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Zivilschutz Was wurde aus Deutschlands Atomschutzbunkern?

Deutschlands Atombunker: Im Ernstfall schutzlos Fotos

Im Kalten Krieg war die Angst vor einem Atomkrieg riesig. Der Staat baute Bunker, auch Privatleute buddelten um ihr Leben. Längst haben die Schutzräume ausgedient - manche der 2000 Anlagen kann man besichtigen. Von

Die Luft ist klamm, es riecht nach Keller - massive Betonwände, niedrige Decken, dicke Belüftungsrohre, gedämpftes Licht. Im Atombunker unter dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofs empfängt René Rühmann 25 Gäste des Vereins Hamburger Unterwelten: "Der Bunker ist jetzt verschlossen. Wenn sich jemand unwohl fühlt, sagen Sie Bescheid."

Das Relikt aus Stahlbeton ist 170 Meter lang und etwa 17 Meter breit, es reicht über drei Etagen, die unterste in zwölf Metern Tiefe. An der Oberfläche sieht man nur zwei unauffällige Treppenabgänge und einen Litfaßsäulen-artigen Turm mit Antenne und Auswurfklappe. Im Bunker, so stellte man sich das zu Zeiten des Kalten Krieges vor, sollten bis zu 2700 Menschen Schutz finden. Ein klaustrophobischer Albtraum.

Gebaut wurde der Tiefbunker Steintorwall, so die offizielle Bezeichnung, bereits im Zweiten Weltkrieg und entkam der durch die Westalliierten verfügten Vernichtung, weil es im ausgebombten Hamburg einfach zu viele Obdachlose gab. Später wurde er erst zum Bunkerhotel, dann zu einem Lager der Deutschen Bahn. Bis er sein Bunker-Revival erlebte.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Die Kubakrise führte die Welt 1962 nah an den atomaren Abgrund. Ab 1965 wurde der Bunkerbau in ganz Westdeutschland vorangetrieben. Auch in der DDR entstanden Schutzanlagen - beide deutschen Staaten, vom Westen wie vom Ostblock zum potenziellen Schlachtfeld eines möglichen Atomkriegs erkoren, igelten sich ein. Hamburgs Betonkoloss wurde von 1964 bis 1969 zum Atomschutzbunker umgebaut.

Bunker-Know-how für Heimwerker

Viel Sinn hatte das eigentlich nicht. "Es gibt kein Bauwerk, das diesen Waffen standhalten könnte", sagt René Rühmann. Zumindest keinem direkten Treffer. Bei einem Nahtreffer in ein paar Kilometern Entfernung wäre das Gebäude aber möglicherweise funktionstüchtig geblieben - auch wenn es sich mächtig geschüttelt hätte. Über den Sitzreihen sind deshalb weiche Kopfstützen aus Schaumstoff angebracht, "damit man mit dem Kopf nicht aneinanderschlägt".

Trotz aller Absichtserklärungen war es weder geplant noch möglich, genug Schutzplätze für die gesamte Bevölkerung bereitzustellen. Die Regierung setzte deshalb auch darauf, Privatleute davon zu überzeugen, ihre eigenen Keller zu Bunkern auszubauen.

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Zivilschutz im Kalten Krieg: Hausmittel gegen die Apokalypse
Mit öffentlichen Kampagnen warb der Bundesverband für den Selbstschutz (BVS) für sogenannte Hausschutzräume: So ein Privatbunker, erfuhr man, lasse sich auch prächtig als Party- oder Hobbykeller nutzen. Das Thema bediente wachsende Ängste, bald sah man das auch auf dem Sachbuchmarkt. Titel wie "Der kluge Mann baut tief!" vermittelten Bunker-Know-how für Heimwerker.

Doch die Deutschen ließen sich nicht so recht für den Bunkerbau begeistern, Partybunker blieben selten. Die Friedensbewegung zog die Bemühungen durch den Kakao: "Tierschutz ist für alle Tiere, Zivilschutz ist für die Katz."

