Ardennenschlacht Hitlers letzte Offensive

Am 16. Dezember 1944 begann die Schlacht: Mit einem verzweifelten Großangriff im Westen wollte Hitler die Alliierten zu Verhandlungen zwingen und schickte sein letztes Aufgebot in einen blutigen Kampf in Eis und Schnee. Die Ardennenoffensive warf die Amerikaner zurück - dann ging der Wehrmacht der Sprit aus.

AP

Von Georg Bönisch und Sibel Sen


Acht Tage noch bis Heiligabend 1944. Es ist bitterkalt an der Westfront, die inzwischen an der deutsch-belgischen Grenze verläuft. Der Wind pfeift gnadenlos, in der rauen Landschaft von Eifel und Ardennen fällt die Temperatur bis auf minus 20 Grad. Vor wenigen Wochen hatten sich US-Truppen im dichten, fast undurchdringlichen Waldgebiet nahe der Ortschaften Schmidt und Hürtgen heftige Kämpfe mit den Soldaten Hitlers geliefert - die erste große Feldschlacht der Amerikaner auf deutschem Boden, mit Zehntausenden von Toten auf beiden Seiten.

Jetzt herrscht Ruhe, im Frontabschnitt weiter südlich erholen sich geschundene und geschwächte Einheiten der Alliierten. Hier, nahe Bastogne und Malmedy, stehen nur vier Divisionen. In diesem Winter rechnet niemand mehr mit Attacken der Wehrmacht oder von SS-Einheiten, auch wenn Überläufer berichten, jenseits des Westwalls, im Raum Bitburg, hätten sie einen großen Aufmarsch von Panzern und schwerem Gerät beobachtet. Doch die Abhörspezialisten der Alliierten, die den deutschen Funkverkehr entschlüsseln, liefern keinerlei Hinweise.

Am 15. Dezember 1944 meldet deshalb der britische Feldmarschall Bernard Montgomery dem Oberkommandierenden, US-General Dwight D. Eisenhower: "Von meiner Front oder der Front der amerikanischen Armee an meiner rechten Seite gibt es nichts zu berichten." Und er bitte darum, Weihnachten zu Hause feiern zu dürfen. Eisenhower stimmt zu; er selbst hat sich für den nächsten Tag zum Golfen verabredet.

Es ist der Tag des Angriffs. Der Tag, von dem sich Hitler und die meisten seiner Generäle doch noch die Wende des Krieges erhoffen. Ihnen ist längst jeder militärische und politische Realismus abhanden gekommen. Er wolle, sagte der "Führer", diese "ewige Defensive" endlich hinter sich lassen. Gegen sieben Uhr morgens am 16. Dezember greifen nach einstündigem Artilleriebeschuss drei deutsche Panzerarmeen mit rund 200.000 Soldaten auf einer Breite von 60 Kilometern an. Das Unternehmen "Wacht am Rhein" beginnt, das als Ardennenoffensive in die Geschichte eingehen wird.

Mit Taschenmessern gegen Panzer

Hitlers Soldaten werfen die überraschten Alliierten an manchen Stellen bis zu hundert Kilometer zurück. Wie eine Riesenbeule ragt der Frontbogen schließlich 60 Kilometer breit und hundert Kilometer weit in die Wallonie bis fast nach Dinant - eine Ausbuchtung, die der Schlacht im Englischen den Namen geben wird: "Battle of the Bulge".

Rund 8000 amerikanische Soldaten geraten in Gefangenschaft, Hunderte von ihnen werden von den Deutschen einfach erschossen - ein flagranter Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht. In der belgischen Kleinstadt Bastogne werden etliche Amerikaner eingeschlossen. Die Aufforderung zur Kapitulation freilich lehnt General Anthony McAuliffe schroff ab: "Nuts!"- Ihr habt sie wohl nicht mehr alle.

Nach drei Wochen werden McAuliffe und seine Soldaten von eilig herbeigeschaffter Verstärkung aus dem Kessel von Bastogne befreit. Die Offensive, auf die Hitler alle seine Hoffnung gesetzt hatte, war schon nach nur einer Woche weitgehend zum Stehen gekommen - kein Sprit, keine Munition, keine Kraft mehr. "Am Ende", sagt ein früherer Fallschirmjäger, sei es ein "Kampf mit Taschenmessern gegen Panzer" gewesen. Fünf Wochen später waren seine Verbände wieder in die Stellungen zurückgeworfen, aus denen sie angegriffen hatten. Hitlers letzte Schlacht im Westen war verloren - und die Einnahme seines "Tausendjährigen Reichs" nicht mehr aufzuhalten.

