Attentat Der Tag, als Bobby Kennedy starb

Attentat: Der Tag, als Bobby Kennedy starb Fotos
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Jung, dynamisch, glaubwürdig - und tot. Vor 40 Jahren erschoss ein Attentäter Amerikas Hoffnungsträger Robert F. Kennedy und stürzte die USA in eine tiefe Krise. Heute hoffen viele Amerikaner, dass Bobbys Vermächtnis erfüllt wird - von einem jungen, dynamischen, glaubwürdigen Politiker namens Barack Obama. Von Gregor Peter Schmitz, Washington

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Sein Leben lang suchte Robert F. Kennedy, genannt Bobby, in seinen Reden nach Sätzen für die Ewigkeit. "Ich glaube daran", rief er am späten Abend des 4. Juni 1968 von einer Bühne im "Ambassador Hotel" in Los Angeles, "dass wir die Spaltung Amerikas überwinden können, die Gewalt." Die Zuhörer im vollgepackten Saal jubelten. Das war so ein Satz.

Die Runde im "Ambassador" war eine Siegesfeier. Soeben hatte der Bruder des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy die wichtige Vorwahl der Demokratischen Partei in Kalifornien gewonnen und einen großen Schritt gemacht, um selbst in das Weiße Haus einzuziehen. Dabei war der Ex-Justizminister und Senator aus dem Staat New York überhaupt erst seit März offizieller Bewerber seiner Partei. Aber er begann, Siege zu sammeln. Am Abend des Triumphs in Kalifornien visierten seine Berater schon euphorisch das nächste große Ziel an: die Vorwahl in New York.

Doch nur Minuten später holte Kennedy genau jene Gewalt ein, deren Überwindung er gerade eben gepredigt hatte. Nach seiner Rede wollte er zu einer privaten Siegesfeier, aber Journalisten bestanden auf Fragen. Ein Helfer dirigierte ihn kurz nach Mitternacht durch eine Küche des Hotels. Kennedy schlängelte sich durch die begeisterten Menschenmengen. Sicherheitskontrollen gab es so gut wie nicht. In der überfüllten Küche wartete ein schmächtiger Mann namens Sirhan Sirhan - mit einer Pistole in der Hand.

Als hätte er das alles längst kommen sehen

Aus zwei Meter Entfernung feuerte Sirhan auf Kennedy und traf ihn drei Mal. Bobby stürzte zu Boden. Begleiter des Politikers stürzten sich auf den Attentäter und brachten ihn beinahe um. Der schwer verwundete Präsidentschafts-Bewerber lag ruhig, fast friedlich auf dem Boden - als habe er das alles längst kommen sehen, wunderte sich eine Reporterin des Magazins "Time". Am 6. Juni erlag der bald elffache Vater, gerade einmal 42 Jahre alt, seinen Verletzungen.

Der Tod des Bobby Kennedy war mehr als eine weitere Kennedy-Tragödie - er war vor allem ein zusätzlicher schwerer Schlag für eine traumatisierte Nation. Genau zwei Monate zuvor war bereits der Bürgerrechtler Martin Luther King von einem weißen Rassisten ermordet worden. In Vietnam hatte zu Jahresbeginn die Tet-Offensive des Vietcong den Optimismus des Weißen Hauses als Propaganda entlarvt.

Für die US-Demokraten war der Tod ihres Hoffnungsträgers eine tiefe Zäsur in einem besonders bitteren Jahr. Bei ihrem Nominierungsparteitag in Chicago, der im August anstelle von Bobby Hubert Humphrey aus Minnesota zum Kandidaten erkor, lieferten sich wütende Kriegsgegner schwere Straßenschlachten mit Polizei und Nationalgarde. Der Wahltag im November brachte mit dem Sieg des Republikaners Richard Nixon eine konservative Wende - in den folgenden 40 Jahren stellten die Demokraten nur noch zwei Präsidenten, Jimmy Carter (1977-81) und Bill Clinton (1993-2001).

Vom Machtpolitiker zum Idealisten

Doch die Hoffnung, die sie einst mit Bobby verbanden, haben die Demokraten seither nicht vergessen. Im Gegenteil: Im aktuellen Wahlkampf ist "RFK" präsenter denn je - auch, weil sein Mythos besser gealtert zu sein scheint als der seines älteren Bruders JFK. Die tiefen Kratzer in dessen strahlendem Ritterimage sind längst grell ausgeleuchtet worden - die rücksichtslosen Sex-Eskapaden, seine eher gleichgültige Einstellung zum Kampf gegen Rassismus oder Armut. John F. Kennedy hat die Wandlung vom Helden zum gewöhnlichen Politiker in den Geschichtsbüchern längst vollzogen.

Bei Bruder Bobby lief es eher umgekehrt. Seine politische Karriere lässt sich erzählen als die Transformation vom gerissenen Machtpolitiker zum idealistischen Kandidaten des "Wandels". Für John im Weißen Haus fungierte er noch als Ausputzer - führte seinen Wahlkampf mit allen Tricks, ließ als Justizminister Martin Luther Kings Telefon überwachen, wusste von CIA-Aktionen gegen Fidel Castro.

