Argentinien-Deutschland 1986 "Ich war stinksauer"

Argentinien-Deutschland 1986: "Ich war stinksauer" Fotos
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Tiefschlag kurz vor Schluss: Bei der WM 1986 traf Deutschland im Endspiel auf Argentinien, dessen Team zuvor mit Hilfe der "Hand Gottes" die Engländer aus dem Turnier gekegelt hatte. Mike Glindmeier erinnert sich an das Finale, als sei es gestern gewesen - schließlich verdarb es ihm den kompletten Urlaub. Von

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Ich bin ein 86er. Zumindest was den Fußball betrifft. Denn im Sommer 1986 habe ich das erste Mal bewusst die Bedeutung dieser faszinierenden Ballsportart erfahren. Ich war mit meinen Eltern im Österreich-Urlaub in einem idyllischen Häuschen an einem Badesee. Im Gepäck hatte ich mein erstes Panini-Album, für das ich seit Wochen leidenschaftlich sammelte.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass die belgische Mannschaft aus lauter Lockenköpfen mit düsteren Gesichtern bestand, die mich ein bisschen an Paul Breitner erinnerten. Und dass Dänemarks Star Sören Lerby selten bescheuert von seinem Klebebildchen guckte, mit einem wirren Blick und einer aus dem Mundwinkel nach oben ragenden Zunge. Auf den habe ich wohl deswegen so genau geachtet, weil er bis zu diesem Turnier bei meinem damaligen Lieblingsclub, dem FC Bayern München, unter Vertrag stand.

Einer meiner letzten fehlenden Sticker war Uli Stein. Das wurmte mich besonders. Obwohl ich mich als Kind im Hamburger Speckgürtel für den HSV kaum interessiert habe, fand ich dessen Torhüter ziemlich cool. Wie der bei Distanzschüssen immer einen Arm lässig in die Luft hob, so nach dem Motto "Der Ball geht weit drüber" und dann den Kopf einzog, wenn die Kugel von der Unterkante der Latte an seiner Schulter vorbei zurück ins Spielfeld zischte, das hatte etwas Magisches. Genauso cool war auch sein Abgang: Stein bezeichnete Franz Beckenbauer während der WM als "Suppenkasper" und wurde vom DFB vorzeitig nach Hause geschickt. Ich fand das damals total lustig. Gespielt hätte er wohl ohnehin nicht.

Wenn der Urlaub zur Auswärtsfahrt wird

Der Job zwischen den Pfosten gehörte bei der WM 1986 in Mexiko Toni Schumacher, den ich auch ganz lustig fand. In der Vorrunde hatte Schumacher mehr zu tun als gedacht. Das 1:1 der Deutschen zum Auftakt gegen Uruguay hatte ich noch vor dem heimischen Fernseher verfolgt. In der zweiten Partie erlebte ich dann in unserer Hütte den ersten Erfolg. Gemeinsam mit dem weiblichen Teil unserer Familie, der mit Fußball nicht ganz so viel am Hut hatte wie der männliche, verfolgten wir das Spiel auf einem 37-Zentimeter-Farbfernseher.

Nach dem 2:1 gegen Schottland konnte sich das DFB-Team in der abschließenden Vorrundenbegegnung sogar ein 0:2 gegen Dänemark erlauben. Das Achtelfinale gegen Marokko wurde zu einer Zitterpartie. Während meine Mutter und meine Schwester gebannt das Treiben eines Eichhörnchens auf dem dünnen Dach unserer Hütte verfolgten, erlöste Lothar Matthäus meinen Vater und mich erst in der 87. Minute mit seinem Treffer zum entscheidenden 1:0.

Nach dem Viertelfinale, das Deutschland gegen Mexiko 4:1 nach Elfmeterschießen gewann, kam es im Halbfinale zum Duell gegen Frankreich. Der Jubel nach dem 2:0 war riesig, nur meine Mutter war langsam genervt, dass der Urlaub mehr und mehr zu einer Fußballreise verkam. Am Tag des Finales fuhren wir früher als gewohnt vom See zurück. Mein Vater und ich gingen wieder und wieder vor die Hütte, um die Antenne in einem optimalen Winkel auszurichten, schließlich sollte mir der erste WM-Triumph nicht verhagelt beziehungsweise verschneit werden. Dann endlich der Anpfiff, Deutschland hatte eine große Mannschaft auf dem Rasen, von der ich dank der Klebebilder jeden einzelnen Spieler samt seiner Daten wie Größe und Einsätze genau kannte und zum Leidwesen meiner Eltern fortan munter mitmoderierte.

