Armut in den USA In Lumpen aufs Baumwollfeld
Spaten und Hacke statt Spielzeug - Tausende Kinder mussten auf Farmen schuften, als die USA in den Dreißigern in der Krise steckten. Herausragende Fotografen zeigten das ländliche Elend.
Aus ihrem leeren Blick sprach die schiere Verzweiflung. Als sogenannte Migrant Mother wurde Florence Owens Thompson während der Wirtschaftskrise in den USA der Dreißigerjahre zur Ikone. Auf dem Schoß hatte die verhärmte Frau, 32 Jahre alt, ihr Baby. Zwei ältere Kinder schmiegten sich an sie, die Gesichter aus Scham verborgen.
Thompson gehörte zu den Tausenden Amerikanern, die durch die Große Depression infolge des New Yorker Börsenkrachs von 1929 zu Arbeitsmigranten wurden. Als ihr Mann 1933 starb, musste sie sechs Kinder zunächst allein durchbringen. Die Aufnahme machte Dorothea Lange 1936 in einem kalifornischen Obdachlosencamp. Die Fotografin erfuhr von Thompson, dass die Familie im Winter gefrorenes Gemüse von den Feldern klaute und außerdem wilde Vögel aß, von den Kindern selbst getötet.
Als das Porträt der Migrant Mother in der Zeitung "San Francisco News" erschien, wurde Lange rasch weltbekannt. Gemeinsam mit anderen renommierten Fotografen wie Walker Evans, Arthur Rothstein, Jack Delano oder Gordon Parks hatte sie von der Regierung den Auftrag bekommen, die schwierigen Lebensbedingungen in ländlichen Regionen und Städten zu dokumentieren.
Stundenlang anstehen für einen Sack Möhren
Hintergedanke war offenbar, in der Bevölkerung eine Welle der Solidarität auszulösen. Präsident Franklin Delano Roosevelt, der damals unter der Losung "New Deal" Wirtschafts- und Sozialreformen vorantrieb, erhoffte sich davon Popularität als Wohltäter der Nation. Zwischen 1935 und 1944 entstanden so rund 250.000 Fotos, davon wurden 175.000 Schwarz-Weiß-Aufnahmen und 1600 Farbdias entwickelt. Besonders eindrucksvoll: Bilder mit Kindern.
William Elwood Wight war elf, als die Große Depression 1929 das Land traf. Und seine Eltern hatten sich gerade getrennt. "Mein Dad verschwand für mehrere Jahre, wir hatten Mühe, genug auf den Tisch zu bringen. Stundenlang standen wir für einen Sack Möhren oder Mehl an", erinnerte sich Wight später.
In Phoenix (Arizona) lebten sie in einer schäbigen Hütte nahe den Eisenbahnschienen. Der Leidensweg der Familie hatte bereits 1923 begonnen, als wegen der Dürre etwa 500 Rinder auf ihrer Farm im Osten Arizonas verdursteten. Die Wights zogen in die Kleinstadt Globe, der Vater schuftete in einem Bergwerk. "Ich war der älteste Junge in der Familie", so William Elwood Wight. "Mit 13 habe ich die Schule abgebrochen und seitdem immer gearbeitet. Bis ich 15 war, lief ich barfuß herum. Unsere Kleidung war zerlumpt, aber sauber."
Flucht aus der Staubschüssel
Viele "Kinder der Depression" mussten täglich zwölf Stunden auf Baumwollfeldern arbeiten. Ihre Familien hatten jeden zusätzlichen Cent bitter nötig, beschreibt der Historiker Milton Meltzer diese Zeit in seinem Buch "Brother, Can You Spare a Dime?" (Bruder, hast du mal zehn Cent?). Viele Amerikaner waren vor der anhaltenden Dürre aus dem Dust Bowl geflohen, aus einer als "Staubschüssel" bekannten Region im Zentrum und Südwesten der USA.
In den Städten standen Obdachlose Schlange vor Suppenküchen und campierten in Elendslagern, den nach Roosevelts Vorgänger Herbert Hoover benannten Hoovervilles. Um ihren Eltern nicht zur Last zu fallen, zogen Heerscharen von Jugendlichen auf der Suche nach Arbeit durchs Land. Das Children's Bureau schätzte, dass Ende 1932 etwa 250.000 Minderjährige unter 21 Jahren allein in den USA unterwegs waren.
Über dem Text die Schwarz-Weiß-Fotos - und hier die besten Farbaufnahmen:
An der staatlichen Bilderoffensive gab es Kritik, weil dahinter auch politische Absichten steckten und die renommierten Fotografen offenbar in ihrer Kreativität beschnitten wurden. Von der Farm Security Administration (FSA) sollen sie Regieanweisungen für die Gestaltung der Fotos bekommen haben - vor allem als sich die wirtschaftliche Situation der USA zum Ende der Dreißigerjahre weiter verschlechterte und die Hilfsgelder schwanden: Jetzt bitte mehr der Schönheit der Landschaft widmen - Idylle kennt keine Krise.
"Trotzdem hatten wir auch Spaß"
Nicht allen Amerikanern ging es so schlecht wie Florence Owens Thompson, der alleinerziehenden Mutter von sechs Kindern. Die Bilder des Fotografenteams zeigen auch Kinder, die trotz materieller Not noch lachen konnten.
"Es war keine angenehme Zeit, aber wir hatten Spaß", sagte Wight. "Die Familie hielt zusammen. Wir aßen gemeinsam, auch wenn es nicht viel gab." Längst nicht alle mussten hungern. Manche Familien hatten immerhin kleine Farmen mit einigen Kühen und Hühnern. "Wir waren pleite, aber nicht arm", erinnerte sich Joe Gentry, ein anderer Zeitzeuge.
Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern konnte Gentry in Beaver im Bundesstaat Utah zur Schule gehen und mit Unterstützung der Roosevelt-Regierung sogar ein College besuchen. Verla Breinholts Familie lebte ebenfalls in Utah und hatte stets ein Auto. Benzin gab es jedoch nur auf Marken. "Wir Kinder hatten nur ein gutes Paar Schuhe", so Breinholt. Erst mit 16 kauften ihr die Eltern einen Mantel, vorher musste sie die Kleidung ihrer älteren Stiefschwestern auftragen.
Zu Weihnachten gab es für die Kinder oft nur Obst und Nüsse. "Merry Christmas, hier ist deine Orange", hätten seine Eltern gesagt, erzählte Richard Grondin, der auf einem Bauernhof in Michigan aufwuchs. "Eine Orange war damals etwas Kostbares, das wir uns normalerweise nicht leisten konnten. Solange man überhaupt etwas zu essen hatte und einen Platz zum Schlafen, konnte man dankbar sein. Heute ist das völlig anders."
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