Werden die Staumauern gesprengt?

Das Desaster hatte sich lange abgezeichnet. Viel früher, als sie selbst erwartet hatten, nahmen die Alliierten am 21. Oktober 1944 als erste deutsche Großstadt Aachen ein. "Das Ringen um Aachen" werde "allgemein als Gradmesser unserer Kampfkraft im Westen überhaupt angesehen", hatte die Berliner NS-Führung damals erkannt. Als "allgemein niedergedrückt" beschrieb Joseph Goebbels, Hitlers Chefpropagandist und "Sonderbeauftragter für den totalen Krieg", denn auch nach dem Fall der alten Kaiserstadt die Stimmungslage im Umkreis Hitlers.

Für die Alliierten schien der Weg nach Osten jetzt frei. Der Rhein, eigentlich das nächste natürliche Hindernis für ihren Vormarsch, lag nun gerade noch 70 Kilometer entfernt. Doch statt den direkten Weg über die Ebene bei Düren zu wählen, ordneten die US-Generäle den Vormarsch zwischen Aachen und Monschau an - und damit quer durch den Hürtgenwald.

Die mächtigen Stauseen im Gebiet des Flüsschens Rur standen noch unter der Kontrolle der Wehrmacht. General Eisenhower fürchtete, die Deutschen könnten die Staumauern sprengen und so die Straßen der Region unpassierbar zu machen. So begann für die US-Soldaten ein blutiges Himmelfahrtskommando. Junge Männer ohne Kampferfahrung, gerade aus der Grundausbildung gekommen, kämpften sich in Sommeruniformen in Eiseskälte durch das dichte Waldgebiet - ein Gelände, das den deutschen Verteidigern alle Vorteile bot.

Hitler träumt von einem "neuen Dünkirchen"

In kaum einer Schlacht war die Verlustquote der Amerikaner so gewaltig wie in der "Allerseelenschlacht", dem tödlichen Höhepunkt der Kämpfe im Hürtgenwald. Jede "Ist-Stelle", wie ein Soldat in der Kriegsbürokratie heißt, wurde in dieser Zeit durchschnittlich fünfmal besetzt. Und selbst diese grausame Statistik illustriert kaum das Inferno auf den Hügeln und in den schmalen Tälern des Hürtgenwalds, das oft zum archaischen Gemetzel geriet: Mann gegen Mann, Spaten gegen Gewehr.

Als Kriegsberichterstatter mit dabei war auch der Schriftsteller Ernest Hemingway. Ihm kam es vor, als würden schreckliche Drachen in den Wäldern hausen, den Hürtgenwald nannte der spätere Nobelpreisträger "Totenfabrik". In böser Ironie schrieb er, es wäre einfacher gewesen, unsere Soldaten "dort, wo man sie auslud, zu erschießen", anstatt sie später mühsam von "dort zurückzuholen, wo sie getötet worden waren".

Durch den Geländevorteil konnten die Deutschen die alliierte Offensive Richtung Westen auf Monate stoppen und Zeit gewinnen, um die Reste der Wehrmacht noch einmal zu stabilisieren. Hitler schwebte seit August 1944 einmal mehr Gigantisches vor. Er wollte den Alliierten ein "neues Dünkirchen" bereiten. Hitler träumte ernsthaft davon, Antwerpen und dessen Hafen zurückerobern, um den alliierten Nachschub zu stoppen. 20 bis 30 angloamerikanische Divisionen - jede rund 14.000 Mann stark - könnten bei der Offensive vernichtet werden, phantasierte der Diktator. Durch ein "paar schwere Schläge" ließe sich die "unnatürliche Koalition" von Kriegsgegnern in die Knie zwingen. Nach einem Friedensschluss mit den Westmächten werde man gemeinsam mit Briten und Amerikanern die Rote Armee im Osten zurückwerfen.

Vorstoß in das Herz des "Dritten Reichs"

Also: Großangriff im Westen. Ende September 1944 erteilte Hitler seiner Generalität den Auftrag, die Offensive schnellstmöglich vorzubereiten. Seinen Leuten redete er ein, die Wehrmacht sei ihren Gegnern noch immer überlegen - doch im eiskalten Dezember wurde der deutsche Zweckoptimismus schon nach wenigen Tagen brutal entzaubert. Wehrmacht und SS hatten noch einmal 200.000 Mann aufgeboten, gegenüber gut 80.000 Amerikanern.