Zu viel Gier im Finale

Vor Schumacher sollte "Hakennase" Ditmar Jakobs vom HSV als Libero die Verteidigung organisieren. Diese bestand aus dem nie lachenden Thomas Berthold von der Frankfurter Eintracht, dem immer gutgelaunten Karlheinz Förster, bis dato beim VfB Stuttgart, und Lockenkopf Hans-Peter Briegel. Der gebürtige Pfälzer kickte damals in Italien und ich weiß noch, dass ich mich auch für sein Klebebild ein bisschen geschämt habe.

Dann kam das Mittelfeld mit dem Noch-Lauterer Andy Brehme (Wechsel zu Bayern wurde erst nach der WM bekannt) und der Bayern-Block mit dem blassen Norbert Eder und natürlich Lothar Matthäus. Damals hat mir der Lenker des deutschen Spiels noch mächtig imponiert. Felix Magath, damals HSV-Star, komplettierte den Mittelfeldriegel. Im Sturm spielte der für meinen Geschmack viel zu brave Ex-Bayer Kalle Rummenigge (bis 1987 bei Inter Mailand) neben Kölns Klaus Allofs. Ich hatte nichts gegen die beiden, doch ich war stinksauer, dass mein Lieblingsspieler Rudi Völler dadurch nur auf der Bank saß. "Ich war lange verletzt, hatte in der gesamten Rückrunde vor der WM kaum gespielt", sagte der heutige Sportdirektor von Bayer Leverkusen später in einem Interview mit dem Magazin "Player".

Einen Hals hatte ich auch auf die Argentinier, die ohne die Hand Gottes dieses Finale vielleicht nie erreicht hätten. Einerseits faszinierte mich dieser kleine, flinke Maradona, der am Ball alles konnte. Umso unverständlicher war es für meinen kindlichen Gerechtigkeitssinn, dass so ein "Betrüger" jetzt im Finale gegen Deutschland stand. Leider konnte die erste Halbzeit meine Laune nicht groß heben. Deutschland lag nach den Treffern von José Luis Brown - nach einem dicken Patzer von Schumacher - und Real-Star Jorge Valdano nahezu aussichtslos 0:2 zurück. Und das, obwohl Matthäus Maradona weitestgehend abgemeldet hatte.

Dann endlich die 46. Minute: Völler wird für den enttäuschenden Klaus Allofs eingewechselt und sorgt für mächtig Schwung. Doch erst in der 74. Minute erzielt Rummenigge endlich den ersehnten Anschlusstreffer. Beim Jubeln reißen mir beinahe die Stimmbänder. In den Minuten danach klebe ich vor dem Bildschirm wie Rudi Völler in meinem Sammelalbum und bete. In der 80. Minute lerne ich erstmals den Fußballgott kennen. "Mein" Rudi trifft zum Ausgleich, ich lande direkt vom Läufer vor dem TV in den Armen meines Vaters. "Jetzt gibt es Verlängerung", dachte ich und freute mich, noch länger als ohnehin schon wach bleiben zu dürfen.

Doch die Freude hielt nicht lange. In der 83. Minute begräbt Jorge Burruchaga mit seinem 3:2-Treffer für Argentinien meine WM-Träume endgültig. Abend und Urlaub waren gelaufen. Bis heute bin ich mir sicher: Hätte Rudi von Anfang an gespielt, wäre Deutschland Weltmeister geworden. Das sah Völler später ähnlich, auch wenn er - bescheiden wie Tante Käthe eben immer war - einen anderen Grund für die Niederlage anführte: "Wir hätten die Argentinier schlagen können. Aber wir waren im Finale zu gierig."

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Jochen Eller 05.07.2010
Der Bericht klingt so als habe Deutschland bereits zur Halbzeit 0:2 zurück gelegen. Das stimmt aber nicht. Das 0:2 fiel erst in der 55. Minute.
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