Doch Johns Tod verwandelte Bobby. Über Monate fraß ihn der Kummer regelrecht auf. Er magerte ab, die Kleider hingen an ihm herunter - und er begann, sich mit neuem Furor in die Themen zu vertiefen, die unter JFK liegengeblieben waren: Soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Ausgleich zwischen den Rassen. "Was macht Ihr, wenn Ihr herausfindet, dass Gott schwarz ist?", fragte er weiße Studenten 1966 an einer südafrikanischen Universität.

Bobby verkörperte Amerikas inneren Kampf

Am Abend nach der Ermordung Martin Luther Kings trat Bobby ganz alleine in einem Schwarzenviertel in Indianapolis auf und verkündete der Menge die Nachricht von Kings Tod. "Ich weiß in meinem Herzen, was Ihr fühlen müsst", sagte Kennedy. "Ein Mitglied meiner Familie ist ermordet worden, von einem weißen Mann. Aber wir müssen uns in den USA bemühen, einander zu verstehen." In über 60 Städten in den USA kam es an diesem Tag zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen - in Indianapolis blieb es, wohl vor allem dank Bobby, ruhig.

Ob Robert F. Kennedy wirklich Präsidentschaftskandidat der Demokraten hätte werden können, ist unter Historikern umstritten. In den sechziger Jahren bestimmten noch Parteifunktionäre in Hinterzimmern über die Kandidaten, die Vorwahlen waren weitgehend bedeutungslos. Und da hatte Präsident Johnsons Vize Hubert Humphrey die besseren Karten.

Dennoch verkörperte Bobby in seinem inneren Kampf die Auseinandersetzung Amerikas mit sich selbst in den sechziger Jahren wohl weit besser als sein Bruder. Dessen Lebensgeschichte ist längst zu einer Heldengeschichte entrückt, in der sich alles um die Person JFK dreht. Noch heute füllen die Verschwörungstheorien um seinen mutmaßlichen Mörder Lee Harvey Oswald Bücher und Kinoleinwände.

Unübersehbare Parallelen

Bobbys Ermordung ist weit weniger ausgeleuchtet. Es gibt Indizien, dass sein Mörder, Sohn palästinensischer Einwanderer, aus Wut über Kennedys Unterstützung für Israel zur Waffe griff. Es gab Gerüchte um angebliche Mittäter. Doch Sirhans Tagebucheinträge und Aussagen sind widersprüchlich - und eine so umfassende Untersuchung wie bei JFK hat es nie gegeben. Noch heute sitzt Sirhan in Haft, seine Gesuche nach Hafturlaub werden regelmäßig abgelehnt.

Die Geschichte des zweiflerischen Bobby ist heute jedenfalls näher dran an Amerikas Befindlichkeit als die des entrückten Helden John. Wieder ist die Nation verunsichert, wieder ist das Ende eines Kriegs ungewiss, wieder ist Amerikas moralische Vormachtstellung in Gefahr. Und wieder tritt mit Barack Obama ein Kandidat an, der verspricht: Ich werde die Spaltung Amerikas heilen und seine moralisch Vormachtstellung in der Welt wiederherstellen.

Die Parallelen sind unübersehbar. "Ich will die Kluft schließen zwischen Schwarzen und Weißen, Armen und Reichen, Jungen und Alten", sagte Bobby, als er 1968 seine Kandidatur erklärte: "Es geht nicht nur um die Führungsrolle in unserer Partei oder unserem Land. Es geht um die moralische Führungsrolle auf diesem Planeten." Bobby Kennedys Vermächtnis blieb die Erwartung einer Präsidentschaft, die dann doch nicht stattfand. Mit einer leeren Fläche, auf die Amerikaner ihre Träume einer besseren Nation projizieren konnten, verglich deshalb die "New York Times" einmal RFK.

Nun hoffen wieder viele Demokraten, Obama könne das Versprechen einlösen, die Projektion wahr werden lassen. Doch sie fürchten auch um das Leben des afro-amerikanischen Bewerbers um das Amt des US-Präsidenten. So früh wie nie ein Kandidat zuvor wurde Obama unter den Schutz des Secret Service gestellt. Die Sicherheitskontrollen bei seinen Auftritten sind ungewöhnlich streng. Obamas Kontrahentin Hillary Clinton rührte im Vorwahlkampf an dieser Wunde, als sie Ende Mai in einem Interview mit einer Zeitung in South Dakota ihren Durchhaltewillen im Dauerduell mit Obama auch damit erklärte, Robert F. Kennedy sei erst im Juni des Wahljahres erschossen worden - eine Bemerkung, die ihr viele Parteifreunde extrem übel nahmen. Manche Erinnerungen sind einfach zu schmerzhaft für leichtfertige Vergleiche.

Auch nach 40 Jahren.


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