Erfindung des Kreuzworträtsels Es begann mit F-U-N, waagerecht

Sensation mit 72 Kästchen: 1913 bastelte der Journalist Arthur Wynne für eine Sonderausgabe einer New Yorker Zeitung das erste Kreuzworträtsel der Welt. Die Idee des Knobelvaters wurde Kult, reich machte sie allerdings andere.

Corbis

Dezember 1913, Weihnachtsendspurt in der Redaktion der "New York World". Für die Feiertage wollte der Chefredakteur noch schnell eine "Sonderspaßbeilage" zusammenstellen. Jeder musste ran, aber vor allem einer der Journalisten sollte eine Mammutaufgabe bewältigen: Arthur Wynne.

Als Redakteur des Unterhaltungsressorts für die Sonntagsausgabe der "World" sollte der 51-jährige Wynne sich ein komplett neues Spiel ausdenken - etwas für die besinnlichen Tage, das Freude bringen würde. Etwas, woran man vielleicht auch ein bisschen länger knobelt. Schließlich waren die Leute ja über die Feiertage zu Hause und hatten Zeit. Tatsächlich sollten Millionen Menschen mit Wynnes Spieleidee Stunden um Stunden verbringen - bis heute.

Am 21. Dezember 1913 erschien in der Sonntagsausgabe der "New York World" das erste Kreuzworträtsel der Welt. Der Knobelkult eroberte binnen kürzester Zeit Hunderte Zeitungen und Zeitschriften - und verbreitete sich bald darauf in zig Ländern.

Es ist nicht ganz klar, wie Wynne sein Ur-Kreuzworträtsel genau konzipierte. Fest steht aber: Er hatte eine Vorlage für sein Wirrwarr aus Wörtern.

Noch als kleiner Junge in Liverpool hatte Wynne mit seinem Großvater ab und zu ein Worträtsel gespielt, das "magic square" hieß. Das Wunderquadrat wurde damals, zu viktorianischen Zeiten, zuhauf in britischen Knobelbüchern abgedruckt. Die Idee des "magic square" war es, mit einer Gruppe von vorgegebenen Worten so zu jonglieren, dass die Buchstabenkolonnen exakt in die "magischen Quadrate" auf dem Papier passten - und sowohl horizontal als auch vertikal Sinn ergaben.

Doch statt alle Wörter bereits im Vorfeld herauszuposaunen, wollte Wynne lieber seinen Lesern das Grübeln überlassen. Mit Suchbegriffen und Fragen wie: "Was Schnäppchenjäger glücklich macht…" (Antwort: Schlussverkäufe), oder "Was dieses Rätsel ist…" (Antwort: hart), entlockte er ihnen die Lösungsletter für sein diamantenförmiges "Word-Cross Puzzle". Nur drei Buchstaben gab Wynne seiner Wochenendleserschaft auf dem Knobelweg vor: "F-U-N" - habt Spaß!

Wie aus dem "Wortkreuz" das Kreuzworträtsel wurde

Die Geschichte hätte genau an dieser Stelle enden können. Doch danach flatterte bei der "World"-Redaktion eine Zuschrift nach der anderen ins Haus. Alle wollten wissen, wann endlich das nächste "Wortkreuz" abgedruckt werden würde.

Eigentlich hatte er nicht geplant, so bald ein weiteres Knobelspiel in der nächsten Zeit zu veröffentlichen. Doch seine Leser brachten Wynne dazu, an einem neuen Rätsel für den kommenden Sonntag zu tüfteln - sehr zum Ärger der Setzer, für die das Kästchenquiz mühsame Arbeit war.

Vielleicht war es der Ärger über die Rubrik, vielleicht war es aber auch eine einfache Unachtsamkeit, doch nachdem das "Word-Cross Puzzle" das dritte Mal in Folge erscheinen sollte, überschrieb einer der Setzer das Rätsel mit einem Wortdreher: "Can you fill in the Cross words?" stand da plötzlich, wörtlich zu deutsch: "Können Sie die Kreuzworte ausfüllen" - so kam das Worte-Wirrwarr zu dem Namen, den es bis heute trägt.

Ende eines Monopols

Für ein paar Jahre blieb Wynne der einzige Kreuzworträtsel-Bauer der Welt. Mit jeder weiteren Ausgabe feilte er an seiner Erfindung, fügte zur Begrenzung der Worte schwarze Felder ein - und ordnete die Begriffe in die bis heute üblichen symmetrischen Gitter. Zwar druckten auch andere US-Zeitungen die Wortspielereien ab. Allerdings übernahmen sie dabei stets Wynnes Rätsel aus der "New York World". Keiner der Zeitungsredakteure wagte sich selbst an die Wortakrobatik heran.

Jede Woche warteten die Amerikaner gebannt auf Wynnes neuestes Rätsel. Menschen, die sich vorher nie eine Zeitung gekauft hätten, stürmten jetzt zum Kiosk. Doch das Monopol des Wortartisten Wynne sollte nicht ewig halten. Zu Beginn der zwanziger Jahre stellten fast alle größeren US-Zeitungen eigene Rätselkonstrukteure ein.

Seinen ultimativen Durchbruch erhielt der Knobelkult allerdings durch zwei Jungverleger, die gerade frisch von der Uni kamen: Dick Simon und Max Schuster. Der Legende nach soll Simons Tante Wixie 1924 ihren Neffen gefragt haben, ob es nicht ein Buch nur mit Kreuzworträtseln gebe, ganz so wie die in der "New York World". Simon präsentierte dem Blatt die Bücheridee, die "World" hatte nichts dagegen, ein Copyright gab es ohnehin nicht auf die Rätsel.

Welt im Wortfieber

Auf 3600 Exemplare belief sich die Erstauflage von Simons und Schusters "Cross Word Puzzle Book", an jedes Buch war ein Bleistift geheftet. Nach einem Jahr hatten die beiden schließlich 400.000 der Rätselhefte verkauft. Und so waren es zwei Collegeabsolventen, und nicht Wynne und die "New York World", denen der Rätselspaß einen enormen Geldsegen einbrachte: Bis heute ist "Simon & Schuster" einer der größten englischsprachigen Verlage.

Nicht nur in den USA waren die Menschen nun vom Wortfieber gepackt. Auf den Straßen sah man plötzlich Frauen in Kreuzworträtsel-Kleidern, ein Wortwettbewerb jagte den nächsten, Lexika in Europa und den USA wurden zu Beststellern, die New York Public Library beschränkte die Ausleihdauer ihrer Wörterbücher gar auf fünf Minuten. In Cafés, der U-Bahn, im Büro - überall eroberte das Kreuzworträtsel den Alltag.

Das erste deutsche Kreuzworträtsel druckte die "Berliner Illustrierte" 1925. Unter den Fragen waren damals schon einige Knobelklassiker: Wie heißt noch gleich ein "Teil des Auges" mit vier Buchstaben?



insgesamt 2 Beiträge
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Stefan Heine, 22.12.2013
1.
Das erste derzeit bekannte Kreuzworträtsel welches in Deutschland veröffentlicht wurde, erschien am 30. November 1924 in der Berliner Morgenpost! Stefan Heine, Rätselmacher
Helmut Stahl, 24.12.2013
2.
Als Nicht-Anglist hätte ich schon gern die Lösung des Kreuzworträtsels gesehen. Helmut Stahl
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