Attentat von Sarajevo "Wir werden heut' noch ein paar Kugerln bekommen"

Der Mord an Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand löste den Ersten Weltkrieg aus. Dabei war es das dilettantischste Attentat der Geschichte.


Zahlreiche Schaulustige säumten am Morgen des 28. Juni 1914 die Gehwege des Appel-Kai in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Gemächlich fuhr gegen 10.20 Uhr der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand zusammen mit seiner Frau Sophie in einem Autokorso die Straße hinunter. Entlang des Flusses Miljacka ging es mit offenem Verdeck zum großen Empfang Richtung Rathaus. Mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit bewegte sich der Konvoi vorwärts. Es herrschte keine Eile, die Sonne schien, die Stimmung der Menschen war ausgezeichnet. Früh am Morgen hatte Franz Ferdinand noch seiner Tochter telegraphiert: "Befinden von mir und Mami sehr gut. Wetter warm und schön".

Doch nicht jeder der vielen Schaulustigen führte Gutes im Schilde. Bewaffnet mit Bomben, Pistolen und Giftkapseln warteten wild entschlossen zum Mord sechs proserbische Attentäter auf den Erzherzog - einzeln postiert auf einer Länge von gut 300 Metern entlang der Strecke. Die beiden jüngsten zählten gerade einmal 17 Jahre, der älteste war 27. Ihre Erfolgsaussichten waren vielversprechend: Höchstens 150 Polizisten standen in der ganzen Stadt zum Schutz des Thronfolgers bereit. Franz Ferdinands Tagesplan und seine Fahrtstrecke hatten die Attentäter bequem den Zeitungen entnehmen können.

Dennoch sollte der Anschlag alles andere als glatt verlaufen.

"Nägel und gehacktes Blei"

Attentäter Nummer Eins war Muhamed Mehmedbašic - doch er ließ den Autokonvoi ungehindert passieren. Ein Polizist habe hinter ihm gestanden, rechtfertigte er sich später. Attentäter Nummer Zwei, Vaso Cubrilovic, versagten die Nerven, er blieb tatenlos. Attentäter Nummer Drei dagegen, Nedeljko Cabrinovic, zeigte sich kaltblütiger. Der Legende nach erkundigte er sich gegen etwa 10.26 Uhr zunächst freundlich bei einem Polizisten, in welchem Wagen der Erzherzog sitze. Wagen Nummer Drei, lautete die Antwort. Zusätzlich zeigte praktischerweise auch eine Standarte an Franz Ferdinands Auto an, in welchem Fahrzeug der Erzherzog saß.

Kurz entschlossen schlug Cabrinovic am nächststehenden Laternenmast die Zündkapsel seiner Bombe ab, holte weit aus und warf. Doch sein Opfer wehrte die Bombe mit dem Arm ab - so lautet jedenfalls eine Rekonstruktion der Ereignisse. Eine andere Version besagt, dass der erzherzogliche Chauffeur den Sprengsatz heranfliegen sah und geistesgegenwärtig das Gaspedal durchtrat. Eine dritte Version schließlich behauptet, Cabrinovic hätte mit der Bombe nur das zusammengeklappte Verdeck getroffen.

Egal, welche Fassung nun richtig ist - Franz Ferdinand blieb unverletzt. Die Bombe explodierte hinter dem Wagen des Erzherzogs, es gab einige Verletzte. Die "Reichspost" berichtete später, dass die Bombe mit "Nägeln und gehacktem Blei gefüllt" gewesen war.

Cabrinovic versuchte nach seinem erfolglosen Wurf, seinem Leben ein Ende zu bereiten, doch auch hierbei blieb er vom Pech verfolgt: Erst schluckte er eine Giftkapsel, doch diese wirkte nicht tödlich. Dann sprang er in den Fluss, ausgerechnet jedoch an einer ziemlich seichten Stelle. Schnell hatten ihn Ordnungshüter und Zivilisten herausgefischt und überwältigt.

"Man wird mit Bomben empfangen"

Der verhinderte Attentäter Nummer Zwei, Vaso Cubrilovic, hatte nun die ideale Möglichkeit, den Thronfolger doch noch zu töten. Franz Ferdinand hatte, statt nach der Explosion schnellstens in Sicherheit zu fahren, seinen Wagen stoppen lassen. Und stand nun dort schutzlos und gut zu erkennen. Doch Cubrilovic tat nichts. Als Gentleman habe ihn die Anwesenheit der Erzherzogin Sophie von dem Mord abgehalten, sagte er später aus. Und auch Attentäter Nummer Vier, Cvetko Popovic, der dem Erzherzog nach dessen Stopp so nahe wie kein anderer der Täter war, verharrte wie gelähmt.

Und so verstrich die Gelegenheit ungenutzt: Franz Ferdinand fuhr weiter zum Rathaus, wo er gegen 10.30 Uhr ankam. Zurück blieben zwei enttäuschte junge Männer: Gavrilo Princip, Attentäter Fünf, und Trifko Grabež, Attentäter Nummer Sechs, die ihre Anschlagspläne nun beilegten. Schließlich war es ziemlich unwahrscheinlich, den Erzherzog nach dem gescheiterten Bombenwurf doch noch ermorden zu können.

