Mekkas der Moderne - Atomtestinseln Bikini-Atoll Verbrannt von tausend Sonnen

Sie verglühten Tiere, pulverisierten Eilande: Nach dem Zweiten Weltkrieg verwandelten US-Militärs das Bikini-Atoll in ein Großlabor, zig Atom- und Wasserstoffbomben detonierten dort binnen weniger Jahre. Heute sind die Spuren der Verwüstung verschwunden - die Gefahr lauert in Pflanzen und Früchten.

Corbis

    Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka. Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Wo sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie mehrere dieser Orte vor.

Am 1. Juli 1946 hatte sich vor dem Bikini-Atoll eine Armada versammelt. Flugzeuge zogen ihre Kreise am Himmel, Strahlenmessgeräte waren auf den Schiffen, den Fliegern und auf den Inselchen des Atolls installiert. Tausende Ratten, Ziegen und Schweine fungierten als vierbeiniges Testgerät, sie sollten zeigen, wie schnell und umfänglich lebendes Material verstrahlt werden kann.

Die Tiere waren die einzigen dort verbliebenen Lebewesen, nachdem die etwa 167 Einwohner des Bikini-Atolls ein paar Wochen zuvor auf ein anderes Atoll gebracht worden waren. An einem Sonntag im Februar 1946 hatte der damalige US-Militärgouverneur der Marshall Islands die Bikinianer nach dem Kirchgang versammelt und um ihre Inseln gebeten. Er wollte sie nur "vorübergehend" und vor allem "for the good of mankind", zum Wohle der Menschheit.

Worum es in Wahrheit ging, kommentierte Bob Hope, eine der schärfsten Zungen jener Zeit, auf seine Art: "Sobald der Krieg zu Ende war, entdeckten wir den einzigen Punkt auf dieser Erde, der vom Krieg unberührt geblieben war und schickten ihn zur Hölle."

Das beeindruckende Aufgebot auf und vor Bikini bildete den Auftakt für ein wahrhaft bombastisches Experiment. Mit einer Serie von Atombombenexplosionen wollten die Vereinigten Staaten das zerstörerische Potential ihrer Kernwaffen testen. Innerhalb von zwölf Jahren wurden 23 Atombomben auf dem Bikini-Atoll gezündet, wahlweise in der Luft, unter Wasser oder auf festem Land.

Alles Leben fuhr gen Himmel

Die größte Explosion, die Zündung der Wasserstoffbombe Bravo im Jahre 1954, pulverisierte drei Inseln Bikinis - die nach ihrer Zerstörung nur noch in Form von drei schwarzen Sternen auf der Flagge der Bikinianer verewigt sind. Auch auf dem Enewetok-Atoll detonierten Atom- und Wasserstoffbomben. Auf die gesamten Marshall Islands fiel bis zum Ende der Tests Ende der Fünfzigerjahre eine tägliche Sprengkraft von im Schnitt etwa 1,6 Hiroshima-Bomben.

Die erste Explosion der Testreihe unter dem Codenamen Crossroads zündete an jenem 1. Juli 1946. Der Name der Bombe, die von einem Flugzeug abgeworfen wurde, lautete "Gilda". Gegen 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit schickte sie eine gigantische Rauchwolke und alles Leben in ihrer unmittelbaren Umgebung gen Himmel. Die Bombe erreichte eine Sprengkraft von 23 Kilotonnen TNT-Äquivalent, was in etwa jener Kernwaffe entsprach, die Nagasaki zerstört hatte.

"Wie tausend Sonnen" habe der Himmel über dem Meer geleuchtet, berichtete ein Augenzeuge. Damit auch der Rest der Welt Zeuge des Spektakels werden konnte, hatte man fast 20 Tonnen Filmausrüstung herangeschafft. Auf den Schiffen, von denen aus das Geschehen beobachtet werden konnte, wurden Sonnenbrillen gereicht und eisgekühlte Martinis. Beides, die Brillen und das Getränk, reüssierten im Sommer jenes Jahres. Außerdem die Torten samt Atompilzen aus Buttercreme sowie die Kreation eines französischen Schneiders, die er Bikini nannte.

Jahrelange Odyssee

Internationale Proteste gab es kaum. Sie sollten erst nach und nach aufflammen und dazu beitragen, dass die Tests schließlich nach zwölf Jahren eingestellt wurden.

