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Architektur-Wahnsinn Eine Kirche für den Sozialismus

Architektur-Wahnsinn: Eine Kirche für den Sozialismus Fotos
Corbis

400 Meter hoch und ein Stahl-Lenin als Sahnehäubchen: Mit seinem "Palast der Sowjets" wollte Josef Stalin in den dreißiger Jahren das New Yorker Empire State Building übertrumpfen. Doch schon bald verkam das gigantische Prestigeprojekt zur Bauruine. Jetzt wiederholt sich die Geschichte. Von

Wilde Zeiten herrschten im Moskau der dreißiger Jahre. Die Sowjetunion wollte nicht nur einen neuen Menschentypus schaffen, sie wollte auch das Aussehen der russischen Städte nach sozialistischen Vorstellungen revolutionieren. Krönung des "Neuen Moskau" sollte ein Palast der Sowjets werden, mit 415 Metern das höchste Gebäude der Welt und einer 100 Meter hohen Lenin-Statue als Sahnehäubchen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt - und nie wieder aufgenommen.

"Die alten Häuser sind gesprengt, und es öffnet sich der Raum für zukünftige Prospekte. Wie im Märchen wachsen überall neue Häuser!" Die Zuschauer im Film "Das neue Moskau" aus dem Jahr 1938 schauen gebannt auf die Leinwand, auf der immer neue, riesige Gebäude aus dem Boden schießen. Die Frauenstimme wird immer triumphaler und ruft schließlich begeistert: "Der Palast der Sowjets, Symbol der Größe und der Kraft unserer Heimat!" Vor den Augen der Zuschauer erwächst ein Hunderte Meter hoher Prachtbau, an einem in die Zukunft weisenden Lenin fliegen ganze Geschwader von Flugzeugen vorbei.

Während Stalins Geheimdienst Hunderttausende Bürger ins Arbeitslager steckte oder erschoss, während in Moskau in Schauprozessen ehemals führende Kommunisten zum Tode verurteilt wurden, präsentierte die Propaganda im eigenen Land und auf internationalen Weltausstellungen die leuchtende Zukunft der sozialistischen Bürger. Dem Umbau der Gesellschaft sollte auch ein Umbau der Städte entsprechen: Weg mit dem alten Russland, es lebe der Fortschritt!

Zum Baubeginn wird eine Kirche gesprengt

"In dem Selbstverständnis der Zeit ging es darum, Utopia in der Sowjetunion Wirklichkeit werden zu lassen," urteilt etwa der Osteuropa-Historiker Malte Rolf. Für die "Hauptstadt des Sozialismus" beschloss die Kommunistische Partei 1935 einen Generalplan, ihr Herzstück: den Palast der Sowjets.

Um Platz für den Leuchtturm des Sozialismus zu schaffen, das den Eiffelturm und das 1931 fertiggestellte Empire State Building in den Schatten stellen sollte, sprengten die Sowjets 1931 die Christ-Erlöser-Kirche in die Luft - die größte Kathedrale des Landes und Mittelpunkt des orthodoxen Lebens. Zar Alexander I. hatte ihren Bau nach dem Sieg über Napoleon 1812 initiiert.

Die kommunistischen Medien jubelten, als der "Fliegenpilz" und das "Sparschwein", wie sie das Symbol des zaristischen Despotismus nannten, am Nachmittag des 5. Dezembers in einer Wolke aus Rauch und Staub verschwand. Demjan Bjedny, Hofdichter Stalins, verarbeitete das Ereignis in einem Gedicht in der "Moskauer Abendzeitung":

Heute ist von diesem Wunder

nur noch ein Haufen übrig,

aus Müll und Ziegelsteinen.

Der Fliegenpilz tut uns nicht mehr in den Augen weh,

er und alles was mit ihm verbunden ist, hat ausgespielt.

Bald wird dort, wo einstmals die Sparschwein-Kathedrale emporragte,

erglänzen, unsere Herzen erfreuend,

der Wachturm des Weltproletariats,

des sowjetischen Wunderpalastes.

Stararchitekten in der Warteschlange

Der Architekturwettbewerb, der für das nun vakante Areal von Stalin persönlich kuratiert wurde, stieß weltweit auf großes Interesse: Die führenden Avantgarde-Architekten wie Walter Gropius, Le Corbusier und Erich Mendelsohn schickten ihre Vorschläge für den Palast der Sowjets nach Moskau. Aber die zwanziger Jahre, in denen Moskau ein Labor der Moderne darstellte, waren passé: Stalin entschied sich für den Russen Boris Jofan.

Dessen erste Entwürfe waren zwar noch modern und nur wenig monumental: So sollte nicht Lenin, sondern ein einfacher Arbeiter das Gebäude krönen. Doch bis zur Endversion 1934 verwandelte Jofan seinen Palast der Sowjets in einen größenwahnsinnigen Prunkbau, der mehr mit den späteren Plänen der faschistischen Welthauptstadt "Germania" zu tun hatte als mit der modernen Architektur der zwanziger Jahre.

