Atlantiküberquerung Der Ab-Törner

Atlantiküberquerung: Der Ab-Törner Fotos
Rainer Schinzel

Er tat, wovon andere nur träumten: Rainer Schinzel kündigte seinen Job, versicherte sich der wohlwollenden Unterstützung seiner Frau und segelte ohne sie quer über den Atlantik in die Karibik. Im Paradies angekommen, ereilte ihn eine böse Überraschung. Von

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Mein Personalchef lachte, als ich mit meinem Ansinnen zu ihm kam. "Das hätte ich auch gern mal", sagte er, als ich Anfang des Jahres 1980 mit der Bitte um ein Jahr unbezahlten Urlaubs bei ihm vorsprach. Vergnügt zitierte er Paragraphen und Bestimmungen, um mir zu beweisen, dass dies nicht möglich sei. Also kündigte ich. Kolleginnen und Kollegen bedauerten mich. Mir dagegen gefiel die Vorstellung, dass sie mich eigentlich eher beneideten.

Zusammen mit einem Freund und dessen Partnerin wollte ich mit einer Segelyacht mindestens bis in die Karibik schippern. Meine Frau, berufstätig und ungekündigt, unterstützte mich moralisch bei diesem Vorhaben. Mitsegeln wollte sie nicht.

Einige Monate Werftaufenthalt in Holland folgten. Wir bauten eine Stahlyacht aus und rüsteten uns für die große Reise, die uns bevorstand. Der Name des Bootes "Georg Forster" war programmatisch: Schließlich waren wir Bibliothekare und Georg Forster war einst Oberbibliothekar in Mainz, Weltumsegler und Revolutionär der Mainzer Republik gewesen. Er hatte sogar an einer der Weltumsegelungen James Cooks teilgenommen.

Zwischenstopp auf unbewohnter Insel

Ein interessierter, aber bildungsferner Werftbesucher fragte nach, warum wir unser Boot nach einem südafrikanischen Rassisten benennen würden. Er war der Ansicht, es handele es sich um Balthazar Johannes Vorster, den ehemaligen Staatspräsidenten Südafrikas. Also schrieben wir, um zukünftigen Verwechslungen vorzubeugen, die Lebensdaten unseres Georgs, dessen Bücher wir sogar an Bord hatten, hinter seinen Namen.

Anfang Oktober 1980 stachen wir in See. Über Stavoren am Ijsselmeer, Amsterdam und den Nordseekanal. Durch riesige Schleusenanlagen wurden wir in die Nordsee gespült. Irgendwann lag der Ärmelkanal vor uns. Alles schien sehr einfach zu sein. Raus aus dem Ärmelkanal, rein in den Atlantik. Circa 200 Seemeilen nach Westen, dann nach Süden. Irgendwann würden wir auf Madeira treffen. Für die genaue Navigation hatten wir Seekarten und einen preiswerten Sextanten aus DDR-Produktion bei uns. Er war aus Aluminium und erfüllte seinen Zweck vorbildlich. Nach 35 Tagen auf See erreichten wir Funchal, die Hauptstadt Madeiras, und stockten unsere Vorräte auf.

Wir segelten weiter nach Gran Canaria. Dazwischen statteten wir den etwa 230 Kilometer von Madeira entfernten Selvagens-Inseln einen Besuch ab. Immer schon wollten wir mal einen Fuß auf eine unbewohnte Insel setzen. Mit fast jedem Schritt sackten wir in dem sandigen Boden ein, manchmal 30 bis 40 Zentimeter tief. Kaninchen hatten alles unterhöhlt. Es war geradezu unheimlich.

Sehnsucht nach Sommerwiese

In Las Palmas, der Hauptstadt der Kanarischen Inseln, sammelten sich im Dezember die Atlantiküberquerer. Seefahrttipps wurden ausgetauscht, und kurz vor den Feiertagen stachen wir wieder in See. Weihnachten erlebten wir bei Sonnenschein, in Badehose, ohne Tannengrün und ohne Geschenke. Im Radio hielt der damalige Bundespräsident Karl Carstens eine Rede. Der Empfang war schlecht, wir verstanden gottlob wenig. Wir waren keine Freunde des Mannes, dessen politische Weste auf eine geschmacklose Art braun gefleckt war.