Pläne hatten die Behörden schon: Mindestens zwei Wochen sollten die Überlebenden eines Atomschlages im Bunker ausharren, dann zurück an die Oberfläche und mit Bussen aus der Gefahrenzone gebracht werden. Klingt verrückt, aber die Verstrahlung durch eine Bombe ist tatsächlich weit weniger langfristig als beispielsweise durch die Havarie eines Atomkraftwerks.

Es fährt ein Bus nach Nirgendwo

Indes: Wer hätte da eigentlich wohin fahren sollen? Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gingen Militärstrategen davon aus, dass die Großmächte über das atomare Arsenal verfügen, die Erde mehrfach komplett unbewohnbar zu machen; Schätzungen divergierten zwischen 20 und 80 Mal. Man nannte das Nuclear Overkill - das Amtsdeutsch fand für diesen Irrsinn gewohnt elegant den Begriff "Mehrfachvernichtungskapazität".

Der Kalte Krieg verging, die Blöcke zerfielen, der Overkill blieb. Und doch ist die Welt heute anders, die Bedrohungen haben sich verändert. Großflächige Bombardierungen mit der Möglichkeit zur rechtzeitigen Warnung der Bevölkerung - dieses Kriegsszenario lag laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) dem Konzept der öffentlichen Schutzräume zugrunde. Von so etwas geht inzwischen niemand mehr aus: "Bei den heutigen Schadenszenarien mit lokalen Unglücksfällen oder Terroranschlägen ohne Vorwarnzeit können die öffentlichen Schutzräume keine Schutzwirkung entfalten", heißt dazu es aus der Zivilschutzbehörde.

Nach Ende des Ost-West-Konflikts vor über 25 Jahren hatten die Bunker ausgedient. Als mit der Attacke auf das World Trade Center am 11. September 2001 der islamistische Terror den Westen erreichte, wurde endgültig klar, dass vor den modernen Formen der bewaffneten Aggression kein Bunker mehr schützen würde. Etwas zynisch formuliert: Was bringt ein Bunker unter dem Bahnhofsvorplatz, wenn sich am Bahnsteig ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt?

Erst im Mai 2007 entschied die Innenministerkonferenz, das Konzept flächendeckender öffentlicher Schutzräume aufzugeben und dafür kein Geld mehr einzuplanen. Für die Bundesrepublik wurden die mehr als 2000 Bauten zu Altlasten, derer sie sich entledigen wollte.

"Ist unter Ihnen jemand mit Platzangst?"

Die Anlagen wurden der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übergeben, die meisten verkauft, viele zurückgebaut. Der größte Teil befand sich in kommunalem Besitz, von den 216 Anlagen im Bundesbesitz sind laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nur noch acht formal in der sogenannten Zivilschutzbindung. Aber auch diese Anlagen seien nicht mehr einsatzfähig, sagt BBK-Sprecher Wahid Samimy.

Wieder andere, wie am Hamburger Hauptbahnhof, sind tatsächlich noch begehbar, werden von Vereinen betreut und als Museen und Dokumentationsstätten erhalten. Ausgedient haben sie alle. Gut so: Der Bunker war eine hilflose Scheinantwort auf den schlimmsten vorstellbaren Horror.

Unter dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofes haben die Besucher inzwischen den Schleusenbereich im untersten Stockwerk erreicht. "Ist unter Ihnen jemand mit Platzangst?", fragt Rühmann. Dann zieht die Hydraulik die luftdichten Stahltüren zu, mit einem dumpfen Rumsen fallen sie in die Rahmen.

An den Bunkereingängen befinden sich Zählplatten, auf die alle Besucher beim Hereinkommen treten, eine sogenannte Dosieranlage. Der Bunkerwart, der den Knopf zum Schließen der Türen gedrückt hätte, konnte den Eingangsbereich nicht einsehen. Ein an die Zählanlage angeschlossenes Display hätte ihm automatisch gemeldet: "Alles schließen!"

