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Archiveinsturz in Köln Das verlorene Gedächtnis

Archiveinsturz in Köln: Das verlorene Gedächtnis Fotos
dpa

Noch wird nach verschütteten Menschen gesucht - aber auch die kulturelle Katastrophe, die der Einsturz des Kölner Stadtarchivs bedeutet, wird langsam deutlicher. "Ungeheuerlich" nennen prominente Historiker die absehbaren Verluste - und fordern, unersetzliche Dokumente verstärkt ins Netz zu stellen. Von

Die Erinnerung an tausend Jahre, einfach ausradiert: Die Trümmer eines keine vierzig Jahre alten Zweckbaus haben am Dienstag nicht nur womöglich zwei Menschen unter sich begraben, sondern auch einen Teil der Geschichte Kölns und der deutschen Vergangenheit. Viele unersetzliche Urkunden und Handschriften, die älteste aus dem Jahr 922, genauso wie die Nachlässe und Briefe berühmter Geistesgrößen wurden wohl von tonnenschweren Stahlbetonbrocken zerquetscht, zerrieben, zermalmt.

Wie viele Dokumente betroffen sind und welche am schlimmsten, lässt sich am Tag nach dem Unglück noch nicht absehen - die unter den Trümmern verschütteten Archivbestände waren für die Helfer zunächst unerreichbar. Am Nachmittag spannte die Feuerwehr über die verschütteten Dokumente Wetterschutzfolien. Archivalien, die in den zwölf Meter tiefen Krater hinabgestürzt waren, sind allerdings vermutlich bereits dem Grundwasser ausgesetzt.

Blankes Entsetzen hat die Nachricht bei Historikern, Literaturwissenschaftlern und Archivaren ausgelöst. Von einem "Schock und einer Katastrophe" spricht der Frankfurter Mittelalterforscher Johannes Fried, langjähriger Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der Verlust von "zigtausend einzigartigen Dokumenten" sei "ungeheuerlich". "Mit dem Einsturz eines ganzen Archivgebäudes haben wir nur in Kriegszeiten gerechnet, aber nicht in einer friedlichen Stadt, mitten in Deutschland", sagte der Vorsitzende des Verbands Deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), Robert Kretzschmar der Deutschen Presse-Agentur.

Mit dem Kollaps von Köln ist eines der drei letzten großen städtischen Archive Deutschlands untergegangen. Nur in Lübeck und Nürnberg sind noch annähernd ähnlich wertvolle Archivbestände an einem Ort erhalten, nachdem das Schrifterbe der beiden anderen großen mittelalterlichen Fernhandelsstädte Hamburg und Frankfurt im Zweiten Weltkrieg verbrannte. "Köln war nicht irgendeine Stadt", erklärt Thomas Zotz, Geschichtsprofessor an der Uni Freiburg. "Im Mittelalter war es die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste deutsche Metropole." Als Bischofssitz seit dem Jahr 313 hatte Köln schon früh enorme Bedeutung. Die Stadt war ein Gravitationszentrum des alten Kaiserreichs, als Mitglied der Hanse erstreckten sich die Kontakte der Kölner schon damals bis nach Russland und hinunter nach Spanien.

Reliquien unter Beton

Der ganze Reichtum dieser mehr als tausendjährigen Geschichte spiegelte sich wider in den Magazinen des Stadtarchivs - für die Forscher aus der ganzen Welt nach Köln kamen. Allein die lückenlosen Ratsprotokolle der Domstadt, die vom 13. bis in das 19. Jahrhundert reichten, sind einzigartig. Aus den sogenannten Schreinsurkunden, einer Art Liegenschaftsbüchern, lassen sich die Biografien der ältesten Gebäude Kölns ablesen. Und die Handschriften des berühmten Namenspatrons der Universität zu Köln, Albertus Magnus, der im 13. Jahrhundert wirkte, sind nicht allein aus wissenschaftlicher Sicht von unschätzbarem Wert. Sie sind wirkliche Reliquien, denn Albertus wurde 1931 vom Papst heilig gesprochen.

Aber auch aus neuerer Zeit beherbergte der eingestürzte Bau an der Severinstraße 222 einzigartige Zeugnisse, etwa des berühmten Philosophen Friedrich Wilhelm Hegel und eines gewissen Karl Marx, Notenblätter des Komponisten Jacques Offenbach ("Hoffmans Erzählungen") und Briefe des Dichters Paul Celan ("Todesfuge"). Auch so gut wie alle offiziellen Dokumente aus Konrad Adenauers Zeit als Bürgermeister der Rheinmetropole in den zwanziger Jahren lagen hier, außerdem der gesamte Nachlass des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll.

Dessen persönlichen Nachlass hatte das Stadtarchiv erst vor wenigen Wochen von Böll-Sohn René übernommen, nun "muss es als verloren gelten", wie Professor Ralf Schnell, Rektor der Uni Siegen und Mitherausgeber der Werkausgabe von Heinrich Böll, nach ersten Gesprächen mit Archivmitarbeitern feststellt. Unter den Verlusten dürften auch noch unedierte Briefe Bölls aus der Nachkriegzeit sein, deren Veröffentlichung der Nobelpreisträger bis 30 Jahre nach seinem Tod untersagt hatte. "In der Geschichte der deutschen Nachkriegliteratur werden viele interessante Details unbeschrieben bleiben", klagt Schnell.

