Bilder von Atombunkern Nuklearkrieg in Nahaufnahme

Bilder von Atombunkern: Nuklearkrieg in Nahaufnahme Fotos
Justin Barton

Vier Jahrzehnte lang lebte die Welt in Angst vor einem Atomkrieg. USA und UdSSR lieferten sich ein Wettrüsten mit Nuklearsprengköpfen und Langstreckenraketen. Ein Fotograf hat sich nun einstige Armeebasen genauer angeschaut und festgestellt: Ost und West waren sich ähnlicher, als sie dachten. Von Christoph Sydow

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Perwomajsk ist eine verschlafene Provinzstadt in der heutigen Ukraine, idyllisch windet sich ein Fluss durch den 70.000-Einwohner-Ort. Zu den wenigen Besonderheiten der Stadt gehörte während der Sowjetzeit eine Wetterstation, die sich etwa 30 Kilometer nördlich von Perwomajsk befand. Eine Besonderheit war sie deshalb, weil dort nicht nur Temperaturen und Niederschläge gemessen wurden: In erster Linie war die Station Tarnung für eine Atomraketenbasis der Roten Armee.

Die Anlage mit dem Decknamen "Taimen" war eine von sechs großen Atomwaffenbasen auf dem Gebiet der Sowjetunion. Die Flugkörper, die hier stationiert wurden, waren unter anderem auf die Bundesrepublik gerichtet. Wegen seiner militärischen Bedeutung war der Komplex extrem aufwendig abgeriegelt. Mehrere Mauern, Schlagbäume und Drähte umgaben das Gelände, unter anderem sicherte ein 3000 Volt starker Elektrozaun das Sperrgebiet.

Mehr als 10.000 Kilometer von Perwomajsk entfernt, mitten in der Wüste von Arizona, bot sich ein fast identisches Bild: Wenige Kilometer außerhalb der Kleinstadt Green Valley unterhielt die US-Armee drei Jahrzehnte lang eine Abschussbasis für Interkontinentalraketen vom Typ Titan II. Diese Sprengkörper sollten im Kriegsfall auf die Sowjetunion gefeuert werden.

Der Kalte Krieg endete, ohne dass die Atomraketen zum Einsatz kamen. Seither haben die USA und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion ihre Arsenale deutlich reduziert. Aus vielen Atomraketensilos von einst sind inzwischen Museen geworden. Der britische Fotograf Justin Barton hat in den vergangenen Jahren ehemalige Raketenbasen auf beiden Seiten des einstigen Eisernen Vorhangs besucht und fotografiert. Nie zuvor hat jemand die Details in den unterirdischen Anlagen so genau eingefangen. Seine Bilder hat er in der Fotoserie "Der Atomkrieg in Nahaufnahme" veröffentlicht.

40 Tage konnten die Soldaten im Bunker überleben

"Wir alle haben Kindheitserinnerungen, die geprägt sind von der Angst vor einem Atomkrieg", sagt der Fotograf. "Ich wollte zeigen, dass die Orte, von denen dieser Nuklearkrieg ausgegangen wäre, ganz gewöhnlich aussahen, dass dort ganz normale Menschen ihrer Arbeit nachgingen." Ganz bewusst vermeidet Barton eine klare Haltung gegenüber Atomwaffen: "Der Betrachter meiner Bilder muss sich nicht entscheiden, ob er Nuklearwaffen für den Erhalt des Friedens für unerlässlich hält, oder ob er sie als existentielle Gefahr für unseren Planeten betrachtet. Er soll sich nur bewusst machen, mit welchem Aufwand die Hochrüstung betrieben wurde."

Mit seiner 8x10 Zoll-Großformatkamera kletterte Barton in die Steuerungszentralen der Raketensilos. Diese liegen zum Teil 50 Meter unter der Erde. In der Tiefe sollten die Soldaten einen zu erwartenden Gegenschlag der anderen Seite überleben. Bis zu 40 Tage konnte die Besatzung in den unterirdischen Bunkern ausharren - versorgt mit Trockennahrung und hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt.

Doch die Orte, die der Fotograf während seines Streifzuges besucht hat, haben ihren Schrecken verloren. "Es war seltsam, aber es hat sich überhaupt nicht beängstigend angefühlt, diese Raketenbunker anzugucken", sagt Barton. "Oft hatte ich sogar das Gefühl, als hätte die Besatzung die Kontrollräume gerade erst verlassen."

