Atom-Euphorie Bombe auf dem Plattenteller

Sie besangen Uran-Cocktails oder die Liebe in Zeiten der Verwüstung: In den vierziger und fünfziger Jahren war ganz Amerika gepackt vom nuklearen Fieber, auch viele US-Musiker wirkten total verstrahlt - sie huldigten der todbringenden Bombe in ihren Songs.

Bear Family Records

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Im Dezember 1945 marschierte Slim Gaillard ins Studio, er hatte eine grandiose Idee für einen neuen Song. "If you're as small as a beetle or as big as a whale", sang er lässig und reimte: "Boom! Atomic Cocktail." Es wurde ein Lied über einen "Drink, den man sich besser nicht einschenkt" - der US-amerikanische Jazzsänger war inspiriert und offensichtlich euphorisiert vom Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden japanischen Städte ein radioaktiv verseuchtes Niemandsland aus Asche und Trümmern. 150.000 Menschenleben hatten "Little Boy" und "Fat Man" bei ihren Detonationen sofort ausgelöscht - mindestens 150.000 weitere Menschen sollten bis 1950 an den Folgen des Fallouts sterben.

Gaillards "Atomic Cocktail" ist einer der ersten Songs, der sich mit der Bombe beschäftigte - und er bringt die anfänglich herrschende naive Faszination für die neue Wunderwaffe auf den Punkt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Bombe mit großem Enthusiasmus von der amerikanischen Popkultur vereinnahmt. Strip Clubs kündigten "Atom Dancers" an, Friseure kreierten "Atomic Hair-dos" das Hollywood-Starlett Linda Christians wurde als "the Anatomic Bomb" beworben. Aber es waren die Künstler jener Zeit, die besonders schnell und gründlich die kulturellen Auswirkungen der grausamen Erfindung auf die Seele Amerikas ausloteten.

Im Laufe der nächsten zwei Dekaden sollten Hunderte Kompositionen ihren Weg auf die heimischen Plattenteller, in die Radiostationen und Jukeboxen des Landes finden. Die USA hatte das nukleare Fieber gepackt, die Lieder aus dieser Zeit zeigen seine Symptome.

Urkraft made in America

Dieser Ära hat das Label Bear Family Records nun eine opulente CD-Box "Atomic Platters" gewidmet. Auf vier Scheiben findet sich ein ebenso dichtes wie verstörendes Hörvergnügen. Rund 120 Songs zum Thema reihen sich, unterbrochen von Radiodurchsagen des Zivilschutzes zum Verhalten während eines Nuklearangriffes, aneinander. Außerdem hat das Label zwei Hörspiele ausgegraben, mit denen die Regierung in der Bevölkerung die Angst vor dem Atomschlag schürte. Eine DVD mit neun Lehr- und Propagandafilmen zeigt, wie die Regierung ihre Bürger mit einer Mischung aus Panikmache und Verharmlosung auf den dritten Weltkrieg vorbereiten wollte. Einige dieser raren Dokumente wurden erstmals in digitaler Form zugänglich gemacht.

Abgerundet wird die Box mit einem 294 Seiten starken, langspielplattengroßen Hardcover-Booklet, in dem sich ausführliche Informationen zu jedem Element dieses verlegerischen Kraftaktes finden. Entstanden ist so eine Schatzkiste, die das Verhältnis der US-Bürger zur Bombe in all ihren Facetten nachzeichnet - von der anfänglichen Begeisterung über die entfesselte Urkraft made in America bis zur Atom-Paranoia des Kalten Krieges.

Country-Stars und Blues-Größen, Gospelkombos, Rock'n'Roll- und sogar Calypso-Musiker widmeten sich dem Phänomen. Die musikalische Verarbeitung erscheint mit Abstand betrachtet wahlweise unangebracht wie Slim Gaillards "Atomic Cocktail", naiv, absurd - oder gar lächerlich.

Gottes Atombombe? Jesus!

Nicht wenige versuchten, dieser unfassbaren neuen Gewalt und ihren Horror-Folgen mit Humor, Ironie oder Zynismus zu begegnen. So fand der satirische Singer-Songwriter Tom Lehrer in seiner überdrehten Endzeitvision "We'll All Go Together When We Go" den herrlichen Reim "When the air becomes uranius, we will all go simultaneous". Andere Lieder wie etwa der Gospelsong "Jesus Is Gods Atom Bomb" waren dagegen eher unfreiwillig komisch.

