Arisierungen Lili und die Kaufhauskönige

Arisierungen: Lili und die Kaufhauskönige Fotos
Stefan Appelius/Archiv Dr. Stefan Appelius

Jeder kennt Hertie und Kaufhof - den Namen Wronker dagegen kaum jemand. Dabei waren die Wronkers einst die Warenhauskönige in Deutschlands Süden. Dann kamen die Nazis und "arisierten" die Warenhauskette, Gründer Hermann Wronker starb in Auschwitz. Wiedergutmachung erhoffen die überlebenden Erben bis heute vergeblich. Von Stefan Appelius

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Nein, nein, es fließt kein "blaues Blut" in ihren Adern - die alte Dame schüttelt energisch den Kopf. Aber sie kommt aus einer guten Familie. Der Stammbaum kann sich sehen lassen: Lili Wronker (83) ist nämlich mit dem englischen Königshaus verwandt. Um es genau zu sagen: Sie ist eine entfernte Verwandte von Lady Edwina Mountbatten, der letzten Vizekönigin von Indien. Das will sie aber nicht an die große Glocke hängen, denn "die Regenbogenpresse" sei an solchen Dingen doch äußerst interessiert, meint sie. Schließlich möchte sie den Royals keinen Ärger machen.

Lili Wronker ist 1924 in Berlin geboren. Ihr Vater, der Dermatologe Dr. Josef Cassel, hatte einst Charlie Chaplin und Enrico Caruso behandelt. Und in der Berliner Privatklinik ihres Onkels Hermann Engel, eines angesehenen Orthopäden, der in der Budapester Straße praktizierte, verewigten sich Marlene Dietrich und Gustav Gründgens im Gästebuch. Nach der "Reichskristallnacht" floh Lili 1938 nach Großbritannien, 1940 gelangte sie gemeinsam mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten. Während des Krieges studierte sie Kunst in New York, arbeitete eine Weile für das "Time Magazine", bevor sie sich als Kalligraphin und Illustratorin selbständig machte. Sie gestaltete Kinderbücher und die Buchumschläge der Memoiren von Feldmarschall Montgomery, Einstein und Eleanor Roosevelt.

In New York lernte Lili 1952 Erich Wronker kennen, es war Liebe auf den ersten Blick. Noch im gleichen Jahr heirateten Lili und Erich. Die Wurzeln der Familie Wronker liegen in Preußen, in Birnbaum, unweit Posen an der Warthe gelegen. Das Städtchen wird auch die "Wiege der deutschen Kaufhäuser" genannt. Aus Birnbaum stammen auch Oscar Tietz und sein Bruder Leonard Tietz. Oscar Tietz gründete Ende des 19. Jahrhunderts die Warenhaus-Kette "Hermann Tietz AG", besser bekannt als "Hertie". Aus der von Leonard Tietz gegründeten Warenhaus-Kette ging der "Kaufhof" hervor, der sich heute "Galeria Kaufhof" nennt.

Kaufhäuser und Frankfurts erstes Kino

Erichs Großvater, Herrmann Wronker, war ein Neffe der Gebrüder Tietz. Auch er zählt als Mitbegründer der Wronker-Warenhäuser zu den Pionieren der modernen Einkaufskultur. Heute allerdings ist der Name des früheren Kaufhaus-Moguls so gut wie unbekannt, selbst in Frankfurt am Main, wo er sich 1891 niedergelassen hatte. Dabei hat er sich nicht nur als Kaufhauskönig in der Stadtgeschichte verewigt - Herrmann Wronker war es, der Ende Februar 1906 das erste Kino in Frankfurt eröffnete. Die damals von ihm mitbegründete "Allgemeine Kinematographen Gesellschaft Union-Theater für lebende und Tonbilder GmbH" (später: "Projections-AG Union") vermarktete den dänischen Stummfilm-Weltstar Asta Nielsen. Der Hollywood-Mogul Carl Laemmle, berichtet Lili Wronker, habe Herrmann Mitte der 1920er Jahre vorgeschlagen, Teilhaber seiner "Universal"-Filmstudios in Hollywood zu werden. Doch Hermann Wronker habe abgelehnt: "Er war ein guter Deutscher und wollte sein Vaterland nicht verlassen."

