Atomwaffen Auf der Suche nach den verlorenen Bomben

Abgeworfen - aber wo? Bei einem Flugzeugabsturz verlor die US-Armee 1958 eine Atombombe im Eis der Arktis. Kein Einzelfall: Bis zu 50 Nuklearsprengsätze gelten als vermisst. Und längst nicht alle liegen in unbesiedelten Gebieten.

DPA

Von


Eigentlich war es etwas früh im Jahr, um im Mittelmeer baden zu gehen. Doch Spaniens Informationsminister Manuel Fraga Iribarne und Biddle Duke, der amerikanische Botschafter in Madrid, stürzten sich Anfang März 1966 trotzdem mitsamt ihren Familien in die kühlen Fluten an der Costa Cálida. Journalisten aus der ganzen Welt hatten sich an diesem Tag am Strand des kleinen Dorfes Palomares versammelt, um über das familiäre Frühlingsbaden zu berichten. Kein Wunder: Nur ein paar Kilometer entfernt lag eine Wasserstoffbombe mit der mehr als tausendfachen Sprengkraft der Bombe, die Hiroshima dem Erdboden gleichgemacht hatte, auf dem Meeresgrund.

Nur wenige Wochen zuvor, am 17. Januar, war an der spanischen Südostküste der schlimmste Atomwaffenunfall des gesamten Kalten Krieges geschehen. Während eines Tankmanövers in der Luft waren in 9000 Metern Höhe ein amerikanischer B-52-Bomber und ein KC-135-Tankflugzeug kollidiert; beide Maschinen explodierten in einem riesigen Feuerball über Palomares. Im Bauch des Bombers lagen vier Wasserstoffbomben. Eine landete unversehrt in den Tomatenfeldern in der Nähe des Dorfes. Bei zwei weiteren detonierte der nichtnukleare Zünder, Bombenbruchstücke und Plutoniumstaub regneten über der Aufschlagstelle nieder. Die vierte Bombe fiel irgendwo vor der Küste in das Wasser und grub sich metertief in den Schlick ein - nur wo genau?

In den Wochen nach dem Unglück glich Palomares der Filmkulisse eines Endzeitfilmes. An Land untersuchten Männer mit weißen Schutzanzügen und blauen Gesichtsmasken mit Geigerzählern den Boden auf Strahlung. Eine ganze Ernte von Tomaten und Bohnen verfaulte auf den abgeriegelten Feldern. Die US-Regierung ließ die Äcker umgraben und 1400 Tonnen Erde abtragen, der verseuchte Boden wurde zur Entsorgung in die USA abtransportiert. Draußen vor der Küste lagen Dutzende amerikanische Kriegsschiffe, um das Gebiet abzuschirmen, in dem die Bombe nach Aussage eines Fischers gelandet war. Erst nach 81 Tagen konnte die Nuklearwaffe aus 800 Metern Tiefe geborgen werden. Das "Hamburger Abendblatt" kommentierte die Ereignisse damals schockiert: "Der Bombenzwischenfall macht deutlicher als jedes Sandkastenspiel, was es heute wirklich heißt, 'mit der Bombe zu leben'."

Herrenlose A-Bombe in der Polarsternbucht

Eine herrenlose Atombombe irgendwo auf dem Meeresgrund, vielleicht noch beschädigt - eine echte Horrorvorstellung. Aktuell sorgt die britische BBC mit einem Bericht über den Verlust einer amerikanischen Atombombe im Jahr 1968 für Furore. Bei dem Absturz eines amerikanischen B-52-Bombers im grönländischen Eis war der konventionelle Sprengstoff in den Bomben explodiert, ein großes Gebiet war durch das freigewordene Plutonium radioaktiv verseucht worden. Was die US-Regierung jahrzehntelang verschwieg: Die Rekonstruktion der gefundenen Bombenteile ergab, dass ein Nuklearsprengkopf fehlte. Offenbar hatte er sich durch das Eis der Polarsternbucht gebohrt. Er wurde nie gefunden.

Dass eine Atombombe verlorengeht und nicht wieder auftaucht, ist keineswegs so selten, wie man hoffen würde. "Das amerikanische Verteidigungsministerium hat den Verlust von elf Atomwaffen bestätigt", weiß Otfried Nassauer, Experte für Nuklearrüstung und Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. "Insgesamt wird weltweit angenommen, dass bis zu 50 Nuklearwaffen während des Kalten Krieges verlorengegangen sind."

Zum großen Teil liegen die hochgefährlichen Waffen auf dem Grund des Meeres. So sank das Atom-U-Boot "Komsomolez" im April 1989 nach einem Brand an Bord auf 1700 Meter Tiefe im Nordmeer, mit ihm zwei Torpedos samt Atomsprengköpfen. Am 22. Mai 1968 war die USS "Scorpion" rund 320 Seemeilen südlich der Azoren mit zwei Nuklearsprengköpfen an Bord verunglückt, das amerikanische Atom-U-Boot sank auf 3300 Meter. Aufgrund der großen Tiefe konnten weder Bewaffnung noch Atomreaktoren der beiden U-Boote bisher geborgen werden.

Die Atombombe, die aus dem Fahrstuhl fiel

Eine weit größere Zahl von Atombomben verschwand bei Flugzeugabstürzen über hoher See. "In den frühen Zeiten des Kalten Krieges hatten die Maschinen noch keine ausreichende Reichweite, um mit einer Tankfüllung über den Atlantik zu kommen", erklärt Experte Nassauer. "Manch ein Bomber kollidierte dabei mit seinem Tankflugzeug, andere verpassten es einfach und stürzten mit leerem Tank ins Meer."

