Architekturfotografie Die Reste kolonialer Eitelkeit

Madagaskar, Senegal, Indochina - einst hatte Frankreich das zweitgrößte Kolonialreich der Erde. Die Ausbeuter gingen oder wurden vertrieben, doch sie ließen etwas zurück: einzigartige Gebäude.

Thomas Jorion

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Was erwartet einen Franzosen, wenn er sich in ehemaligen französischen Kolonien nach den Prachtbauten des "Empire colonial" erkundigt? Nach den Relikten aus der Zeit, in der die Franzosen diese Gebiete oft gnadenlos und brutal ausgeplündert hatten?

Bei seinen ersten Reisen druckste der französische Fotograf Thomas Jorion deshalb ziemlich herum. In Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh hatte er einen Mann auf der Straße nach "alten Häusern" in der Gegend gefragt. Der Angesprochene war zunächst ratlos, das Gespräch ging eine Weile hin und her, dann verstand er: "Ha, du suchst nach Kolonialbauten! Da!" Er deute er mit dem Finger und wies dem Mann mit der Kamera wie selbstverständlich den Weg.

Jorion hat schon viele verlassene Orte und Ruinen dokumentiert. Doch bei diesem Projekt reiste auf einmal Befangenheit mit. "Ich wollte den Begriff nicht benutzen, ich dachte, er wäre tabu", erinnert sich der 40-Jährige an den Anfang seiner Recherchen. "Ich gebe zu, dass ich mich dem Thema auf Zehenspitzen genähert habe."

Was vom Glanz übrig bleibt

Der aus Paris stammende Fotograf Jorion war schon immer fasziniert von Abenteuern, Spuren der Zeit und Orten mit Erinnerung. Er hatte sich vorzustellen versucht, wie die Europäer in den frühen Stunden der Weltentdeckung ihre Heimat und Familien für eine Zukunft in Übersee verließen. Wie sie sich in einer unbekannten Welt ansiedelten. Wie sie bauten und wie sie dabei eine neue Architektursprache erfanden, angepasst an die regionalen Gegebenheiten, manchmal gemischt mit lokalem Design.

Der expandierende Kolonialismus war eine Zeit der Experimente mit neuen Baustilen und Bautechniken: Jugendstil, Modernismus oder Art déco unter den Einschränkungen des Klimas und der zur Verfügung stehenden Materialien. Jorion wollte fotografieren, was vom architektonischen Glanz des einstigen Französischen Kolonialreichs noch übrig war.

Angespornt durch die kolonialen Riesenreiche der Spanier und Portugiesen hatten die Franzosen im 16. Jahrhundert begonnen, sich selbst auswärtige Territorien anzueignen. Die aufeinanderfolgenden Eroberungen, ausgehend von Nord- und Südamerika in den Senegal und nach Indien, und später von Afrika bis nach Südostasien, machten Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts zur zweitgrößten Kolonialmacht nach Großbritannien.

Die Residenzen, Villen und Ferienhäuser mit ihrem reichen Dekor, schattigen Innenhöfen und Arkaden, Gärten und Parks mit seltenen Bäumen und erfrischenden Teichen - es waren jene abgeschirmte Orte, an denen Geschäfte gemacht, Intrigen gesponnen, die Ausbeutung der Ressourcen eines Landes und seiner Menschen geplant, verabredet und gemanagt wurden. Die repräsentative Kolonialarchitektur war zugleich protzige Manifestation des Herrschaftsanspruchs einer französischen Elite.

Jorion wollte sich dem Thema neutral nähern, aus dem Blickwinkel der Architekturfotografie. Zweieinhalb Jahre gab er sich Zeit für das selbstfinanzierte Projekt. Er bereiste Madagaskar, Algerien und Marokko, Guyana und Guadeloupe, Indien, Kambodscha und Shanghai. Auch auf Haiti, das sich bereits 1804 von den kolonialen Fesseln befreien konnte, suchte er nach Spuren der Franzosen, ebenso in Louisiana in den USA und im Senegal, wo ihm in Saint Louis ein Mann die Tür zur Wohnung seiner Familie öffnete. Jorion kam gerade noch rechtzeitig, um das Haus zu besichtigen - nur noch das Erdgeschoss und ein paar Zimmer waren bewohnbar. Die Instandhaltung des Gebäudes gemäß den hohen Renovierungsstandards in einer Stadt, die als Unesco-Weltkulturerbe gelistet ist, sei zu teuer und für ihn unbezahlbar, erfuhr er von dem Bewohner. In Vietnam verhalfen ihm die Menschen auf den Feldern zu "wunderbaren Entdeckungen", indem sie ihn zu den Villen im Mekongdelta führten.

Unerwartete Reaktionen

Auch wenn die Auswirkungen des Kolonialismus in jedem dieser Länder unterschiedlich seien - dem Thema begegnen die Menschen überwiegend mit Gleichgültigkeit, stellte Jorion fest. "Ich war überrascht von den Antworten, die ich bekam. Ich spürte keinerlei Vorbehalte gegen mich wegen meiner Nationalität." In Chandragiri in Indien, wo es keine Europäer gebe, habe er stattdessen die gegenteilige Erfahrung gemacht: "Nachdem sie mich gefragt hatten, wo ich herkomme, drückten sie oft ihren Stolz auf ihre gemeinsame Vergangenheit mit Frankreich aus."

In Oran in Algerien habe ihn ein Mann zum Kaffee eingeladen und voller Stolz von der schönen Architektur berichtet, die Frankreich dort zurückgelassen habe. Erstaunlich, denn dort hatte die französisch-nationalistische Terrorgruppe OAS Anfang der Sechzigerjahre zahlreiche Bombenanschläge verübt. Um den muslimischen Algeriern keine französischen Errungenschaften zu hinterlassen, sprengten sie Büchereien und Schulen.

Er wolle nicht so tun, als ob alles vergessen oder vergeben wäre, sagt Jorion. Bei diesem Projekt sei ihm klar geworden, dass sich seine ursprüngliche Absicht, diese Ruinen wie alle anderen vorzustellen, ein Fehler wäre. "Ich konnte sie nicht nur schön oder ästhetisch zeigen; sie sind beladen mit der schrecklichen Last der Geschichte und der Herrschaft eines Volkes über ein anderes. Ich erkannte, dass ein Abstreifen ihres historischen Zusammenhangs die Vergangenheit leugnen würde."

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Anders als etwa für sein früheres Buch "Silencio", für das er immer in völlig leeren Gebäuden arbeitete, habe er diesmal mit dem Licht und den Farben gespielt, die er vorgefunden habe. Seine Aufnahmen mit der Großformatkamera vermitteln Ruhe und Wärme. Tatsächlich seien viele der in die Jahre gekommenen Gebäude noch bewohnt gewesen. Wo es die Kultur erlaubte, hätten die Menschen ihn in ihr Haus gelassen, damit er die Innenräume fotografieren konnte.

Der Franzose sieht die Relikte der vermeintlich verlassenen Orte inzwischen mit anderen Augen: "Wir sind die Erben einer Geschichte, deren sichtbarer Teil aus Ruinen besteht, die an die Eitelkeit herrschsüchtiger Menschen erinnern, während ihr unsichtbarer Teil durch die modernen Krisen geistert."



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