Manche Musiker nutzten die neue Superwaffe auch dazu, das abgegriffene Liebesballaden-Vokabular zu erweitern. So stellte die Sängerin Fay Simmons fest: "You Hit Me Baby Like An Atom Bomb" während der musizierende Comedian Sheldon Allman verlangte: "Crawl out through the fallout baby / to my loving arms". Bill Haley and his Comets entwarfen die wohl heißeste postnukleare Männerfantasie der Musikgeschichte. Der Titel des Songs lautete "Thirteen Women". Abgesehen von ihnen überlebte in Haleys radioaktivem Traumland "only one man".

Doch das ist nur eine Seite der Atom-Euphorie. Am 29. August 1949 gelang der Sowjetunion der erste Atomtest. Spätestens da wurde klar, dass die Bombe möglicherweise doch kein exklusives Präsent Gottes an die USA war, wie die Buchanan Brothers noch 1946 in ihrem Country-Hit "Atomic Power" behauptet hatten. Notfallpläne für die stets lauernde nukleare Katastrophe wurden geschmiedet. Nur: wie sollte man sich auf das mögliche Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen vorbereiten?

Gruppensport im Atombunker

Die Regierung der USA hatte da einige Ideen. Am 1. Dezember 1950 gründete Präsident Harry S. Truman die Federal Civil Defense Administration, eine Behörde für den Zivilschutz - und begann, die Bevölkerung mit zahllosen Broschüren, Lehrfilmen, Radiospots und Anleitungen zum Bau eines Privatbunkers zu bombardieren. Zum Teil wurden für diese Durchsagen prominente Sprecher wie Johnny Cash, Boris Karloff und Groucho Marx gewonnen.

Zwischen 1954 und 1961 fanden außerdem Evakuierungsübungen statt, gespenstische Proben für den Ernstfall, bei denen mitunter belebte Plätze wie der Times Square auf Kommando der Alarmsirenen urplötzlich verwaisten. Wer sich bei diesen Übungen dennoch auf der Straße aufhielt, wurde verhaftet.

Zeitgleich wurde alles getan, um die Folgen eines Nuklearangriffs herunterzuspielen. So zeigen Lehrfilme über das Leben im Bunker eine freundliche Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die sich unverletzt und in Sonntagsgarderobe für einen Platz im Schutzraum anstellen, um dort gemeinsam Sport zu treiben und Spiele zu spielen. Der wohl zynischste Auswuchs dieser Verharmlosungstaktik heißt Bert, trägt einen Stahlhelm und einen Panzer auf dem Rücken, in dem er im Falle eines Erstfalles "seinen Kopf, seinen Schwanz und seine vier kleinen Füße" einzieht. Die freundliche Schildkröte Bert war der Star des Schullehrfilms "Duck And Cover", in dem Kindern beigebracht wurde, sich bei einer nahen nuklearen Explosion auf den Boden zu werfen und sich mit der Jacke oder dem Schulranzen über dem Kopf zu schützen.

Wenn Einstein Angst hat, hab' ich auch Angst

Humor war nach dem Schock, dass die Sowjetunion über die Bombe verfügt, auch nicht mehr unbedingt gefragt. So wurde der wahrscheinlich schlaueste Song zum Thema im Laufe des Jahres 1950 auf den Druck republikanischer Bürgerverbände klammheimlich von den Plattenfirmen vom Markt genommen. Der Talking Blues "Old Man Atom" zählt heute zu den absoluten Klassikern des Genres und wurde seiner Zeit von mehreren Interpreten aufgenommen. Er verblüfft mit einleuchtenden Zeilen wie "Einstein says he's scared / And when Einstein's scared, I'm scared" oder schockiert mit der unvergesslichen Abwandlung des ersten Satzes der Unabhängigkeitserklärung: "All men be cremated equal" - alle werden gleichermaßen eingeäschert.