In seinen Bildern fängt er die Banalität der atomaren Apokalypse ein. Da sind Anzeigetafeln, Schaltinstrumente, Sessel und Telefone, die man so oder so ähnlich seinerzeit auch in einer ganz normalen Fabrik hätte finden können.

"Die USA haben mehr Wert aufs Design gelegt"

Noch frappierender ist, dass viele Gegenstände völlig austauschbar erscheinen und der Betrachter kaum sagen könnte, welches Foto in den USA und welches in der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen wurde. Nur ein paar kyrillische Buchstaben verraten gelegentlich die Herkunft. "Die USA haben vielleicht etwas mehr Wert auf das Design gelegt, aber im Grunde sahen die Kontrollräume in Ost und West fast vollkommen identisch aus."

Diese Parallelen hatten Barton ursprünglich auch den Anstoß für sein Fotoprojekt gegeben. Er war seit langem fasziniert davon, wie während des Kalten Krieges beide Seiten voneinander abkupferten, und wollte in einer Bilderserie die Ähnlichkeiten zwischen der Concorde und der sowjetischen Tupolew 144 sowie dem "Space Shuttle" und der sowjetischen Raumfähre "Buran" herausarbeiten. Dann sei er in Moskau eher aus Zufall auf die Raketensilos aufmerksam gemacht worden, die ebenfalls in West und Ost fast gleich aussahen.

Seine Aufnahmen zeigten, wie sehr während des Kalten Kriegs beide Seiten auf den jeweils anderen fixiert waren, sagt Barton. "Jedes der Objekte, die ich fotografiert habe, erzählt eine eigene Geschichte." Und diese Geschichte ist noch lange nicht vorbei: Auch wenn nach dem friedlichen Ende des Konflikts zwischen den USA und der Sowjetunion die Gefahr eines Atomkriegs gebannt war: Laut Schätzungen verfügen Amerikaner und Russen derzeit noch immer über jeweils 5000 einsatzfähige Nuklearsprengköpfe. Ähnliche Objekte, wie jene, die in Bartons Bildern wie Relikte aus einer vergangenen Zeit aussehen, sind andernorts also noch immer im Einsatz.

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1.
Uwe Stürmer 14.02.2013
Ich frage mich, ob das Bild mit der "Turbine" richtig zugeordnet ist. Ein Raketentriebwerk mit Turbine kommt sehr unwahrscheinlich vor.
2.
Augustus Meyer 14.02.2013
Ich war selber 3x in der ehem. russ. Basis nahe Pervomaisk. Sehr interessant, ist nun ein Museum. Wer mit dem Pkw von Kiev nach Odessa fährt, muß nur einen kurzen Abstecher von ca. 20km machen, Richtung Nikolaev. Besucher können sich sogar an eine der berühmt-berüchtigten Tastaturen zum Abschuß setzen. Leider sprechen die Führer im Museum, ehem. Militärangehörige, nur Russisch. Ein Detail: Der Deckel zum Silo, ca 3m Durchmesser, wiegt ca. 40t. Und konnte in 9sec. geöffnet werden. Frage: Wie machten die das wohl ?
3.
Harald Kucharek 14.02.2013
>Ich frage mich, ob das Bild mit der "Turbine" richtig zugeordnet ist. Ein Raketentriebwerk mit Turbine kommt sehr unwahrscheinlich vor. So ist es. Ich vermute, es ist der Einspritzkopf der Brennkammer des Raketentriebwerks
4.
Stefan Rüdiger 14.02.2013
Der Bericht war bei wired.com schon am 24.1.2013 zu lesen. "Detailed Photos of Cold War Missile Sites: Opposing Superpowers, Same Terror"
5.
F Ger 14.02.2013
>Ich frage mich, ob das Bild mit der "Turbine" richtig zugeordnet ist. Ein Raketentriebwerk mit Turbine kommt sehr unwahrscheinlich vor. Raketentriebwerke mit Turbine gibt es. Allerdings ist die Turbine nur als Antrieb für die Treibstoffpumpen von Flüssigbrennstoffraketentriebwerken da. (vgl. http://www.dpma.de/docs/service/a09/antriebe/us2395113a.pdf oder http://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCssigkeitsraketentriebwerk#Pumpenf.C3.B6rderung ) Was nun auf dem Bild in diesem Artikel genau zu sehen ist, weiß ich auch nicht. >Ich vermute, es ist der Einspritzkopf der Brennkammer des Raketentriebwerks Das denke ich nicht. Wozu sollte man eine derartige Flügel/Lamellen Geometrie in der Einspritzkammer brauchen?
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