Die "Herrmann Wronker AG" expandierte unentwegt. Dreitausend Menschen waren Mitte der 1920er Jahre dort beschäftigt, der Jahresumsatz betrug mehr als 35 Millionen Reichsmark. Dann warf die Weltwirtschaftskrise vom Herbst 1929 den Konzern in die Verlustzone. Hermanns Sohn Max Wronker, Lilis späterer Schwiegervater, übernahm die Leitung des Konzerns. Max verkaufte die Filialen in Nürnberg und Pforzheim, eines der Frankfurter Waren-Häuser wurde für dreißig Jahre an den amerikanischen Konkurrenten Woolworth vermietet. Und dann, gerade als man sich geschäftlich langsam wieder zu erholen begann, kamen die Nazis. Seit Ende März 1933 durften Hermann und Max Wronker die Geschäftsräume ihres Unternehmens nicht mehr betreten, 1934 wurde der Betrieb "arisiert" und unter dem Namen "Hansa AG" fortgeführt. 1952, nach dem Krieg, wurde er dann von den neuen Eigentümern der Warenhauskette "Hertie" übernommen.

Nachdem die Nazis ihm jede Arbeitsmöglichkeit im eigenen Unternehmen genommen hatten, zog Max mit seiner Familie nach Frankreich. In Deutschland zu bleiben wäre schon deshalb nicht ratsam gewesen, weil Wronker kurz zuvor einen Prozess gegen den Nazi-Funktionär Fritz Sauckel gewonnen hatte. Der NS-"Gauleiter" von Thüringen und NSDAP-Fraktionsvorsitzende im dortigen Landtag hatte öffentlich behauptet, dass die Wronker-Warenhäuser Butterpackungen unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Gewicht verkauften. Vor der Niederlage konnte Sauckel auch sein Rechtsanwalt Roland Freisler, der spätere Blutrichter am so genannten Volksgerichtshof, nicht bewahren. "Die Familie meines Mannes bekam damals reichlich Briefe mit Morddrohungen und unaussprechlichen Gemeinheiten", sagt Lili Wronker nach einigem Zögern. "Es wäre viel zu gefährlich gewesen, in Deutschland zu bleiben."

Schwarzarbeiter in Kairo

In Paris versuchte sich Max Wronker als Lederwarenfabrikant. Doch die Geschäfte liefen so schlecht, dass er sich 1936 zu einem weiteren Neuanfang entschloss. In Kairo sollte ein großes Kaufhaus modernisiert werden, Max Wronker ging als Berater nach Ägypten. Doch weil der von den Nazis inzwischen Ausgebürgerte nur ein Touristenvisum für Ägypten bekam, und es ihm trotz großer Anstrengungen nicht gelang, eine offizielle Arbeitsgenehmigung zu beschaffen, war er als "Schwarzarbeiter" für etliche Jahre gezwungen, auch den kleinsten Betrag anzunehmen. Das Honorar für das Kaufhausprojekt war so niedrig, dass er nach und nach Möbel, Porzellan und das Familiensilber verkaufen musste. Dass die Familie überhaupt durchkam, war vor allem einem in Kairo lebenden Vetter zu danken, der Geld lieh.

Hermann Wronker und seine Frau dagegen kamen nicht durch. Erst im Frühjahr 1939 verließen die beiden alten Leute Deutschland, praktisch mittellos. Ihr Vermögen war von der Frankfurter Gestapo beschlagnahmt, eingelagerte Möbel, Perserteppiche und das Silberbesteck zu einem Schleuderpreis versteigert und alle Erlöse daraus zugunsten des "Dritten Reichs" eingezogen worden. Bis zum Sommer 1941 lebten sie in Arcachon bei Bordeaux, dann wurden sie in das Internierungslager Gurs verschleppt. Ein Jahr später wurden Hermann und Ida Wronker deportiert. Ihre Endstation: Auschwitz.

