Attentat auf Ronald Reagan "Achtung, es wurde geschossen!"

Attentat auf Ronald Reagan: "Achtung, es wurde geschossen!" Fotos
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Drei Jahrzehnte nach dem Attentat auf Ronald Reagan am 30. März 1981 offenbaren neue Erkenntnisse die ganze Dramatik des Geschehens: Die USA waren vorübergehend führungslos, die Code-Karte für die Aktivierung des Nuklear-Arsenals verschwunden, der Präsident kam nur knapp mit dem Leben davon. Von Marc Pitzke, New York

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Die Krankenschwestern in der Notaufnahme schälen den Patienten aus der Kleidung. Vorsichtig zerschneiden sie seinen blauen Nadelstreifanzug und das weiße Hemd. Die Fetzen fallen unbeachtet auf den Boden, während der Blutende in den OP gerollt wird.

FBI-Agenten sammeln die persönliche Habe auf und stecken sie in eine Plastiktüte. Als sie diese Tüte tags darauf öffnen, finden sie in der Brusttasche des Jackets einen Briefumschlag mit einer mysteriösen Plastikkarte, die wie eine Kreditkarte aussieht, aber kleine Stanzlöcher hat. Niemand weiß, worum es sich bei dieser Karte handelt.

Erst ein Telefonat mit dem Weißen Haus klärt das Rätsel schließlich: Es handelt sich um die Kennkarte, mit der der US-Präsident sein Nuklearwaffen-Arsenal aktivieren kann. Dazu steckt er diese Karte in den "Football", den Atomkoffer - eine schwarze Lederaktentasche, die ihm ein Militärattaché stets hinterherträgt.

Herrenloses Atomwaffenarsenal

Es existiert immer nur ein einziger "Football" und eine einzige Kennkarte. Letztere ist damals also tagelang verschollen, nachdem US-Präsident Ronald Reagan, von einem Attentäter angeschossen, ins Krankenhaus eingeliefert wird. Erst steckt sie in einem Haufen blutiger Kleidung, dann verschwindet sie im Labyrinth der FBI-Zentrale. Und das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges mit der Sowjetunion.

Die Sache mit der Atom-Karte ist nur eines der vielen haarsträubenden Details, die offenbaren, dass das missglückte Attentat auf US-Präsident Ronald Reagan am 30. März 1981 weit weniger glimpflich verlief als lange angenommen. Zwar erholte sich Reagan überraschend schnell. Doch bisher geheime Funksprüche des Secret Service sowie investigative Recherchen zeigen: Die USA waren nach dem Attentat vorübergehend führungslos und verwundbar.

An jenem Montag hat Reagan gerade eine Rede im "Washington Hilton" gehalten, vor dem US-Gewerkschaftsbund AFL-CIO, den er in seine Koalition mit "Reagan-Demokraten" einzubinden hofft. Begleitet von Secret-Service-Agenten, tritt Reagan nach seinem Auftritt auf die Straße, wo Kamerateams und Schaulustige warten. Plötzlich zückt ein Mann einen Revolver und beginnt zu schießen. Es ist 14:27 Uhr.

Sechs Schüsse gegen den mächtigsten Mann der Welt

Reagans Pressesprecher Jim Brady und ein Polizist namens Thomas Delahanty sinken von Kugeln getroffen zu Boden. Dann stürzt auch der Secret-Service-Agent Timothy McCarthy nieder, der sich vor Reagan geworfen hat. Sein Kollege Jack Parr, der den Einsatz leitet, stößt Reagan in die Limousine, während der Schütze weiter feuert - insgesamt sechsmal, bevor ihn die Bodyguards des Präsidenten überwältigten.

Der Attentäter heißt John Hinckley. Der damals 25-Jährige ist von der Schauspielerin Jodie Foster besessen, die 1976 berühmt geworden ist, mit "Taxi Driver", Martin Scorseses Drama von einem Psychopathen, der einen Politiker verfolgt. Um Fosters "Respekt und Liebe" zu gewinnen, will Hinckley den Präsidenten ermorden.

Der letzte Schuss, ein Querschläger, der an der gepanzerten Limousine abprallt, trifft Reagan unter die linke Achselhöhle. Doch das merkt keiner - obwohl die TV-Kameras mitfilmen. Der Fotograf Sebastião Salgado, der an einer Reportage über Reagan arbeitet, wird mit den Bildern des Geschehens später so viel Geld verdienen, dass er damit seine Karriere als Chronist der Dritten Welt finanzieren kann.