Wenn das Soll erreicht, der Bunker also voll gewesen wäre, hätte der Wart den Knopf gedrückt. Der Bunker wäre abgeriegelt, egal wie viele Schutzsuchende noch draußen gestanden hätten. Der Hinweis an den Türen "Finger weg. Quetschgefahr" ist verharmlosend. Viele hätten wohl schon im Gedränge vor dem Bunker ihr Leben gelassen, sagt Sören Kempe, Mitglied bei Hamburger Unterwelten und heute der Mann an der Schleuse. Wer so eine Tour erlebt hat, wünscht sich die Bunker nicht zurück.

Zivilschutz wird in Deutschland heute völlig anders verstanden. Im Jahr 2002 richtete die Bundesregierung die Koordinierungsstelle Nachsorge, Opfer- und Angehörigenhilfe (Noah) ein. Ihre Aufgabe ist pragmatisch, wie BBK-Sprecher Samimy erklärt: "Sie bietet nach schweren Unglücksfällen, Terroranschlägen und Katastrophen im Ausland, bei denen Deutsche betroffen sind, eine akute und längerfristige psychosoziale Versorgung an." Klingt, als ginge es hier wirklich um Hilfe. Und nicht um nur scheinbare Sicherheit.

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1. Vorschlag zur Nutzung
Thomas Payer, 23.02.2016
Mich erinnert das an eine wasserdichte Uhr. Diese Wunderwerke der Technik zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass Wasser das einmal drin ist, nie wieder raus kommt. In diesem Sinne sollten Bunker die vor Atomwaffen schützen sollen, doch eigentlich hervorragende Lager für Atommüll abgeben.
2. Schöner wohnen
Oliver Hahn, 23.02.2016
Ich habe mir so ein Ding mal in Berlin angeschaut. Die Vorstellung, da einige Monate vor sich hinzusiechen ist nicht gerade eine schöne. Zwischenmenschlich wäre es sicherlich auch sehr interessant geworden.
3. Herzlichen Glückwunsch!
Till Mohr, 23.02.2016
Ich beglückwünsche den Spiegel zu folgendem Eindruck: Redakteur X hat eine Tour bei Hamburger Unterwelten mitgemacht und bastelt daraus einen Artikel. Einfach ein wenig Archivmaterial hinzu, fertig. Journalismus geht anders; es wäre besser gewesen, man hätte hier nicht gleich zu ganz Deutschland den Anspruch erhoben, die Nutzung der einstigen Bunker darstellen zu wollen. Es fehlen die wahrhaft bemerkenswerten Beispiele, und zwar so gut wie deutschlandweit. Anscheinend war es schon zu viel, sich in den - offen zugänglichen - einschlägigen Foren einmal zu erkundigen. Erbärmlich, wenn man für einen Artikel oder eine Fotostrecke nicht einmal zweihundert Kilometer weit zu fahren bereit ist, sondern bloß seine eigene Nebenbei-Fotoschatulle öffnet. So etwas gehört zwar meinetwegen in die Medien, ist ja eine schöne Sache, aber bitte in den Lokalteil. Und nicht falsch beworben. Meinen Ansprüchen genügt so ein nicht besonders engagiertes Dannhaltmalbunkergeschreibsel nicht. Gerade zum Thema Bunker gibt es sehr viel tolles Material im Netz.
4. Auch im schönen Ruhrpott kann man Atomschutzbunker noch besichtigen
Pat Lambertus, 23.02.2016
Hier im Film: http://www.bochumschau.de/atomschutzbunker-2011.htm
5. Luftschutz
Ortwin Loewa, 23.02.2016
Das Zitat über die Wirksamkeit der Bunker stammt noch aus dem 2.Weltkrieg und lautet korrekt: Was ist der Unterschied zwischen Tierschutz und Luftschutz? Tierschutz ist für alle Tiere. Luftschutz nur für die Katz! Kannte mein Vater, der als Kampfstoffchemiker Lutschutzhelfer i Berlin ausbildete. Die ganze Bunkerideologie mit dem Luftschutz als übergeordnetem Begriff waralso ein Kind des Bombenkrieges.
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