Die große Gesamtausgabe der Werke Bölls dagegen ist nicht in Gefahr - die Materialien für die noch fehlenden sechs Bände überstanden die Katastrophe dank eines Zufalls: Den Bearbeitern war ausnahmsweise erlaubt worden, die wertvollen Archivalien mit nach Hause zu nehmen. "Alle werden wie geplant in diesem und im nächsten Jahr erscheinen", so Schnell.

Der Unterschied zwischen Gemälde und Foto

Dabei sind es nicht nur die spektakulären Dokumente und Schriftstücke aus berühmter Feder, die den Wert des Archivs der Domstadt ausmachten. Die Kölner Mediävistik-Professorin Marita Blattmann hat gerade mit Studenten das sogenannte Turmbuch ausgewertet, ein Kompendium mit Verhörprotokollen aus den Jahren 1524 bis 1528. Es sei "kein Spitzenstück" des Archivs, sagt Frau Blattmann, aber dennoch einzigartig. Denn aus den Vernehmungen von Angeklagten und Zeugen lassen sich soziale Zustände der damaligen Zeit rekonstruieren. "Wir haben zum Beispiel eine genaue Beschreibung einer Inneneinrichtung gefunden, aus der deutlich wird, wie Kölner damals lebten", sagt Blattmann. Bevor sie und ihre Studenten sich das fast 500 Jahre alte Buch vornahmen, war es nie systematisch ausgewertet worden - jetzt ist es wohl für immer verloren. Immerhin: Das Werk wurde wegen des Seminars digitalisiert und lebt so fort.

Blattmanns Kollege Fried fordert nun, Konsequenzen zu ziehen. Es müsse mehr getan werden, um "zentrales Archivgut noch besser zu schützen" und die Digitalisierung voranzutreiben. Wenn wertvolle Stücke verstärkt als Faksimile online gestellt werden, könne bei ähnlichen Katastrophen "wenigstens der Inhalt gerettet werden", so Fried.

So richtig trösten können Kopien Wissenschaftler und Liebhaber nicht. "Eine Pergamenturkunde ist nicht zu ersetzen. Ebenso wenig wie Dinge aus dem Nachlass von Böll", klagt Verbandschef Kretzschmar. "Es ist schließlich auch ein Unterschied, ob man ein Gemälde von Leonardo da Vinci hat oder ob es nur noch als Foto erhalten ist." Es gäbe "oft Fragen, die man nur am Original beantworten kann", bestätigt auch Fried - etwa, weil das Papier oder die Tinte Auskunft über die genaue Datierung geben können. "Wenn Kulturgut weg ist, ist es weg", bringt VdA-Chef Kretzschmar das Problem auf eine knappe Formel.

Die Kölner Professorin Blattmann hofft darum, dass doch nicht alles verloren ist. "Pergament ist unheimlich zäh", macht sie sich selbst Mut. "Solange es nicht mit Wasser in Berührung kommt, kann es Schutt und Staub überstehen." Für Papier, das im 15. Jahrhundert das aus Tierhäuten hergestellte Pergament ersetzte, sieht auch sie wenig Hoffnung: "Das zerbröselt in den Trümmern."

Mit Material von AFP, DPA

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
André Hellan, 04.03.2009
Verloren ist das Gedächtnis keineswegs, da die wichtigsten Bestände (auch des Kölner Stadtarchivs) abgefilmt im Oberrieder Stollen (Schwarzwald) gelagert werden - zuständig ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
2.
André Hellan, 04.03.2009
Ungeheuerlich ist insofern die Unkenntnis der genannten Historiker :-)
3.
Bernd Linden, 04.03.2009
Eines bleibt mir völlig unverständlich. Wieso hört man so gar nichts von den Bauleuten, die die Leute in den Gebäuden gewarnt haben? Sie scheinen sich völlig in Luft aufgelöst zu haben. Wir feiern sonst doch sofort gleich jeden "Helden". Von den zuständigen Baufirmen auch nur absolutes Schweigen, die sind anscheinend auch untergetaucht. Auch für die Presse scheint das völlig normal zu sein?
4.
Katja Skokow, 04.03.2009
>Ungeheuerlich ist insofern die Unkenntnis der genannten Historiker :-) Ungeheuerlich ist wohl eher Ihr Unvermögen, den Artikel richtig zu lesen. Ich zitiere einfach mal einen Satz aus dem Artikel, der ein Zitat von einem der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart beinhaltet: "Es gäbe "oft Fragen, die man nur am Original beantworten kann", bestätigt auch Fried - etwa, weil das Papier oder die Tinte Auskunft über die genaue Datierung geben können." Da hilft ein Film herzlich wenig...
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