Hermann Tuchler etwa, ein angesehener Jurist und Wirtschaftsprüfer aus Breslau. Im April 1933 verhängten die Nationalsozialisten ein Berufsverbot gegen Tuchler. Im September erwarb er daraufhin ein Kupferhaus, Typ "Jerusalem", mit fünf Zimmern und einer Veranda und bestieg wenig später mit seiner Familie in Genua ein Schiff mit Kurs Haifa - an Bord auch ein Stück Heimat aus Buntmetall, verpackt in Container.

Tuchler war einer der wohl nur 14 deutschen Juden, die ein Kupferhaus exportierten und in Palästina aufstellten. Angesichts der hochfliegenden Pläne der Kupferhauserfinder eine lächerliche Zahl. Doch äußerte sich nicht nur die Auswandererorganisation Jewish Agency kritisch über die Kupferhäuser - auch die deutsche Regierung tat ihr übriges, um den Kupferhausbau zu stoppen: Mit der Verordnung über unedle Metalle verboten die Nationalsozialisten 1934 die Verarbeitung von Kupfer für zivile Zwecke - der knappe Rohstoff sollte fortan einzig der militärischen Aufrüstung dienen. Es war der Todesstoß für die Deutsche Kupferhausgesellschaft.

Das letzte Buntmetallgebäude, das die DKH nach Palästina lieferte, wurde gar nicht erst aufgebaut, sondern gleich nach seinem Eintreffen zum Einschmelzen weiterverkauft und zu Geschosshülsen verarbeitet. So legen im Gelobten Land heute gerade noch vier mit grüner Patina überzogene Kupferhäuser Zeugnis ab von dem gescheiterten Versuch, die Heimat in Kisten zu verpacken: Eines steht in Safed am Berg Kanaan, drei an den Hängen der Hafenstadt Haifa.

Zum Weiterlesen:

Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: "Heimatcontainer - Deutsche Fertighäuser in Israel. Suhrkamp 2009, 200 Seiten. Zum gleichen Thema läuft noch bis zum 7. März 2010 eine Ausstellung in der Stiftung Bauhaus Dessau.

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1.
Doris Jung, 10.01.2010
Um Kupferhäuser zu sehen, ist es nicht nötig, bis nach Tel Avis zu fahren. Zwei Kupferhäuser (von denen ich weiss) stehen im Berliner Umland, Zeuthen, eines davon in meiner Nachbarschaft. Das Haus ist zwar nicht optimal wärmeisoliert - das war damals kein Thema - hat aber einen bewohnerfreundlichen Grundriss. Es ist derzeit von langjährigen Mietern bewohnt. Ich hoffe, die Hauseigentümer (aus dem Westen) erhalten das Haus so wie es jetzt ist, wenn die alten Herrschaften einmal nicht mehr da sind.
2.
Steffen Zasada, 12.01.2010
Weitere Häuser kann man in Eberswalde, Ortsteil Finow (Messingwerksiedlung) (Nördlich von Berlin) finden... Dort stehen noch drei dieser Häuser.
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