Aber die Übermacht bestand zu einem Gutteil aus Kindern in Uniform, auch logistisch fehlte es an allem. Besonders knapp war der Treibstoff, und so standen bald alle Panzermotoren still. Bis Weihnachten verloren die Deutschen mehr als tausend Flugzeuge. Etliche wurden von der deutschen Flak abgeschossen - die Wehrmachtsführung hatte es versäumt, die Luftabwehr rechtzeitig in ihre Offensivplanungen einzuweihen.

Nach dem Zusammenbruch der Ardennenoffensive gab es für die Alliierten kein Hindernis mehr auf dem Weg ins Reich. Am 7. März 1945 besetzten die Amerikaner im Handstreich die Rheinbrücke von Remagen, die einzig intakte Flussquerung zwischen Basel und Emmerich, und konnten nun ungehindert ganze Brigaden ins Zentrum Hitler-Deutschlands marschieren lassen. Ein paar Tage später versank die Brücke. Deren gedrungene Türme am Ufer, achteckig, dunkel, wie rußgeschwärzt, sind heute ein beklemmendes Relikt des Krieges.

Erinnerung im "Verdun der Eifel"

Auch in den Ardennen und in der Eifel ist die Dramatik des Krieges heute, mehr als sechs Jahrzehnte danach, noch spürbar. Wenn im "Verdun der Eifel" ein neues Haus gebaut werden soll, muss erst einmal der Kampfmittelräumdienst anrücken und nach Blindgängern suchen. Noch immer liegen in der Erde der "Hölle von Hürtgenwald" vermisste Gefallene, und immer noch werden sterbliche Überreste toter GIs in die USA übergeführt.

Ein kleines Museum im Städtchen Vossenack zeigt Exponate des Schreckens, im Jahr kommen etwa 5000 Besucher, vor allem aus Belgien, den Niederlanden, Großbritannien und den USA. Das Interesse der Deutschen dagegen ist erstaunlich gering. "Wir wünschen uns", sagt Betreiber Dieter Heckmann, "dass mehr Schulklassen kämen. Sonst stirbt irgendwann die Erinnerung."



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Norbert Ommler, 17.12.2009
1.
Mit ihrer Ardennen-Offensive erleichteren Hitler und seine getreuen Generäle von Wehrmacht und SS erheblich den Vorstoß der sowjetischen Truppen bis zur Oder und dann darüber hinaus. Ferner machten die Westallierten unter dem Schock der deutschen Anfangserfolge der Ardennen-Offensive in der bald folgenden Konferenz von Jalta auf der Krim (4.-11. Februar 1945) Stalin erheblich weitere Zugeständnisse, als sie ohne diese Offensive oder gar bei einer entsprechenden Offensive an der Ostfront gemacht hätten. Auf dieser Konferenz wurde u. a. die "Westverschiebung Polens" auf Kosten der ostdeutschen Provinzen ins Auge gefasst. Das hielt und hält konservative, nicht unbedingt alt- oder neonazistische, "Wissenschaftler" nicht davon ab zu behaupten, mit ihrem auch durch brutalen inneren Terror erzwungenen Widerstand hätten die deutschen Truppen verhindert, dass "den aus Sibirien anrollenden Panzerverbänden" der "Weg freigemacht" worden wäre, "ganz Europa zu überrollen und dann am Atlantik Fuß zu fassen." (Prof. Dr. Erich Schwinge: Bilanz der Kriegsgeneration. Marburg 1990. S. 57 ff., S. 83. Das Buch ist in vielen Auflagen erschienen!)
Anton Rambold, 17.12.2009
2.
Die Wacht am Rhein war nicht "Hitlers letzte Offensive". Die letzte große Offensive der deutschen Streitkräfte war die Plattensee Offensive im März 1945.
Thomas Glöckner, 18.12.2009
3.
Mein Vorredner hat recht, die Ardennen-Offensive war nicht Hitlers letzte Offensive, denn danach folgte Lauban Februar/März 1945 und Operationen die schließlich zum "Ruhrkessel" führten im April 1945. Wenn man so will ist die "Ardennenoffensive" die letzte umfassend angelegte Operation, mit ausgreifenden strategischen Zielen. ( Einschliessung, Antwerpen) und offensiven taktischen Zielvorgaben. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber die "Plattensee-Offensive" fand auch mit erheblich weniger Kräften statt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.