Archivar der Wehrmachtsgeschichte "Ich habe gedacht, die spinnen doch"

Archivar der Wehrmachtsgeschichte: "Ich habe gedacht, die spinnen doch" Fotos
Christian Taske

Er bewahrte die persönliche Geschichte Hunderttausender Deutscher: 1946 verwaltete Henry Sternweiler das Archiv der Wehrmacht. Als die Amerikaner den Befehl gaben, alles zu verbrennen, weigerte sich der US-Soldat - und rettete tonnenweise Dokumente. Nun erhält er dafür das Bundesverdienstkreuz. Von Christian Taske, Cleveland

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Cleveland - Anfang Juni 1946 im amerikanischen Teil des besetzten Berlin: Der kleine US-Soldat mit deutscher Abstammung sitzt hinter seinem Schreibtisch in der Deutschen Dienststelle, dem Nachfolger der Wehrmachtauskunftsstelle für Kriegsverluste und Kriegsgefangene (WASt). Seit Februar verschicken First Lieutenant Henry Sternweiler und seine 650 Mitarbeiter von dort Todesmeldungen an Angehörige gefallener Wehrmachtssoldaten. Knapp eine Million Meldungen liegen im Archiv, dem Sternweiler nach Kriegsende 1945 zugeteilt wurde. Anfangs lief die Arbeit noch schleppend, doch Sternweiler treibt seine Angestellten, fast alle sind Deutsche, zu Höchstleistungen. Mehr als 11.000 Todesnachrichten verschickt die Dienststelle täglich.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Vor Sternweilers Schreibtisch steht sein Vorgesetzter, Major Stark. "Die Arbeit muss aufhören, und du musst die Unterlagen zerstören", sagt dieser. Den Amerikanern arbeitet Sternweiler nicht schnell genug, und das, obwohl er schon fast eine halbe Million Karteikarten abgearbeitet hat. Die Alliierten haben Angst, die Deutschen könnten mit den Unterlagen ihre Armee wieder aufbauen. Das Archiv soll zerstört werden, am besten noch heute. Sternweiler ist fassungslos.

"Ich habe gedacht, die spinnen doch. Das können die doch nicht machen", erzählt Sternweiler im Dezember 2009 in seinem Wohnzimmer in Fairview Park im US-Bundesstaat Ohio. Er ist immer noch aufgewühlt, wenn er an den Befehl zurückdenkt, auch wenn es schon ewig her ist. Mit großen Augen erzählt er seine Geschichte, beugt sich in seinem Sessel immer wieder nach vorne und haut mit der Hand aufs Hosenbein. Auch mit 91 Jahren und nach drei Operationen am offenen Herzen ist er voller Energie.

Ist dieser Befehl mit den Genfer Konventionen vereinbar?

Vielleicht sind es seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, die ihm auch heute noch Kraft geben. Was er dort erlebte und leistete, beeinflusste nicht nur ihn selbst, sondern auch unzählige Deutsche, denen die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Nächsten erspart blieb. Denn nur weil Sternweiler sich für den Erhalt des Archivs einsetzte, können noch heute Angehörige bei der Deutschen Dienstelle in Berlin auf 15.500 Quadratmetern mehr als 3600 Tonnen Akten einsehen. Für diese Leistung bekommt Sternweiler am Montag im deutschen Konsulat in Chicago das Bundesverdienstkreuz.

"Ohne Herrn Sternweilers Intervention gäbe es diese Unterlagen heute nicht mehr", sagt Olaf Jäger, stellvertretender Leiter der Deutschen Dienststelle. "Wir alle wissen, warum wir heute diesen Job haben." Jäger und seine Kollegen bearbeiten noch immer Monat für Monat Tausende Anfragen aus dem In- und Ausland.

Sternweiler bewies vor 63 Jahren erstaunlichen Weitblick. Unzählige Gedanken schießen ihm durch den Kopf, als Major Stark vor seinem Schreibtisch steht: Wir sind doch noch nicht fertig! Was ist mit den Angehörigen der 500.000 gefallenen Soldaten, die noch nicht bearbeitet wurden? Was mit den 17 Millionen Karteikarten, die aus Lazaretten, von Feldärzten, Krankenhäusern und dem Roten Kreuz kamen? Wie sollen verletzte Soldaten ohne diese Unterlagen jemals ihre Rentenansprüche nachweisen? Ist dieser Befehl überhaupt mit den Genfer Konventionen vereinbar?