Unterdessen warteten die Bikinianer auf dem Atoll Rongerik auf die Heimreise. Es sah gut aus: Schon im Juli 1946 war der Stammesführer der Bikinianer mit einigen Amerikanern aufs heimische Atoll gereist. Wieder bei den Seinen verkündete er glücklich, dass die Inseln intakt seien und die Bäume an Ort und Stelle. Bikini sehe eigentlich "immer noch genauso" aus, bald schon könne es nach Hause gehen.

Er hätte sich nicht schlimmer irren können. Nach einer jahrelangen Odyssee über mehrere Inseln und Atolle leben die meisten Bikinianer heute auf Kili und Ejit. Kili ist ein winziger Fleck im Meer, Hunderte Meilen von Bikini entfernt. Nach Majuro, der Hauptinsel der Marshalls, ist es kaum näher. Kili war eine Gefängnisinsel der Japaner. Sie ist es heute noch, sagen die Bikinianer.

Kili kann man bei einem lockeren Nachmittagsspaziergang umrunden. Die Insel hat keinen Hafen und keine Lagune. Auf dem offenen Meer zu fischen ist nur in den sechs windstillen Monaten des Jahres möglich. Ein paar wenige Kokosnüsse reifen hier, Pandanussbäume und Brotfrüchte.

Geisterort Bikini-Atoll

Im Wesentlichen ernähren sich die Menschen von Konserven. "Die Radioaktivität hätte uns nicht mehr schaden können als dieses ewige Zeug aus den Blechbüchsen", sagen sie hier. Fast alles wird eingeflogen oder kommt per Schiff. Auch die rund 60 Tonnen Diesel, die dreimonatige Ration für das Inselkraftwerk. Wenn die See tobt und das Boot nicht anlanden kann, liegt Kili tagelang im Dunkeln.

Ende 1972 gab es den Versuch einiger Bikinianer, auf ihre Inseln zurückzukehren. Bereits Jahre zuvor hatte US-Präsident Lyndon B. Johnson auf Seite eins der "Washington Post" ihr Land für sicher erklärt. Auch die Wissenschaftler gaben Entwarnung - bis 1978.

In jenem Herbst mussten die Rückkehrer innerhalb von Wochen ihre Heimat ein zweites Mal verlassen. In den Brunnen waren weit überhöhte Strontium-90-Werte nachgewiesen worden. Auch die Werte von Cäsium 137 waren "unglaublich angestiegen". Neue, sensiblere Messgeräte hatten die alarmierenden Ergebnisse geliefert. Mit ihren eigenen Augen sahen die Bikinianer, dass ihre alten, seit Urzeiten existierenden Grenzen - Landmarken wie Steine, Bäume oder kleine Pfade - von den Kernwaffen zerstört worden waren. Bikini wurde wieder zum Geisterort.

Allerdings wirkt er auf den ersten Blick ganz und gar nicht so. "Alles scheint seltsam intakt, selbst die Kokosnüsse sehen zum Anbeißen aus", sagt der australische Fotograf Tim Georgeson, der sich auf Bikini auskennt. "Dabei weiß man, dass sie verstrahlt sind und darum lebensgefährlich." Das gilt allerdings nur für die Pflanzen und Früchte der Inseln. Laut der International Atomic Energy Agency sei es heute völlig ungefährlich, auf dem Atoll spazieren zugehen oder sogar eine längere Zeit dort zu leben. Das radioaktive Erbe hat sich längst zersetzt oder wurde mit dem Wasser davongespült.

Atomare Flotte am Meeresgrund

Die Lagune quillt über vor Leben, als wäre nie etwas passiert. Am anderen Ende der Bucht ist ein Durchgang zum Meer. Er wurde seinerzeit freigesprengt, damit die Schiffe mit den Atombomben einlaufen konnten. Dieser Durchgang ist der heutige "shark pass": Hunderte von Haien und Mantarochen tummeln sich dort, selbst im seichten Wasser.

Überall gibt es auch noch die Überreste der riesigen Betonbunker, die das militärische Personal vor dem nuklearen Fallout schützen sollten. "Die Anlagen", so Georgeson, "wirken gespenstisch, unheimlich." An den Palmen und den Brunnen der Inseln sind Zahlenschilder befestigt, Codes der Militärs. Die Insel wirkt seltsam still, im Busch ist kaum ein Laut zu hören.