Ende der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre, zur explosivsten Zeit des Kalten Krieges, kreisten rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, einsatzbereite US-Bomber mit A-Bomben in der Luft. Ihre vier Hauptrouten führten über Grönland, Spanien und das Mittelmeer, über Japan und Alaska - und erst als die Bomber den Atlantik oder den Pazifik in einem Rutsch überfliegen konnten, wurden die Unfälle seltener.

Der wohl absurdeste "Broken Arrow", so das Codewort der Amerikaner für Unfälle mit Atomwaffen, ereignete sich am 5. Dezember 1965 auf der USS "Ticonderoga". Der Flugzeugträger war gerade auf dem Weg von Vietnam ins japanische Yokosuka, als ein Jagdbomber aus einem der gigantischen Aufzüge, die die Maschinen aus dem Schiffsbauch an Deck befördern, ins Meer stürzte. Der Flieger sank mitsamt der Bombe und dem Piloten auf fast 5 Kilometer Tiefe und konnte nie geborgen werden.

Auch dieser Zwischenfall wurde jahrelang geheimgehalten, denn er war gleich doppelt brisant: Als er 1981 doch bekannt wurde, lieferte dies den Beweis, dass die Amerikaner in Vietnam Atomwaffen stationiert hatten. Außerdem wurde öffentlich, dass die USA sich über ein Abkommen mit Japan hinwegsetzten, in dem sich Amerika verpflichtet hatte, keine Nuklearwaffen auf japanisches Hoheitsgebiet zu bringen.

Durchgebrannte Sicherungen

Allerdings ging das US-Militär in der Vergangenheit nicht nur in fremden Ländern mitunter recht nonchalant mit ihren gefährlichsten Spielzeugen um - sieben der offiziell elf vermissten nuklearen Sprengsätze gingen daheim in den USA verloren. So am 5. Februar 1958, als der Bomberpilot Howard Richardson nach einer Kollision mit einem Kampfjet seine Wasserstoffbombe ausklinken musste, die daraufhin für immer im seichten Wasser der Wassaw-Bucht, rund 20 Kilometer vor der 100.000-Einwohner-Stadt Savannah, Georgia, verschwand. Der erfahrene Pilot konnte seine Maschine mit Mühe und Not auf der nahegelegenen Hunter Air Base landen.

Weniger Glück hatte die Besatzung jener B-52, die am 24. Januar 1961 wegen einer defekten Treibstoffleitung explodierte. Bevor ihr Flieger auseinanderbrach, konnte die Mannschaft noch ihre gefährliche Ladung abwerfen. Eine der beiden Wasserstoffbomben landete an ihrem Fallschirm in einem Baum, die andere in einem Sumpf nahe der Kleinstadt Goldsboro in North Carolina. Dort bohrte sie sich schätzungsweise 50 Meter in den schlammigen Boden - und liegt noch immer dort. Die Absturzstelle ist bis heute militärisches Sperrgebiet.

Bekannt wurde dieser Zwischenfall aber vor allem wegen der Bombe im Baum. Bei der nämlich versagten fünf der sechs Sicherungen, die eine Detonation verhindern sollten. Nur die allerletzte verhinderte eine Atomexplosion. Nach der Fast-Katastrophe wurden die Sicherungssysteme an den US-Atomwaffen überarbeitet - außerdem bat Washington die Sowjetunion, dasselbe zu tun.

Und wenn Terroristen eine Bombe finden?

Bis heute sind gerade diese beiden Zwischenfälle ein Streitthema zwischen Experten, Militärs, Verschwörungstheoretikern und den besorgten Bürgern von Savannah und Goldsboro. Können die beiden Bomben den Bewohnern der Städte gefährlich werden? "Waffen, die auf dem Meeresgrund liegen, werden kaum noch explodieren", beruhigt Nassauer. Doch gleichzeitig gibt der Experte zu bedenken: "Vielleicht ist diese Gefahr bei den Waffen, die an Land verloren gingen, etwas größer. Darüber, dass solche Bomben zufällig explodieren könnten, ist aber nur wenig bis nichts bekannt."

Seit den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 geht dafür eine ganz andere Angst um: Was, wenn sich Terroristen eine der verlorenen Bomben aneignen? Diese Befürchtung hält Nassauer für unbegründet - schließlich habe das Militär bereits mit allen verfügbaren Mitteln versucht, die Bomben aufzuspüren oder zu heben, vergeblich. "Etliche Waffen liegen an Stellen, die mit heute verfügbaren Mitteln immer noch völlig unzugänglich sind", sagt Nassauer. Gefahr droht vor allem für die Umgebung der Unglücksstelle - voran durch eine mögliche Explosion beim Unfall selbst, aber auch durch Korrosion, durch die über die Jahrzehnte Radioaktivität austreten kann.

Für Palomares etwa ist der Alptraum auch nach über vier Jahrzehnten nicht vorbei. Mittlerweile ist aus dem verschlafenen Ort ein florierendes Touristengebiet geworden. Doch wo eigentlich Golfplätze und Luxushotels entstehen sollten, wurden 2004 zwei Gruben mit radioaktiver Erde entdeckt; nach großangelegten Bodenstudien wurden noch weitere verseuchte Gebiete ausgemacht. Die spanische Regierung hat die betroffenen Ländereien enteignet, 2009 müssen erneut US-Truppen zur Dekontaminierung des Gebietes ausrücken. Über vierzig Jahre, nachdem die Bombe auf Palomares niederging, werden dann einmal mehr Tausende Tonnen verseuchter Erde nach Amerika verschifft.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.