Wie der Palast aussehen sollte, beschrieb der Reporter der "Time" am 19. März 1934: "Jofan konzipierte eine romanische Pyramide aus sechs konzentrischen, gerillten Zylindern, die zusammen einen Sockel für eine 260 Fuß hohe Lenin-Statue formten, das Gesicht dem eigenen Mausoleum auf dem Roten Platz zugewandt." In der zentralen Versammlungshalle, von oben mit Tageslicht durchflutet, sollten 20.000 Menschen Platz finden, auf den oberen Etagen würden mehrere Museen und eine Bibliothek mit 500.000 Büchern den Bildungsappetit der Proletarier stillen - und Restaurants den Hunger danach.

Baustopp für das Luftschloss

Fertigstellung? 1937, schätzte die "Time", schließlich hatte man gleich nach der Sprengung der Kathedrale mit dem Bau des riesigen Fundaments begonnen. Bis 1941 war immerhin schon ein sechsstöckiges Gebäude fertiggestellt. Doch Jofans Palast der Sowjets blieb trotzdem ein Luftschloss. Am 22. Juni 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion und stürzte das Land in einen Überlebenskampf, der den Aufbau des Sozialismus vorübergehend in den Hintergrund drängte.

Auch nach dem Ende des Krieges stand der Palast nicht ganz oben auf Stalins To-do-Liste. Einer der Gründe: Der Diktator wollte den Kreml, das Machtzentrum des alten Russlands, doch nicht völlig aufgeben. 1953 starb Stalin, aber auch sein Nachfolger Nikita Chruschtschow zeigte kein großes Interesse für die größte Baugrube der Sowjetunion. Ende der fünfziger Jahre gab es zwar noch einen zweiten Architekturwettbewerb, aber auch die Kosten einer abgespeckten Variante waren zu hoch für das von Stalinismus und Krieg ausgeblutete Land.

1959 setzte die Moskauer Stadtregierung den jahrelangen Planungen einen ungewöhnlichen Schlusspunkt. Das Fundament war aufgrund der Nähe zum Fluss Moskwa schon nicht mehr zu gebrauchen, und statt Christ-Erlöser-Kathedrale und Palast der Sowjets entstand nun ein rundes Freibad mit 130 Meter Durchmesser.

Salto zurück in der Geschichte

Schon bald tummelten sich Hunderte Moskauer im Freibad "Moskwa". Besonders beliebt war das Bad im Winter, wenn sich bei Minus 20 Grad das beheizte Becken in eine große Nebellandschaft verwandelte. "Erst ein Gotteshaus, dann Gerümpel, und jetzt eine Schande," schimpften jedoch die Orthodoxen hinter vorgehaltener Hand.

Aber das Jahrhundert der Revolutionen war mit Russland noch nicht ganz fertig. 1991 brach die Sowjetunion zusammen und hinterließ ein Vakuum an Werten und Identifikationspunkten, das sich die orthodoxe Kirche auszufüllen anschickte.

Schon 1989, zum 150. Jahrestag der Eröffnung der Christ-Erlöser-Kathedrale, rief die "Russische Volksfront" Tausende Russen zum Freibad "Moskwa", um die Wiedererrichtung der Kathedrale zu fordern. "Lasst uns die geistlichen Werte des Volkes wiederbeleben. Die Zerstörer des Landes und die Betrüger des Volkes sollen Buße tun", las man auf ihren Flugblättern.

Auch Präsident Boris Jelzin schloss sich der Kampagne an, weil er in der Kathedrale ein "nationales Heiligtum" sah, das Russland helfen werde, "einen Weg zur gesellschaftlichen Einigkeit zu finden und zur Schaffung eines Lebens, in dem es weniger Platz für die Sünde geben wird."

Die Moskauer Stadtgeschichte vollführte einen Salto rückwärts: 1994 beschloss die Moskauer Stadtregierung unter Bürgermeister Jurij Luschkow den Wiederaufbau der Kathedrale, und zwar genau so, wie sie vor der Zerstörung ausgesehen hatte. Am 31. Dezember 1999, zum 2000. Jahrestag der Geburt Christi, wurde die Kathedrale wiedereröffnet.

Ironie der Geschichte: Einige Kilometer den Fluss entlang erbauen Tausende türkische Bauarbeiter momentan "Moscow-City", ein milliardenschweres Wolkenkratzerviertel aus Glas und Stahl. Hier sollte auch der Turm "Rossija" entstehen, mit 612 Metern Europas höchstes Gebäude, konzipiert vom britischen Stararchitekten Norman Foster. "Er wird ein Symbol Russlands sein, das sich der Zukunft zuwendet", tönte der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow bei der Grundsteinlegung 2007. Vor wenigen Wochen gab der Investor jedoch aufgrund der Finanzkrise den vorläufigen Baustopp bekannt. Bislang wurde lediglich das Fundament gegossen.


In einer früheren Version des Textes hieß es bei Bild 13, dass im Hintergrund des Propagandaplakates der "Palast der Sowjets' zu sehen sei, es ist aber eines der Hochhäuser der "Sieben Schwestern". Den Fehler haben wir korrigiert. Danke für die Hinweise; die Redaktion einestages.

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1.
Claudia Firma, 14.07.2011
auf bild 13 ist nicht das haus der sowjets im hintergrund, sondern das wohnhaus an der kotelnitscheskaja-uferstraße (die sieben schwestern).
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