Geheimes Funkprotokoll

"Achtung, es wurde geschossen!", brüllt Agent Ray Shaddick über Funk. "Achtung, es wurde geschossen! Es gibt Verletzungen!" Parr antwortet als erstes: "Rawhide ist okay." "Rawhide" - ein ledernes Cowboy-Halsband - ist der Secret-Service-Deckname Reagans.

Der interne Funkdialog jener Minuten lag drei Jahrzehnte lang unter Verschluss im Archiv der US-Präsidentenschützer. Erst jetzt rückte der Secret Service damit heraus, und auch das nur aufgrund einer gerichtlichen Anordnung. Die dramatischen Worte enthüllen, wie knapp Reagan dem Tod entkam.

"Willst du ins Krankenhaus oder zurück ins Weiße Haus fahren?", fragt Shaddick seinen Chef Parr. "Wir fahren direkt … wir fahren nach Crown", entscheidet Parr. "Crown" ist das Codewort fürs Weiße Haus. Shaddick gibt das an die Zentrale weiter: "Zurück zum Weißen Haus. Zurück zum Weißen Haus. Rawhide ist okay." Es ist eine Fehleinschätzung.

Geschockte Ärzte, Beinahe-Schock beim Präsidenten

Sekunden später merkt Parr, dass Reagan blutet. Sofort lässt er die Limousine zum nahen George Washington University Hospital umleiten. "Holt einen Krankenwagen", ruft er. "Ich meine, macht eine, ähm, Bahre bereit."

Im Krankenhaus angekommen, geht Reagan von Agenten gestützt aus eigener Kraft los, bricht dann aber zusammen und muss in die Notaufnahme getragen werden. Er scherzt, ist höflich, klagt nicht über seinen Zustand. Als First Lady Nancy Reagan eintrifft, sagt er: "Honey, ich habe vergessen, mich zu ducken."

Alles geht so schnell, dass ein Arzt erst merkt, wer da vor ihm liegt, als er routinemäßig nach seiner Adresse fragt: "1600 Pennsylvania Avenue." Eine medizinische Assistentin muss daraufhin Riechsalz nehmen, um nicht ohnmächtig zu werden.

Operation am "toten" Pressechef

Das Team beschließt trotzdem, den Patienten nicht mit "Mr. President" anzureden, sondern einfach nur mit "Mr. Reagan". Das mindert den ungeheuren Druck, der auf ihnen lastet.

Viele dieser Einzelheiten sind erst in diesem Monat ans Licht gekommen, in dem Buch "Rawhide Down". Darin gelingt es Del Quentin Wilber, einem Reporter der "Washington Post", "umzuschreiben, was wir über jenen Tag wissen", wie der Radiosender NPR formuliert.

"Die Schwestern, Ärzte und Sanitäter, die dabei waren, dachten dass er im Sterben lag", berichtet Wilber. "Aber sie behandelten ihn. Sie pumpten ihn voller Medizin, sie brachten seinen Blutdruck hoch, sie stabilisierten ihn und verhinderten, dass er einen Schock erlitt, und das rettete ihm das Leben."

Nur Minuten später trifft auch Pressechef Jim Brady in der Trauma-Ambulanz ein. Während die Ärzte den Schwerverletzten operieren, melden die TV-Stationen, er wäre tot.

Russische Atom-U-Boote vor der US-Küste

Erst auf dem OP-Tisch merken die Ärzte, dass die winzige Wunde in Reagans Achselhöhle ein Einschussloch ist und der US-Präsident an inneren Blutungen leidet. Die Kugel ist nur einen Zoll vom Herzen stecken geblieben und bewegte sich langsam weiter.

In einer halbstündigen Operation wird Reagan gerettet - obwohl er während der OP die Hälfte seines Blutes verliert. Kurz vorher murmelt der Patient noch: "Ich hoffe, dass ihr alle Republikaner seid." Darauf Chefchirurg Joseph Giordano (ein Demokrat): "Heute sind wir alle Republikaner."