Die Tücken der Seefahrt ließen nicht lange auf sich warten. Eines Tages musste ich in mein Seetagebuch schreiben: "Wie man weiß, lässt sich Seekrankheit mit absoluter Sicherheit heilen, indem man das Opfer auf eine sommerliche Wiese unter eine grüne Eiche legt." Diese reizende Empfehlung war mir übrigens von einem Mitsegler gegeben worden. Er hatte es freilich nur zartfühlend und ganz und gar nicht schadenfroh gemeint.

Am Neujahrstag des Jahres 1981 hatten wir morgens einen strahlend blauen Himmel. Kein Wölkchen war zu sehen. Allerdings wehte auch kaum Wind, so dass wir für unser Etmal - die Strecke, die das Schiff von Mittag zu Mittag zurücklegte - nicht allzu viel erwarten durften. In unserem Beiboot hatte sich Regenwasser angesammelt, in das ich kurzerhand meine Jeans hineinschmiss, um sie zu waschen.

Ich nahm ein Bad im Meer, indem ich mich an einer Leine hinter der Yacht hinterher ziehen ließ, aber der großen neugierigen Fische wegen war es mir bald unheimlich. Wahrscheinlich hatte es sich um Bonitos gehandelt. Am Nachmittag dann herrschte totale Flaute. Das Flappen des Klüversegels, das durch die Dünung von einer Seite zur anderen geklatscht wurde, machte uns allmählich nervös. Aber zum Glück hatte das bald ein Ende.

Beunruhigende Nachrichten

Nach 31 Tagen Aufenthalt auf unserer segelnden Gartenlaube - wie wir "Georg" mittlerweile respektlos aber liebevoll nannten - erreichten wir Barbados` Hauptstadt Bridgetown. Die Karibik empfing uns so, wie wir es uns vorgestellt hatten: mit freundlichen, entspannten Menschen und schönem Wetter. Uns überkam ein Lebensgefühl, in dem Unangenehmes eigentlich nicht vorgesehen war. Doch beunruhigende Nachrichten aus dem fernen Deutschland ließen nicht lange auf sich warten.

Anders als ursprünglich vorgesehen, flog ich aus gegebenem Anlass im Februar 1981 über New York und London nach Hause zurück. Hier wurde mir klar, dass nicht nur der Herr, der über uns wohnt, unsere Geschicke bestimmt. Manchmal ist es auch der Herr, der neben uns wohnt: Meine Frau hatte einen neuen Partner. Einen, der nicht segelte. Kurzzeitig wünschte ich, ich wäre in der Karibik geblieben.

Im Juli 1981 kamen meine beiden Mitsegler wohlbehalten in Emden an. Ihren Erzählungen über die Rückreise lauschte ich mit Wehmut. Meine Erzählungen vernahmen sie mit ehrfürchtigem Staunen.

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1.
Sebastian Thieme 16.08.2009
Ups, da hat sich ein Fehler eingeschlichen. Nicht »Las Palmas« (Gran Canaria) sondern »Santa Cruz de Tenerife« ist die Hauptstadt der Kanaren. »Las Palmas de Gran Canaria« ist die Hauptstadt der Provinz Las Palmas und die größte Stadt der Kanaren.»Santa Cruz de Tenerife« ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und zugleich der Regierungssitz der Kanaren.
2.
liquimoly 18.08.2009
Schön aufgepaßt! Fleißkärtchen! Ich hingegen erblasse vor Neid und hoffe, Du bist nach wie vor ein begeisterter Segler, Reiner!
3.
Rainer Schinzel 18.08.2009
Lieber Herr Thieme, danke für Ihren Hinweis. Was richtig ist, muß naturlich richtig bleiben: Hier stehts: http://de.wikipedia.org/wiki/Las_Palmas_de_Gran_Canaria Erst wollte ich ja antworten wie Andreas Möller: "Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!" Das hätte dann noch mehr Verwirrung gebracht. @Michael Wolters: Begeisterter Segler bin ich nur noch virtuell. Jetzt eher begeisterter Surfer ;-)
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