Doch seine Gedankenspiele teilt Sternweiler erst gar nicht mit dem Major. Er springt auf und marschiert zu Armand Klein, einem französischen Offizier, der auch bei der Dienststelle arbeitet. Dieser teilt Sternweilers Bedenken und erreicht, dass der französische Besatzungsgeneral Pierre König bei seinem US-Kollegen Lucius D. Clay interveniert. Am 14. Juni 1946 überträgt der Allierte Kontrollrat die Dienststelle den Franzosen. Das Archiv ist gerettet.

500 Lastwagen voll Vergangenheit

Seine Entscheidung sei damals für ihn selbstverständlich gewesen, sagt Sternweiler heute. Seine deutschen Wurzeln hätten dabei keine Rolle gespielt. Aufgewachsen ist der Amerikaner als Sohn eines jüdischen Schrauben-Fabrikanten in Ulm. Im Alter von 14 Jahren schickten ihn seine Eltern 1932 auf eine Schule in England. Seine Familie, die vor den Nazis geflohen war, sah er erst 1939 in den USA wieder. Dort berief ihn die Army ein. Am 7. Juni 1944, dem Tag nach "D-Day", landete Sternweiler in der Normandie.

Aufgrund seiner Deutsch- und Französischkenntnisse versetzten ihn die Amerikaner 1945 nach Saalfeld in Thüringen, wo sie im April das Archiv der Wehrmachts-Auskunftsstelle (WASt) gefunden hatten. Im Krieg sandte die WASt den Angehörigen gefallener Soldaten Trauerbriefe. Diese Arbeit sollte weitergehen. Am 1. Juli, kurz bevor die Sowjets Thüringen besetzten, brachten 500 Lastwagen das Archiv nach Fürstenhagen bei Kassel. Ende Januar 1946 verlegten die Amerikaner die WASt nach Berlin, wo sie den Namen Deutsche Dienststelle erhielt. Hier nahm Sternweiler die Arbeit der WASt wieder auf.

"Wo ist mein Sohn?"

Das Archiv beherbergte Schuhregale voll mit Karteikarten. Auf ihnen stand, wo die Soldaten stationiert waren, welche Verletzungen sie hatten, wo sie gefallen und wo begraben waren. In einer anderen Abteilung wurden die Erkennungsmarken identifiziert. Auf Anfrage gab die Dienstelle diese Informationen an Privatpersonen und Ämter weiter.

"Wir erhielten täglich zwei Postsäcke voll mit Briefen. Von denen waren 90 Prozent Anfragen: Wo ist mein Sohn?", erzählt Sternweiler. "Da wir wenig Zeit hatten, konnten wir nur die Fälle bearbeiten, bei denen es sich um verstorbene Soldaten handelte - es waren über eine Million." Sternweiler und seine Angestellten mussten die Todesmeldungen in neue Formulare eintragen. Schließlich konnte man nicht Originaldokumente mit Hakenkreuzen und Hitlergruß verschicken. Oft war es schwierig, Militärkürzel und unleserliche Handschriften zu entziffern. "Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben. Das hatte damals nichts mit Politik oder Religion zu tun", versichert Sternweiler, "wir bekamen einfach den Auftrag."

Lange Zeit erzählte Sternweiler, der später in Ohio als Buchhalter arbeitete, seine Geschichte nicht. Nicht einmal seine deutsche Frau Anne, die er 1954 in Passau kennenlernte, wusste davon, bis Briefe, die von der Deutschen Dienststelle kamen, sie irgendwann stutzig machten. Sternweiler prahlt nicht mit seiner Leistung. Dass er nun das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommt, scheint ihm fast schon etwas peinlich. "Ich bin nicht fürs Protzen. Das liegt mir gar nicht", sagt er schlicht. "Die Tat spricht für sich selbst. Das war damals meine Pflicht."

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