Ihr Sohn Max konnte nach dem Krieg mit seiner Frau im Januar 1949 aus dem Elend von Kairo nach New York übersiedeln. Die Dinge schienen sich noch einmal zum Guten zu wenden. Doch wegen einer schweren Erkrankung verlor Max bald den gut bezahlten Arbeitsplatz, den er bei einem deutsch-jüdischen Lebensmittel-Exporteur gefunden hatte. Er begann zu ahnen, dass er nun in eine "sehr trübe" Zukunft blickte. Und er behielt Recht damit: Bis zu seinem Tod 1966 mussten Max und seine Frau sich mit Teilzeitjobs und Arbeitslosengeld über Wasser halten.

Sind die Alliierten schuld?

Schon 1946 hatten die Wronkers sich bei deutschen Stellen um Wiedergutmachung bemüht. "Ich bitte Sie davon Kenntnis zu nehmen, dass ich selbstverständlich alle seit der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 getätigten Verkäufe, Beschlagnahmungen und alle sonstigen Handlungen als null und nichtig betrachte", schrieb Max dem Frankfurter Oberbürgermeister. Lili Wronker ist voller Bitterkeit, wenn sie über die Art und Weise spricht, mit der mit ihrer Familie nach dem Krieg umgegangen wurde. Erst habe man ihre Eltern und Schwiegereltern hingehalten, dann kleckerweise mit kleinen Beträgen und winzigen Renten abgefunden. "Wussten Sie, dass wir für unsere im Krieg zerbombten Warenhäuser in Frankfurt, Mannheim und Hanau niemals entschädigt wurden, weil es sich um Zerstörungen der alliierten Bomberflotten handelte?", fragt sie. "Dafür gab es aufgrund eines Gesetzes über die Bombenschäden angeblich keine Rechtsgrundlage."

Die juristische Auseinandersetzung mit den zuständigen Behörden in der Bundesrepublik endete schließlich in einer Sackgasse: "Eine gütliche Einigung ist nicht zustande gekommen", heißt es ein ums andere Mal in den Beschlüssen des Landesamtes für Wiedergutmachung. Andere Anträge wurden rechtskräftig zurückgewiesen, weil sie angeblich "nicht schlüssig vorgetragen" worden waren. Max Wronker schrieb seinem Anwalt: "Es macht fast den Eindruck, dass die dortigen Behörden nicht nur eine Wiedergutmachung verhindern, sondern den Geschädigten noch neue Schädigungen hinzufügen wollen."

Lili kann jedenfalls gut verstehen, dass sich ihr Schwiegervater weigerte, noch einmal nach Deutschland zu kommen. Beim Aufräumen sind ihr all die alten Papiere und längst verblichene Korrespondenzen mit Frankfurter Rechtsanwälten wieder in die Hände gekommen. Seit Max Wronkers Tod hat sich niemand mehr um die Verfolgung der Rechtsansprüche gekümmert. Jetzt überlegt die alte Dame, die Vorgänge noch einmal juristisch überprüfen zu lassen. "Ich verstehe einfach nicht, warum viele unserer Freunde entschädigt wurden, wir aber nicht", sagt sie. Große Augen hat sie gemacht, als sie in Aufzeichnungen ihres Schwiegervaters kürzlich Hinweise darauf entdeckte, dass nicht nur handsignierte Erstausgaben von Heinrich Heine und Gerhart Hauptmann, sondern auch Ölgemälde und Bleistiftzeichnungen einiger der namhaftesten deutschen Künstler des 19. Jahrhunderts im Haushalt der Wronkers von Braun-Hemden kassiert wurden. Ganz zu schweigen von Hermann Wronkers wertvoller Sammlung altrömischer und griechischer Münzen und Goldmünzen.

Die Reste der Warenhauskette Wronker übernahm 1952 die Hertie AG, die ihrerseits unter den Nazis "arisiert" worden war. Lili Wronker besucht in dieser Woche Deutschland, zum ersten Mal seit etlichen Jahren. Eingeladen hat sie die "Gemeinnützige Hertie-Stiftung". Man ist sehr nett zu Lili. Der Chef der Stiftung empfing sie zum Nachmittags-Kaffee im Gartenhaus der früheren Wronker-Villa in Königstein. "Ich habe mich sofort zuhause gefühlt. Das ist ein sehr schönes Gefühl", sagt Lili. An der Wand des Büros ihres Gastgebers in der Stiftung hängt ein großes Bild. Es zeigt den neuen, nichtjüdischen Besitzer der Warenhäuser Tietz und Wronker.

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