Am Ende bringt wohl dennoch eine stille, ein wenig schmalzige Nummer auf der "Atomic Platters"-Compilation den Terror des Kalten Krieges am besten auf den Punkt.

"I want to be happy, I want to be gay

I want to be normal in every way

But a mushroom cloud hangs over my dreams

It haunts my future and threatens my schemes"

Er will ja glücklich sein, ein normales Leben führen. Aber warum Pläne machen, wenn das Ende zum Greifen nahe ist? Der Song "A Mushroom Cloud" von Sammy Salvo stammt von 1961 - und lässt mit seinen sehnsuchtsvollen Zeilen den amerikanischen Traum für die Länge eines Popsongs unter einem Atompilz verschwinden.

Zum Weiterlesen:

Bill Geerhart und Ken Sitz: "Atomic Platters. Cold War Music From The Golden Age Of Homeland Security". Bear Family Records, Hambergen 2010. Box mit fünf CDs, einer DVD und Buch (294 Seiten).



insgesamt 4 Beiträge
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Ralf Bülow, 26.08.2010
1.
Gab es nicht 1982 einen Film und eine LP "Atomic Café" mit den passenden nuklearen Liedern ? Dazu könnte man vielleicht noch ein Dokument zeigen.
Sven Stursberg, 26.08.2010
2.
Weitere Songs zum Thema von Fischer-Z: Cruise Missiles: We share a common destination. Each person Has their time to die. But men are speeding up our journey. By seeing what they can destroy with their Cruise missiles (We're living near those). Cruise missiles (We're looking for those). Cruise missiles (They're not five years away). They're building shelters for the privileged. There won't be room for you and me. So read your pamphlets of precautions. They'll make you laugh until you see that those Cruise missiles (We're living near those). Cruise missiles (We're sitting on those). Cruise missiles (They're not five years away). They claim the ultimate solution. To all the problems that we face. It's pointing rockets at the Russians. And hope they don't end up in Greece. All those Cruise missiles (We're looking for those). Cruise missiles (We're standing near those). Cruise missiles (They're not 5 miles away). They're not 5 years away. They're not 5 miles away. They're not 5 miles away. sowie Red Skies Over Paradise (a Brighton Dream): My hand reached down for the radio. I held it up to my ear. The beads of sweat gathered on my head and tickled down. Out in the park children were playing. Though it was dark The sky glowed red. People were stunned, everyone waiting. Nobody knew why But I see it all now. The newsman said most of London's gone. We saw the cloud rise from here. An ice cream van with it's music on goes round and round. Out in the park children were playing. Though it was dark The sky glowed red. People were stunned, everyone waiting. Nobody knew why But I see it all now. Down in their bunkers under the sea. Men pressing buttons don't care about me. There's lots of sands on the cellar floor. We went down there for the night. The barricades that my brother made keeps out the light. Out in the park children were playing. Though it was dark The sky glowed red. People were stunned, everyone waiting. Nobody knew why But I see it all now. Down in their bunkers under the sea. Men pressing buttons don't care about me.
Olaf Nyksund, 27.08.2010
3.
Stimmt alles natürlich, in den 1970/-80er gab es mehr als genug Lieder über die Atomwaffen und deren unangenehme Folgen - allerdings waren die Songtexte meist nicht gerade dem Krieg zugeneigt. Spontan fallen mit "Hell on Earth" von GBS oder "Enola Gay" von OMD natürlich ein, aber auch die deutschen "Soundtracks zum Untergang" hatten,wenn ich mich recht erinnere, das eine oder andere Stück dem Lieblingsthema gewidmet. Das Problem war damals nun mal aus dem Alltag kaum wegzudenken, egal ob im Osten oder im Westen.
Hannes Birnbacher, 02.09.2013
4.
Hat die unerklärliche Euphorie der Amerikaner vielleicht damit zu tun, dass sie mit dem Einsatz der Atombombe einen Krieg beendeten, in dem sie die Angegriffenen waren? Und hätte sich die Welt verbessert, wenn die USA mit dieser Macht eine Nation, die 1937 während des japanisch-chinesischen Krieges als Angreifer in Nanking und Shanghai zwischen 60.000 und 30.000 Zivilisten "von Hand" massakrierten, hätten gewähren lassen?
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