Attentat in Köln Am Tatort mit "Ben Wisch"

Attentat in Köln: Am Tatort mit "Ben Wisch" Fotos
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Sieben Schüsse und ein Toter - aber was macht ein prominenter Bonner Politiker am Tatort? Und was hat er mit algerischen Guerilleros zu schaffen? Als junger Polizeireporter in Köln lernte Helmar Meinel 1959 den späteren "Helden von Mogadischu" Hans-Jürgen Wischnewski unter denkbar merkwürdigen Umständen kennen. Von

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Düsterer konnten die Umstände kaum sein, als in dieser Nacht zum 23. Oktober 1959 auf einem finsteren Parkplatz an der Johannisstraße hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Dort traf ich am Tatort des Attentats unerwartet auf den später als "Mann für alle Fälle" populären SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski. Vor uns auf dem Boden im Licht der Handlampen der Kölner Mordermittler: ein toter und ein durch einen Bauchschuß schwerverletzter Algerier, Führungsmitglieder der Freiheitsbewegung ihres Landes und geduldete Asylanten in Köln.

Sieben Schüsse waren gefallen - schon das zweite Attentat mit tödlichem Ausgang innerhalb nur eines Monats in Köln. Diesmal hatte es den Kaderchef Salah Aramah (28) getroffen. Die naheliegende Vermutung, daß die Organisation "Rote Hand" des französischen Geheimdienstes erneut zugeschlagen hatte, ließ sich aber nicht erhärten. Die Ermittlungen wiesen eher in die Richtung der beíden führenden, miteinander rivalisierenden algerischen Untergrundgruppen: eine Hinrichtung vermeintlicher Verrätern vermutlich.

Dass wir uns in dieser gespenstischen Situation näherkamen, lag am gemeinsamen Los: Wischnewski, ein noch weitgehend unbekannter junger Bundestagsabgeordneter, und ich als zu neugieriger junger Polizeireporter waren sogleich als unerwünschte Beobachter des Tatorts verwiesen worden. Im Kompetenzgerangel zwischen den uns wohlgesonnenen Beamten der Kölner Mordkommission und den aus Bonn und Meckenheim herbeigeeilten Spezialisten des Bundeskriminalamts gab es keine Chance für uns, aus erster Hand etwas über diese Bluttat mitten in Köln zu erfahren.

So landeten Wischnewski und ich schließlich für den Rest der Nacht im Wartesaal des Kölner Hauptbahnhofs.

"Unrecht dreht mir die Luft ab!"

Dabei hätte Wischnewski den Ermittlern zur Vorgeschichte dieser politischen Mordtat und ihren Umständen durchaus sachdienliche Hinweise geben können. Denn der Sozialdemokrat war auch so etwas die personifizierte Schaltstelle des algerischen Freiheitskampfs im Ausland. Bei ihm liefen die Fäden dieser später erfolgreichen Bewegung zusammen. Sein Engagement war so groß, daß er selbst als Abgeordneter mit Diplomatenpass einige Zeit lang Reisen nach Frankreich strikt meiden mußte, weil er "bei denen auf der Liste" stand, wie er sagte.

"Das hätte auch Sie erwischen können, warum machen Sie das?", fragte ich damals Wischnewski. Der Mann, der wegen seiner ebenso engen wie diskreten Kontakte zur arabischen Welt schon bald den ehrenvollen Beinamen "Ben Wisch" erhielt, hat es mir später, als wir nach einigen gemeinsamen Initiativen für unsere Wahlheimat Köln enger verbunden waren, in einem Satz in seiner trockenen Art erklärt: "Unrecht dreht mir die Luft ab, und ich habe schon chronische Bronchitis!"

Das war wörtlich gemeint: Wischnewski sprang in brenzligen Situationen ohne jede Rücksicht auf seine Gesundheit ein, was er mit drei Herzinfarkten und anderen Problemen zu bezahlen hatte. Einmal musste er aus dem tiefsten Afrika auf einer Krankentrage ausgeflogen werden. Sein spektakulärer Einsatz bei der Befreiungsaktion für die deutschen Geiseln in der von Terroristen nach Mogadischu entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" brachte ihn 1977 an die Grenze seiner physischen Leistungsfähigkeit.

Kriegskasse auf dem Privatkonto

"Ben Wisch" war über die Gewerkschaftsbewegung, in der er hauptberuflich arbeitete, mit den Algeriern in Köln in Kontakt gekommen. Während der von den Franzosen und Algeriern beiderseitig blutig geführten Auseinandersetzung bot Köln eine Art Ruheraum für die Freiheitskämpfer aus Nordafrika, die allerdings später selber einem diktatorischen Regime dienten, nachdem Algerien von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen worden war.

Wischnewski genoß so großes Vertrauen, dass ihm jahrelang die viele Millionen schwere "Kriegskasse" der Bewegung anvertraut war. "Aber ich habe sie nicht zu Hause unterm Bett versteckt", versicherte der als gestandener Ostpreuße bis auf den letzten Centime überkorrekte Kassenverwalter. Das Geld "arbeitete" in Köln gewinnträchtig - auf ganz normalen deutschen Bankkonten.

Bis ins hohe Alter - er starb 83-jährig im Jahr 2005 in Köln - kam Wischnewski nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus. Ob er 1977 bei der Geiselbefreiung zum "Helden von Mogadischu" wurde, als "Commandante Hans" in Nicaragua den Bürgerkrieg beenden half, als "Sven Fisch" den Fischereistreit in Europa schlichtete oder als "Ben Tarif" einen bundesweiten Streik abwendete, er war immer "hinten und vorn zugleich". Der auf der ganzen Welt als Trouble-Shooter gerühmte Unterhändler verriet als Erfolgsrezept seiner fast immer zum Ziel führenden und für beide Seiten annehmbaren Verhandlungstaktik: "Feilschen wie auf dem Basar. Aber vor allem: nichts auf die Teller! Hunger ist ein erstklassiger Problemlöser!"

Dieser Grundsatz muß ihm, gemessen an seiner Statur, selber die größten Opfer abverlangt haben.

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