Tatsächlich gilt Bikini weiterhin als nahezu unbewohnt. Lediglich eine Tauchbasis gab es dort, betrieben vom Amerikaner Jack Niedenthal. Das Bikini-Atoll ist eines der exklusivsten Tauchreviere der Welt: In rund 160 Metern Tiefe liegen jene Schiffe, die seinerzeit den atomaren Scheinangriffen ausgesetzt waren. Darunter die "USS Saratoga", ein Flugzeugzeugträger, der mit über 250 Metern Länge das weltweit größte Wrack ist, das man mit Lungenautomaten erreichen kann. Auch die "HIJMS Nagato" liegt dort unten, einst war sie ein Flaggschiff der japanischen Marine und beteiligt am Angriff auf Pearl Harbor. Die Schiffe sind nun Eigentum der Bikinianer. Sie sind "unsere nukleare Flotte", wie sie sagen.

ANZEIGE
Hilmar Schmundt (Hrsg.):
Mekkas der Moderne

Pilgerstätten der Wissensgesellschaft

Böhlau-Verlag; 424 Seiten; 24,90 Euro.

Zur Website der Mekkas der Moderne


Jack Niedenthal kam als Mitglied des Peace-Corps vor Jahren auf die Marshall Islands, jetzt verwaltet er die Hilfsgelder, die die Nordamerikaner an die Bürger Bikinis zahlen. Über 800 Dollar im Jahr erhält jeder der rund 3500 Bikinianer aus den Fonds. Über eine Milliarde Dollar zahlten die USA bislang insgesamt an Wiedergutmachung und Aufbauhilfen an die Marshall Islands. Bis in alle Ewigkeit hängen wir am Tropf des "großen Bruders", sagen die Marshallesen.

In Jacks Büro hängen schöne Unterwasseraufnahmen von Haien, fotografiert während der Tauchgänge vorm Bikini-Atoll. Doch da sind auch die Poster der "Big Shots", der großen Explosionen: "Magnolia, 57 Kilotons, Enewatok Atoll 1958" steht auf einem. Neben dem Atompilz auf einem anderen Poster sind die Daten "Romeo Shot, 26.3.1954" gedruckt.

Ein Hochglanzposter feiert den 50. Jahrestag von Mike, der rund zehn Megatonnen starken Wasserstoffbombe, die das Enewetak-Atoll 1952 heimsuchte. Und da sind auch Bilder der Ziegen, angebunden auf Schiffen; sie mampften ihre Henkersmahlzeiten - Stunden nach den Aufnahmen waren sie atomisiert.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Masis Besiktasliyan, 13.01.2011
1.
Diverse Links zum Thema Atomwaffen: 1) Liste diverser Tests 2) Yucca Flat, Atomwaffentestfeld in Nevada mit mind. 739 bekannten Nukleartests 3) Zeitraffervideo aller gezündeten Atomwaffen zwischen 1945 - 1998 (interessantes Video, dass den Verlauf gut veranschaulicht) http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_nuclear_tests http://en.wikipedia.org/wiki/Yucca_Flat http://www.geekosystem.com/every-nuclear-explosion-time-lapse/ MfG
Madeleine Pyka, 13.01.2011
2.
Interessanterweise werden die Autofahrer - oder die Menschen schlechthin - als Klimawandler hingestellt. Die wirklich massiven Eingriffe werden schamhaft verschwiegen!
Peter Strom, 15.01.2011
3.
die erste Atombombe des Tests wurde nicht nach "Abel" benannt (der heißt auch im Englischen "Abel" nicht "Able") sondern nach "ABLE", dem ersten Buchstaben des damals geläufigen ABLE-BAKER-US-Militäralphabets (dem Verläufer des heutigen ALFA-BRAVO Natoalphabets) Die zweite Bombe hieß dann dementsprechend auch "BAKER". Also keine pseudo-religiösen Anspielungen auf Seite des Militärs über deren "Gottgefälligkeit"...
Peter Strom, 15.01.2011
4.
Als Beleg für meine ABLE BAKER Aussage: http://www.history.navy.mil/faqs/faq76-1.htm 1. ABLE detonated at an altitude of 520 feet (158 meters) on 1 July 2. BAKER detonated 90 feet (27 meters) underwater on 25 July.
Stefan Albrecht, 14.01.2011
5.
Was für eine Größenwahnsinnige, Lebensverachtende Scheisse! Was anderes fällt mir dazu nicht ein. Die Verantwortlichen sollten mal darüber nachdenken, was sie in ihrem Machtrausch, den sie als "Wissensdurst" verkauften, angerichtet haben, was sie zerstört haben und wie sie die Natur verachtet und erniedrigt haben in ihrem unglaublichen Wahn und ihrer unglaublichen Ignoranz.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.