Zugleich herrscht im Weißen Haus Chaos. Der Krisenstab tagt. Wer übernimmt die Geschäfte? Muss das Militär in Alarmbereitshaft versetzt werden? Warum kreuzen gerade so viele sowjetische U-Boote vor der US-Atlantikküste?

Die wehrlose Supermacht

Außenminister Alexander Haig greift nach der Macht: "Ich übe hier die Kontrolle aus", poltert er vor der Presse. Pentagon-Chef Caspar Weinberger ist entsetzt, vergleicht den Kollegen mit "Dr. Seltsam", dem irren Helden aus Stanley Kubricks Atomsatire "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben".

Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass die Code-Karte zum Atomkoffer spurlos verschwunden ist. Selbst nachdem sich ihr Verbleib durch den Anruf des FBI klärt, gibt die Ermittlungsbehörde sie erst zwei Wochen später ans Weiße Haus zurück. So lange bleiben die USA außerstande, sich gegen einen Atomschlag zu verteidigen.

Reagan kehrt erstaunlich schnell ins Oval Office zurück, auf einer Popularitätswelle schwimmend. 26 Tage, nachdem er beinahe verblutet wäre, leitet er eine Kabinettssitzung. Die meisten der anderen Protagonisten leiden heute noch. Pressesprecher Jim Brady blieb an den Rollstuhl gefesselt und wurde einer der profiliertesten US-Aktivisten gegen freien Schusswaffenbesitz. Thomas Delahanty erlitt einen dauerhaften Nervenschaden. Nur Timothy McCarthy genas vollends und ist heute Polizeichef in Orland Park bei Chicago.

John Hinckley wird 1982 wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig erklärt, sitzt seitdem aber in einer geschlossenen Heilanstalt. Nach dem Attentat 1981 verschärfte der Secret Service seine Schutzmaßnahmen. Ernstzunehmende Morddrohungen gegen einen US-Präsidenten häuften sich aber erst wieder 2009, mit dem Amtsantritt von Barack Obama.

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1.
Walter Blydal 27.03.2011
Wie argumentiert doch die NRA ? Nicht Waffen töten Menschen, sondern Menschen Menschen...
2.
Markus Abt 28.03.2011
Wohl eher 6 Schüsse auf den mächtigsten Kriminellen Mann der Welt! Ich habe immer noch keine Ahnung weshalb viele Deutsche immer noch der Meinung sind, dass sie von den "Guten" befreit wurden und seit dem II-. Weltkrieg auf der Seite der Guten stehen. Die Propagandamaschine, übernommen von den Nazi-Deutschen, funktioniert in den USA seit Ende dem II. Weltkrieg bestens. Dabei haben die USA den II. Weltkrieg durch ihre Außenpolitik und ihren Wirtschaftlichen Interessen möglich gemacht und verursacht. Gandhi war auch äußerst mächtig - und er benötigte dazu kein Atomwaffenarsenal im Rücken.
3.
Thomas Hentschel 27.03.2011
Oha, Vorsicht! "Historiker" Pitzke hat in seinem Hotelzimmer 'ne Kopie von Reagans Memoiren gefunden....
4.
Marc Bodenheim 27.03.2011
Hallo, ehrlich gesagt bezweifle ich, dass die USA "verteidigungslos" sind, wenn der Präsident seine Chip-Karte z.B. beim Joggen verliert oder Ähnliches. Erscheint mir ziemlich abwegig zu sein. Oder nehmen wir an er vergisst seine PIN ;-))). Da gibt es sicher eine Regelung. Den Rest des Artikels fand ich gut.
5.
Clayton Arden 28.03.2011
>Hallo, ehrlich gesagt bezweifle ich, dass die USA "verteidigungslos" sind, wenn der Präsident seine Chip-Karte z.B. beim Joggen verliert oder Ähnliches. Erscheint mir ziemlich abwegig zu sein. Oder nehmen wir an er vergisst seine PIN ;-))). Da gibt es sicher eine Regelung. Den Rest des Artikels fand ich gut. Das erscheint mir ebenfalls absurd. Mal angenommen, das Flugzeug des Präsidenten stürzt ab, oder es wird ein Bombenattentat verübt - dann wäre die Karte UND der Koffer futsch. Und gerade in so einer Situation möchte man als die USA sicher nicht auch noch mit heruntergelassenen Hosen dastehen was die nukleare Abschreckung angeht.
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