"Das ist recht hübsch. Da kommt man zum Besuch in diese Stadt und wird mit Bomben empfangen", wetterte der mittlerweile im Rathaus angekommene Franz Ferdinand. Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, planten die Verantwortlichen das weitere Vorgehen. Den Erzherzog auf schnellstem Wege aus der Stadt zu schaffen, schien naheliegend. Eine weitere Option lautete, Truppen in die Stadt zu beordern, um die Straßen zu räumen und zu sichern. Doch keine dieser Maßnahmen wurde getroffen. Stattdessen beschloss Franz Ferdinand, die Fahrt fortzusetzen - im gleichen Auto, an der gleichen Position im Konvoi und weiterhin mit offenem Verdeck. Lediglich die Route vom Rathaus zurück wurde verändert: Statt wie ursprünglich geplant vom Appel-Kai in die Franz Joseph-Straße abzubiegen und von dort in die Altstadt zu fahren, sollte der Autokonvoi mit dem Thronfolger nun auf dem übersichtlicheren Appel-Kai bleiben.

Auf dem Präsentierteller

Leider erreichte diese lebenswichtige Information anscheinend nicht den Fahrer im Führungsfahrzeug des erzherzoglichen Autokonvois - geschweige denn den von Franz Ferdinand und Sophie. Ein folgenschweres Versäumnis, schließlich hatten alle Fahrer die Anweisung erhalten, dem ersten Wagen zu folgen. Statt der neuen Route den Appel-Kai hinunter zu folgen und stets geradeaus zu fahren, bogen Auto Nummer Eins, Zwei und Drei, in dem immer noch das Thronfolgerpaar saß, entsprechend der ursprünglichen Route in die Franz-Joseph-Straße ein. Gegen 10.50 Uhr kam der Wagen vor dem Feinkostgeschäft "Moritz Schiller" an der Kreuzungsecke zum Stehen - der Fahrer war inzwischen auf seinen Irrtum aufmerksam gemacht worden und wollte wenden.

Ein Kunde des Spezereiwarenladens konnte dagegen sein Glück kaum fassen. Voller Enttäuschung wollte sich ausgerechnet hier Gavrilo Princip, Attentäter Nummer Fünf, eine kleine Stärkung kaufen. Und nun hielt plötzlich Franz Ferdinand direkt vor seinem Pistolenlauf - wie auf dem Präsentierteller. Princip eröffnete kurzentschlossen das Feuer. Und machte sich dabei angeblich vor lauter Aufregung in die Hose.

Dennoch traf der Attentäter: Erzherzogin Sophie in den Unterleib, den Erzherzog in den Hals. "Sopherl! Sopherl! Stirb nicht! Bleib' am Leben für unsere Kinder!", soll Franz Ferdinand seine sterbende Frau noch angefleht haben. Gegen 11.00 Uhr starb der österreichisch-ungarische Thronfolger.

Franz Ferdinand wäre besser seinem Instinkt gefolgt. Kurz bevor das Paar wieder in seinen Wagen gestiegen war, hatte er noch zu seiner Frau gesagt: "Mir scheint, wir werden heut' noch ein paar Kugerln bekommen."

Am Ende wurde das wahrscheinlich dilettantischste Attentat der Geschichte auch das folgenreichste: Ein paar Wochen nach den Schüssen von Sarajevo erschütterte der Kanonendonner des Ersten Weltkriegs halb Europa.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
atzin atzin, 27.06.2014
1.
Ich glaube es war eine Browning
Herbert Brahms, 27.06.2014
2. ironie
Die Attentäter hatten ihr Attentat bereits als Missglückt angesehen,bis der Schütze beobachtete das der Wagen des Erzherzoges sich verfahren hatte und der Wagen auf der Strasse wendete und der Schütze erkannte die günstige Gelegenheit.Eine andere Sache war Kaiser Franz Josef war froh des er seinen Nachfolger los war,weil der Erzherzog nicht standesgemäss verheiratet war herrschte starke Spannungen zwischen den beiden.
Anton Waldheimer, 27.06.2014
3. Tragisch und verantwortungslos
Eine unheimlich zynische und verantwortungslose Sicht der Dinge, anstatt für die eigene Sicherheit zu sorgen und die Stadt möglichst schnell zu verlassen ließ die kaiserliche Hoheit den Wagen auch noch reversieren um einen Besuch zu machen. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf, verantwortungslos nicht nur gegenüber den " Landeskindern" sondern auch gegen über den eigenen Kindern.
Hans-Christian Heinz, 27.06.2014
4. Das klingt ja fast so...
...als hätte jemand sicher stellen wollen, dass das alles passiert. Wäre doch mal eine schöne Sci-Fi-Geschichte: Zeitreisender reist zurück um ein schlimmes Ereignis zu verhindern, löst den ersten (und damit dann auch den zweiten) Weltkrieg aus. Oder mal wieder die Illuminaten.
Johannes Möller, 27.06.2014
5. Wirklich so dilettantisch?
Mir fallen auf Anhieb berühmte Attentate ein, die ich um einiges dilettantischer finde: etwa das vom 20. Juli 1944, das Hitler getötet hätte, wenn Stauffenberg das zweite Sprengstoffpäckchen auch noch in die Aktentasche gepackt hätte. Eigentlich zeigt der Verlauf des Attentats von von Sarajevo doch, dass es die bessere Taktik als der perfekt durchgeplante Anschlag ist, sechs Attentäter in Gang zu setzen, damit dann, wenn die ersten drei versagen und sich der Fahrplan ändert, noch der fünfte zuschlagen kann. Wirklich dilettantisch erscheint dagegen die Reaktion des Staates auf das missglückte Bombenattentat.
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